Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 9 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- Seite 98 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Arbeit des Centralvereins Osioot öer netten Um Jostizral Dr. Brodoitz in Breslau Tie Not des deutschen O st e n s beschäftigt die gesamte deutsche Oeffentlichkeit. Jur Reichstag stehen die Osthilsevorlagen zttr öffentlichen Aussprache und harren der Verabschiedung. Auch der jüdische Bevölkerungstell seufzt schwer unter dem wirtschaftlichen Trlick. Alteingesessene Bankgeschäfte, zahlreiche angesehene industrielle und kaufmännische Unternehmungen, die seit Jahrzehnten in jüdischen Händen lagen, sind zusammengebrochen. Bejahrte Kausleute sind erwerbslos geworden. Tüchtige Angestellte wissen nicht mehr, wovon sie leben sollen. In Breslau kämpft die Jüdische Gemeinde einen schweren Kampf, um der Not zu steuern und ihre Wohlfahrts- und Bildungseinrichtungen durchzuhalten. In Mittel- und Nieder schlesien, dem Bezirke des in Breslau ansässigen Landesverbandes des C e n t r a I v e r e i n s, treibt der 5t a t i o n a l s o z i a l i s m u § sein Unwesen. Im Bezirk Breslau fielen bei den September- Wahlen 19Ä) 24 v. H. aller abgegebenen Stimmen den Nationalsozialisten zu. Im Bezirk Liegnitz erreichten sie 21 v. H. aller Stimmen. Ueber die judengcgnerische Betätigung führt ein Bericht des Schriftführers des Landesverbandes, Rechtsanwalt Ludwig Foerder (Breslau), folgendes aus: Tie antisemitische Propaganda wurde von einer zunächst in Hirschderg erscheinenden Leitung, dem „Hirschberger Beobachtet", geschürt, dessen Sitz dann aus Anlatz des bekannten ^chweidnitzer Nationalsozialisten-Prozepes sur einige Monate nach Schweidnitz und jchlictzttcy nach Breslau verlegt^ wurde; dort nahm das Blatt den Namen „schlesischer Beobachter" an. Ter Inhalt bewegt sich m den vorn „Völkischen Beobachter" übernommenen Tendenzen, die nicht blotz in bezug aus die Juden, sondern allgemein politisch derart verhetzend waren, vatz bereits zweimal behördliche Verbote das Erjchcmen dieses Organs aus längere Zeit urNerdanden. In jnd-cn gegnerischer Beziehung bewegte stcy die Propaganda auf dem Gebiete des Raffen- und Religronskrieges sowie der Boykottbewegung. Sie hatte zahlreiche Strafprozesse gegen die verantwortlichen Schriftsteller zur Folge. Zu Ausschreitungen gegen Körper oder Eigentum ist es nicht gekommen. Dagegen mutzten wrr im November 1930 die g-anz'Deutschland empörende Trebnitzer Friedhofsschändung buchen, die von drei eingeschriebenen Mitgliedern der NSDAP, verübt wurde. (Sie sind übrigens bis heute noch nicht abgeurteilt.) - E Anzeigen des Centralvereins wegen Beleidigung und Aufreizung zum Klaffenkampf, die sich infolge -der ungewöhnlichen Schioere und Gefahr der Vorkommnisse nicht vermeiden ließen, bildeten einen wichtigen Gegenstand der Arbeit des' Landesverbandes. Einige Entscheidungen von prinzipieller Bedeutung Wurden vom Landgericht Hirschberg gefällt, so wegen Beleidigung der jüdischen Aerzte und der Juden in schlesischen Großstädten. Den crsteren wurde nachgesagt, daß sie, auch nicht für Geld, einen Nicht-Inden heilen, sondern nur die tödliche Wirkung einer Medizin an ihm ausprobieren dürsten; den anderen, daß sie durch planmätzige Verseuchung deutscher Jungfrauen mit Geschlechtskrankheiten die deutsche Rasse minderwertig machen sollen. Ter zweite Prozctz, der grundlegende Fragen der Kollektivbcleidigung ausrollte, wurde in den beiden ersten Instanzen zu unseren.Gunsten entschreden, vom Reichsgericht jedoch wegen unzulänglicher wrrstrscher Begründung des Urteils zwecks erneuter Verhandlung an das Landgericht in Güruh verwiesen. Weitere Prozesse gegen den aus Bayern stammenden nationalsozialistischen Stadtrat Eengler schioeben aus ähnlichen Anlässen ber den E>er:'chken in S ch w e i d n i tz und G l a tz. . 'Um sich über den Ernst der politischen und wirtschaftlichen Lage ein eigenes Urteil zu bilden, weilte der Vorsitzende des Centralvereins, Justizrat. Dr. B r o d n i tz, in den Tagen vom Freitag bis^ Montag der letzten Woche zusammen mst dem Syndikus Tr. Alfred Wiener und rcm Fftranzreferenten Matz Eisenkra c-m e r 111 Breslau. Verschiedene Besprechungen in kleineren Kreise, eine Sitzung des Arbeitsausschusses der Ortsgruppe Breslau, eine Landesverbandsversammlung des Bezirkes Mittel- und Niederschlesien sowie eine Mitgliederversammlung in Breslau dienten der Unterrichtung, der Beratung, der Beschlußfapung über sachdienliche Weiterarbeit. Die unter Borsitz des Landesverbandsvorsitzenden Tr. Georg T a r u o w s k i (Breslau) stehende Vollversammlung des Bezirkes Mittelu n d 5t i e d e r s ch l e s i e n war von den Ortsgruppen, voran der Ortsgruppe Breslau, stark beschickt. Rechtsanwalt Ludwig F o e r d e r erstattete den Tätigkeitsbericht, Syndikus Tr. Wiener zeichnete ein Bild der allgemeinen Lage und gab einen Ueberblick über die von der Berliner Hauptstelle geleisteten und vorgesehenen umfassenden Arbeiten. Fast alle Abgeordneten der Ortsgruppen brachten wichtige Mitteilungen über bedeutsame Ereignisse in ihrem Bereiche vor, über Erfahrungen, die' sie erworben, über die Tätigkeit, die sie entwickelt hatten. Biele hatten Fragen zu stellen. Wünsche zu unterbreiten. Der Vereinsvorsitzende konnte auf solchem Hintergründe die Stellung des Hauptvorstandes zu den schwebenden Fragen eindringlich entwickeln. Er erkannte die bedrückenden wirtschaftlichen Verhältnisse an, warnte aber davor, sich etwa selbst auftugeben, und bat, sich von der Krisenpsychose freizumachen. Unsere Väter und Großväter hatten sich nicht durch schwere Zeiten voll Elend und Verfolgungen entmutigen lassen; auch wir müßten den Zeiten in all ihrer Bitternis kraftvoll trotzen. Syndikus Tr. Wiener konnte in seinem Schlußwort darauf Hinweisen, daß die wertvollen Berichte aus der Provinz Schlesien gezeigt hätten, daß die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden, deren Erhaltung und Festigung vornehmste Ausgabe sei, in vielen Städten noch recht gut seien, und daß es in Schlesien eine erfreuliche Zahl christlicher Mitbürger aller Parteirichtungen gebe, die ihren Sinn durch wilde Judengegnerschaft nicht haben trüben lasten. Hier müste der Centralverein Weiterarbeiten. Durch Aufklärung in jeder geeigneten Form müste er Beleidigung und Verkennung des Judentums Zurückweisen und das Misten von der Wertigkeit des Judentums in deutscher und jüdischer Hinsicht verbreiten. Nach den Wahlen, die die Bestätigung des alten Vorstandes ergaben, schloß der Vorsitzende Tr. Tarnowski die Sitzung. Am Sonntag ab-end sprachen Justizrat Dr. B r o d n i tz und Dr. Wiener in einer stark besuchten Breslauer Mitgliederversammlung über die gegenwärtige Lage. Ter Vorsitzende der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Ge-, meinde, Justizrat Peiser, wies zum Schlüsse auf den ungeheueren Ernst der Wirtschastsverhältnisse in Breslau und in Schlesien hin. Auch der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden könne diese gefährliche Situation des schlesischen Judentums nicht übersehen. Schleunige Hilfe sei geboten. 'Justizrat B r o d n i tz erklärte jeder wahren und.nutzbringenden Hilfsarbcit die volle Sympathie des Centralvereins. Wirtschaftlicher Not wirtschaftlich zu begegnen, sei Ausgabe anderer Organisationen. Im Kampfe gegen Verhetzung und Boykott aber kämpfe der C. V. seinen Satzungen gemäß für politische und wirtschaftliche Befriedung. Dr. EsMsiar is-EssDurg Alfred Lisser hatte eine große Reihe von/Hamburger Freunden zu einem Tee in sein Herrn eingeladen, bei dem der Direktor des Centralvereins, Tr. Ludwig Holländer, ein ausführliches Referat, über die innere Zur Gesundlialtung! . .. , , „.rrger ]uotscheu Gesellschaft auf das regste geführt wurde. Fachinger Yei sanlstelle, Berlin SV/11 Schöneberger Strasse 16a. Telefon.: Lützovr 62G0;G1 hatte sich mit den großen Fragen,- die jetzt in immer verstärktem 5Naße an den Centralverein hcrantreteu, zu befassen. In großem Rahmen setzte sich Tr. Holländer in einer überfüllten Versammlung der Ortsgruppe H a m b n r g - A l t o n a. die auch von einer erheblichen Anzahl nichtjüdischer 5Ritbürgcr besucht war, mit den neueren Anschauungen des Nationalismus, besonders des ^Nationalsozialismus und den neuen völkischen Theorien, auseinander und erörterte ausführlich die Schritte, welche der Centralverein als solcher in seiner Leitung, aber auch diejenigen Maßnahmen, die die einzelnen Mitglieder und Förderer unserer Sache zu unternehmen hätten. Vorher hatte Tr. Holländer in einer e r - weiterten V o r st a n d s s i tz u n g der Ortsgruppe Hamburg, der auch eine Reihe von auswärtigen Ortsgruppenleitern beiwohnte. und zu der die Vertreter der Jugend ausgiebig erschienen waren, über die Gesamtlage, ihre Auswirkungen und die Aussichten der Zukunft, ferner, über die Ausgaben der Ortsgruppen und Landesverbünde gerade in der jetzigen Zeit eingehend berichtet. Äuifelinin£s8ri38i{ io Hessen-Nassau oßil Hessen Tie Veranstaltungen des Landesverbandes Hessen-Nassau und Hessen vom 21. bis 24. Februar zeigten das lebendige Interesse unserer Jugendschulungskurse Angriff und Abwehr Der Landesverband Gross-Berlin des C. V. bat Schulungskurse eingerichtet, in denen der jüdischen Jugend die geistigen Waffen für die Abwehr antisemitischer Angriffe gegeben werden sollen. Die Kurse umfassen etwa 5 bis 6 Ausspracheabende mit folgenden Themen: Die Juden in der deutschen Geschichte. Die Juden im deutschen Leben der Gegenwart, a) im geistigen Leben, b) im wirtschaftlichen Leben, c) im politischen Leben. Das jüdische Schrifttum im Lichte der Antisemiten. Das Rassenproblem. Das Wesen des Antisemitismus. Der Kursplan für die nächsten Ausspracheabende: Das Thema: „Die Juden im deutschen Leben der Gegenwart** (2. Teil) am Dienstag, 3. März 1931, 20 Uhr, im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, C 2, Rosenstrassc 2—4; am Donnerstag, 5. März 1931, 20 Uhr, im Sitzungszimmer der Synagoge Fasanenstrasse. Allgemeiner Diskussionsabend: am Dienstag;, 10. März 1931, 20 Uhr, im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, C 2, Rosenstrasse 2—4; am Donnerstag, 12. März 1931, 20 Uhr, im Sitzungszimmer der Synagoge Fasanenstrasse. Kursleiter: Dr. H. Stern. Teilnahme, unentgeltlich. * Jüdische Angestellte, jüdische Schüler nehmt an den Kursen teil! - Anmeldungen an das Büro des Landesverbandes Gross-Berlin des C. V., Berlin W 15, Emser Strasse 42. T ,,j