Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 10 (6.3.1931)
- Date
- 1931-03-06
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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106 DLÄSSö LanöWÜetMsMchs Sieökmg der Angeklagte habe nach seiner Erklärung auch die gelausten Juden und sonstigen Judenstämmlinge als ebenso minderrvertig betrachtet wie die Angehörigen der jüdischen Ncligionsgemeinschast. Wir muffen uns fragen: Was würde geschehen, wenn ein überspannter jüdischer Redakteur ähnliches über das Christentum sagen würde? Was würde überhaupt geschehen, roenn alle die Beschimpfungen und Bedrohungen, die heute als „jüdische Angelegenheiten" im Grunde genommen als völlig nebensächlich und gleiä>- gültig von der Masse unserer Mitbürger hingeuommen werden, gegen die Nichtjuden ausgesprochen werden würden? Mit vollem Rechte würde man hier die Klauberei mit den Paragraphen ablehnen! Und man würde sich auch erinnern, daß wir eine Strafbestimmung gegen den groben Unfug besitzen, die selbst bei der strengsten Auslegung gegen die wütenden Horden nationalsozialistischer Schreier unbedingt anzuwenden ist. Man würde mit vollem Rechte die christliche Religion schützen, wenn sie in dieser Weise von Juden beschimpft würde, wie wir es hier umgekehrt erleben. Derartige En tsck>üd ungen der unteren Gerichte sind nur möglich, weil das Reichsgericht zu keiner klaren Entscheidung kommt. Es kann sich nicht entschließen, bei noch so gemeinen Verdächtigungen „der Judenheit" zu bestrafen, weil angeblich die Gemeinschaft, gegen die die Beschimpfung gerichtet ist, nicht so deutlich erkennbar sei. wie es zu der Verurteilung im Falle der Kollektivbeleidigimgen notwendig ist. Wenn jemand aussprcchen würde: d i e Offiziere sind Lumpen, oder die Amtsrichter sind Lampen, oder die Schuhhändler sind Lumpen, so würden die Vertretungen dieser Stünde iu der Lage sein, sich ihrer Verleumder Zu wehren ünd sie zur Rechenschaft Zu ziehen. Aber wenn „Me Judenheit" in dieser Weise beschmutzt wird, gibt cs keine Möglichkeit, etwas dagegen .zu unternehmen, weil das Reichsgericht nicht einsieht, daß man bei der Beschimpfung der Juden alle Juden gemeint haben will: täglich kann man in der judcnseindlichen Presse lesen, daß es Ausnahmen nicht gebe, denn „in der Raffe liege die Schweinerei". Jeder Jude sei also ein minderwertiger Lump. Aber hier siegt der Buchstabe, der Geist ist fern. Gegen die Juden wird gehetzt: „Iudenblut mnß fließen", täglich und stündlich solche Aufforderungen! Aber, was ist denn daran? Das ist ja doch nicht ernstlich gemeint, sagen die Gerichte. Tie Rechtsprechung des Reichsgerichts wird herangezogen: Alle diese Dinge bleiben straflos. Man stelle sich doch bloß einmal vor. daß die Sache umgekehrt lüge. Wenn heute in irgendeinem Lande, in dem es deutsche Minderheiten gibt, Pöbelhausen durch die Städte Ziehen und riesen: „Deutschland verrecke!", was wäre die Folge? Mit Recht würden wir uns alle darüber empören. Mit Recht würden internationale Schritte unternommen werden, mit Recht würden alle anständigen Leute aus das schärfste die Zurückweisung solcher Gemeinheiten verlangen. Tie Empörung wäre allgemein. Aber, wenn es sich nur um einige Inden handelt, wozu die Aufregung? Ja, wozu die Aufregung? Daß hier der Grundsatz jedes politischen und menschlichen Anstandes mit Füßen getreten wird, daß es sich hier nicht um eine kleine Sache kleiner unwichtiger Leute handelt, das wird den meisten gar nicht klar. Aber es wird Zeit, daß alle, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt, diese Tinge einmal ernsthaft prüfen. Jeder, der untätig ' zusiehk, . macht sich mitschuldig daran, daß eine der schlimmsten Wellen des Haffes, unser deutsches Volk zu überfluten droht. Ruöolf Mossr (Stangenhagenj Eins deutsche Forderung! Die Siedlungsaujsatze von Goetz und Tr. Marcus geben mir die erwünschte Gelegenheit, die jüdische Siedlung in Deutschland vorn Standpunkt der „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu betrachten. Durch eine jahrzehntelange falsche Agrarpolitik ist das deutsche Land im Osten in erschreckendem Maße menschenarm geworden und unter den besondereu Agrarverhältnissen der Gegenwart müßte es vollständig veröden, wenn cs sich nicht schleunigst vom menschenartneu und unrentablen Großbetrieb ans beu menschenreicheren und kröensesiereu Kleinbetrieb umstellt. Geschieht das nicrt, so geht ein schönes Land dem deutschen Menschen, der deutschen Kultirr und Sprache verloren. Denn auch die Städte im Osten können sich ohne eine gesunde Landwirtschaft dort nicht halten. Das deutsche Volk hat hier im nächsten Jahrzehnt eine unblutige Schlacht zu schlagen, die an Bedeutung den ganzen blutigen Schlachten des Weltkrieges gleichfontmt Das Bewußstein dieser Notwendigkeit ist im deutschen Volk und vor allem bei seinen Führern erwach: spät genug, aber noch nicht Zu spät, um die Gefahr abzuwenden. In der Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Siedlung ist unsev sonst so parteienzerrisseues Volk fast vollkommen einig; das gibt Zu denken. Kann es einem Zweifel unterliegen, wo der deutsche Jude in diesem Kampf um die Erhaltung des deutschen Ostens seine:» Platz hat? Er gehört mit allem, was er kann, und allen:, was er hat, an die Kampffront. Es ist der Kan:ps um die T-eutscherhaltnng der Provinze:: Ostpreußen, Grenzmark-Westpreußen. Teilen von Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Schlesien. Tie Geschichte wird ernst diesen Kamps ebenso groß sehen wie den Weltkrieg. Soll alsdann eine Kriegsteitnehmerzählung ergeben, daß nur deutschen Inden nickr an der Front gestanden haben? Wir haben deuEche Kultur in uns ausgenommen und haben deutsche Kultur gemehrt: es ist undenkbar. daß wir nicht für die Erhaltung deutschen Kulturgebiets kämpfen sollten. Bon den theoretischen Verfechtern der Sicdlnngsidee steht mit an erster Stelle P r o s e s s o r Franz Oppenheimer, bewähr t als Nationalökonom. Spezialist für Agrarwissenschaft und Sicdlmig-wesen, in engster Verbindung mit dem praktischen Siedtnngswesen. Er hält Siedlung nicht nur für u:öglich und aussichtsreich, sondern geradezu für den Schlüssel einer gesunden sozialen Entwicklung unserer Agrar- und Jndustriewirtschaft. liniere gesinnten Regierung?-, Verwaltungs¬ und Parlamcntssachtcute halten cs nach gemachten Erfahrungen mit Siedlungen für absolut möglich und notwendig, mit größter Beschleunigung das jährliche Siedlungsguantmn zu steigern. Wir haben b.ine Illberprobuktivn in der deutschen Landwirlststast, sondern eine Mllliardcneinsuhr. Den grössten Teil der e'macführten Ware können wir nach Boden und Klima bei uns erzeugen. Wir cneugen von manchem zuviel und von manchem %\i wenig. Wir cncuftcn zuviel von den chpischen Produkten des Großbetriebs (Roggen. Kartoffel, Zucker: und zu wenssz von denen des Kleinbetriebs (Mrcdlungsbetr'.ebs/, (Butter, Käse. Eier, Gemüse, Ödst). Unsere gefährlichsten Konkurrenten sind Owlland, Täncmark und Finnland, zum Teil die Vereinigten Staaten, alles Gebiete reinen Klein- :md Mittelbetriebes. Es gibt in diesen Ländern kaum große Güter. Das wsiale Niveau des Bauern speziell in Holland ist sthr hoch; er arbeitet rentabel. In: Gegensatz zu Industrie und Handel findet in der Landwirtschaft keine Konzentration zum Großbetrieb statt, sondern cs besteht die Tendenz zum selbständigen Kleinbetrieb hin. Tre ehrliche Konkurrenz Rußlands mit seinen kollektivierten Riesenbetrieben steht noch in weitec Ferne. Durnpingangebot hat kurze Beine. Dom landwirtfchastslosen Industriestaat darman nur reden, wenn man nachrveisen kann, daß die Industrie für 10 bis 12 Milliarden mehr erportieren kann, als sie exportiert. Denn dieser Betrag wäre nötig, um die jetzt im Inland erzeugten Agrarvrodukte vom Ausland zu taufen. In Wahrheit ist Deutschland in der -Hauptsache aus seine im Inland erzeugten landwirtschaftlichen Erzeugnisse angewiesen. Und solange das nötig ist. wird auch der deutsche Bauer und Gärtner leben. Im übrigen ist cs falsch, daß die „Jüdische Landnrbeir-G. m. b. H." Roggen- und Kartvfseö bauorn ansiedelt. Wir haben in: vorigen Jahr Obst- und Gcmüsegärtner angesicdell und wir tun cs in diesem Jahr wieder in größerer Zahl und 1982 in noch größerer Zahl. Das Risiko ist beim Gärmcrbernf geringer ate beim kaufmännischen oder ähnlichen Berns. Untüchtige Menschen leiden überall Schiffbruch. Uebrigens schafft der Aufbau der Siedlung für viele berufttänge Inden Arbeit, und das Geld dazu gibt zun: größeren Teil der <-taat. Der CentratoereiuJ hat bereits vor zwei Jahren in einer össtnllichen Kundgebung in: Herrenhaus zu Berlin den Willen zur Sied.ung zum Ausdruck gebracht. Möge sich auch iu der bretteren Mitgliedschaft des Gentralvereius die Ueberzeugung immer tiefer eiuprägen, daß jeder durch Arbeit, Geld und Einfluß, auch die bcrusswählende Jugend, am Siedlungswerk teilzunehmen, verpflichtet ist. Martin Goetz Helft ü!e LanörvirLschafL umstellen In meinem Beitrag zur Aussprache über die WirrfchaftsmA in Nmmner 8 der .,E. D.- Zeitung^ habe ich auf die Möglichkeit hingewiescn, aus der Wirtschastsnot des deutschen Judentums auch durch die Siedlrmg herauszukommeu, ohne aus Aussichten imd Remcwilität einzuacheu. Tie iu derselbe!: Nummer gebrachte:: Gegengründe des Herrn Tr. Alfred Marcus veranlassen mich, diese Tinge ein wenig von: sachmämnschen Gesichtspunkt aus zu betrachten. Tr. Marcus weist aus die Tarsach-e hin. daß die Aubauftziach für Weizen. Roggen, Gerste, Hafer. Mais, Kartoffeln tmb Zuckerrüben zurückaegangen ist, aber seine Schlüsse sind unrichtig. Die Tendenz der deutsche:: Landwirtschaft geht ja gerade daraus hinaus, die Anbaufläche für Getreide, insbesondere für Roggen. Kartoffeln und Zuckerrüben einzuschränken, weil wir nicht wissen, was wir mit deren Uebcrschuß ausaugeu sollen. Tr. Marcus hat zwar recht, wenn er sagt, daß wir in den kommenden Jahren mit einer starken Konkurrenz des russischen GetreidemarLtcs rechnen müssen, der schon heute aus die Weltmarktpreise drückt. Aber Tr. Marcus vcrgißt eins: Kein Rcensch iu Deutschland derckt daran, die bisherigen landwirtschaftkiciM Methoden sortzusetzen, dem: die vom Reich und den Staaten propagierte Siedlung durch Parzellierung der unrentablen Großgütec geht ja darauf hina:is, die Anbansläche jür Roggen zu verringert: und statt dessen hochwertige Fntterpslawren zur Ausbesserung der 'Milchwirtschaft und hock.wertigc Gernüseprodulte an<zu pflanzen. Und hierin ist eine russische Konkurrenz nicht zu befürchten. Tie Umstellung in der LaiLavirtschask, deren Anfamze ruir heute in Deutschland sehen,'ist in l) 3u bcz politischen, soziologischen, jlldikchen und crhischcn c^eire dco Siedlungoproblenrs wir- Dr. Ludwiq Ho * l a n b e t demnächst eingehend Stellung nehrnen.