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Central-Verein-Zeitung · 1931-02-27 · 9 (27.2.1931) · p. Seite 94

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
9 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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H4 dem die Juden nicht vertreten wären." Das Statistische Rcichsamt hat für die Berufsstatistik die sieben großen Wirtfch a j t§ a b t e i L u n g e n Landwirtschaft, Industrie, Handel und Verkehr, Verwaltung, . HeereZwesen, freie Berufe, Cesun.dheitsweftu und Wohlfahrtspflege, häusliche Dienste und die Abteilung „Ohne Berus" chn'gestcllt, die insgesamt 27 Wirtschaft-kgrurpen mit inr ganzen 166 Wirtschaftszweigen umfaßt. Wir finden Ln diesen vielen Zweigen der heute so spezialisierten Wirtschaft das deuckicu'te Spiegelbild der Erwerbstätigkeir des deutschen Volkes. In ihnen allen sind heute in Preußen auch die Juden tätig. Von insgesamt 403 960 Juden, die am 16. Juni 1925 in Prerrsien gezählt wurden, starrden einschließlich der berufslosen Selbständigen 225 523 im Grwerbslcöcm Mehr als die Hälfte aller preußischen Juden gehörte also zur Wirtschaft Preußens. Unter ihnen .zählte man allerdings 40 516 Ausländer. Ungefähr die Halste aller berufstätigen Juden in Preußen, nämlich 112163, ist im Handel und Verkehr sowie in der Gast- und SchankwirtschafL beschäftigt. Mit 49,7 Prozent stcht also die WirLschaftsabteilnng des QarrdeLs noch immer für die Juden an erster Stelle. Während der Anteil aller preußischen Erwerbstätigen — hier werden die Inden natürlich nrrterrrgerechncL — arrr Harrdcl nur 15,3 Prozerrt beträgt, übcrtrifft er bei den Inden diesen Prozentsatz um das Dreifache. Wir werden Silbergleit recht geben, wenn er zu dieser Feststellung erläuternd bemerkt: „Trch diele Verteilung von derjenigen der Cesamtbevölkernng in denkbar weitestem Umfange abweicht, ist nur die natürliche Folge der geschichtlichen Entwicklung. Tie jahr- 'ertelange Aechtung der Juden, ihr Ausvon der Betätigung in der Landwirtja selbst vom ländlichen Wohnsitz, vom Handwerk, ihre Fernhaltung von der öffentlichen Verwaltung, von der Justiz, vom Lehramt, von jeder rnilitärisckjen Laufbahn schufen völlig differente Grundlagen für die Berussbestimmung, die denn auch in wenigen Generationen nicht beseitigt sein können." Eine Gegenüberstellung der Ergebnisse der Verujsstatistik von 1907 mit der des Jahres 1925 hat Silbergleit leider unterlaßen. Aus dem bekannten Buche von Jakob Segall über „Die beruslichen und sozialen Verhältniste der Juden in Deutschland" (1912) entnehrnen wir, daß damals 55,2 Prozent aller erwerbstätigen Juden am Handel beteiligt waren. Wenn diese Zahl zwar für ganz Teutschland errechnet worden ist, läßt sie sich doch mit der des Jahres 1925 für Preußen dergleichen. Sie beweist einen Rückgang des jüdischen Anteils am Handel, der besonders augenfällig ist, wenn man diesen Ziffern die Ergebniste der Statistik von 1813 gegenüberstellt. Wesentlich geringer ist die Spanne zwischen der Beteiligrmgsziffer der gesamten Erwerbstätigen und der jüdischen Erwerbstätigen in der Wirtschajtsabteilung der I n d u st r i e und des Handwerks. Hier waren 49318 Juden tätig. Ihr Anteil betrug 21,9 Prozent gegenüber einem Anteil von 36,6 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. Relativ stärker als die Beteiligung der Gesamtbevölkerung ist die der Juden mit 4,3 Prozent gegen 2 Prozent an der W i r t s ch a s t s g r u p P e der freien Berufe und ebenso am Ges u n d h e i t s wesen und der Wohlfahrtspflege, wo auf die Juden ein Anteil von 3,7 Prozent gegenüber 1,7 Prozent der Gesamtbevölkerung entfällt. Jnuner noch außerordentlich gering ist die Landwirtschaft mit Juden besetzt. Hier waren im ganzen nur 3324 Juden tätig, das find 1,5 Prozent aller jüdischen Erwerbstätigen in Preußen gegerrüber einer Zahl von 5 593144 aller Erwerbstätigen in Preußen oder 26,3 Prozent. Während also ungefähr jeder vierte Preuße, der im Wirtschaftsleben sicht, zur Landwirtschaft und ihren diebengebieten gehört. ist es bei den Juden erst jeder 67., der zu diesem Wirtschaftszweige rechnet. Eine liebe rächt über die großen Wirtschastsaöteilungm ergibt danach folgendes Bild: Gesamtzahlen tu PrsZenLerr WrrtfchäftsahterlnnLen: Ges. Bevölkerung Jaden Ges. Bevölkerung Juden 1. Landwirtschaft, Gärtnerei und Tierzucht, Forstwirtschaft und Fischerei . . 2. Industrie und Himdwerk, einschließlich Bergbau und Baugewerbe. 5 593144 8824 26,3 7 771 799 49318 86,6 AL 3. Handel und Verkehr, einschließlich Gast- und Schankwirtschast .... 3 248 145 112188 15,3 49,7 4. Oeftentliche Verwaltung, Beamte der Rechtspflege, auch Heer und Marine. 5. Kirche, Gottesdienst, Rechtsberatung, 488 715 1503 2,3 0,7 freier Berus.- . 6. Gesundheitswesen und hygienische Gewerbe, einschließlich Wohlfahrtspflege 432333 9 761 2/) 4L 856 416 8 297 1,7 3.7 7. Häusliche Tienste und Erwerbstütigkeit ohne feste Stellung oder ohne Altgabe der Betriebszugehörigkeck. 1 091 435 6338 5,1 2.8 8. Ohne Beruf und Berussangabs . . . 2 285 046 84 134 10,7 15.4 Im ganzm . , . 21267 033 225523 100,0 100,0 Für Serlln allein zeigt diese Uebersicht einen völlig anderen Charakter, wie folgende Tabelle beweist: 1. Landwirtschaft nsw. . . . , . < 2. Industrie, Handwerk usw. . 3. Handel und" Verkehr usw. . . « . 4. Öefsentliche Verwaltung usw.. . . 5. Kirche, Gottesdienst, freie Berufe usw 6. Eesundheitswes.,Wohlfahrtspflege usw 7. Häusliche Treuste usw. 8. Ohne Berus und Berussangabe . . Im ganzen Tie Zahlen der speziellen Statistik für Berlin sind deshalb so besonders interessant, weck in der Reichs Hauptstadt 4 2,7 Prozent aller Juden Preußens wohn en. Es zeigt sich, daß in der Wirtschaftsmetropole des Reiches und Preußens eine viel stärkere Annäherung zwischen der Cesamtbevölkerung imd den Juden erfolgt ist. Erst aus dieser Statistik wird ersichtlich, weshalb der Anteck der Juden an der Landwirtschaft so gering ist. Sie sind im Lause eines Jahrhunderts immer mebr zu Großstädtern geworden. Für die Bewoyner der großen Städte fällt aber die Beschäftigung in der Landwirtschaft säst völlig fort. Tagegen kommt für sie ganz besonders die Arbeit in Industrie und Handwerk, sowie im Handel und Verkehr in Frage. Es ist deshalb wichtig zu konstatieren, daß sich der Anteil am Handel bei dev Gesanrlbevölkernrrg von 15,3 Prozent in ganz Prcmszerr, ln Berlin auf 26,4 Prozent hebt, also hier fast derdoppelt, während er bei der jüdischen Dcvölkerung von 49,7 auf 44 Prozent sinkt. Tie Beteiligung der jüdischen Erwerbstätigen an der Industrie und dem Handwerk steigt dage^zen in Berlin um fast fünf"Prozent über die Beteiligung in Preußen hinaus. Die Spannungen sind also in der Großstadt zwi - scheu Juden und N i ch L j u d e n w e j e n tl i ch geringer geworden. Die starke Anteilnahme der Juden am Handel und der Industrie erklären es, daß die Erschütterungen der Wirtschaft von den Juden mit besonderer Schwere empfunden werden müssen. Roch deutlicher treten die Folgen der Wirtschaftskrisis zutage, wenn man die sozialer: Verhältnisse an Hand des neuen Werkes der Akademie für die' WisienschafL des Judentums prüft. Hier choird man allerdings den statistischen Ergebnisen mit einiger Vorsicht gegenübersichen müjlen, denn die sechs Jahre, die seit Durchführung der großen Volkszählung verflossen sind, haben das Bild der sozialen Struktur des Volkes sehr stark verändert. Tie zu¬ 19 880 121 0,8 0.1 1118 611 26 780 45,4 26,7 650 637 44 089 26,4 44,0 83 978 804 3,4 08 86855 5 780 8,6 5,8 63 840 4 557 2.6 4,6 160 146 2 409 6,5 2,4 278 745 15 653 11,3 15,6 2 462 692 100193 100,0 100,0 nehmende Rationalisierung, die eine bis dahin im deutschen Wirtschaftsleben unbekannte Konzentrierung und Mechanisiermig mit sich brachte, hat die sozialen Spannungen außerordentlich verschärft.^ Das Heer der Arbeitnehmer ist infolgedeften seit 1925 viel größer geworden als es von der Statistik an gezeigt wird An Selbständigen im Beruf wurden im Jahre 1925 in ganz Preußen 3 673 4 85 Personen gezählt, darunter befanden sich 92 16 4 Juden. Wahrerrd von allen erwerbstätigen Preußen nur 16,2 Prozent zu den Selbständigen zählten, ist die Zahl bei den preußischen Juden fast genau dreimal so hoch. Hrer.sirrd es 43,3 Prozerrt, „ein Unterschied von weitem Ausmaß", wie Silbergleit bemerkt, ^wesentlich beeinflußt durch die Abteilung Handel und Verkehr einschließlich Cast- und SchcuckmirtschaftT Gewiß ist der Prozentsatz der Juden, die als Selbständige im Wirtschaftsleben stehen, im Verhältnis zu der übrigen Bevölkerung noch immer sehr hoch. Aber er geht gegenüber der Statistik von 1907 zurück, derm damals stellte er sich aus 51,45 Prozent. Was aber verbirgt sich heute oft hinter dieser SelbständigkeitTer kleinste Agent, der als ein einziges Requisit vielleicht ein Telephon und eine Negistriermappe sein eigen nennt, figuriert stolz in der Beruwstatistik als „selbständiger", während der Prokurist einer Großbank, der sowohl nach seinem Einkommen wie seiner sozialen Stellung nach weder mit dem Provisionsvertreter noch mit dem Handwerksmeister oder dem kleinen Einzelhändler verglichen werden kann, zu der Gruppe der Angestellten gehört. Auch die Reichs statistik zeigt für die Handclsgruppe eine säst befremdende Zunahme der Selbständigen um 29,1 Prozent seit der vorletzten BerüfsMchmg. Wie viele Mensichen, die der Krieg und die Rachkriegszeck aus ihrer Dahn tzeworsen haben, mußten Lurch eine Betätigung m den verschiedensten Zweigen des Handels versuchen, sich eine neue

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