Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 6 (6.2.1931)
- Date
- 1931-02-06
- Page
- Seite 57 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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i i;! u i. M 1 I I \ i I n omm omvm „__MMmm ms$ Juimmum. r-'7 - —7 Herlrn, 6 Jebruoc 1933 X. Jahrgang ♦ Sir. b Einzelnummer ^Pfennig /V XN ■ i c ö v ö r; i - f l X,; v y.. V"'" ■v DierteliahrsabonncniLNt 2,50 NM. (zuzög!. ScficLgslD}. mutz öss/ LLOMKbDM'MvIsAZlL OlDNLZNK^K Allgemeine Zeitung des3udenfums ß«faauiit> Sdjriftlcttuno: Berlin W 15, Gmfer Str. 42. Fernspreäec: J2 0üoa 5074. .:. ^orr'i^for.fo: SsrTir. 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Dank, DeposiLenkass- L 2^ Drrlin.ÄUmersdorf 4, OahenzoZerndannn 193, rind von (?olo'nnndt - Notlrsnitd L Co., B:rlin ^'8. Alleinige Anzeiqcnannabine: Annoncen.Expedition Nndolf Llofse, Berlin ZV/ 100, und deren n^liaien. ^nzeiZrnor-eise: 0,00 J:Jt für die Igespaltt-ne Zeile nach Rudol' Mones Normalzeilenmesser Nr. 4, Fauiilienan-eigen und Stellengesuche (nncht StellenangeboLe) für LMgiieder des Centrcrlvereins 0,45- JIM, die 62 rum breite Neklaaiezeile 3J>0 mM Zur fsZiMZW NAd rÄEchEWch-m §aW 6§ft§TV§W mm §ShTS MNh WKVNNWD Don vn. Mi!, et rer. pol. §vcniZ Isfef Weitz (Wien) Tie Republik Oesterreich besitzt einen Flächenrcrum von 83 8-33 Quadratkilometern und eine Bevölkerungszahl von 6 533 363 Seelen. Der israelitischen Glaubensgenreinschajt gehören 230(»00 Menschen an, von denen sich rund 200 000 in Wien aufhalten. Da die Bundeshauptstadt einen Flachenraum von 278 Quadratkilometern und eine Ginwohnerzahl von 1865 780 Menschen besitzt, drängen sich 87 Prozent der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs auf dem schmalen Raum von einem Drittel des Gesamtslächenraumes zusammen und machen hier 10.80 Prozent der Bevölkerung aus. während 13 Prozent aus dem Lande leben und 0,64 Prozent der Landbevölkerung ausnmchen. Doch auch diese wohnen zum überwiegenden Teil in den Provinzhauptstädlen und größeren Provinzorten, während die kleineren Ortschaften und Dörfer fast judenleer sind. Es ergibt sich somit, daß Oesterreich ein außerordentlich judenarmes Land ist. jedoch mit einer Hauptstadt, deren jüdischer Bevölkerungsanteil in gar keiüem Verhältnis zum jüdischen Vevöllerungsanteil der Gesamtbevölkerung und zumal dem der österreichisckzen Provinz steht. Ja selbst in Wien drangt sich die jüdische Bevölkerung in vier Bezirken zusammen, die ins" gesamt mehr Juden beherbergen als alle übrigen siebzehn Bezirke zusammen. Diese Erscheinung bietet für d!e jüdische Bevölkerung mancherlei Gefahren und Uebelstände. Zunächst in bevölkerungspolitischer Hinsicht. Für jede Großstadt ist nämlich das flache L-and dle Quelle der Verjüngung, aus der sie immer wieder frtfci>e Kräfte zu schöpfen in d-er Lage ist, wenn die eigenen infolge der typisch großstädtischen Entartung nachzulassen beginnen. Was für Wien das flache Land war. das bedeutete für die Wiener Juden die jüdisch? Dorfbevölkerung Böhmens, Mährens. Ungarns und der Slowakei, deren Ausdauer. Fleiß. Zähigkeit. Familiensinn und Glaubenstreue ein unerschöpfliches Reservoir der körperlichen und seelischen Erneuerung vor dein Krieg? gewesen sind. Der Krieg jedoch kettle nich*. nur eine unvermittelte Und große Zuwanderung von Juden aus den östlichen Ländern der ehemaligen österreichischungarischen Monarchie, vor allem aus Galizien und der Bukowina, mit sich gebracht, sondern zugleich auch den Zustrom aus Ländern wie Böhmen. Ungarn usw. unterbunden. Da nun die Ostjuden trotz' der Leidem und Entbehrungen, die der Krieg für sie im Gefolge hatte, trotz des plötzlichen Herausgerisienseins aus ihrer gewohnten Umwelt mit außerordentlicher Zähigkeit an den gewohnten Lebensformen sefthalten. ist ihre organische Eingliederung in die ursprüngliche Wiener Bevölkerung bisher nur in einem beschrankten Umfange möglich gewesen. Dies führte zu einer Ungleichheit innerhalb der Wiener jüdischen Bevölkerung, die mancherlei Spannungen im Gefolge hatte. Infolge der ungebrochenen Lebenskraft, die sich diese mehr oder weniger abgeschloffene ostjüdische Bevölkerungsschicht trotz aller Schicksalsschläge bewahrt hat. wurde die eingeborene jüdisä-e Bevölkerung zurückgedrängt. Die Folgen dieses Zustandes zeigen sich bereits deutlich in der Bevölkerungsbewegung der Juden Wiens. Bei Neichen und Beffersituierten der Mittelschicht führen kulturelle Jleberfeinerung und bedrohlich anwachsende religiöse Gleichgültigkeit oft zu Abfall. Taufe, Mischehen, sterilen Ehen und Ehelosigkeit. Betrug die Zahl der auf 1000 jüdische Einwohner Wiens entfallenden Geburten im Jahre 1900 noch 22.17, so ist sie nunmehr auf 13.93 für das Jahr gegenüber 16.10 der nichtjüdischen Wiener Bevölkerung herabgesunken. Da sich in diesem Zeitraum die Zahl der Todesfälle für das Jahr und 1000 von 13.4 auf 14.8 vermehrt l)at. steht einem Geburtenüberschuß von rund 10 im Jahre 1900 ein Eeburtenpnssivum von 1 gegenüber. Bei den minderbemittelten Schichten des jüdischen Mittelstandes, die ebenso wie die jüdische Arbeiterschaft immer mehr proletarisiert werden, führen die furchtbare Rot der Zeit und die Unmöglichkeit, einen Hausstand zu gründen, in hohem Maße zu gewollter Geburtenbeschränkung, ja zur vollkommenen Kinderlosigkeit. So kommt es. daß das Heiratsalter bei den eingeborenen Juden im Gegensatz zu früheren Zeiten und zu den Ostjuden ein viel höheres ist als das der Nichtjuden und das Alter der Erstgebärenden ständig anwächst. Tie Gefahr, welche das Fehlen einer landschaftlichen Grundlage für die jüdische Bevölkerung Wiens bedeutet, hat der Z i o n i s in u 3 richtig erkannt, der daMSchlagwort vom. „Volk ohne Land" geprägt hat. Ter Weg jedoch, den die Zionisten eingeschlagen haben, um dem von ihnen erkannten Uebelstände zu steuern, war gerade der verkehrte. Statt die Juden inniger in der lebens- und kraftspendenden österreichischen Scholle zu verwurzeln, haben sie diese zu entwurzeln und ihrer Heimat zu entfremden versucht, ohne auch nur im entferntesten in der Lage zu sein, einen Bruchteil der von ihnen seelisch Entwurzelten und Politisch Isolierten eine neue Heimat bieten zu können. Hierdurch haben sie zahlreiche Juden und — was das besonders Tragische ist — gerade die ideal gesinnte und begeisterungsfähige Ingen) in Verzweiflung gestürzt und das Judentum dadurch, daß sich die nach dem Zusammenbruch ihrer Ideale seelisch und örtlich Heimatlosen nunmehr ganz von ihm abzuwenden beginnen, schwer geschädigt. Statt aus der Erkeuntnis der Gefahr, wekcbe die Loslösung des Judentums von der Scholle für dieses bedeutet, die einzig richtige Konst, quenz zu ziehen^ das Werk der poli. tischen Emanzipation dadurch zu Ende zu führen, daß durch innigste landschastliche Verwurzelung der Juden auch die s o - ziale Emanzipation erreicht werde, arbeiten Zionisten Inständig an dem langsamen Llbban der Errungenschaften, welche unsere Väter in heißem Bemühen erreicht und uns als Vermacht, ms Hintertassen haben. Wir lehnen jcdes Spiel mit der ..doppelten Heimat" el>enso wie das mit AUS DEM INHALT: Felix Goldmann: Klatzkin S.59 Pr >fessor Dr.Erik Nölting: „Deutscher Sozialismus“ . S. 61 Unsere Leser schreiben . . S. 63 Rabbiner Dr. Lehmann: Rings um Rembrandt ... S. 65