Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ö0 (Seite sic mehr als die Phantasien eines Sonderlings denn als einen Beitrag zum Wesen und zu den Lebensbedingungeu des Judentums aufgcsaßt hat; und die Nationaljnden bezeugten wohl dem Geiste und der Schärfe der Probte mstellung ihre Ehrfurcht, ohne sich wohlweislich näher ans den Inhalt des Buches einzulajsen. Auch sie spürten instinktiv, daß cs irr seiner unbedingten Bejahung der theoretischen Grundlegung des Rassenantisemitismus den Feinden des Judentums wirksame Waffen lieferte! Klatzkins Grundidee ist der unbedingte nationale Charakter des Judentums! Tiefe Wesensart muß nach ihm um jeden Preis erhalten werden! Ta die Emanzipation und die Gleichberechtigung sie schlauchen und zerstören, müssen sie als schädlich bekämpft werden. Was nun vom jüdischen Gesichtspunkte aus als Eigenart und Sondeno ert erscheint, ist aus dem Gesichtspunkte der Welt gesehen seine F r e m dheit! Das Judentum ist fremd, soll fremd sein und bleiben, denn darin liegt seine Kraft. Außerhalb Palästinas ist das Judentum nur unterwegs. Tas Judentum der Diaspora ist wertlos, es mutz zugrunde gehen, und nur der aus dem Boden Palästinas verwirklichte nationale Wiederaufbau ist 3tmt und Ziel des jüdischen Lebens! Wenn nun Serlach diesen Gcdankeugängeu gegenüber den Vorwurf erhebt, daß zwischen Klatzkin und Hitler weitgehende U e b e x e t n ft t m m u n g besteht, so stimmt das in einem nicht! Ter Machtwille Hitlers, der dem- Deutschtum als Ideal angepriesene Geltungsdrang, die Lust an der Gewalt und an der Unterdrückung abweichender Meinungen und Kultnräußerungen, der .Haß gegen alles Fremde fehlt Klatzkin ganz gewiß! Er sieht fraglos nicht das letzte Ziel und den Sinn menschlicher Kultur im Nationalismus der Macht, er erkennt den Wert einer übernationalen sittlichen Kultur an, und über dm Nationen stehen auch für ihn die Menschheit und ihre friedliche Entwicklung. Ehrlich gemeint ist sein Satz, daß „bet Zionismus das jüdische Volk für den Internationalismus, den Internationalismus sür das jüdische Volk s r e i m a ch en w i l r. Ohne jeden Zweifel denkt Klatzkin lediglich an eine innere Kräftigung des Judentums und nicht an eine Bedrohung anderer Völker? Trotzdem hat aber Cerlach vollständig recht, weil er Klatzkins Gedanken aus der Theorie in die Wirklichkeit übersetzt, weil er zeigt, daß die s r i e d l i ch e n und kulturellen Tendenzen des Klatzkins chen Nationalismus lediglich aus der völligen O h n mo ch t, dem Mangel eines tatsächlichen Einflusses der jüdisch en Nationalidee, enkstanden sind. Nationalismus ist keine ethische Bewegung; er nimmt scin Recht aus seinem Sein und strebt nach Macht. „Wright or wrong my country!“ In seinen Mitteln ist er nicht wählerisch! Ist er schwach und in der Minderheit, so spricht er von Recht, Kultur, Frieden, Versöhnung und anderen angenehmen Trugen. Ist er auf dein Wege zur Mehrheit oder hat er sie erlangt, so greift er zur Gewalt und selbst zum Unrecht, das daun der nationale Zweck heiligt! Und darin besteht der Unterschied zwischen Hitler und Klatzkin. Dieser st e l l t Theorien ruf, und jener ist s ch o u auf bem IB c g 2 z u r Dl a ch t! Gerlach denkt nur weiter als Klatzkin, und daß dem so ist, beweist der Revisionismus im Zionismus, der von I a b o t i n s k i geführt wird! Tiefer zieht aus Klatzkins Theorie die logische Folgerung, tritt für die G r ü n düng er n er j ü d i s ch e n Legion ein, schwärmt für militari st i s ch e Organisation nnt> predigt d e n K a nt p f gege n die A r a b e r! Es ist gefährlich, sich das Gesetz des Handelns vom Feinde vorschreiben zu lassen; und die Abwehr des Antisemitismus auf die Behauptungen der Gegner ei umstellen, wäre ein schrverer Schaden, weil der Jude dabei verleitet werden könnte, seine Eigenart zu zerstören oder zum mindesten gerinemschätzen! Klatzkin tut es aber in vollstem Blaste, und darin liegt die theoretische Schwäche seiuer Konstruktion, die ja ausdrücklich die völkische Idee anerkennt und davor warnt, dem Antisemitismus die Gristenzberechtigung abzustreiteu! Klatzkins Nationalismus ist nichts wie der völkische, antisemitische Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts in jüdischem Gewände! Nie und nirgends hat es, s o - lange man die Geschichte unserer Gemeinschaft kennt, e i n I u d e n t u m gegeben, dein nicht die Religion das ober st e Prinzip, das charakteristische Wesensmerkmal war! .Ter jüdische Nationalismus ist ein Kind unserer Zeit, ein Versuch, das Judentum zu verweltlichen, es aus den Schlingen des „Klerikalismus" zu befreien! Er steht und fallt mit der Herrschaft des allgemeinen Nationalismus, er ist, wie Franz Oppenheimer einmal sagte, „Opposition p«rr imitation“! Klatzkin und Hitler sind von Gerlach mit vollern Rechte nebeneinander gestellt worden, so peinlich auch der Vergleich im ersten Augenblicke wirkt! Sie schöpfen nämlich beide aus derselben Quelle: G o b i n e a n und Ckjamberlain haben sie beide inspiriert! Man darf die Gefahr nicht überschätzen, die ans des Eigenbrötlers Klatzkin Werk entstehen kann. Gewiß wird die völkische Presie es anszuschtachten versuchen und es als allgemeine jüdische Aeußerung darstellen. Es wirkt auch fraglos außerordentlich peinlich, daß Klatzkin, so energisch er jetzt bestreitet, daß er im Namen des Judentums gesprochen habe, in seinem Buche immer den Plural anwendet und immer wieder sagt, daß „w i r" fremd seien, daß .ckvi r" uns gegen Gleichberechtigung und Emanzipation wenden müßten! Daß er aber lediglich eine Privatmeinung vertritt, die von allen religiösen Juden und von der großen Maste der deutschen Nationaljuden als völlig abwegig abgelehnt wird, ist so selbstverständlich, daß es nicht hervorgehoben zu werden braucht! Einen Vorteil wird es auch bringen, daß durch Gerlachs Angriff die ertremen nationalen Ideen Klatzkins in das Licht der Leffentlichkeit gerückt worden find. Klatzkin ist ein scharfer Denker, er hat Gedanken bis in ihre letzten Verzweigungen und Folgerungen erwogen, die anderen zu unbestimmten, in ihrer Bedeutung nicht klar erkannten Floskeln geworden sind. Und manchem jüdischen „Nationalisten", der aus politischen oder religiösen Gründen sich zu einer nationalen Aufsaffung des Judentums bekannt hat, wird er vielleicht gezeigt haben, umhin der Weg geht und wohin man gerät, wenn man das Judentum säkularisieren, aus dem religiösen Ewigkeitswert ein vergängliches nationales Gebilde machen will. Und besonders in den Kreisen derer unter unseren Glaubensgenossen, denen Deutschland Ouelt ihrer Kultur und ihrer Kraft ist. wird man hoffentlich die Entscheidungsfrage verstehen, die Klatzkins Buch stellt! Tenn Klatzkin sieht die Dinge anders w i e w i r! Er stammt aus Rußland, hat die Verfolgungen des Zarismus in ihrer grausamen Genealt erfahren, hat in der abgeschlossenen jüdischen Kultur seiner Heimat seine seelische Haltung erworben, ist erst spät nach dem Westen gewandert und lebt auch dort als Philosoph und Wissenschaftler von anerkannter Bedeutung im rein Jüdischen! Ihm fehlt fraglos die Eindeutigkeit des deutschen Juden, der nur eine Kultur kennt, der nur in ihr lebt, der sich feinem Lande und seinem Volke eng verbunden fühlst selbst wenn der Judenhaß ihm das Leben schwer macht und ihm die Frcu.de an seinem eigenen Wesen tu vergällen trachtet. Ter deutsche Turchschnittsjude versteht Klatzkin nicht, dem eben aus Grund '-einer andersgearteten Entwicklung Werte des Gemüts und der Gesinnung fehlen müssen, die uns selbstverständlich sind. Ander s e i t s v e r st e h t a b e r Klatzki n auch uns nicht! Er begreift nicht, daß dem deutschen Jucken in nationalen Fragen nur ein Weg ofsenstel-t und daß mit ihm sein Lebenssinn steht und fällt. Ter deutsche Jude lebt in deutscher Kultur, und er begreift keine Möglichkeit einer anderen nationalen Entscheidung, so sehr er sich vielleicht durch den Antisemitismus und seine Angriffe gekränkt fühlt, lind das muß betont werden! D e n n K l a tz k i n hat sein persönliches Schicksal verallgemeinert! Und wir lehnen seine Ideen nicht nur verstandcsmäßig als unjüdisch und unhistorisch ab. sondern wir stehen seiner Gefühlswelt fremd und traurig gegenüber. Wir beklagen es, daß der die Völker trennende Nationalismus auch in einer jüdischen Seele den Sinn des Judeseins in das Gegenteil verwandelt hat. Und Klatzkins Buch ist so — las extrömos 86 toucllent —- zu einem Dokument der A f}i° milation geworden, die es so leidenschaftlich bekämpft! Seines Wollens Grundlage ist nicht das historische Judentum, sondern die Zeit, eine schlechte, haßerfüllte, von nationalistischen Theorien durchsetzte Zeit! Ihrem Locken ist Klatzkin erlegen, und hätte er Erfolg, würde sich das Judentum an den Nationalismus asiimilieren, so wäre sein Ende besiegelt. T e n n A ssimila t i o n im innersten Wesen, Ersah der Religion durch Nationalismus, wäre das wirkliche Ende! der Mische Lehrer zu Unrecht verleumdet 150 Mark Geldstrafe für den Redakteur Günzenhausen, ein kleines mittelsrän!isä)es Städtchen, weist eine verhältnismäßig große Zahl von Juden auf. Dieser Umstand bildet einen besonders guten Agitationsdoden. sür die nationalsozialistische Propaganda, namentlich sür die bekannte Nürnberger Wochenschrift „D er Stürmer". Tie Verhetzung ging so weit, daß die wenigen jüdischen Lehrer an der -Realschule in Gunzenhansen — unter ihnen Professor Kurzmann — von ihren Schülern geradezu bespitzelt wurden. Als Prosepor Kurzmann rm englischen Unterricht eine Schülerin we.en ihrer unzureichenden Kenntnisse ein „Schaf Gottes" nannte, hielten es mehrere Mitschüler als gelehrige Hitler-Jünglinge sür ihre Pflicht, sich m ihren religiösen Empfindungen verletzt zu fühlen. Einer von ihnen verfaßte^— selbstverständlich anontim — einen gehässigen und beleidigenden Artikel im „Stürmer", in dem unter anderem die unwahre Behauptung ausgestellt wurde, der Lehrer habe Christus als „Schaf Gottes" bezeichnet. Ter Artikel wurde auch in die hakenkreu sterische „Oberbayerische Rundschau" übernommen, und der Lehrer stellte Strafantrag wegen Beleidigung. In der Hauptverhandlung X>ox dem Schöst'enaericht konnte kein einziger der 17- bis lchäh-'mn Zeugen, die inzwischen von der Schute em.mstn waren, unter seinem Eid behaupten, daß der Lehrer -die Aeußerung „Schaf Gottes" im Zusammenhang mit Christus getan habe. Tie Hauptzeugin. nämlich jene uw wissende Schülerin, wies die verleumderische Zeitunrsi-bebauvtnn.g ebenfalls mit Entschiedenheit zurück. Ter Wahrheitsbeweis war damit vollständig mißlungen, und der angeklagle verautwortliche Rcdckteur wurde zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt. II. L.