Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Helmuth von Gerlach, Jakob Klatzkin und Centralverein Das gefährliche Ergebnis „folgerichtigen" Nationaljudentums In den letzten Nummern dieses Blattes hatten wir von einem Aufsatz Helniuth von Gerlach» über Jakob Klatzkins Buch „Problem© des modernen Judentums“ berichtet. Gerlachs Aufsatz musste den Eindruck erwecken, als ob die Gesamtheit der deutschen Juden Klatzkins, von seinem zionistischen Standpunkte aus logische Folgerung (Unüberbrückbarer Zw* ispalt zwischen Deutschen und Juden in jeder Hinsicht), sich zu eigen mache. Die Dortmunder Ortsgruppe des Centralvereins hat gegen diese völlig irrtümliche Auslegung im „Dortmunder Generalanzeiger“, in dem Gerlachs Aufsatz erschienen war. laut ihre Stimme erhoben. Nunmehr erhalten wir von Jakob Klatzkin längere Ausführungen über Jakob Klatzkin schreibt uns: In Nr. 2 des „Dortmunder Generalanzeigers" (vom 2. Januar d. I.) hat Herr Helmuth von Gerlach unter der Unterschrift „Zionismus und Antisemitismus* einen kritischen Aussatz über mein in dritter Auslage erschienenes Buch „Probleme des modernen Judentums" an leitender Stelle veröffentlicht . . . Bitter unrecht tut er mir, indem er mir Gedankengange zuschreibt, die in schroffem Gegensatz zu den in diesem Buche eindeutig vertretenen Ansichten stehen und von mir seit einem Jahrzehnt in Wort und Schritt wiederholt bekämpft wurden . . . Wie . . . sollte man es erklären dürfen, daß ein Mann wie Herr von Gerlach die Grundkonzeption meines Buches, die jeden nationalen Eyauvinismus verwirft und in einem Glauben an die Zukunft einer kosmopolitischen — freilich, die nationale Individualität nicht ertötenden — Völkergestaltung gegründet ist, völlig übersehen hätte, daß ihm die klaren und präzisen Schlußsätze meines Buches, in die mein zionistiscl)es Ideal mündet, entgangen wären? „Der Zionismus will das jüdische Volk für den Internationalismus, den Internationalismus für das jüdische Volk frei madp. Letzten Endes kann unsere nationale Befreiung, wenn sie nicht in Chauvinismus ausarten soll, nicht anders als die Befreiung zur vollwertigen Menschwerdung und internationalen Kulturentfaltung meinen." (S. 20S.)... Und nun zum Thema- Zionismus und Antisemitismus. Ich gebe zu. daß ein ehrliches und aufrechtes Bekenntnis zum jüdischen Volkstum (Theodor Herzl: „Wir sind ein Volk, ein Doll"), wie meistens ehrliche und aufrechte Dekenntniffe unterdrückter Volker oder sremdnationaler Minderheiten — z. V. das Bekenntnis von Deutschen zum deutschen Volksstaat in Polen, u. a. — noch immer Gefahren m sich birgt: aber es ist die sittliche Pflicht der Bekennenden, diese Gefahr in Kauf zu nehmen und, gemeinsam mit allen Dorkömptern einer Gerlachs Aufsatz, ans denen wir das Folge neuen Menschheit. Zu bekämpfen. Ich gestehe ferner, daß ein Bekenntnis zum jüdischen Volkstum bedenklicher — im Sinne politischer Opportunität — ist und dem Antisemitismus mehr Nahrung gibt als das Bekenntnis zur jüdischen Religionsgemeinschaft; aber Menschen des Fortschritts, Juden wie Nichtjuden, können daraus nur die Folgerung ziehen, einen heute gegen das jüdische Volkstum gerichteten Antisemitismus ebenso abzuwehren iuic früh ec den religiösen Antisemitismus, der das Judentum vorwiegend als Neligionsgemeinschaft anseindete . . . Jedenfalls lehnen die volkstreuen Juden, die Zionisten, es entschieden ab. Gleichberechtigung mit der Preisgabe des jüdisckM Volkstums zu erkaufen oder zu legitimieren. Und wenn nun Herr von Gerlach sagt: „Hätte Klatzkin wirklich das Recht, im Namen der Mehrheit der öcutfcf>on Juden zu sprechen, so müßte die Judenemanzipation rüagängig gemacht werden": so verrät er eben, daß er noch in jener Mentalität befangen ist. die sich an der religiösen Toleranz wohl Genüge tut: aber zur Forderung nationaler Toleranz sich nicht aufzuschwingen vermag. Ties ist der Sinn meiner von Herrn von Gerlach mißdeuteten Sätze: Tie sogenannten Philosemiten „leugnen die Eristenz des eorpus delicti, die Eristenz des Judentums, glauben das jüdische Volk tot. erklären es als Schattenbild der Vergangenheit, als Gespenst, das nur noch in den Köpfen der Nückständigen und Abergläubigen spukt: sie sehen in uns nur einzelne, verstreute Splitter, unverbundene, auseinanderstrebende Glieder eines längst zersetzen Körpers/ „Wir müsien auch ihre (der Assimilanten) Gönner diskreditieren: es sind die sogenannten Philosemitem Wir haben sie schon kennen gelernt und wiyen. daß Philosemiten nicht Freunde der Juden, sondern Freunde der jüdischen Assimilanten sind." (S. 101 u. 102) . . . Ter Eentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat aus das 80Z-Signal dos Herrn von Gerlach eiligst reagiert und eine beschwichtiie wiedergeben. gende Erklärung im „Dortmunder Generalanzeiger" veröffentlicht. Ich nehme keinen Anstand, dem Eentralvcrein euch an dieser Stelle das Zeugnis auszustellen, daß er von sicher meine Ideen mit aller Entschiedenheit bekämpft hat. Ich würde auch anderen jüdnch^n Vertretungen, die Herr von Gerlach zur 'Stellungnahme aufruft/ gern bestätigen, daß ich nicht in ihrem Namen spreche, nicht einmal im Namen der Zionisten, sondern im Namen des folgerichtig verstandenen^Zionismus: der Idee einer Nenaipance des jüdischen Bolkswms im Nahmen des kosmopolitischen Ideals. Klatzkin Von Dr. Felix Goldmann (Leipzig) Klatzkin fühlt sich durch Hel m u t h von Gerlach beleidigt, und er gebraucht starke Worte. Er spricht von „M ißdeu - tungen, die beinahe an Verleumdungen grenzen"! Hat er dazu einen Grund? Wirft er Gerlach mit Recht vor. er habe sein Buch nicht gelesen und beurteile es aus Grund einiger aus dem Zusammenhänge gerissener Sätze? Nein! Gerlach hat lediglich die Gedankengänge Klatzkins zu Ende gedacht und die Folgerungen gezogen, zu denen sein Lehrgebäude zwingt. Und SUatutn steht erschreckt vor den scharfen Forum, lierungen, in die Gerlach seine Kritik gießt, die aber unanfechtbare Wahrheit sind. Darum wehrt er sich! Klatzkins Buch ist schon vor vielen Jahren erschienen, und die Sessentlichleit hat ihm wenig Beachtung geschenkt. Seine sterilen Konstruktivneu waren so weit von jedem Leben entfernt, daß man im Judentum auf der antinationalen einen Rückhalt auf dem Lande finden können und deren Freizügigkeit viel größer ist. Wir Juden aber, die in einer zweitausendjährigen Leidensgeschichte schon viel Not und Elend ertragen mußten, wir würden uns gegen den Geist unseres Glaubens versündigen, wollten wir trotzdem verzweifeln und alle Hoffnung aus eine Besserung in der Zukunft aufgeben. Darum erhebt sich vor uns die Schicksalsfrage: Was kann geschehen, um die Errungenschaften der Emanzipation zu erhalten und der sozialen und wirtscl)astlichen Abschnürung zu entgehen. Die Antwort auf diese Frage lautet: Die soziale K l u f t, die u n s von u n s e r e n nichtjüdischerl Volksgenossen trennt, muß überbrückt w erden. Dies geschieht nicht durch irgendeine politische Aktion, das heißt durch die Stimmenabgabe für irgendeine politische Partei, noch nur durch Aufklärung, sondern besonders durch individuelle Aktion jedes einzelnen Juden. In diesem schweren Kampfe ist jeder aus sich selbst gestellt. Er muß ihn bis zu Ende durchkämpfen und sein Erfolg ist der Erfolg seiner Glaubensgemeinschaft ebenso wie ein Mißerfolg in diesem Kampfe allen Glaubensbrüdern indirekt zum Schaden gereicht. Tie Massen in diesem Kampfe sind Taktgefühl, Anständigkeit. Lauterkeit, Schlichtheit, Natürlichkeit. Geradheit, Verstand' nis für das Wollen und Fühlen unserer christ' lichen Volksgenossen, die Ausmerzung aller Schlacken, die uns infolge der unvollständig durchgeführten Emanzipation noch geblieben sind. Mrchen wir uns frei von allen polnischen Radikalismen, werfen wir jenen neunrnalweisen, überspitzten Intellektualismus ab! Die Voraussetzungen für den Erfolg dieses Kampfes jedoch können nicht von dein einzelnen geschaffen. sondern müsien durch gemeinsame Bemühung aller österreichischen Juden herbeigeführt werden. Zu diesen Voraussetzungen zähle ich in erster Linie eine bessere territoriale und hierdurch auch soziale und berufliche Verteiluug der Juden. Ich denke natürlich nicht daran, die Juden plötzlich der landwirtschaftlichen Tätigkeit zuzusühren. Dazu müßten erst die physischen Voraussetzungen geschaffen werden. Wohl aber glaube ich. daß das Leben ans dem Lande, der innige Kontakt mit der Landbevölkerung, die ja mehr als die Hälfte der Bewohner Oesterreick-s ausmacht. zu einem besseren gegenseitigen Verstehen und. wenn auch vielleicht erst in der nächsten Generation, zu einer vollkommenen Verschmelzung mit der Scholle führen wird. Auf diese Weise werden wir auch einen tüchtigen und gesunden, einen ausrechten und glaubensstarken Nachwuchs schaffen von jüdisch, deutsch und österreichisch fühlenden Menschen, der sich im gegebenen Zeitpunkte als wertvolles Glied eingliedcrn wird können in das deutsche Judentum und hierdurch in die Gesamtheit aller Deutschen, denen wir nach Sprack)e. Kultur lind Gesittung ebenso verbunden sind, wie wir von ganzem Herzen und mit unserer ganzen Seele dem Glauben unserer Väter anhängen.