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Central-Verein-Zeitung · 1931-03-06 · 10 (6.3.1931) · p. Seite 105

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
10 (6.3.1931)
Date
1931-03-06
Page
Seite 105 (sequence 1)
Language
German
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10. 3.1231 Serlin, H. März 1931 X. Jahrgang ♦ Nr. 1- Einzelnummer 20Pfennig <j? Uv O" a! o v VsS'J ImP )EK HZS ANtrÄ-GsWMSöZNK rr....-v KsUÄZKS^e.V. VierleliaLröabonnement 8.50 MM. (Z'^zägl. Bestellgeld). Allgemeine Zeifung des Dudenfums Ve:laz und bchrlfLleittrng: Berlin W Io, Cmser Str. 42. Fernspreck^r: 5 2 Oliva 5074. .:. Postscheckkonto: Berlin 34472. .:. Bankkonto: Dresdner Dank, Deposttenkarle H 2, Berlin.Wilrnersdorf 1, Hahenzollerndamnr 126, und von Goldschmidt - Rothsckiild L Co., Berlin W 8. ■ Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen.Cxprdirion Nudolf Mosse, Berlin 8W 109, und deren Filialen. An^eigenvrcise: 0,90 JiJi für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes NormalzeUenmeffer Rr. 4, Familienanzeigen und Steüengcsuche (nrcht Stellenangedote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45 die 62 mm breite Reklarnereile 3,50 Ji<£. t gökMKM SWftes von Luöwig tzoklänöev ■*32y y*y Peter Scher, der bekannte weitblickende süddeutsckze KulturkriLiker. aus dessen Feder wir eine große Reihe von Essays besitzen, die sich bei allem Feuer einer inneren Begeisterung durch die Leidensä-aftslosigkeit seiner Belrach- Lungsweise auszeichnen, schildert in einem kleinen Aussatz in der ,LLel!bül)ne' den Terror, der sich am Sonntag in den Zügen, die von München in das Gebirge fahren, abspielt. Scher schildert, wie dort ab und zu ein Drittel der Wagenplätze von jungen Burschen besetzt ist, die aus vollen Zügen brüllen: „Schlagt dem Judenpack die Schädel ein. Und die Zukunft wird gewonnen sein!" Oder: „Und die Fahne flattert stolz im Winch Wenn das Judenblut vom Säbel rinnt." Oder: „Dann die Handgranate losgemacht. Und den Juden eins hinaufgekracht.' Das brüllen die zwanzigjährigen frisckM, fröhlichen Jungen, und wenn sie auch nur zu sechst oder acht sind, müssen die übrigen zwanzig oder dreißig, die ihre Ruhe haben mochten, schweigen. Denn mit den frischen, fröhlichen Jungen, die so munter und ihrer Cache sicher im Wagen umherschauen. will man doch nicht rausen, nicht wahr? Dazu fährt man am Sonntag nicht gerade ins Gebirge, sondern von wegen Gottes freier Natur.' Es wäre ein Irrtum, würde man einen solchen Vorgang als einen Einzclfall oder als besonderen Ausdruck radikalpolitischer Stimmung ansehen. In Altbayern hat der Na- LionalsozialismuZ längst nicht mehr die Mäht wie in einem großen Teile des übrigen Deutsch« land. Mögen auch die Barden in München den Mund noch so oufreißen, die altbayerische Be- - dölterung hat genug Lehrgeld bezahlt,'als daß sie nicht einsehen würde, wie sehr sie der Nationalsozialismus an der Nase herumgeführt hat. Entscheidend aber ist nicht das Politische, sondern das K u l t u r b i l d, das sich grauenerregend hier vor uns erhebt. Die Frage drängt sich einem auf: Ist cs denkbar, daß in einem der zivilisiertesten Lander der Welt täglich Und stündlich an irgendeinem Orte Horden herumziehen und laut brüllen: „Juda verrecke!" Ist es möglich, daß in diesem Land Behörden und Bürger es dulden, daß eine Klasse der Bevölkerung in so niedriger Weise beschimpft und geschmäht wird, wie es in Deutschland schon zur Gewohnheit geworden ist? Gewiß sind wir davon überzeugt, daß der weitaus überwiegende Teil des deutschen Volkes diese Roheiten und Gemeinheiten auf das schärfste mißbilligt —, aber was geschieht dagegen? Kaum ein Mensch rührt sich alle verkriechen sich vor der Roheit und fast niemand denkt daran, sich in der großen Oeffentlichkert herauszustellm, um dieser Hydra die Köpfe abzuschneiden. Diese Lauheit findet sich im großen wie im kleinen. Ein typisches Einzelbeispiel bilden die Verhältnisse in den Burschenschaften. Der größte Teil der deutschen Burschenschaftler ist vom Nationalsozialismus derart umnebelt, daß man an der Jugend unseres Volkes verzweifeln müßte, wenn man nicht hoffen würde, daß dieser Nebel der Jugend unter schweren inneren Kämpfen einmal schwinden wird. Tausende Alter Herren der deutschen Burschnschaften mißbilligen die durch diese Verirrungen verschuldeten Ausschreitungen der Jungen auf das nachdrücklichste; aber sie sind zu indolent, um die Macht, die sie besitzen, zur Anwendung zu bringen; sonst könnten sie die Jugend so zur Ordnung rufen, daß sie ihnen folgt. Wir blättern in den Archiven des Eentralvereins und finden eine Liste, die uns ein grauenhaftes Bild davon gibt, wie weit es in Deutschland gekonunen ist: Beschimpfungen der jüdischen Religion. Verunglimpfung ihrer Vorschriften und Einrichtungen, Friedhossschändungen und Besudelungen von Gotteshäusern, Ritualmordhetze und mangelhafte gerichtliche Sühne bei allen solchen Strnslaten. Und wir Juden sind nicht die einzigen Leidtragenden in Deutschland. Neichsinnenminister W i r t h hat sich vor wenigen Tagen in Breslau mit der Welle des geistigen Radikalismus und den radikalen Strömungen auseinandergesetzt, die unser Volk verheeren. Er nannte cs die Fortsetzung des Märchens von „Tausendundeiner Nacht", wenn verstiegene Menschen heute meinen, christliches Glaubensgut durch eine neue Weltanschauung ersetzen zu können, die aus dem Rastebegriss hervorgegangen ist. Mancher träume heute von seiner Rassenreinheit, der selbst das Ergebnis einer Bölkermischung sei. Aus einen Zwisä)enruf eines Nationalsozialisten äußerte sich Dr. Wirth über eine angeblich bestehende Zentrale der Gottlosen; er betonte, daß gegen Beschimpfungen der christlichen Religion seitens aller Behörden selbstverständlich stets Front gemacht würde. Für solchen Religionsfrevel dürfe in unserem Vaterlande kein Raum sein. Sehr richtig! Dieser Standpunkt wird den Beifall der großen Masse finden. Leider wird aber diese gleiche Maste niedrige und gemeine und rohe Beschimpfungen der jüdischen Gemeinschaft als Ausdruck eines vielleicht nicht wünschenswerten, aber nun einmal vorhandenen politischen Kampfes widerspruchslos hinnehmen. Das bestätigt uns die erwähnte Liste. Wo erhoben sich z. B. Stimmen gegen den Freispruch eines Redakteurs, der den Menschenhaß, den Hochmut, die Verachtung aller sittlichen Pflichten gegenüber Nichtjuden, die Unterwerfung und Ausrottung der nichtjüdischn Völker, den erlaubten Betrug gegen den Staat, als Grundlage der jüdischen Lehre darstellte. Gewiß, der Vorsitzende bezeichnete in feiner Begründung die Behauptung des Redakteurs als eine gänzlich unbegründete, törichte und wahrscheinlich auch böswillige Beschimpfung der jüdisä^en Lebre. Aber, führte er dann freisprechend aus, die Beschimpfungen richteten sich gegen die Nasse, denn 7 -"7T~" h »mTTm "•-"iTrnTTi1;7-"'irii M, i;; f^ AUS DEM INHALT: Rudolf Mosse (Stangenhagen), Martin Goetz: Landwirtschaftliche Siedlung . . S. 106 Kunstbetrieb und Judenfrage. Eine kulturpolitische Aussprache zwischen Paul Fechter, Jakob Wassermann u.a. . . . 8.109 Dr. Alfred Wiener: Der Mac Donald- Brief ..S. 111

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