Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-01-30 · 5 (30.1.1931) · p. Seite 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
5 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
Seite 50 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277891--06515-2287341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

50 Zn Wechten Zeilen: erst recht C. D. ReiseeindrüÄe von Urtur Schweriner KaiscrslanLcrtt, Mitte Januar. Ist es ein Wunder, das; der E. B. in der Pfalz seine treuesten Freunde har? -vier wird unsere Synthese Deutschtum und Juden nun seit Jahrhunderten gelebt. Als in L a n d u n nach meinem Bortrag ein junger, nauonaljüdischer Diskussionsredner über die ^Phraseologie" dieser Synthese und die falsehen Ate!Hoden des E. D. philosophierte, sah ihn die gesamte Zuhörerschaft verständnislos an. Bor allem auch die Fugend. Und wir haben in Landau eine starke deutschjüdische Fugendgemeinschaft, gut geführt, und, wie alles in der Pfalz, frisch und echt. Landau gibt lebendigen Anschauungsunterricht, wie verheerend die WirNchastsnot unserer Tage in deutschen Landen wütcr. ^ie hat dieser ehemals reichsten Stadt der Pfalz ihren Stempel ansgedrückt und selbstverständlich auch der jüdischen Bewohnerschaft. Die Stimmung in der stark besuchten ti. B.-Kuudgebung — etwa 200 Zuhörer — kann man iim besten mit den Worten kennzeichnen: „Und in schlechten Tagen erst recht E. B.!" 'Auch die „Alten" werden in Landau von Weiler und Kommerzienrat Joseph gut beraten, lim sie sammelt sich treue Gefolgschaft. Kaiser Z lauter n. Graue Alltagsarbeit hüllt die Stadt ein. Und doch Berständuis, viel Berständuis auch für die Notwendigkeit, p o - li risch arbeitsam zu sein. Die ganze Gemeinde — über 500 Personen — gab sich ein Stelldichein, als der (5. B. ries. Und zwei Stunden lang hörte mim mit Jnterene einem politischen Bortrag zu. Wie sich die Zerren ändern' . Der glänzende Bersammlungsln stich war zugleich die dankbare Anerkennung für die unerschrockene und unermüdliche Arbeit, die Rechtsanwalt K ehr, der ehrenamtliche Geschäftsführer unseres Pfälzer Landesverbandes, in der Weihnachtszeit gegenüber Boykottversuchen der NSDAP, geleistet harte. Der E. B. - Vorsitzende, B l u m, konnte stüstellen, das; die jüdische Kaufmannschaft in Kaiserslautern nnt herzlicher Dankbarkeit anerkenne, wie Kehr mit eisernem Besen ausgekehrt habe, als die 'Nazis die Stadt mit Flugblättern: „Kauft nicht bei Juden!" überschwemmen wollten. (5. B.-Führer, die arbeiten, sind beliebt und haben grenzenloses Vertrauen. Klagt nicht, ihr Vorsitzenden im Lande, wenn man euch nicht Gefolgschaft leistet. Nur die Leistung verpflichtet. „Große Spruch'," wie man in der Pfalz sagt, „können die fTeinfte Leistung nicht ersehen!" In Landau Weiler s e n. Vorsitzender des (5. V., in L u d w igshasen Rechtsrat Weiler j u n. Tie (5. V.-Leitung in Ludwigehasen hat es nicht leicht. Ludwigshasen ist in sich nicht abgeschlossen. Jenseits der Brücke — M annhei in. lind die Gefahr der Zersplitterung literarischer und politischer Interessen ist hier besonders groß. So wird mau auch hinsichtlich der Einschätzung des Bersammtungsbesuches bescheiden. Daß der geräumige Saal des Gesellschaftshauses überfüllt war, begeisterte unsere Freunde. Und doch sind 2<«) Besucher für Ludnsigshaseu nicht viel. Tie Jugend fehlte. Und um in der Pfalz jüdische Jugend int (5. B. fehlt, hat man sich nicht genügend um sie gekümmert, denn Nationaljudcntnm finbet hier keinen Platz. Daß der (5. V.-Abend in Ludnsigshafen erfolgreich verlies, lootlen Ivir gewiß dankbar anerkennen. Aber „Jugend heraus!" muß die Parole der nächsten Zeit sein! lind man sollte sofort zum Emmnetn blasen. Km die Girr Interview mit Rabbiner Munk Der Zurückgewiesene Rembranöt Der Vorsitzende des Büros für ^chächtanaelegeuheiten in Berlin, Nabbiner Tr. E. Munk, gewährte kürzlich eim'in Vertreter der jüdistben Telegrapheuagentur (Fta) ein Interview über den gegenlvärtigen Stand der Schachtfrage in Dcutschlan'd, die durch die n a t i o rr a lsozial: st i s ch e n S ich ä eh t v e x b o t s a n - r r ä g c in vielen deutschen Ländern zu politischen Auseiu.auBersetzungeu geführt habe. Dr. Bluuk verwies daraus, das; das jüdische Religionsgesetz möglichste Vermeidung jeglicher Tierquälerei bei der Niederleguug fordere. Jede technische BervoukomInnung aus diesem Gebiet, wie sie z. B. der auch von den zuständigen Behörden als „eminenter Fortschritt" bezeichuete W e i tili e r g - Apparat darstelte, sei daher zu begrüßen. Die Einführung eines allgemeinen Betänbungsgcsctzes, d. h. ein Schächtverbot, bedeute einen Eingriff in die Gewissensfreiheit der deutschen Juden. Es sei eine Irreführung der Sesseutlichteit, wenn mau schächtgegnerische Anträge nicht mit einem Schächtverbot, sondern mit der Forderung der Boruahme vorheriger Betäubung der Schlachttiere begründe. Im Preußischen, badischen und hessischen Landtag seien nationalsozialistische Schächtverbotsanträge abgelehnt worden. Lediglich in Bayern habe man im vorigen Jahre ein Gesetz zur Eiusührung des Betäubungszwanges angenommen, aber schon jetzt zeigten sich d; ä d i g u n g c n u n d w ü r d e n K l a - g e n der L a n d w i r t s ch a f t und d.e § Fleisch e r g e w erbos l a u t. £b überhaupt auf Grund der geltenden Bestimmungen der Neichsverfassung eine landesgesetzliche Regelung zulässig loäre, sei ziveiselhast. In Anbetracht der über Deutschlands Grenzen hiuausgeuenden Bedeutung der Schächtfrage hätten sich in den letzten Jahren an den lausenden Arbeiten die großen jüdischen Zentralorganisationen wie der.E e n t r a l v c r e i n und die beiden preußischen. Landesverbände durch Entsendung eigener Delegierten, ferner die Rabbinerorgannatioucn unb die nichtpreußischen Landesverbände durch gelegentliche Mich Ast beteiligt. Aus Grund unserer eigenen Iluterrichtuug unterstreichen wir-die Feststellungen Dr. M u n k Die Arbeit, die der E. B. in Gemeinschaft mit dem Büro für Schächtangelegenheiten in dieser für das gesamte Judentum wichtigen Frage leinet, läßt sich begreiflicherweise in ihren Einzelheiten nicht darstellen, hier wird eine opfervolle Tätigkeit entfaltet, die jllden Tank und jode Unterstützung verdient. Numerus clausus iu Gießen. Ter hessische Kultusminister Adelung (SPD.) hat einen Erlaß gegen die Ueberfütlung des höheren Lehrfachs herausgegeben. Tie noch staatlich anerkannte Gießener Studentenschaft nimmt diesen Erlaß als günstigen Borivand, den numerus clausus gegen studierende der „jüdischen Aaste" .zu beschließen. Tabei gibt es in gaiiz Hessen nur zwei jüdische Anwärter für den höheren Schuldienst, so daß selbst der Böswilligste von einer „Zurückdränaung des deutschen Volkstums zugunsten des Judentums" nicht reden kann. Tie philologische Fachschnst hat daraufhin gegen den demagogischen Beschluß Stellung genommen. Wegen dee Berfassungsividrigleit des Beschlusses hat die hessische demokratische Bereinigung bereits die Zurückziehung der staatlichen Anerkennung im Landtag beantragt. Ter antisemitische .Kurs der Gießener 3tubeutenfcl>aft zeigte sich bereits letzthin, als man einen jüdischen Sttideuten zu einem Ehrenamt mit der Begründung ablchme, daß er kein Deutscher sei. Dieser Student ist ein von den Franzosen w e g e n seiner d e u t s ch e n G e s i n n u n g aus Straßburg ausgcwiesener Elsässer! Die Kasseler staatliche Galerie besitzt Nembrandts Meisteriverk „Der Segen Jakobs", ein lveltbekanntes Bild, das im vorigen Jahre als Leihgabe im Berliner Museum ausgestellt voar und von Zehntausendeu in Ehrfurcht bewundert wurde. Unter Aufbringung großer Spier wollte der Kasseler Kunstverein seinen 'Mitgliedern eine Freude bereiten und lies; in einer Münchener KunstaustalL von Josefs Frau einen Vierfarbendruck Herstellen, der statt für 40 Mark für Mark abgegeben werden sollte. Diesem Angebot folgten mehrere Ablehnungen, die in mehr oderweniger schönen Worten sagten, m a u w o l 1 e fei u Bild eine r I ü d i n i m h a n s e h allen . . . Engstirnigkeit und Beschränktheit ist nur ein Kapitel iu dem großen Buche der menschlichen Dummheit, zu dem fast ausnahmslos jeder Tag eine neue Seite hinzufügt. Dummheit kann tragnch sein, wenn sie der erleiden muß. gegen den sie sich richtet. Sie nsird aber zur Groteske, wenn sie sich gegen den rückwendet, der sie übt. Nemvraudt nsird es nicht auszuleiden haben, wenn sein Werk in Frage gestellt rverden soll, nur weil einige seiner Gestalten aus dem Umkreis biblischer Stoffe und jüdischen Lebens entnommen sind. Tie Tummheit der Anwüne richte: sich wlbst: mit Notivendigkeit wendet sich ihre Spitze gegen den Angreisenden zurück und venvundet ihn mit tödlichem Spotte. Ter Kasseler Fall ist ein Schulbeispiel eines solchen Umschlages der Tummheit in das Groteske. Das „Bild der Jüdin", das Ncmbraudt in der Gestalt der „Asnath" gegeben haben wi!. — es ift. wie es sich zeigt, kein jüdisches Frauenllild. Denn die Forschung ist dev Geschichte dieser Figur nachgegangen und da ergibt sich, wie das „Kasseler Tageblatt" darlegt, die ebem'o merkwürdige voie bezeichnende Tatsache, daß Josephs Asnath gar keine Jüdin, sondern eine Tochter Aegyptens nmr." Ein Theologe hat sich einmal die Blühe gemacht, den Dingen aus den Grund zu gehen. Er schlug die Josephsgeschichte nach und fand im ersten Buch Mosis, Kap. 14, Bers 45, folgendes geschrieben: Pharao gibt seinem Geheimrat Joseph Asnath, die Tochter Potiphars, des Priesters zu Sn, zur Frau. Sie wird dann die 'Mutter Ephraims und Manastes. ist aber, wenn man die Sache scherzhaft auizicheu voollte, eine geborene Potiphar. Sb sie derselben Familie angehörte, mit der Joseph das peinliche Mantel-Abenteuer hatte, das haben die Gelehrten noch nicht ergründet. Uebrigeus kommt auch in einem alten Kirchenlied Paul Gerhards Frau Asnath vor. Es heißt da: Jakob flieht vor Esaus Schwert Und trifft seine Nahet au, - Joseph dient auf fremder Erd Und nsird Asnath Herr und Mann . . . „Ncmbraudt kannte", so schreibt der alte Theologe am Schluß, „das Neue und Alte Testament vortresilich. Asnath kann gar kein anderer als Nembrauot gemalt haben. Ich freue mich über das Bild." Erwähnt sei noch, daß in der ganzen Anlage des Bildes die Frau Josephs eine mehr passive, von den anderen Figuren des Gemäldes abiveichende, Haltung einnimmt, so daß auch hierin Nembrandt genau nmßte, um ivas es sich bei der Asuaht handelte. Hierzu kommt noch, daß auch das 'Modell der Frauenfigur loahrsisieiulich eine Dame der Amstcrdamcr Gcstllsthu't gewesen ist. Es wäre also nicht nur vornehmer, sondern auch siuhstmdiger gewesen, wenn diejenigen, die das Bild alllehnen zu müssen glaubten, ihren Nefus iu etivas andere Worte gekleidet hätten' Nichts, als ein trauriges Kopsichüktetu. nichts als ein etwas bitteres Lachen bleibt nach diesem Bericht über den Kasseler Nembrandt-Sturm.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.