Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 7 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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72 August Rohling Von der Bedeutung wissenschaftlichcr Aufklärung. August Rohling (geb. 1839) und Theodor Nöldeke (geb. 1836) sind beide im höchsten Greisenalter vor kurzem aus dem Leben geschieden. Zu dem historischen Judentum bc/aßen sie beide ursprünglich nur streng winensck^aftliche Beziehungen, der erstere als Didelwissen- 5chofrler (Professor in Münster,Milwaukee und Zrag), der letztere als Orientalist (Professor in Eöttingen und Straßburg). Mer mit dein Erscheinen seines Buches „Ter Talmudjude" (Münster 1871, seitdem vielfach neuaufgelegt) gewann Rohling auch eine politische Beziehung zum zeitgenössischen Judentum, rmd nur durch i h n kam auch N ö l d e k e , der sich als Gutachter gegen Rohling wandte, unerwartet und' schwerlich erwünscht in eine Verbindung mit der modernen ^Judensrage". Nöldeke starb vor kurzem als emeritierter Professor in hohem Ansehen. Rohling hingegen hatte wegen seiner antisemitischen Skandalgeschichten schon im besten Mmmesalter auf seinen Prager Lehrstuhl verzichten muffen und starb vergeben. Nöldeke hatte seine Person durch ein emsiges Gelehrtenleben und über 669 wiffenschastliche MH andlungen der Erinnerung der Zeitgenossen und dem Gedächtnis der Nachwelt fest verhaftet. Rohling dagegen, der sich der antisemitischen Politik in ihrer dürftigsten Manier verschrieben hatte, verfiel der Vergessenheit, als die Entwicklung im ausgehenden 19. Jahrhundert eine ausgesprochene Ritualmord-Baiffe brachte. Seine Todesnachricht nahm man mit der Empfindung aus, daß in Wirklichkeit nur ein schon längst Abgeschiedener dahingegangen sei. Sticht immer ist die Erinnerung der Menschen, die sich in der „Geschichte" offenbart, so ungerecht, wie das herbe Wort Nietzsches („Geschichte handelt fast nur von schlechten Menschen, die spater gutgesprochen worden sind") es wahr haben will. Anders Arten der Erinnerung sind kaum seltener, und charakteristisch ist vor allem das Vergessen werden derjenigen, die nur durch Zufall, ohne gewichtige eigene Wirksamkeit, Aussehen erregt haben. Den Ruhm des Brandstifters Heroftrat gewinnen wollen, ist ein höchst riskantes Unternehmen. Es gehört dazu ein Mangel an Hemmungen, der sich bei einem durch Wißen Unbelasteten viel eher finden wird als selbst dem allerschwächsten Universitäts- Professor. Das ist der große Unterschied zwischen Hitler und Rohling: wo der eine die Tatkraft besitzt, selbst den Brand anzulegen, schuf der andere bloß ein Nachschlagewerk der Brandpistelei. Und dieses Unternehmen war noch nicht einmal originell, sondern ein bloßer Ableger von Eisenmengers viel weiter cuisgreiicndem „Entdecktem Judentum". Der Zufall, der Rohling trotzdem zeitweise zu einem Manne von Bedeutung machte, bestand in den politischen ZeiLverhältnissen. Es war die Zeit unbefriedigender öffentlicher Zustände im alten Oesterrerch-Ungarn (Niederlage von 1866 und anschließende Berfaffungskänip'fe), des deutschen Sieges über Frankreich, der in Oesterreich als eigene Niederlage empfunden wurde, des Sozialistengesetzes und Kaiserattentats, des Kulturkampfes in Deutschland, der Stöcker- Propaganda in Berlin, der Lueger-Propaganda in Wien, der Ermordung Alexanders II. rmd der folgenden Judenrepressalien m Rußland. Parallel mit diesen politischen Bewegungen liefen wirtschastliche Unruhen, die sich u. a. in den Zusammenbrüchen nach der „Gründerzeit" und in dem Auskommen der Warenhäuser zeigten. Für viele der Krisenerscheinungen machte man die Juden unmittelbar verantwortlich. Wer auch die besonnenen Kreise, die sich von dieser offenbaren Torheit sernhielten, sahen, doch in einzelnen Juden unliebsame Vertreter eines gefährlichen Zeitgeistes und in der jüdischen Gesamcheit immerhin den Nährboden solcher Einzelfiguren. Durch diese Bedenken ist es zu verstehen, daß selbst ein so freier Geist wie Mommsen zeitweilig über eine recht wackelige Stellung zur Judensrage nicht hinauskam. Was war uuter solchen Verhältnissen von einem R o h l i n g zu erwarten? Damals wäre die rechte Zeit gervcsen. durch eine wirklich freigeistige, offenherzige, über alle Rücksichten hinaus sachliche Geschichtsbetrachtung die Augen derer zu öffnen, die wie Mommsen, aber auch wie Treitschke, die Bereitschaft, das Judentum in wissenschaftlichem Sinne gerecht zu beurteilen, in hohen: Grade besaßen, aber keinen Weg dazu sahen, weil die jüdische Wissenschaft noch keinen geebnet hatte. Denn die damals allein vorliegende Leistung von G r ä h war zwar sehr beträchtlich, aber übte, wie Treitschke richtig feststellte, an der nichtjüdischen Umwelt nicht diejenige Gerechtigkeit, die er für jüdische beanspruchte. Infolge dieses Mangels der jüdischen Wissenschaft — allerdings nicht allein darum — konnten damals die antisemitischen Positionen nur mit schwachen Kräften bestürmt werden. Der Kampf richtete sich nicht gegen die antisemitischen Hauptkräfte. sondern nur gegen ihre Vorhut, wie Rohling. In ihrem ehrlichen, mutigen und mit überlegenen Mitteln geführten Kampf haben sich die Wiener Rabbiner Josef Bloch. Moritz G ü d e m a n n und Adolf I e l l i n e k — alle drei Männer von Format — in hohem Grade verdient gemacht. Aber sie waren Rabbiner und konnten als interessierte Partei betrachtet werden, da Rohlings Angriffe (,.Die Menschenopfer des Rabbinismus", 1867) sich im besonderen gegen die rabbinischen Lehren richteten. Deshalb konnte nicht von ihnen, sondern nur von den gelehrten christlichen Sachverständigen die Entlarvung Rohlings ausgehen, und diese besorgten das so gründlich, daß Rohling, der Blech wegen Beleidigung (wegen der Beschuldigung der Lüge) verklagt hatte, feine Klage zurückziehen und unter dem Druck der Regierung aus seinen Lehrstuhl verzichten mußte. Unter diesen christlichen Gutachtern war es neben Nöldeke und Wünsche vor allem Franz Delitzsch, der gelehrte Judeumissionar. der Rohlings Unwillenheit in vielen Schriften bloßstellte. Man darf sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß ohne die autoritative Gelehrsamkeit der Delitzsch und Genossen die Blutbeschuldigungen von Tisza-Eslar (1882), Tanten (1891) und Könitz (I960) nicht vereinzelt geblieben und weit gefährlicher verlaufen wären. Ties ist die Bedeutung der Wissenschaft für die Aufklärungsarbeit. Tie rein politische Aufklärung wirkt nur im Alltag und nur für den Einzelfall. Sie ist gewiß nützlich, aber sie greift nicht bis in die Tiefen, in denen die Wurzeln der „Judensrage" liegen. Dorthin wird nur die wissenschaftliche Aufklärung Oer Landesverband Gross-Berlin de« Central-Verein* veranstaltet am Sonn* tag, dem 15. Februar, vormittags 11 lA Uhr, im grossen Saal der Loge, Kleiststrasse 10, eine Dr. Ludwig Holländer und Dr. Bruno Weil sprechen über: „Die geistige Widerstandskraft der jüdischen Deutschen.“ Eine Mahnung und eine Warnung, Die Veranstaltung wird von künstlerischen Darbietungen umrahmt. Beginn pünktlich 11 V\ Uhr. Ende gegen 1 Uhr, Ortsgruppe. ALTER WESTEN. Dr. Benno Heymann. Ortsgruppe CHARLOTTEN BURG. Kommerzienrat N. Hamburger. Ortsgruppe SCHÖNEBERG. Dr. Stephan Steinharter. dringen, die die Dunkelheit auslöst, so daß die j! „Rohlinge" auch keine zeilwechlige Bedeutung j mehr gewinnen können. Das ist diejenige Ansi klärung. von der Nietzsche sagt: „Wir brauchen ■ die Historie für das Leben und die Tat." jij Wer sich über den außerordentlich lehrreichen Rohling-Prozeß näher unterrichten will, der j; greise zu folgenden Werken: „Blochs vsterreichi- ■; scher Wochenschrift", Jahrgang 1884 bis 189-1 „Akten und Gutachten im Prozesse Rohling.- -« Bloch", Wien 1890 bis 1901: Delitzsch „Schach- , matt den Blutlügnern Rohling und Justus", (■ Erlangen 1883. Er wird dort so viele Angaben ] vorsinden, daß er selbst den Weg zur weiteren || Orientierung finden wird. R. S. Kaplatt §a!)sel über „Christen-; tum und Nationalismus" Am 9. Februar d. I. sprach Kaplan F a h - sel vor einer gebannten Zuhörerschaft, die den Saal der Berliner Singakademie bis auf den letzten Platz füllte, über das aktuelle Theuaa „Christentum und Nationalist m u s". Fahsel sieht in der Nationalität durchaus einen gegebenen Wert; ihre konstitutiven Merkrnale körperlicher, geistig-seelischer und reinintellektueller Natur, die er in ausführlichr Darstellung schildert und von den nur zufälligen, akzidentiellen, scheidet, lassen notwendige Grenzen und Bestimmungen zwischen verschiedenen Nationalitäten zu. Auf dein Lebensgrunde der Nation entstehen Kulturgemeinschäften in der Form von Nationalitäten und Staaten als Ausdruck des politischn Bewußtseins. In beiden vollenden sich Streben und Gestaltungsvermögen des Menschen. Aber wenn der Nationalismus in dieser Vollendung eine letzte Aufgabe sieht. Staat rmd Kulturgemeinschast zu Selbstwcrten macht, so ist er übertrieben und muß vom Standpunkt des Christentums ebgelehnt werden. Tenn über beiden steht Gott, und es kann nicht zugegeben werden, daß irdische Dinge, auch wenn es die höchsten wären, vergottet würden. Der Staat in seiner Vergottung ist ein Ausdruck mensüblicher Ucberheblichkeit und menschlichen Stolzes, und allein die Demut vor Gott gibt dem Menschen den rechten Blick für die Begrenzung alles irdischen Strebens. Die Demut allein gibt ihm auch die richtige Einstellung zu seinem Nebenmenschen und erlöst ihn aus der Enge seines Egoismus. Das Volk ist gewiß etwas Großes, aber das Letzte ist es nicht. Dieses Letzte ist die allumfassende Liebe Gottes, der allein man zu dienen habe. M. K. Die Nechtsgeschichte der Inden war bisher fast ausschließlich im Hinblick aus die Emanzipation Gegenstand wissenschaftlicher Erörterung. Die Rechtsverhältnisse der Juden vor dieser Zeit, über die eine ungeahnte Fülle wichtigsten und ausschlußreichsten Materials vorliegt, blieben von der historischen Forschung so gut wie unbeachtet. Aus diesen Mangel macht Tr. Georg Landauer (Berlin) in seinen im Januarheft der „Zeitschrift für die - Geschichte der Juden i» Deutschland" (Philo- Derlag, Berlin W 15) veröffentlichten Bemerkungen übet einige Probleme zur „Geschichte der Judenrechts Wissenschaft' aufmerksam. f Auf dem Gebiete der Bevölkerung?- und Wirtschastsgeschich'^ liegt die in derselben Nummer erschienene Arbeit des Professors an der Münchener- Technischen Hochschule, Arthur Cohen, der einen ausführlichen, aus Alten des Stadtarchivs geftühten Abriß über die „M nnchenerJudenschast 1750 bis 1861' gibt. Tipl.-Jng. Tr. Alexander Pinthus (Berlin - Eöpemck) beschäftigt sich im Schluß seiner wegen ihrer Eigenart besonders beachtlichen „Studien über die bauliche Entwicklung der Judengassen in deutschen Städten' mit dem jüdischen Wohnhaus, namentlich seiner äußeren Gestalt, seiner inneren Ausstattung und den Bauvorschriften. Neben einer Reihe Miszellen, Buchbesprechungen und wissenschaftlicher Nachrichten enthält der Anhang diesmal wieder die von Ilniversitätsoberbibliothekar Prof. Tr. Heinrich Locwe (Berlin) zusammengestclltcn wertvollen „D i b l i o - j graphischen Notizen' (Neuerscheinungen)! über „Die Inden in Deutschland'. L. 0. L.