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Central-Verein-Zeitung · 1931-02-20 · 8 (20.2.1931) · p. Seite 81

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
8 (20.2.1931)
Date
1931-02-20
Page
Seite 81 (sequence 1)
Language
German
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Lerlin, 20. $ebruar1931 X. Jahrgang ♦ Er. $ Einzelnummer 20pfennig O M§^srW>iÄÄrLS ....... IW^AUNLA.,."'> , >A / .. .' <-A / L--^' BierteliahrSabonnernent 2,50 NM. (zuzügl. Vestellgsld). / MÜZS DVMÄ-PZMMSIZWUMS? Ri> fe"- wv* 11 rr .-<ch.u. S. Allgemeine Zeifun§ desDudenfums Verlag und Schrlstleitung: Berlin V.' 15, Einser Sir. 42. Fernspr-chrr: J2 OI;;i 5074..:. P°stsch°ckk°n!°: 93^11^ 304 72. .:. San!!onb: Dresdner Dank, Depositenkaffe 8 X Berlin-Wilmersdorf 1, Hoh-msUsrndamm 196, und von Eoldschmidt - Rothschild & Co., Sscitri >>.v. - rccm.rr-« Memige Anzeigenannahme: «iinoucen-CKrsöition Rudolf Mosse/B-rUn SV/ 103, und deren Filialen. 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Die Ursache der katastrophalen Wirtschaftsnot in Deutschland liegt nicht nur in den Auswirkungen des Versailler Vertrages, sondern vor allem darin, daß die deutsche Volkswirtschaft in ihrem Gleichgewicht gestört ist; das ist eine Erscheinung, die be-. reits vor dem Kriege einsetzte, aber nach dem Kriege ungeahnte Formen annahm. Das Nebel unserer Zeit ist der Zug vom Lande in die Großstadt. Die deutsche Stadtbevölkerung wuchs in den Jahren 1871 bis 1910 von rund 14,7 Milliouen auf rund 39 Millionen, also um mehr als' 24 Millionen. Gleichzeitig sank die Landbevölkerung von 26,2 aut 25,95 Millionen. In den Jahren 1870 bis 1910 ist die Dichte der gesamtpreußischen Bevölkerung um rund 45 v. H. gestiegen, darunter die Westfalens um 116 v. H., die der Nheiuprovinz um 131 v. H., die Ostpreußens dagegen nur um 6,5 v. H. Im Jahre 1910 lag die Bevölkerungsdichte Westfalens um 90 v. €)., der Nheiuprovinz um fast 150 v. H. über, Ostpreußens dagegen um GO v. H. unter dem preußischen Durchschnitt. In diesen Zahlen kommt die städtische Entwicklung Westdeutschlands zum AnZdruck, deren Fortschritt natürlich mit der wachsenden Ausbeutung der Bodenschätze zusammenhängt. Volkswirtschaftlich war aber das Wachstum auf Kosten einer Entvölkerung Ostdeutschlands ein Fehler, denn es Zeigen sich folgende Wirkungen: 1. Die Produktionsfähigkeit der Industrie ist ins Ungeheure gesteigert worden, demgemäß auch der mit ihr verbundene Handel. Gleichzeitig ist die Kauskrast des Flachlandes stark zurückgegangen. Die Industrie war hierdurch genötigt, ihre Produkte auf den Weltmarkt Zu bringen. 2. Diese Entwicklung hat die ländliche Bevölkerung in die Stadt gezogen und damit das Arbeiterproletariat vermehrt. Tie Störung des Absatzes der Industrie, vor allem bedingt durch die mangelnde Kauskrast im eigenen Lande, mutzte zu Ardeuerentlassungen führen, die heute in der erschreckenden Ärbeitslosenzisfer zum Ausdruck kommt. In-Frankreich steht einer Jndustriebevolkerung eine kleinbäuerliche Landbevölkerung gegenüber, so daß sich hier Produktions- und Konsum- Lionskraft ungefähr ausgleichen. Das wirtsckpftliche Gleichgewicht muß in Deutschland durch eine starke innere Kolonisation wiederhergestellt werden. Ter Neichsbankpräsident D r. Luther hat als Neich-skanzler einmal das Wort geprägt: „Die Siedlung ist nicht eine, sondern die Forderung der Stunde." Alle wirtschaftlichen Maßnahmen Deutschlands und vor allem Preußens laufen darauf hinaus, diesen Gedanken zu verwirklichen. Die entvölkerten Gebiete Deutschlands müssen wieder bevölkert, die Großstädte dadurch entlastet und ein innerer Markt für die Jndustrieprodukte geschaffen werden. Siedlung ist aber auch deshalb dringend nötig, weil wir noch immer landwirtschaftliche Produkte im Werte von etwa 2y2 Milliarden Mark einsühren müssen, die in Deutschland erzeugt werden könnten. An dem Zuge von Lande in die Großstadt waren die deutschen Juden fo stark beteiligt, daß heute etwa 90 v. H. tn den Städten leben. Welche Folgen für das deutsche Judentmn durch diese Konzentrierung in den Städten entstanden sind, hat Professor Dr. Heinrich Silbe r g l e i t in seiner kürzlich erschienenen Statistik der Juden Preußens (Akademie-Verlag, Berlin 1930) nachgewiesen. Die Wirtschaftsnot der deutschen Juden, die nicht nur eine Verelendung, sondern ein Aussterben bedingt, kann nur behoben werden, wenn wir uns an der allgemeinen langsamen Umschichtung der gesamten deutschen Bevölkerung beteiligen. Berussnmschichtung und Siedlung tut not! Das ist die Ausgabe des deutschen Judentums in den nächsten Jahrzehnten! Es genügt nicht, daß wir durch philanthropische Mittel, durch Altersheime, Jugend- und Arbeiterfürsorgeämter usw. die Not zu lindern suchen, sondern es muß positive praktische Arbeit geleistet werden, die im Interesse des deutschen Judentums und im Interesse der deutschen Wirtschaft liegt. Das R e^ch t zur Siedlung gibt uns der Staat. Wir mmwn aber auch die Pflicht auf uns nehmen, den Gedanken jüdischer Siedlung in Deutschland zu fördern und zu unterstützen. An Stelle des in der Großstadt entwurzelten jüdnchen Mittelstandes muß in kleinen Landgemeinden ein neuer aufgebaut werden. Nur wenn cs gelingt, einen Teil des deutschen Judentums auf dem Lande, sei es als Bauern, Gärtner oder Eeslügelzüchter, seßhaft zu machen, wird man den Untergang des deutschen Judentums aufhalteu können. Auch die Pläne der D e r u f s u m s cf; t cf; t u n g n a ch d e r h a n d w e r k l i ch e n S e i t e hin werden durch die Siedlung gefördert; auch hier muß erstrebt werden, daß der in der Siedlung sich ansetzeude Bäcker. Schuhmacher oder Sattler sein eigenes Häuschen mit angrenzendem Gartenland erwirbt, um Besitz zu erlangen und bodenständig zu werden. Es ist bekannt, daß dank der Unterstützung der Berliner Jüdischen Gemeinde diese Bestrebungen bereits zur Durchführung gelangen. Es würde aber zu weit führen, an dieser Stelle Methoden und Aussichten der Siedlung näher darzulegen. Hier galt es nur zu zeigen, daß es einen Ausweg aus der Wirtschaftsnot gibt. Er ist bereits beschritten und muß mit aller Kraft verfolgt werden. Dr. Alfred Marcus bringt ernste Gegengrünöe Daß eine Aenderung der Berufsschichtung innerhalb des deutschen Judentums unbedingt erwünscht und notwendig ist, kann als anerkannt vorausgesetzt werden. Zu dieser grundsätzlichen Frage will ich daher nicht Stellung nehmen. Mir liegt lediglich daran, von praktisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus eine Teilfrage des Gesamtproblems zu beleuchten, nämlich die, ob man mit gutem Gewissen den Oskar Hirsch Feld (Wien): Die Unruhen an * den Wiener Hochschulen. S. 84. —Deutschjüdische und national-jüdische Anschauung, ein Aussprache-Abend. S. 85. — Pfarrer Dr. Curt Horn: Ein jüdisches Leben der vorigen Jahrhunderts. 5.87. — Ernst Liss&aec: Biblisches La denBrieffnanGoethesMutter.S.88

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