Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5$ c i\ - : V' : *■' f - der „doppelten Volkszugchörigkeit"', das uns bereits so die! Schien gebrach: hat, ab. Wir bekennen uns rückchalrslos zu Oesterreich und zum deutschen Volke, an dessen kulturellem und wirtschaftlichem Aufbau unsere Väter und Großväter mit gearbeitet haben und an dem wir ungeachtet aller Anfeindungen Weiterarbeiten wollen. Allerdings haben wir bisher von dem Rechte auf unsere Heimat nicht immer den richtigen Gebrauch zu machen verstanden, indem wir es verabsäumt haben, uns nach unserer Politischen Emanzipation, nach dem Falle der Shettomauern räumlich, gesellschattlich und beruflich so zu verteilen wie unsere nichtjüdischen Mitbürger. Vor ihrer Emanzipatton waren die österreichischen Juden ebenso wie ihre Glaubensgenossen in allen übrigen europäischen Ländern auf den Händler-, Hausierer-, Geldwechsler- und Geldverleiherberus angewiesen, da ihnen der Erwerb von Grund und Boden oder die Ausübung irgendeines Handwerkes verboten war. Und heute sind noch immer mehr als die Hälfte der österreichischen Juden im Handel und Geld- Verkehr tätig. Ungefähr ein Tritte! betätigt sich im Gewerbe und. in der Industrie, d-er Rest in öffentlichen Diensten und freien Berufen, während kaum ein halbes Prozent in der Laud- und Forstwirtschaft tätig ist. Ebenso wie eine Volkswirtschaft krisenhaften Erschütterungen um so leichter wird widerstehen können, in je höherem Blasse sie sich selbst zu gelungen vermag, je weniger sie somit von anderen ^abhängig ist, so wird auch eine soziale Gemeinschaft innerhalb dieser Volkswiirschaft. mag sie nun durch religiöse oder andere Bande verbunden sein, eine gesundere und Widerstands fähigere Stellung einnehmen, je reicher ihre wirtschaftliche Angliederung ist; d. h. je gleichmäßiger sie sich aus alle Berusszweige verteilt. Gerade das Umgekehrte ist jedoch bei den österreichischen Juden d-er Fall. Hier hat seit dem Kriege eine Rückbildung des wirtschaftlichen Emanzipationsprozeffes Platz gegriffen. Immer mehr Juden wurden auf die kaufm ä n n i s ch e u Berusszweige zurückgedrängt, irr denen sie nunmehr unter wesentlich ungünstigeren Bedingungen als vor dem Kriege tätig sind. Einerseits hat sich der Geschästsmnfang infolge der wirtschaftlichen Zerschlagung der Dlonarchie und des Rückganges der Ein- und Ausfuhr sowie der Kaufkraft der Bevölkerung absolut verringert, anderseits ist auch das relative Einkommen der im Ceschäftsleben tätigen Juden gesunken, da das verringerte Handelsvolumen eine vermehrte Anzahl von Familien ernähren muß. Hinzu kommt, daß die österreichischen Juden ihre gehobene wirtschaftliche Position in Handel und Industrie immer mehr einbüßen. Zunächst aus rein sachlichen Gründen, die in der immer stärkeren Abkehr vom wirtschaftlichen Liberalismus, dem Prinzip des freien Handels und der freien Konkurrenz, und der zunehmenden wirtschaftlichen Konzentration. Vertrustung und Vergenossenschaftung gelegen sind. An die Stelle kapitalistischer.Erwerbsuuternchmuugen treten bürokratische Verwaltungsorganisationen, in denen die leitenden Stellen aus politischen oder geschäftlichen Gründen von Nichtjudcn besetzt werden. " In dem Maße, als der Kommerzicttismus durch den Bürokratismus verdrängt wird, schwindet die Erfolgsmöglichkeit dcs selbständigen llnternehmertums, das immer mehr durch ein wohlorganisiertes und gegen Juden immer exklusiveres Beamtenkum erseht wird. Tas gleiche gilt vorn nicht selbständigen'jüdischen kauftuännischen oder technischen Angestellten. Finde: infolge Fusionen oder Betriebseinschränluugon, im Zeichen einer absteigenden. Winschafrskurve und zunehmender Rationalisierung immer häufiger ein Angcstelltenabbau statt, dann muß oft der jüdische Ingenieur, Buchhalter oder Disponent daran glauben. Zahllose jüdische Menschen suchen sich als Provisionsvertreter für irgendeinen unmöglichen Artikel, als Inseratenakquisiteure für irgendeine ungelesene Zeitung, als Versicherungsagenten oder Inkassanten fortzubringen. Ich schätze die Zahl dieser jüdischen Existenzen aus e:wa 10 Prozent der Wiener Juden, also einschließlich ihrer Familienangehörigen rund 20 000 Personen. So ist der jüdische „Torfgeherch jener Aermste der Armen aus der Judengasse der Chettozeit in Oesterreich, wiedererstanden, nur mit dem Unterschied, daß aus dem Dor'geher ein ..Sw.dtgeher" geworden ist. Ein Teil der Abgebauten macht sich selbständig und gründet mir der Abserttgnugssumme oder mit erspartem oder entliehenem Eelde ein kleines Geschäft, und so kommt es, daß trotz Absatzverminderung kleine und kleinste Läden wie Pilze ans dein Boden sprießen. So z. B. hat die Zahl der'Lebensmittelgeschäfte in Wien in den lernen drei Jahren um 3000 zugenommen, bezeichnend, weil der Lebensmittel- Handel znm großen Teil in jüdischen Händen ist. Hierdurch wird der Konkurrenzkampf im Kleinhandel, der in'olge des Ratenzahlungs- Unwesens meist aus den: Wege der Einräumung von Zahlungserleicheerungen geführt wird, immer heftiger. Zahllose jüdische Existenzen bleiben auf der Walstatt dieses Wirtschaftskampfes, nachdem sie ihren letzten Groschen aufgebraucht haben. Es handelt sich lchlich um die langsame Verdrängung der Juden aus allen bürgerlichen Berufen und ihre Herabdrückung auf die Stufe des „Lumpenproletariats". Tazu tut der A n - tisemitismus das seine. Charakteristisch hierfür sind die Rubriken „Offene Stelleil" und „Stellengesuche" im Inseratenteil der Tages- und Fachzeitschriften: „Bauingenieur gesucht, Arier wollen ihre Adresse angeben, usw."; „Arischer Buchhalter wird ausgenommen, usw.'; „Magister der Pharmazie, nur Arier, usw/ Aus der anderen Seite weiß ein junger RechtsanwalLsanwürter als Ormlifikation für sich nichts anderes anzuführen, als daß in seinen Adern kein jüdisches Blut rollt, und ein absolvierter Diplomkauftnann glaubt, daß ihm seine „Rafsenreinheit" allein schon den Weg zum kaufmännischen Erfolge sichert. Warum muß ein Bauingenieur, Chemiker, Rechtsanwalt oder Tiplomkaufmann ein rasscnreiner Arier sein, wenn er hier überhaupt eine Stelle finden will? Gibt es eine jüdische oder arische Baumaterialienkunde, Chemie, Jurisprudenz oder doppelte Buchhaltung? Tie Antwort aus alle diese Fragen kann aber nicht allein durch den Hinweis auf den in der Tat auch hier in Oesterreich in letzter Zeit erschreckend anschwellenden Antisemitismus gegeben werden. Es handelt sich vielmehr um ein viel komplizierteres Psychologisches und soziologisches Phänomen, dessen Wurzeln sowohl in der seelischen Haltung der Nichtjuden als auch der Juden gelegen sind und das im Antisemitismus, wie er sich im polirischen Leben manifestiert, nur krassere Formen angenommen hat. Der Grund liegt darin, daß die Emanzipations- und Assiinilationsbewegung der Juden in Oesterreich eine bedauerliche Rückbildung erfahren hat, obwohl sie selbst, auf ihrem Höhepunkt angelangt, noch weit von der Erreichung ihres Zieles, der vollständigen sozialen und beruflichen Emanzipation, entfernt war. Roch allzusehr lasten die schlacken einer jahrhundertelangen Unterdrückung auf zahlreichen Juden, als daß sie im Verkehr mit Nichtjuden jene Unbefangenheit, Schlichtheit und Würde anjbrächten, die notwendig ist, um sich Achtung und Sympathie zu erwerben. Es mangelt Manchen von uns das Verständnis für die Eigenheiten und Stimmungen der christlichen Bevölkerung, jener innige Kon-! takt, der nur durch jahrelange Beziehungen l bestehen kann. Auf der Seite der Richtjuden ist cs vor allem eia durch schmerzvolle Erlebnisse erweckte Empfindlichkeit, ja lieberempfindlichkeit in nationalen Dingen, das Streben nach Erneuerung der völkischen, gesellschaftlichen und religiösen Bindungen j nach deren Auflösung und Zersetzung durch | fcte Ereignisse der Nachtriegs'eit, ein an und [ für sich vollkommen berochttgws Streben, das! sich, mögen aclch manche Juden (wie Nichtl juden) ihm verständnislos gegenüberstehen. | durchaus nicht in Judamcindschaft zu manifestieren braucht. Jedenfalls ergeben sich so mannigfache Mißverstäudnisst, die sich allmählich anhäufen. Es bildet sich eine seelische Scheidewand zwischen uns und unseren christlichen Mitbürgern und schließlich eine tiefe soziale Kluft, welche nur schwer zu überbrücken ist. jedoch noch iimuer durch Takt und Feingefühl überbrückt werden kam?. Leider lassen einige wenige, jedoch an prominenter Stelle tätige Schriftsteller, Politiker und Journalisten jüdischer Abstammung diesen Takt vermissen. Tie Juden, mit denen sie meistens nur mehr durch ihre Abkunft verbunden sind, werden durch ihr Verhalten schwer geschädigt. Natürlich haben dann die cuttssemitifthen Hetzer bei einer leichtgläubiger: und zu Verallgemeinerungen geneigten Bevölkerung gewonnenes Spiel, zumal sich die Kunde von solchen Taktlosigkeiten mit Windcscfte verbreitet und dann immer „den Juden" ancekreideL werden. Tiefe soziale Kluft ist es, welche das schwerste Hindernis der wirtschaftlichen Entfaltung der österreichischen Inden darstellt. Ter Kontakt zwischen Juden und Nichtjuden nimmt in geradezu erschreckendem Matze ab. Schon in der Mittelschule beginnt die Separation der jüdischen von den nichttüdischen Schülern. Tie Zustände an den Hock)schulen sind in Oesterreich hinsichtlich Antisemitismus viel ärger als an den reichsdeutschen Hochschulen. Bald werden auch die letzten jüdischen Proftssoren gestorben, pensioniert oder abgewarrdert sein. Im Staatsdienste werden kaum mehr Juden angestellt. während die noch aus der Vorkriegszeit stammenden jüdischen Staatsbeamten infolge Erreichung der Altersgrenze immer weniger werden. Tas gleiche gilt vm der Rechtsprechung. Obwohl die Objektivität unserer Richter, auch daun, wenn sie persönlich den Juden nicht sympathisch gegenüberstehen, glücklicherweise über jeden Zweifel erhaben ist, so hat dies dennoch für die jüdischen Rechtsanwälte schwere Ilebelstände im Gefolge, da sich das reck)Lft:chende Publikum und selbst manche einen Anwalt in Anspruch nehmende Juden von der Vertretung! durch einen „arischen" Mvoktten mehr Erfolg! versprechen. Aber auch tk Not unter den jüdi- 1 scheu Aerzken ist groß. Ta ein Unterkommen auf dem Lande für sie masgesckckossen ist, bleiben die rneisten in Wien. Hier aber loirb der frei praktizierende Arzt immer mehr durch den Krankcnkasscnarzt ersetzt, dessen Anstellung! meistens von parteivolitischen Gesichtspunkten! abhängt. Für jüdische Ingenieure, Chemiker, Werkmeister usw. ist das Unterkommen in der Industrie infolge der hier herrschenden Sinnesart fast ausgeschlossen, und falls ein Unterkommen gelingt, so ist ein Weitcrkommen er schwert. Durch die furchtbare Wirtschaftskrise, deren Tiefpunkt wir leider noch inaner nicht erreicht zu haben scheinen, werden zahllose jüdische Arbeiter und Handwerker ihrer Erwerbsmöglichkeit beraubt. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit treffen sie viel schwerer als ihre nichtjüdischen Genossen, hk immer noch irgend-?