Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ob freilich die Juden diese Maßnahme nach den ihnen ange-' drohten Torturen selbst noch erleben würden, erscheint zweifelhaft. Es ist, als ob man einem zum Tode Verurteilten nachträglich noch die bürgerlichen Ehrenrechte aberkennt. Es soll aber ausdrücklich zugegeben werden, daß sich das -Reventlowsche Buch in diesen Pogromvisionen in keiner Weist ^erschöpft. Gegen den Materialismus -und die mammomstische Gesinnung des wilhelminischen Deutschlands wird mit starken Worten zu Felde gezogen. Dem letzten Kaiser wird wiederholt der Vorwurf gemacht, daß er durch Verschwendung?, sucht und allzu pomphaftes Gehabe ein schlechtes Beispiel geboten hat. Tie früher herrschenden Stände werden des Dünkels und der Ilcbcrheblichkeit geziehen. Und wenn sich der Herr Bersafser dafür einsetzt, daß man den exklusiven Gesellschaftsverkehr mit Standesgleichen schon deshalb sprengen soll, weil in Arbeiter- und Handlverkerkreisen ein viel aufgeschlosseneres und unverbildeteres Denken sich fände als bei den Herren Fachkollcgen, fo stimmen wir einer solchen Aufforderung von Herzen zu. Graf E. Reventlow hat schon in der Vorkriegszeit unter seinen Standesgenosien als schwarzes Schaf gegolten, und das hat ihn gegenüber seinesgleichen in eine Distanzierung gebracht, die ihn von der sonst üblichen summarischen Verhimmelung der Vorkriegszustände bewahrte, was seinenr kritischen Urteilsvermögen nur zugute kommt. Immerhin bestätigt sich auch bei ihm die soziologische Ersahrung, daß niemand über seinen eigenen -Schatten zu springen vermag und daß die persönliche Gleichung überall bleibt. Verglichen mit dein Bürgertum, das als Träger radikalen Unwertes erscheint (Reventlov redet mit sichtlicher Verachtung von „dem Etwas, das man als Bürgertum zu bezeichnen pflegt", und setzt hinzu, der deutsche Sozialismus könne nur gegen dieses Bürgertum gemacht werden. Man denkt unwillkürlich an das Wort Goebbels' von dem „stinkenden Misthaufen der bürgerlichen Parteien"), schneidet der alte preußische Landadel vorzüglich ab. Es ist eine oft bestätigte Ersahrung der Soziologie, daß der deklassierte Grandseigneur bei seiner sozialen Wanderung die benachbarte Klasse des Großbürgertums überspringt und sich der rebellierenden Arbeiterschuft zugesellt, um auf diese Weise in die Angriffslinie gegen jene Bourgeoisie einzurücken, gegen die er von Haus aus in der Verteidigung stand. Tie antiburgcrliche Stimmung wird dal^i nicht gestört, sie wechselt nur die Tonart. Es bleibt stets eine offene Frage, wie weit man, ohne den Willen des Autors zu verbiegen, in einem Buch zwischen den Zeilen zu lesen, berechtigt ist. So geht es vielleicht mit der Vermuwng, daß einige gegen eine blinde Heldenverchrung und einen kritiklosen Byzantinismus geschriebene überaus deutliche Sätze sich an die persönliche Adresse von Herrn Adolf Hitler wenden. Immerhin liegt die Vermutung mehr als nahe, denn auf wen anderes als den sein eigenes Bild in Münzen schlagenden Uebermcnschcn Hitler sollte Reventlow abzielen, wenn er vor der maßlosen Verherrlichung der Einzel- Persönlichkeit, die deutscher Art widersprechend sei, warnt, wenn wiederholt betont wird, die Deutschen seien keine Italiener, und man dürfe den Maßen das Rückgrat nicht brechen oder zu einem rudimentären Organ machen, weil es verhängnisvoll für jedes Führertum sei. die Bevölkerung zu einer bloßen Claque zu degradieren. Auf die marxistischen Arbeiterparteien kann das doch unmöglich gemünzt sein, denn Heroenkult ist ungefähr der einzige Vorwurf, der nach dieser Richtung hin noch nicht erhoben wurde. Deutet sich hier ein neuer Sprung im Hakenkreuz an (Es sind schon mehrere Nisse darin, so dick man auch die Parteisarbe darüber streicht!), und kommt den besinnlicheren Elementen der Bewegung doch allmählich ein Degout vor der zirkushasten Aufmachung der Hitlcrei und eine düstere Ahnung von den unausbleiblichen Folgen? Wir glauben nichr, daß es nur so in den Wind gesprochen ist, rvenn Reventlow hinzusetzt, daß Gefühle übertriebener Führerverhimmelung sehr schnell in ihr Gegenteil Umschlägen und daß der Halbgott alsdann rücksichtslos von seinem Postament herab^estoßen wird. Völkisches Denken ist nicht nur dynamisch, sondern auch mystisch, denn irgendwo muß doch das zwischen den Gegenpolen liegende Kraftfeld ausgefüllt werden, und so bläst man eine Wolke dickslockigen, schwammigen Nebels darüber ab. Mystik in der Politik führt immer zur „Volkwerdung", zum „organisch umrahmten Volksgenossentum", das nach Reventlow einen metaphysischen, nur empfundenen, nicht erkannten Zweck hat. Man muß sich mit dieser Feststellung bescheiden, so gern man an sich erfahren hätte, was eigentlich dahinter steckt. Aber ein solches Verlangen ist wohl jüdisch-analytisch und selbst bei unbezweiselter germanischer Abstammung Anzeichen beginnender vom Geist eindringendec Verjudung? Wie im Dritten Reich die organische Klasse" ersetzt wird durch den „volksorganischen Derussstand", muß demnach leider im Dunkel bleiben, und uns bleibt nur übrig, des Augenblicks zu harren, da Adolf Hitler die Binde von unseren Augen nimmt. . Wenn aber Mystik in die Nationalökonomie eindringt, hört die Gemütlichkeit auf, denn dann beginnen die Taschenspielerkunststücke, dann werden im Zeichen der „Nückveredelnng" Großbetriebe zerschlagen und in Handwerkerstuben zerlegt, dann werden mit schwindelhaftem „Federgeld" fabelhaste Staatsunternehmen sozusagen aus dem Lustraum finanziert, dann wird die verläßlick/e Goldwährung, die immerhin in sieben mageren und kritischen Jahren nicht gewankt hat, abgeschafft und ersetzt durch eine „nationale Vollswührung auf der Grundlage der Arbeit*. Nachdem Herr Reventlow diese Maßnahmen aus Seite 263 seines Buches angekündigt und auf Seite 270 dahin ergänzt hat, daß dieser Fragenkomplex vielleicht (!) nur schrittweise und gelegenheitsweise zu losen sei. konnut ihm wohl doch eine Ahnung, daß dieser Trost etwas allzu mager ausfällt, und so wird auf Seite 290 noch hinzugesetzt: man soll es nur versuchen und wollen, so wird? schon gehen. Dock; rveil der Gedanke ihn offener festhält, und wohl weil ihn selbst die Auskunft nicht ganz befriedigt, wird au späterer Stelle (S. 300) losgewettert gegen die Deutschen, die allzusehr dw leidige Gewohnheit hätten, sich Phantasie, gebilde in Einzelheiten auszumalen, worauf wir beschworen werden, solchem Hang nicht zu verfallen. Wozu nur noch zu bemerken wäre, daß Judenvertrcibung und marristisches Köpferolleu doch ein ganz konkretes Programm darstelleu. Aber es ist wohl wiederum „jüdische Frechheit", zu verlangen, daß auf der anderen Seite zuvor auch Klarheit geschaffen wird. Der Herr Gras möge uns nicht wieder vertrösten mit dem Gegensatz vom „Erkennen" und ..Empfinden". Sicher wird das Köpierollcn nur empfunden werden. Dennoch stirbt es sich vielleicht etwas leichter, wenn man vorher erkannt hak, nwfür. war haben die Zrauen vom Nationalsozialismus zu erwarten? Das „Brirllkommarrdo" an der Arbeit. Ter Deuts che Staatsbürge, rinnenverband, dem Frauen alter politischen Richtungen angehören, hatte die Frauen Berlins zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen, um über die Stellung der Frau im Nationalsozialismus Klarheit zu schaffen. Die Einladung an die N^DAP.. eine Rednerin zu entsenden, blieb unbeantwortet. Dafür sandte die Partei aber ein „Brüllkommando", das durch Zwischenrufe und Trillerpfeifen den Abend zu stören suchte. Trotzdem konnten die Rednerinnen des Abends. Dr. Dorothee von Velsen, die Vorsitzende des Staatsbürgerinnenverbandcs, Tr. Kurlbaum-Siebert von der Volkskonservativen Partei. Frau Klara Mende von der Volkspartei, Frau Adele Schreiber-Krieger, M. d. R.. von der Sozialdemokratischen Partei und Frau Elisabeth Holz als^bernfstatige Frau das Programm der N^DAP. daraufhin erläutern, was die deutsche Frau in einem Reickze Hitlers zu erwarten habe. Der bayerische Abgeordnete Buttmann („Bayrischer Kurier" 28. 11. SO) hat das trefflich ausgeführt: „Wir N. S. werden nie Frauen in den Reichstag, in den Landtag oder in die Stadtfraktton schicken, denn die Aufgabe der Frau ist eine andere. Tie Frau ist von unserm Herrgott für die Liebe und den Haushalt geschaffen.* Unter Verkennung aller geistesgeschichtlichen, soziologischen und kulturellen Entwickelungen, unter Verkennung der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse versuchen die N. S. in jeder Nummer ihres offiziellen Frauenorgans „O p s e r d i e n st der deutschen Fra it* (berausgegebcrr von Elsbeth Jander) ein Gartenlaubenbild verkitschter Süßlichkeit von 1S65 von der deutschen Frau zu zeichnen. Die gleiche Frau Z a n d e r nahm auch in dieser Versammlung das Wort. Besser als alle Reden dürsten aber die Versammlungsbesucherinnen die Taten über die Disziplin, die Tugend, das Verantwortungsgefühl und' das Wissen der N. S.-Fraucn aufgeklärt haben. Das Johlen, Pfeifen, die törichten Zwischenrufe — Judendirnen, Lügnerinnen und ähnliches — veramaßten Frau Mende, „den Kindergarten der VcrsammlungsstörertnnetT zum Verlassen des Saales aufzufordern. Frau von Velsen, die die Störerinnen im Saal zur Ruhe zu mahnen versuchte, mußte wegen unerhörter Verleumdungen und körpertickjer Anrempelungen den Saalschutz in Anspruch nehmen. Ein vortreffliches Bild von Frauenwirken und Frauenwürde im Dritten Reich!