Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 9 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
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- K ' ■ r - i r p i i. & b * ir f i-, - We MOrMe Der öelinoCceföt unD helmolerleDis piftOen Sladkrülrviner Vr. flau! Mer WWO nä Tr. iHöKet-tnouDlus Vr. Rieger (Stuttgart) schreibt: Wenn die Grundrechte der deutschen Juden ausgezählt werden, so steht das HeimaLrecht, das Anrecht am deutschen Namen und am deutschen Vaterlands, für sie aii erster Stelle. Dabei erscheint cs als selbstverständlich, daß die Voraussetzung für -ihr Heimatrecht ihr teimaterlebnis ist. Ja zrvei gedankenreichen ufsützen der „C. B, - Zeitung" versucht Dr. Ltüller-Claudius diese innere Einheit zu trennen. Er weist daraus hin, daß es unter den deutschen Juden einen deutlich umri||cncn Teil gibt, der sich selbst das deutsche Heunaterlebms aberkennt, und er spricht diesen Juden vhne HeimaLerlebnis das deutsche Heimatrecht ab. Der Nachroeis, daß sie und ihre Vorfahren von jeher Mitbauende, Mitschaffende, ja Wcgbahneude im deutschen Kultur- und Wirtschaftsleben gewesen, erscheint ihm nicht zureichend, den Anspruch aus volle Anerkennung als Deutsche erfahren zu dürfen. Zu bem ärcheren Enoeis der Zugehörigkeit zum deutschen Volke rrmß die innere Bestätigung durch das Heimaterkebnis treten. Hat diese aus den ersten Blick einleuchtende Scheidung Berechtigung, so wird den deutschen Juden der Nachroeis ihres Deutschseins durch die Mchichilich erwiesene völlige Hingabe an das Deutschtum, Lurch ihre Blutopfer für Deutschlands Namen und Ehre, durch ihr Sehen und Dirken für deutsche Aufgaben niemals gelingen.. Es wird ihnen jeder Uebelwollende die Heimatbercchtigung aus Grund des angeblich rnangestlden und nur durch die eigene Versicherung bezeugten HeimaLerlebnisies absprechen tonnen. Es handelt sich hier wie so oft im Streit der Meinungen aber nur um einen Kampf um Worte. Das ist ja die Konsequenz des Heimaterlebnisses, daß ich für die Heimat lebe, wirke und sterbe. Durch diesen dreifachen Erweis habe ich den Nachweis des Heimaterlebnisies erbracht. HeimaLrecht und HeimaLerlebnis sind innerlich eine Einheit. Trennung zerstört beide. Die Muttersprache, die ich spreche, zwingt mich in chren Bann, gestaltet meinen Geist, bindet meine Seele. Spreche ich französisch, so -werde ich zwangläung und naturnotwendig die Donkgesetze, die Gefühlswerte, die seelischen Begriffe des Franzosen in mich ausnehmen. Tie Muttersprache, ihr Klang, ihr Rhythmus, ihre Schönheit, ihre Eigenart, ist das Fundament meiner Geistigkeit, das erste urtümliche Heimaterlebnis. Darum ist der Nachweis der Deutschsprachigkeit der deutschen Juden, der für ein volles Jahrtausend erbracht werden kann, keine historische Anekdote, sondern Erweis ihrer DeurschLüurlichkeit. Wenn sich deutsche Juden, vor die Wahl gestellt, ihr Deutschtum aufzug-eben, gegen ihren Vorteil für ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volke, wie in Posen, Oberschlesien, Mahren und Böhmen, erklärt und die schwersten Opfer für dieses Teutschseinwolleu auf sich genommen haben, so ift das keine romantische Wallung, sondern Auswirkung des Heimat - bewußrseius. Kann der geschichtliche Nachweis geführt werden, daß die Juden in den Landcsteilen, in denen das Deutschtum gefährdet ist oder war und die Erklärung für das Deutschtum mit politischen und wirtschaftlichen Nachteilen verbunden ist, sich für Deutschland entschieden haben, so ist diese innere Verbundenheit auf Gedeih und Vor-, derb der unwiderlegliche Erweis dessen, was Müller-Claudius HeimaLerlebnis nennt. Kann der Nachweis erbracht werden, daß die deutschen Inden gerade in Notzeiten Gut mrd Blut für das Vaterland bedingungslos hingegeben — und dieser Nachweis ist eine aoschichlliche Tatsache — so bezeugt dies besser als alle Deklamationen und Versicherungen eines angeblichen Heimaterlebnisses die innere Zugehörigkeit zum Heimatlaude. Der in der deutschen Landschaft die beglückenden Sümmmrgen des Heimatgefühles erfahren, treni deutsches Lied und deutsche Musik der Siele Tiefstes zum Mitklingen gebracht, w-er in deutscher Kunst und Kultur seine heiligsten Erregungen erlebt und vielleicht ga-r an beiden schaffend mitgearl^eitet hat, der hat cs nicht mehr nötig^sich sein deutsches Erlebnis von irgendeiner 'Breite bezeugen zu lasten, der ist deutsch, da er mit dem Teursw'ein bodenständig verwurzelt ist. Der Nachweis der Mitarbeit am deutschen Wesen ist nicht nur eine geschichtliche Konstruktion, er ist' die Verbürgung des Heimatrechtes durch das HemurterlebniZ. Die Geschichte der Juden in Dertschlard Zeigt überall diese ganz tiefen, ganz foelenhaften, ganz irrationalen Ürformrn des Verbundenseins zwilchen Mensch und Baum, zwischen Mensch und Ntitmensch, Mensch und Gemeinschaft. Mir ist noch nie ein deutscher Jude begegnet — er mag jüdisch-politisch ein noch so Icldeuschafilicker Zionist gewesen sein —, dem ich dieses BeheimatcNein in Deutsckstand hätte absprechen dürfen. Ter Inhalt ihres Heimaterlebnirns ist das deutsche Land, die deursche Kultur,' die deutsche Volksgemeinschaft. Auf die Knude, daß 1914 Deiitschland den Krieg erklärte, sind die waffensähigen deutschen Aionuten in Palästina sosort von dort aufgob rochen, um sich in die deutschen Kämpferreihen einzuordnen, ^ie sahen in Deutschland nicht nur ihr Zufälliges Geburtsland, sondern ihre Heimat, die Muttererde, das Vaterland. Dieser jüdische Nationalismus ist eben doch etwas anderes, als Miller-Clcucküus glaubt — er ist eine historische Verbtmdenheit, oft mit religiösen Empsindungswerten, aber keine Entfremdung vom Teutschsein und noch weniger vom Deutschtum. Die deutschen Juden in Palästina bilden eine sichtbar von den Juden der anderen Länder geschiedene Gruppe, deren Gemeinsamkeit mit den übrigen Jude^geme in schäften in Plckästirm sehr locker ist. Daß diese zionistischen Inden ihre jüdische NanonalitäL vor die deutsche stellen, in der sie geboren, aus der sie ihre besten Kräfte geiovri-en, mit der sie sprachlich. sittlich und kulturell verbunden sind, ist mehr Protest gegen die Urmvelt, die sie ablehnt, als seeüfche Einstellung. Die jüdische Natioualnät ist mehr Etikette als Inhaltsangabe', das palästinensische Heimatgesühl ist erklügelte Ideologie, nicht naturgeboren, da ja die überwiegende Mehrzahl dieser Nationalisten ihre angebliche Heimat noch nicht einmal geseben. sie vielleicht auf einer Ferienreise besucht odcr ausnahmsweise einige Jahre bewohnt Hit. Es geht also wohl nicht gut an, bei ihrwn von einem palästinensischen Heimatgefühl Zu sprechen. Die schlichte Wahrheit ist, daß es nnr ei«cn Erl'.bnisN)p des deutschen Juden gibt, der sich aus jahrhundertelanger Bodenständigkeit entuckckelt hat: der deutsche Jude, deutsch durch sein Heimate r l e b n i?. In emern Teile hat Müller-Claudius allerdings rockst: Das Land, das mir Heimat ist, ist mein Vaterland, ganz gleichgültig, ob es mir von anderen als Heimat zugesprochen oder aberkannt wird. Nicht die Anerkennung Lurch andere macht mich Zum Deutschen, sondern mein Wille, meine Entscheidrmg. Das heimatevlebnis ist unverlierbar, unbestreitbar. Es ist die psychologische Jassrmg des Begrisses HeimaLrecht. vr. Nlüllrr-Elauöius antwortet: Dor Aufsatz von Dr. Parrl Niegec ist mir besonders wertvoll, weil er nur die Anregung gibt, in zwei Prallten Mißverständnisse aufzu- Wren. 1. Paul Rieger ist der Typus des Leutschbewußten Juden, dessen deutsches Heiniat-, Volks¬ und KulKÄbewußLsein so unantastbar ttes verwurzelt ist, daß er gar nicht cm die Möglichkeit eines anderen Erlebnisty-ps unter den deutschen Juden glauben kann. Er interpretiert deshalb aus seinem Erleb-niskreis den jüdischen kssationalismus dahin, daß er ,^nehr Protest gegen die Umwelt, die sie (die Juden) ablehut, als wirkliche Einstellung" sei; das palästinensische Heimatgesühl ist erklügelte Ideologie, wicht naturgeboren. Wer mit dieser Interpretation behebt sich nicht, sondern eröffnet sich erst für den Nichtjudeu — rw.d msbesoudere für Len verständiguugsöereiten — die Schwierigkeit. Denn dir vorbehaltlose Versräridigwngsberestschast äußert sich zn allererst darin, daß man dem B e - kennen des anderen wicht mißtrauisch gegenübersteht, sondern Laß man r h m g I a u i t n n b vertraut. Der nicht BcrständrgungsbereiLe sieht und hört nichts, als was seine Parteipresie ihm ins Ohr schreit. Darum kann er sich blmdlings verhetzen laizen. Aber der Verständigungsbererte sucht Stimme und Bekenntnis des jüdischen Maschen selber, er will den jüdischen Menschen als VolksZKloffen von Herz zu Herz sehen und hären. Und er sicht und hört deutlich unterschieden zwei Erlebnischpen. Da er bereit ist Zu vertrauen, glaubt er wirklich den Bekennwden — Insien, die sich zu einer Palästinensischen Heimat und jüdischen Nation bekennen, und denen, die im Deutschtum Heimat und Nation eindeutig erleben. Wir halten beide Bekenntnisse für ehrlich. Es ist aus diesen beiden ErleöniZkreisen zu verstehen, daß vom erneu her der jüdische Na^ Lianalismus als bloße Ideologie und Reffentmwnlerscheinung gedeutet, vom anderen her der deutsch bewußte Jude als der interpretiert wird, der nur noch nicht zu seinem echten, wesensmasiigen DolkstLmi erwacht ist. Beide Deutungen widersprechen sich, und also heben sie sich im Bewußtsein des Nichtjuden aus. Was sie «usdrücken, ist gerade das starke SelbsLbewußtsern beider ErlebnieckyPen. Es liegt mir mit meinen Aufsätzen über das Herumterlebnis besonders anr Herzen, zu zeigeiy wie bex Nickstjude und znnml der verstäudigungsbereite Nichtjude die Dinge sehen nach. Er spricht nicht Len Nationalisten das HeimaLrecht ab, sondern er sieht mit Bedauern, wie sie selber Ls sich mehr und mehr absprecken, rndeur sie in ein neues Heimaterlebnis hiuübergleiten. daZ tiefe innere Bande zerschneiden kann. Er sieht aber muck;, wie sein Arbeitswille im Kampf gegen Lerr Antifemstismlrs lalyrrgelegL wird dadurch, Latz gerade di-e nationalistische Propagarrda nut besorrderer Stärke ins öfftnt1ick)e Bewußtseig dringt, so Laß weirhm im öffentlichen Beroußtseirr — rmd durchaus nicht nur Ln feinen verhetzten Trägern wnd Crupperr — nicht mehr zwei, ssntErv nur noch ein ErlebrrrsLvd gesthm