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Central-Verein-Zeitung · 1931-02-13 · 7 (13.2.1931) · p. Seite 71

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
7 (13.2.1931)
Date
1931-02-13
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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71 G SS <V O | % Im uü m m : jj w <? y w 1 O TaWchSR unb Ziffern Im Duiljmen der von der Freien jüdischen Boäsbomschule Berlin veranstalteten Bortragsreihe über „Tie wirtschaftliche Umwälzung" beschäftigte sich vor kurzem Tr. Kurt Zielen- Arger in überaus fachmännischer und lehrreicher Weise mit der wichtigen Gegenwartsfrage: „Gibt es eine jüdische Wirtschastsnot?" Wenn auch die deutschen Juden auf Gedeih und Verderb mit dein deutschen Wirtschaftsschicksal verbunden sind, so besteht dennoch eine Wirtschaftskrise von besonderer jüdischer Färbung. Das geht am augenfälligsten aus einer älteren Statistik der Jüdischen Gemeinde Berlin l)ervor. die die Verringerung der Einkommen ihrer Mitglieder deutlich und kraß widerspiegelt. Im Jahre 1912 hatten weniger als 1200 Mark Jahreseinkommen 73 v. H. der jüdischen Steuerzahler, 1924 gehörten dieser Einkommenssteuerklasse bereits 83 v. H. an. In demselben Zeitraum macht sich in der Einkommenklasie 1200 bis 2400 Mark ein Rückgang von 7.5 v. ö. auf 4,1 v. H. b-emerkbar. Zu den mit 12 000 bis 18 000 Mark Veranlagten gehörten 1912 noch 1.6 v. H. der iüt>tfci>cn Steuerzahler Berlins, während 12 Jahre später weniger als die Hälfte, nämlich nur noch 0.56 v. H. in diese Einkommensklasie einbezogen werden konnten. Tiefe Entwicklung dürste sich in den letzten Jahren in weiter rückläufiger Weise vollzogen halben und den Beweis dafür erbringen, daß die Linie der Wohlhabenheit jäh bergab geht. Die WirischasLsstruktur der jüdischen Bevölkerung, d. h. ihre Verteilung auf die einzelnen großen Wirtschaftszweige, zeigt heute kein übermäßig anderes Bild wie vor 20 und mehr Jahren. Darauf deuten die Ergebnisie des von Prosesior Dr. Heinrich S i l b e r g l e i t bearbeiteten großen statistischeu Werkes der Akademie für die Wissenschaft des Judentums über die „Bevölkerung?- u n b Berufsverhält nisse de r Juden im Deutschen Neich"*) zur Genüge hin. Obwohl die dort angegebenen Ziffern, die sich auf die Ergebnisie der reichsdeutschen Bolks- und Berufszählung vom 16. Juni 1925 gründen, in der Zwischenzeit teilweise überholt sind, so können sie doch für die Jetztzeit Gültigkeit haben. Im Jahre 1925 waren von den über 225 000 jüdischen Erwerbstätigen Preußens im Handel und Verkehr 49.7 v. H. tätig (gegenüber 15.3 v. H. der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung Preußens, in I n d u st r i e und Handwerk 21,9 v. H. (36.6 v. H.), in den freien Berufen 4.3 v. H. (2.0 v. £>.), im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege 3.7 v. H. (1.7 v. H.), in der L a n d w i r t s ch a f t 1,5 v. H. (26.3 v. H.) und in der V e r w a l t u n (\ und Rechtspflege 0,7 v. H. (2,3 v. H.). Dagegen weist die soziale Schichtung der Juden bedeutende Veränderungen im Vergleich znr Vorkriegszeit auf. Von den -im Jahre 1925 gezählten erwerbstätigen Juden Preußens sind mehr als 92 000 (oder 48.3 v. H.) als „Selbständig" registriert worden. 33,8 v. H. (rund 65 000) waren Ä n g e st e l l t e, 8.4 v. H. (nahezu 16 000) Arbeiter. Seit 1907 hat sich die Zahl der jüdischen AngesLettten fast verdoppelt. Das Verhältnis des Anteils der jüdischen und der Gesamtbevölkerung an der Angestelltenschaft (33.8 v. H. bzw. 17,1 v. H.) ist ein untrügliches Kennzeichen für das Wirtschastsschicksal der deutschen Juden: für das Eingehen des alten und das Aufblühen *) Akademie-Vorlag, Berlin 1930. Der 1. Band behandelt den Freistaat Preußen. eines neuen M i L t e l st a n d e s. Tie schon damit hinreichend charakterisierte Verprolet a r i s i e r n u g nimmt aber aus folgender Erwägung noch weit größeren Umfang an. als man im allgemeinen zu glauben geneigt ist. In die Zahl der jüdischen Angestellten sind nicht die vielen kleinen Kaufleute, Agenten, die Syndizi, Assistenzärzte. Chemiker u. dgl. miteingerechnet, die sich zwar bei der letzten Berufszählung als „Selbständige" oder als Angehörige freier Berufe bezeichnet haben, in Wirklichkeit aber eine den Angestellten ähnliche soziale Stellung cinnehmen. Diese Kreise, die unter den Inden besonders zahlreiche Vertreter finden, vergrößern in Wahrheit das an sich schon beträchtliche Heer d e r A r b e i t n e h m e r. Man kann heute" sowohl von einer Verbürgerlichung des Proletariats als auch von einer Verproletarisierung des Mittelstandes sprechen. Tie wirtschaftliche Entwicklung im letzten Jahrzehnt, die tiefgehende Wandlung in der Struktur unserer Wirtschaft trägt natürlich einen wesentlichen Teil der Schuld an der Entstehung und Zunahme auch der spezifisch jüdischen Wirtschastsnot in Tcutschland. Ter Redner erinnerte in kurzen Zügen an die Folgen der alles umwälzenden Jnslations- und Teflationszeit: die rapide Konzentrierung, Rationalisierung und Bürokratisierung der Betriebe und die Mechanisierung auch der geistigen Arbeit haben gerade die Wirtschaftszweige, in denen, wie gezeigt, auch heute noch der weitaus größte Teil der erwerbstätigen deutschen Juden beschäftigt ist, nämlich den Groß- und den Kleinhandel, am stärksten betroffen. Tie Verflechtung bestehender Konzerne schreitet ständig fort und gräbt dem selbständigen Kaufmann nach und nach das Wasier ab. Die Zahl der Konkurse und Vergleichsverfahren im Jahre 1930 (über 18 000) hat sich gegenüber der von 1927 säst verdoppelt. Groß- und Kleinhandel sind durch die unzähligen Zusammenbrüche besonders hart betroffen, somit auch viele, viele jüdische Firmen, wie der in erschreckendem Zunehmen begriffene Verfall einstmals b e - deutender Unternehmungen u. a. in der Berliner Innenstadt zu erkennen gibt. Aehnliche Schlüffe auf die wirtschaftliche Notlage der deutschen Juden lasten sich aus den zahlreichen F i r m e n l ö s ch u n g e n ziehen. So ist beispielsweise berechnet worden, daß von den beim Amtsgericht Berlin-Mitte im Jahre 1924 eingetragenen Kapitalgesellschaften etwa 24 v. H. in jüdischen Händen waren. Von diesen Firmen sind fast 41 v. H. inzwischen wieder gelöscht worden. Das alles sind beredte Anzeichen für die traurige Wirtschaftsentwicklung, in der wir gegenwärtig stehen. Die uns drohende Gefahr der Allsweglosigkeit wird durch den Prozeß der Verdrängung, Ltiröschlieszuttg und Boykottierung jüdischer Wirtschaftselemente noch weiter erhöht und verschärft. So ist der Anteil der Gesamtbevölkerung am M e t a l l h a n d e l in der Zeit von 1913 bis 1930 um etwa 6 Prozent gestiegen, während sich der der Juden im gleichen Zeitraum um nahezu 13 Prozent verringert hat, so daß sich diese Branche hellte fast je zlir Halste in jüdischer und nichtjüdischer Hand befindet. Alich im Bankgewerbe, bei den Privatwie bei den Aktienbanken, ist in den letzten Jahren eine merkbare Znrückdrängung des einst so bedeutenden jüdischen Einflusses zu verzeichnen. Ans dieser Erscheinung erklärt sich namentlich auch die Entlassung vieler jüdischer Bankbeamten. Hinzu kommt die ganz bewußte Ausschließung, di e in er ste r L in i e durch den antisemitischen Boykott der Nationalsozialisten, dann aber auch durch die, wie Ludwig Holländer sagt, asemitische Einstellung gewisser Firmen hervorgerufen wird. In vielen^ großen kouzernierten Unternehmungen, vielfach auch solchen, die von der sogenannten össentlichen Hand Getrieben werden, sind heute kaum noch jüdische Angestellte in leitenden Stellungen zu finden. Und gewisie Angesielltenkreise, wie der Teutschnationale Handlungsgehilfenverband, unterstützen solche 'Tendenzen nach Kräften. Bor diesen Tatsachen und Allswirkungen der Krise der modernen Wirtschaft und der besonderen jüdischen Wirtschaftsnot. so beschloß Dr. Zielenziger seine interessanten Ausführungen, dürfe heute niemand mehr die Augen verschließen. — Id - Professor Dr.IuliusSchneiöer 70 Jahre alt Am 14. Februar begeht unser Ehrenmitglied, der frühere Oberlehrer am Berliner Falk- Realgymnasium, Herr Professor Tr. Julius Schneider, die Feier seines 70. Geburtstages. Unseren älteren Freunden ist er bekannt als einer der hervorragendsten Mitarbeiter unseres E. V.; in früheren Jahren zusammen mit unserem in Gotr ruhenden Freunde Alphonse Levy als der gute Seist unserer Zeitschrift „Im deutschen Reich". Schneider hat in mustergültiger, nie erlahmender Arbeitsfreude neben dieser schwierigen Aufgabe in allen Fragen der Erziehung und des Unterrichts, in der gesamten Kulturpolitik Hervorragendes und Entscheidendes geleistet. Er ist der jüdische Deutsche in unserem Sinne, weil er treu der Heimat, treu dem väterlichen Glauben, voll Begeisterung für alles Gute und Schöne lebt und in guten und bösen Zeiten seine edle Persönlichkeit für die Ziele unseres Eentralvereins eingesetzt hat und immer wieder von neuem sich als einer der Unsrigen beweist. Deswegen hat ihn der Eentralverein zu seinem Ehrenmitglied ernannt, ihn, dem die Eigenschaft als Mitarbeiter immer mehr gewesen ist als eine äußere Ehrung. Darum keine Worte für seine besonderen Verdienste als Erzieher der Jugend und als Gelehrter! Julius Schneider ist bei uns und wir bei ihm. Ein gütiges Schicksal erhalte ihn noch viele, viele Jahre! L. H. Drei MonateHefängnis füreinen Hetzer Ter nationalsozialistische Parteisnaktionär Resmer aus Insterburg wurde zu drei Monaten G e f ä n g u i s wegen Vergehens gegen das Republilschutzgesctz verurteilt.' Er hatte in einer Versammlung in Saudischk e h m e n bei Insterburg erklärt, daß das „a u s e r w ä h l t e" Volk überall herrsche und w i r tatsächlich in einer I u d e n r e p u b l i k lebten.

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