Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 8 (20.2.1931)
- Date
- 1931-02-20
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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oft untcibrodjca wurden. An den Vortrag schloß sich eine längere Aussprache, an der sich neben vielen anderen Teilnehmern der Versanunlung auch Rektor ^ennewald beteiligte, der besonders gegen die Verhetzung der Schuljugend austrat und seinen Appell an die Angehörigen aller Konfessionen zur Zusammenarbeit im Sinne innerer Befriedung richtete. Die „Kolberger Zeitung'" berichtete ausführlich über die wohlgelungene Veranstaltung des Centralvereins. BMdssMÄrsaiaiiö des RIF Die Bundcshauptvcrsammlrrng des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, die am 15. Februar in Berlin stattfand, stand ganz unter dem Eindruck der großen Aufgaben, die durch die gegenwärtige, nach jeder Richtung krisenhafte Lage gestellt sind. Ein Referat des Bundesvvrfitzcnden, Haupbnann d. R. Tr. Leo Löwenstein, gab Aufschluß über die Grundlinie der von dem Bund cirrgeschlagcncn Politik, Drücken der Verständigung sowohl zu den in unzählige Richtungen aufgetcilten Organisationen ehemaliger Kriegsteilnehmer als auch nach der inncrjüdisäxn Seite hin zu schlagen. Er berührte cmd) die großen Schwierigkeiten, die dem Bund durch die wirtschaftlich schwierige Lage eines großen Teiles seiner Mitglieder bei der Turchiührung seiner Aufgaben erwüchsen, gab aber der .zur^ersichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß diese Schwierigkeiten mit Rücksicht auf den Ernst der Ausgaben zu überwinden sein werderr. Tr. II rr a s (Harnburg) gab sodann eine Uebcrsicht über Maßnahmen, um den Betätigungsdrang der einzelnen Bundesmitgliedcr in rechte Bahnen zu lenken und d>en Kauips gegen den immer mehr sich ausbreitenden Ungeist voranzutragen. Tos wichtigste sei die Ausschaltung des Zufalls zugunsten eines planvollen systematischen Handelns. Tr. Urias gab genau formulierte Dorschläge für eine derartige, alle Teile des Landes durchdringende Bundesarbeit. Max E i s c n! r a c za, c r (SciIin) gab sodann eine Uebersicht über die gegenwärtige politische Lage. Seine Ausführungen, die aus Grund seiner Täügkeit im C. D. von genauester Kenntnis der Tinge getragen waren, fanden das besondere Jntereffe der Versammlung. Tie Generaldebatte beschäftigte sich im wesentlichen mit den Abioehrfragen. Rach eingehenden Berichten aus den verschiedensten Orten und Landesteilen wurde beschlossen, alle diese Fragen je nach Lage der Tinge in den einzelnen Ländern und Orten individuell zu behandeln. Ter Bundesvorstand wurde im wesentlichen in seiner alten Zusammensetzung wicdcrgcwählt. Einige wertvolle Mitglieder des Bundesvorstandes, die ihre Aemter nicht wieder übernehmen wollten, wurden nach dem Tank des Vorsitzenden in die geleistete Arbeit durch geeignete Persönlichkeiten ersitzt; u. a. wurde Direktor Sigmund Hirsch, der sich mit besonderer Liebe den Arbeiten des Buntes zugewendet halte, in den Vorstand gewählt. Der Vorstand wurde urn einige Mitglieder ergänzt,' um ihn noch arbeitsfähiger zu gestalten. Ter sihr schwierige Etat sür das Notjahr 1031, der von dem Bundcsschatzmeister Grünpc'ter vorg^le^ war, wurde besonders sorgsälrig tzchandett. Eine besondere Ausgabe, die jüdische Siedlung. hat der Frontbund aus Antrag des in diesen Fragen besonders tätigen Tr. Elkeles zur eigenen Sache gemacht, um dieses Werk als dauernde Schöpfung des FrvntbundeZ in späteren Zeiten zu behalten. Zn später Abendstunde erst konnte die arbeitsreiche Tagung, mit die der Frvntvund itt ein neues Stadium energischer Tätigkeit im Sinne seiner Ausgaben rintrstt, geschloffen werden. vr ll. In dem unter Vorsitz des Herrn Rcchtsanv^lts Tr. Rubensvhn stehenden Roftocker Jüdischen Gerne? nDcvere in hielt der Syndikus des Centrol- Vereins, Tr. Alfred Wiener. einen sihr "gut besuchten Vortrag über das Thema: „Vom Schutzjuden zum Volksgenosse n*. gM >HUUdLl'j§ von Pfarrer vr. Lurt yorn „Es ist ein großes Ergötzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen." Gerade uns Menschen einer ruhelosen Zeit -ist es wohl ein großes Ergötzen, in das vergangene Jahrhundert mit seiner.ruhigen Gelassenheit zu schauen. Darum lesen wir so gern Lebenserinueruugen aus jener Zeit. Welchen Eindruck haben die „Jngcnderinnerunaen des allen Mannes" aus uns gemacht. wie rief wirkt auf uns „Leberecht Hühnchen", Heinrich Seidels unvergängliche Schäderung! Gerade weil wir nicht mehr .zrirück können, spannt sich desto inniger unsere Sehnsucht wie nach einem Märck^nlande. Weil wir von all der Unrast und Gehässigkeit unserer Zeit selbst zu zerrissenen Menschen werden, richten wir uns an solchen in ihrer Einfachheit innerlich geschloffenen Menschen auf. Und ohne der Phantasie von einer nur guten, alten und einer nur bösen Zeit uns hinzngcben, werden wir doch innere Lebenskräfte von solchen Persönlichkeiten der vergangenen Tage uns holen können. Ten „Lebenserinncrungen des alten Mannes" stellt unsere Arbeit die Lebensschicksale eines jüdischen alten Manes gegenüber. Man kann wohl diese beiden nebcneinanderstellen. Auch hier ist es ein groß Ergötzen, diese Persönlichkeit aus sich wirken zu lasten, zu der ein einfacher Mann gereist ist. Es ist gewiß kein „großer Geist", den uns der Enkel, der frühere Posener Stadrat Arthur Kronthal, in Heft 22 bis 24 der Zeitschrift „Jüdische Familicnserschung" vorstellt. In die jüdischere Kreise der verlorenenStadt Posen versitzt uns die Schilderung. Ein Stück heimatlicher Welt tut sich uns auf, die wir aus dem Boden der deutschen Oftmark .zusammen gelebt und gearbeitet haben. Nicht Gehässigkeit von heute, nicht materielle Sucht nach eigenen Vorteilen, hat uns entzweit. Als Deutsche haben wir uns gemeinsam gefühlt und für den deutschen Gedansten gearbeitet.' In dankbarer Erinnerung gedenken wir dabei der intellektuellen Juden, mit denen wir in Arbeitsgcnrcinschaft und Freundschaft verbunden rvaren. Was haben wir einem Manne wie Eeheimrat Warschauer zu danken, dessen Heimgang uns eben diese Tankespslicht vor Augen gestellt hat! Was bedeutete für die deutsche Kultur in Posen der Versaster unseres Artikels, denen wissenschaftliche Akribie auch in unserer kleinen Arbeit hervertritt; und um eines Arztes zu gedenken, was hat uns an ethischen Werten der zu früh für uns in die Ewigkeit gerufene Karl Kassel gegeben! Aber die Bedeutung unserer Arbeit liegt aus anderer Linie, schließlich wird der nickt völlig durch antisimirisck;e Tendenz Verblenoete zugeben, daß der intellektuelle Jude sür die deutsche Sache seine Bedeutung chat. Aber — wird man bald einwenden — was bedeutet der kleine Jude? Und die Vorstellung des polnischen Juden wird gleich in einem Zerrbild lebendig. Darin liegt der Wert unserer Arbeit, daß Kronthal an dem Beispiel eines einfach::! Mannes zeigt, welche hohen sittlichen Werte auch in ihnen lebendig sein konnten, sittliche Werte, die ihn einerseits mit seinem Volkshnu verbinden, anderseits ihn aber zu einer eigenen Persönlichkeit erheben. Simon K r o n t h a l kam aus denn eben geöffneten Ghetto. Das „Milien' heftet ihm zweifellos an. Er ist gewiß einerseits der Tupus des ostdeutschen . Juden. Das im jüdischen Charakter ausgeprägte Intellektuelle ist bei ihm deutlich Aber gerade dieses Intellektuelle erhält persönlichste Ausprägung. Er gibt sich keinem Oprirnwmns hin. Als in der Zeit des Stockerschu Ausrrctens einige ihre Hoffnung au^ den Kronprinzen, den späteren Kaiser Friedrich, setzten, der die Hoffnung aller literal Denlerrden war, äußerte er sich: man solle mit keinen neuen „Mclcch" (König) beten; bei dem alten wisse nun, roas man habe, bei dem neuen nie. was komme...?lbcr cs war nicht fruchtloser Psssinrismus, der ihn beseelte, sondern ein gesundes-Selbstvertrauen/ das Menschen klaren Wollens und treuer Pflichterfüllung aus zeichnet. Nie ha: dieser l:knn die Flinte ins .Uccit ac-- warfen, er ist unbeirrt seinen Weg gegangen, ohne jede Eitelkeit, aber im.Bewußrstin seines eigenen Wertes. Das war aber nur möglich, weil neben dem Intellektualismus in denn, alten Krouthal etwas noch Besteres wohure: ein Herz voll Gn:e. Tie kleineil Züge, die der Enkel von ihm erzählt, zeichnen nns doch ein Charakterbild innerer Größe. Jur Familienleben, das traditionell von den Juden gepflegt wird, äußert sich diese Güte zuerst. Auch hier rn der Familie tritt zuerst d-er intellektuelle Zug nach Klarheit und Ordnung hervor, aber auch hier tritt gerade die Mischung mit Herzensgute vor Augen. Das führt ihn zu der Anlegung einer Familienstammlasil. weil er den Familiensinn bei der spateren Generation nicht mehr zu finden glaubte. So sucht er die Bestehungen bis in Ausland, den holländischen Verwandten Kann, woraufhin der alte holländische Herr ihn in Posen besucht, und die Tochter Kanus ihm jene Tesillinbrutel stickte, deren einer eine Krone mit' einem ,FA, also d<n Namen Kronthal zeigt. loährend der andere eine Kanne auftveist.dio hier nicht das Priesterzeichn, sondern der Hinweis auf den Spender ist/ Die Herzensgute, die der entfernte Verwandte empfunden hat, empfanden in erster Linie seine Kinder. Bezeichnend ist eine kleine Geschichte, die-nicht in denn Heft erzählt wird, die mir d-er Derfasier selbst berichtete. Als eines seiner Enkel als Med:- *Jmn gudem* Msä^i-fsshküeben {eine Ko&rofner- Ohvma/ einer vorn Studium heimkehrte, mußte er des Großvaters Zunge besehen. Aus die Feststellung, daß sie aus beste Gesundheit deute, gab der alte Herr dem jungen Arzt einen Taler mit der Begründung: er wine selbst, daß er gesund sei, aber der Enkel habe sein erstes Arzchonorar von ihm verdienen sollen. Solche Züge einer von einem gcwisien Humor gewür.zken Güte werden uns reichlich berichtet; einen besonders tiefen Witt ich noch erwähnen. Simon Krenthal hielt wohl sparsam das Geld zusammen. Er hat nicht wie sein Sohn weite ffwistu unternommen. Als dieser einmal sich ziemlich schnell zu einer Fahr: nach 'Spanien und Afrika entschloß und den Vater fragte, ob er cNoas isinzuwenden habe, war der alte Herr doch wohl ein wenig chotiert und ließ dies'fühlen, /stürz daraus aber ries er den ^ohn wieder zn sich und sagte ihm, er habe ihn: angesehen, daß feine Worte ihm cnoaS von der Freude au der Weife genommen hätten. Aber er habe sich's überlegt; trenn der himmlische Vater ihn in nächstem Zeit abberusen würde, so wurde er ihn fragen, was er von der 'ch-öneu Gotteswelr gesehen Hobe. Und trenn er dan.n würde sagen müssen, daß cr n.nr in L'issa und Bojanowo, höchstens zur Kur in Warmbrunn und zum Besuch in Dresden gewesen sei, dann wnirde der Ewige sagen: Habe ich dich dazu ukv i'0 Jahre alt werden lassen? Dann ab-er würde er antworten können: Lieber Gott, ich habe dazu gespart, daß mein Sohn die :reite 2Telr