Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-02-20 · 8 (20.2.1931) · p. Seite 82

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277894--06550-2287379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

52 N eber gang einer größeren Anzahl deuk- Icher Inden zu Landwirtschaft. Lich-n Berufen propagieren soll und darf. Tie Körung dieser Frage hat von zlvei Seiten aus zu erfolge.i, nämlich vom jüdischeu und vom allgemein-wirtschaftlichen Standpunkt aas. Ich will mich, wie gesact, hier nur mit dem wirtschaftlichen befasien; denn er ist schließlich der entscheidende. ’ Mag es gelingen, deutsche Juden in weit größerem Umfange als bisher aus Handelsberufen ^.auszuschichten" und in landwirtschaftliche'Berufe hineinzubringen, die Verantwortung für ein solches Beginnen kann man nur dann übernehmen. wenn man sich darüber klar ist, daß nran unter ten durchschnittlich vorliegenden Bedingungen dem betreffenden neuen Landwirt euch wirklich zu einer Position zu verhelfen vermag, die chm eine wirtschaftliche Grundlage seiner Existenz bietet. Voraussetzung hierfür ift aber die Möglichkeit, festzustellen, daß sich die deutsche Landwirtschaft in ihrem Turch'chnitt in einer Entwicklung befindet, die, wenn sie auch vielleicht im Augenblick keine Rentabilität erbringt, so doch in Zukunft eine Rentabilität ver» heißt. Hierbei ist der Begriff der Rentabilität lediglich so zu fassen. daß dem Bauern mit durch'chnittlichem Landbesitz eine Existenz gesichert ist. Tie Frage, ob dies gegenwärtig der Fall ist, wird man nur schwer bejahen können. Tie deutsche Laadwirchchaft hat den Anschluß an die 'internationale landwirtschaftliche Entwicklung während der Kriegs- und Jnflationsjahre verloren. Tarüber hinaus ist in jener Periode an den deutschen Böden Raubbau getrieben worden. Man vergleiche dazu einmal die folgenden Ziffern der Hektar- Ertragnine dev Wichngswn Fewsrüchte während des letzten Borkriegsjahres und in der jüngsten Zeit: Ernteerträge pro Hektar' Roggen Leizen Gerste Hafer Kartoffeln dz dz dz dz dz 1913.. . 19,3 24,1 22,0 22,0 157,1 192M. . 18.4 22,3 22,0 19,9 144,9 1929.. 17,3 20,9 20,5 20,7 141,4 Diese Zahlen zeigen zum mindesten, daß es der deutschen Landwirtschaft nicht gelungen ist, trotz intensivster Amrendung künstlicher Düngemittel lk Hektar-Er- 1r ägni sse wieder auf den Vorkriegsstand zu bringen oder gar darüber hinaus zu erhöhen. (Tie Ziffern für 1913 find aus das jetzige Rei^gebiet umgerechneth Vickleicht wird mau nun einwenden, es habe sich in den Jahren 1923 und 1929 um Zufallsergebnisse infolge schlechterer Ernten gehandelt, denen irgendeine Bedeutung für die landwirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nicht beizuw.eficn ist. Tem wäre entgegenzuhalien, daß in Deutschland (immer auf das gegenwärtige Reichsgebiet bezogen!) nicht nur die Hektar-Erträgnisse der wichtigsten Kulturen sich verschlechtert haben, was ja tatsächlich mehr oder minder zufällig sein kann, sondern daß sich auch die bebaute Fläche verringert hat. Nach den Ernrittlungen des Internationalen Landwirtschaftsinsiituts in Rom waren in Deutschland im Durchschnitt der Jahre 1911 bis 1913 mit Wochen, Roggen, Gerste, Hafer. Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben insgesamt 15 879(00 Hektar bepflanzt, im Jahre 1929 aber nur noch 14 755 000 Hektar. Nun v: freilich prozentual betrachtet, die Weltbevöltrrung noch fxärfer gestiegen als die landwirtschaftlich bebaute Fläche." Aber auch die Bevölkerung des Deutschen Reiches in seinen jetzigen Grenzen ist seit der Vorkriegszeit erheblich angerra chs en. Im jetzigen Reichsrebiet wohnten im Jahre 1910 58,4 Millionen Menschen und im Jahre 1925 0-3,1 Millionen Menschen. Trotzdem ist unsere Anbau fläche in den wichtigsten Kulturen zurückgegangen! Das find Tatsachen ron so grundsätzlicher Bedeutung. daß sie allen zu denken geben soll er?, die den Uebergang d e u t f cf) e t I u;? r in landwirtschaftliche Berufe propagieren. Es ist zweifellos kein Zufall, daß man in Deutschland die Anbaufläche einzuschränken gezwungen war, obwohl einerseits die Bevölkerung stieg, anderseits aber auch durch staatliche Schutzmaßnahmen energischster Art der Landwirrschaft zu helfen versucht worden ist. Kann ihr geholfen werden? Diese Frage werden wir verneinen müssen, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß in unserer umnittelbaren Nähe, in Rußland, eine laudwnrnchaftliche Entwicklung angebahnt wird, welck-e für alle landwirtschaftlichen Kulturen Mitteleuropas von ganz entscheidenden Folgen sein muß. Schon heute sind diese Folgen sichtbar. Wir muffen aber bei Absichten, die sich aus eine Berussumschichtung beziehen, in sehr langen Fristen, in Generationen denken. Tun wir das, so müssen wir uns sagen, daß das natürliche Versorgungsgebiet Deutschlands und vielleicht ganz Mitteleuropas mit landwirtsck)aftliZM Erzeugnissen aller Art in Zukunft in Rußland liegen wird, wobei heute bereits erkennbar ist. daß gerade Deutschland von der eigenen Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten trotz aller Hilfsmaßnahmen mehr und mehr abgedrängt wird. Hierin scheint doch die wichtigste Grundtatsache für die Beurteilung aller Pläne zu liegen, die auf eine weitgehende Berufsumschichtung deutscher Juden zur Landwirtschaft hinzielen. Man mag sagen, daß man den deutschen Inden eigentlich nicht zum Bauern machen will, sondern zum „Siedler". Ich muß gestehen, daß ich diese Unterscheidung nicht für stichhaltig hatte. Ter Siedler muß genau so vom Ertrage seiner landwirtfchastlichen Tätigkeit leben können wie der Bauer, oder er wird es nicht bleiben. Auch der Gedankengang, diesen „Siedler" in gewissem Sinne aus dem volkswirtschaftlichen Prozeß auszufchalten, indem man ihn lediglich für seine Selbstversorgung arbeiten läßt, ist abwegig. Ich weiß, daß es hier eine ungeheuere Anzahl von Kombinanonsmögliäckeiten gibt, welche theoretisch zum Teil überaus elegante Lösungen zu bieten scheinen Aber doch wohl nur theoretisch! Die Grrmdtatsache bleibt bestehen: Wir werden in Zukunft in höherem Grade als heute landwirtschaftliche Produkte, die für die Bolksernährung von entscheidender Bedeutung sind, billiger, als wir sie zu produzieren vermögen ausdem Auslande taufen! Für die deutschen Juden muß das Problem aber auch noch von einer anderen Seite her betrachtet werden. Man kann all die fast unerträglichen Spannungen politischer und wirtschaftlicher Art, rrnter denen das deutsche Volk heute leidet, zwar nicht ganz, aber doch zu einem sehr erheblichen Teil aus der Tatsache erklären, daß Deutschland immer noch nicht Klarheit darüber fand, ob es nun ein reiner Industriestaat oder ein gemischter industriell - landwirtschaftlicher Staat bleiben soll. Mir scheint, als ob diese Entscheidung im Laufe der nächsten Jahre fallen muß. wenn überhaupt ein Zusammenleben des deutschen Volkes möglich bleiben und wenn nicht ein unheilbarer Bruch den deutschen Raum zerreißen soll. Haben wir Juden ein Jnterege daran., gerade inmitten einer so ungeheuer folgenschweren Krise, wie sie sich eben audeutet. die bi-her recht eindeutige Position auf seiten des deutschen Industrie- und Handelssiaates zu schwächen, rudern wir auch noch aus die Seite derer hinüberwechseln, die in strikter Sppoffuion, zur. weiteren Entwicklung Deutschlands zum Industriestaat stehen? Läge das auch im deutschen Gesamtinteresse? Ich glaube, daß man diese Frage verneinen wird. Aber auch wenn man dies nicht tun will, wird man zugeben müssen, daß es zurzeit noch zum mindeste!: verfrüht nt, irgendwelche Entscheidungen hierüber zu treffen. Nehmen wir selbst an, die Entscheidung in Deutschland fiele zuungunsten des reinen Industriestaates. Dann wird sich der agrarische Teil Deutschlands dennoch vor der Ausgabe sehen, seine Existenzform völlig umzugestalten, um dem immer mächtiger werdenden A»dringen des anßerdeutfchen Angebots entgegentretcn zu können. Welche Form er finden wird, ist völlig unübersehbar. Sicher ist so viel, daß alles, was wir heute schaffen können, innerhalb weniger Jahre völlig überlebt sein wird. Das Risiko des Hineinbringens deutsch e r Juden in die Landwirtschaft ist also in jedenr Falle ungeheuer groß und meiner 'Ansicht nach zu groß, um die Propagierung dieses Gedankens erlauben zu können. Dr. Luöwig Hoüäriörr: Im Zeiten Vortrags des von der Freien Jüdischen Volkshochschule Berlinver. anstaUeicn Zrsttus über „Die rürLschaftliche Umwälzung" sprach Direktor Dr. Ludwig Holländer über „Die LirtschaftsD-rndlung in den verschiedenen Berufen". Nach einem kurzen Rückblick auf die wirtschaftliche Lnrnncklung seit cUr<r 18öO behandelte der Äeferent die 'Lusrrirckuncerr des Wandels in den Berufen auf die deutschen Juden. Tie charakteristischen Merkmale des kaufmännischen^Berufes um. 1850 waren möglichst geringe Spezia ll?7eruug,^vielseitige Branchekenntniff^ und Sweben nach Selbständigkeit. .Heute ist die ^elbstäudigkerL im tausmänmsck)en Beruf schwer zu erhalten, wie auch der kaufmännische Augcstellle nur geringe llnterkuufts- und Aufstiegsmöglichkeiten siecht. Bisher gab cs für die Juden keine 'Möglichkeit, Landbesitz zu erwerben und damit den landwirvchostlichcn Beruf zu ergreifen. Die Frage der Unterbringung t~>n Juden in landwirtschasilichen L-crustn muß vom Standpunkt des Wunsches nach Erhaltung des Judentums erörtert werden. Gewiß, einzelne können in der Landwirtschaft eine Existenz finden: ne gehen dann aber meistens dem Judentum verloren: denn die Erhaltung einer Gemeinschaft ift nur in größerem Kreise möglich. Tiefe rügen jüdischen Bestrebungen, die eine bäuerliche Siedlung propagieren, sind für die Gesamtheit der Juden zweifellos von Bedeutung. Voraussetzung ist aber nicht nur die Aufbringung der Mittel, sondern auch die Anzahl der geeigneten Menschen. Auch im Handwerk ist ein tiefgehender Wandel zutage getreten. In großem Umfange ist dem Handwerk durch'den Fabritoctricb die Arboitsmö-glichkeit allmählich entzogen worden. Trotzdem find aber die Ansichten für gewandte und den Kedürfninen snpavnrrgsfLhige Menschen nicht ungünstig. Ebenso darf man behaupten, daß die Hauswirtschaft in Zukunft verhältnismäßig gute Aussichten bietet. Für alle Berme gilt die Parole: stärkste Spezialisierung! Tenn die Erfahrung lehrt, daß trotz der schwierigen Lage in allen Berufen besonders fach- und branchenkundige, tüchtige Menschen immer noch Nnterknnftsmöglichkelten sinden. Auch in den akademischen Berufen sind die Berufsaussichten trübe. Ter jetzt stark übcrfüHtc Anwalrsberur leidet durch' die Konzernierung und Konsolidierung der großen wirtschaftlichen Nnternchrn.Zen. Die Anstellungsmöglichkeilen für jüdische Juristen im höheren Staatsdienst sind bei den augerlblicklichen politischen Derhällnisien schwierig. Depcr ist die Lage im Aerzteberuf: denn die wachsenden hygienischen Anforderungen des heutigen Lebens bedingen ein zunehmendes Bedürfnis nach ärzrlicher Beratung. Auch hier zeigt sich Wohl, daß die Spezialisierung Vorteile bietet. Tonn für gut vorgcbildcke Fachärzte nrtb auch trotz des großen Zustromes von Studierenden die Berufsaussichten immer noch verbälllftsmäßig gut. Für die Philolvgen haben sich die Anftellungsmöglichkeiten in letzter Zeit zusehends verschlechtert, wie denn überhaupt zu bckurchlen ist. daß die Vergebung von Stellen im vsftntstchen Dienst an Juden entsprechend der Zunahme der antiscmstischen, völkischen Tendenz in der Bevölkerung immer schwieriger wird. Die Ansiellnngtzmöglichkeiten in den gehobenen' technischen Berufen, die meist akademische Bildung bedingen, sind gleichfalls gering, da viele groß: wirvchMliche Unternehmungen züdü'che Bewerber ungern oder gar nicht einmllen. Tieft alllntlxUberr. ungünstigen Verhältnisse machen eine vollkommene Umstellung notwendig. Ter Glaube der Hähernxrtigkeit der akademischen gegenüber den kaurmänni'chen und handwerklichen Berufen muß endlich verschwinden. Dazu kommt die Erkcnnlrcks der Rotwcrst.ftkcit der Spezialisierung. Wenn die jüdisch: Ceiellschast die Wirlschaftswandlungon in den Meisten Berufen begreift und auszuwerten verstcht, verliert die heutige Pessimistische Stimmung sicherlich an Bedeutung. SIz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.