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Central-Verein-Zeitung · 1931-01-23 · 4 (23.1.1931) · p. Seite 38

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
4 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
Seite 38 (sequence 6)
Language
German
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ZK €rfnhwgen eines JMMen Hehlers zürn Zhma „Xtossikerfsindsdifffi“ Die sogenannte „Klassikerfcindschaft" ist in -Klaffen, in denen von einem „überwiegenden! jüdischen Einstuß" keineswegs gesprochen werden kann, in unverminderter stärke zu beobachten. An einer Berliner höheren Lehranstalt .wurden in zwei Sberklassen exakte Untersuchungen angestellt. Die Schüler wurden aufgesoredert, sich offen über ihre Einstellung zur altecren denffäM Literatur zu äußern. Tie beiden;Klaffen, in denen ein christlicher, politisch rechtsigerichteter Lehrer den Deutschunterricht erteilt, .umfassen zusammen 61 Schüler, darunter vier , Juden; von einer „Verjudung" kann also nicht - gesprochen werden. Alle j51 Schüler betonten . chr weit größeres Interesse an der modernen i Literatur, 53 von 61 erklärten, zu der alteren .Literatur nur schwer ein inneres Verhältnis gewinnen zu können, und suchten ihre „Ablehnung" zu begründen. Die meisten bezeichneten 'fcie Probleine der älteren Literatur als „zu fern liegend", sie hätten zu wenig Beziehung zur heutigen Zeit. Andere meinen, moderne .Bücher seien „weniger weitschweifig", bei den Klassikern sei die Einleitung so breit, man müsse eerst zu viel lesen, um aus den „Kern" vorzirj stoßen. Herr Havenstein schreibt: „Wie sollen :deutsche Juden ein Stück unserer Vergangenheit s sich wahrhaft zu eigen machen können, an denen; sie, ihre Vorfahren, gar keinen Anteil gehabt : haben'/ Wie erklärt es Herr Havenstein denn aber, . daß gerade deutsche jüdische G e l e h r t e wie Gundolf und Friß strich nch um das Verständnis und die Verlebendigung der älteren deutschen Literatur anerkannterweise die größten Verdienste erworben haben, und daß i jüdische Theaterdirektoreu die schönsten Klassif keraussührungen inszeniert haben. Bei der .oben erwähnten Rundfrage gab ein nichtjüdckcher -Schüler die Antwort: „Als die klassischen Dramen in der Schule durchgenommen wurden, .konnte ich mich nicht für sie begeistern, sie schienen mir ,verstaub/. Erst seitdem ich Ausführungen von Reinhardt und Jeßner gesehen;habe, wurde ich .gepackck und innerlich mitge- - rissen." Die vielberusene „Klassikerseindschaft" der .heutigen Schüler, die an sich nicht zu bestreiten ist, hat tiefere Gründe, als Herr Havenstein meint. Tie Bildung der klassischen Zeit ist vorliegend philosophisch-ästhetisch-antikisierend emgestellt. Heute ^überwiegt eine mehr marhe- . matisch-naturwiffenschascüch-technische Richtung; das zeigt auch der Rückgang des humanistischen Gymnasiums in den letzten Jahrzehnten. Tie soziologischen Voraussetzungen für das Kulturideal sind heute andere als im 18. Jahrhundert; deshalb wird mit Notwendigkeit das klassische Weltbild zurückgcdrangt. Mit dem Einfluß jüdischer Schüler hat das nichts zu tun. Die Interessen aller Schüler sind in starkem Maße auf Sport. Tcchnik und auf Politik gerichtet; es bleibt Aufgabe der Schule, gegenüber diesem praktischtechnischen „Zuge der Zeit" bei den Schülern ein wahres Verständnis der philosophisch-äsrhetischen Kulturwcrte zu erwecken. wie sie die deutsche klassische Dichtung und die Philosophie des deutschen Jdealism'us in unvergleichlicher Weise gestaltet hat. Gerade der jüdische Lehrer hat hier eine besonders schöne nnd lohnende Aufgabe. Es ist kein Zufall, daß gerade die ' Philosophie Hermann E o h e n s den Geist des deutschen Idealismus in der Gegenwart wachzuhalten suchte. In allen Schriften des Marvurger Philosophen und seiner schule zeigt sich eine so innige Vertrautheit mit der deutschen Klassik, wie sie wohl bei keiner anderen philosophischen Richtung der Gegenwart zu finden ist, und typisch für ihn ist die nachfolgende kleine Anekdote. Als ein Freund dem Philosophen Hermann Cohen erzählte, er läse gerade ein modernes literarisches Werk, antwortete Cohen: „Haben Sie dazu Zeit? Sind Sie denn schon mit den Klassikern fertig?" 8. J. Eiiernfnr—nicht Polilih! Herr Havenstein irrt, wenn er glaubt, daß Juden keine inneren Beziehungen zum älteren deutschen Schrifttum hätten. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Es dürste ihm doch wohl bekannt sein, daß unter den in die sogenannte M a n e s s i s ch e H a n d s ch r i s t ausgcnonnnenen Minnesängern auch ein Jude, ^üßkind von T r i in b e r g , figuriert, der doch offenbar nur einer der besten unter manchen anderen seines Glaubens gewesen sein dürste. Die Stellung der Juden im frühen Mittelalter ließ sich in keiner Weise mit den Verhältnissen des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit vergleichen. Wie sehr sie mit der deutschen Literatur verwachsen waren, ergibt sich daraus, daß ein vor einigen Jahren herausgegebenes Purimspiel, das E st h e r s p i e l, in der Nibcluugenstrophe abaesaßt ist. Das heißt doch, daß den Juden das Heldenepos bekannt nnd lieb gewesen sein muß. Tie minelalterlichen Sagenstofse vom hürnenen Siegfried, von "den H a i m o n s k i n d e r n, von der schönen G e n o s e v a nnd viele andere wurden von den Juden, die nach Polen übersiedeln mußten, mitgenommen und erhielten sich dort als immer wieder gedruckte Volksbücher zur Unterhaltung bis auf unsere Zeit. Also nicht nur hat sich das mittelalterliche deutsche Schrifttum bei den Juden bis fast auf die heutige Zeit gehalten, sondern sie hatten sogar darin einen Vorsprung vor den Deutschen im Mutterlande, wo bekannterweise das Nachleben dieser alten Literatur nicht so lange dauerte. Bon einer ererbten Berständnislosigkeit gegenüber der älteren deutschen Literatur kann also bei jüdischen Schülern keineswegs die Rede sein. Wenn die Beobachtung des Herrn Studienrats Havenstein richtig ist, was hier unterstellt sein mag, so dürste ne wohl andere Gründe haben. Vielleicht fühlten sich die jüdischen Schüler durch eine n a t i o n a l i st i s ch e A u s - Wertung der alten Dichtungen abg e ft o ß e n. Wir wi'-en ja, daß seit den Tagen der Romantik, wo die alten Heldenlieder „ans Liefen Gründen wieder emporstiegen", wie Uhland sagt, eine Ueberschätzung des Alters und Wertes dieser Dichtungen Platz gegriffen hat. Was ist nicht alles aus dem tragischen Helden Siegfried gemacht worden! Eine alte göttliche oder mythische Figur, die in das graueste Altertum des deutschen Volkes zurückreichen sollte! Ja, es^ist zum Symbol deutscher Treue und deutscher ^tandhastigkcsit geworden! Und doch ist dieser Held historisch nirgends vor dem Jahre 1200 etwa bezeugt! In bcm Stoff selbst liegt nichts, was für die jüdischen Schüler fremder fein könnte als für die nichstüdischen, wohl aber in seiner übersteigerten Aufwertung in nationalistischen^ Sinne. Daß im übrigen gerade geistig sehr regsame Schüler heute mehr auf die neuere Literatur eingestellt sind, ist eine Tatsache, die ja auch im Universirätsunterricbt sich immer mesir bemerkbar macht; und doch ist die Begeisterung für die mittelalterliche Dichtung stark im Sinken. ' S. F e i s t. Herr Studienrat Havenstein meint, daß die jüdischen Schüler sich besonders gegen die mittelalterliche Poesie, wie z. B. gegen das Hildebrandlied, ablehnend verhielten. Aus meiner eigenen Schulzeit und der meiner Kinder kann ich dazu nur sagen, das; alle Schüler, jüdische wie christliche, die Poesie der Minnesänger Walter von der Bogclweide, Heinrichs von Lsterdingen und andere den Fabel- und Sagenkreis behandelnde Dichtungen, wie die Graalssage und Wolfrain von Eschcnbachs ..Varzst'al", „Tristan und Isolde" von Gottfried von Straßburg, das Gudrun- und Nibelungenlied, mit großer Freuoe unter Leitung unseres Lehrers gemiesem lesen haben; der hat es allerdings vc rsta nden, uns für den Stoff zu begeistern, und das ist nicht jedem Lehrer gegeben, —; u m a l dann nicht, wenn er selbst von Vorurteilen besangen ist. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, daß nicht alle Schicker für die altdeutsche Poesie das gleiche Interesse ausgebracht haben: aber das hing nicht von ihrer Religion ab. sondern entsprach lediglich ihrer individuellen Einstellung zur Literatur im allgemeinen. Das hat sich bei jüdischen und nichtjüdischen Schülern in gleicher Weise bemerkbar gemacht. Max G o 1 dsch in id t. Hilöebranüt ca. Fmmerlahn Der Führer -er NSfl-vugenverurteilt In einem Artikel „Wer trägt .Parteipvlititt in die Schule?" (Nr. 17 der „E. B.-Zeitnng" vom 25. April v. I.) zitierten wir eine Auslassung der nationalsozialistischen Schülerzcitung „Der Aufmarsch", in der der Berliner Lbcrftudiendirektor Professor Tr. Paul Hildebrandt grundlos als „im Dienste Frankreichs" stehend bezichtigt wurde. Hlldedrandt hat den verantwortlichen Redakteur des „Aufmarsch", Gotthard Am merlahn, wegen Beleidigung verklagt und berichtet uns über den Verlaus der Berufungsverhandlung, die am 5. Januar vor dem Krimmalgericht in Berlin-Moabit staufand. Statt 160 Reichsmark Geldstrafe, die der Dorderrichter gegen den Angeklagten verhängt hatte, wurde Ammerlahn ans die seitens des SLaatsanwalts eingelegte Berufung zu dreihundert Reichsmark Geldstrafe verurteilt. Ter Vorsitzende, Landgerichtsrat Siegert, der sich vergeblich bemüht hatte, in der Verhandlung von Ammerlahn das Zugeständnis zu erlangen, daß er zu Recht verurteilt sei, führte in der Begründung des Urteils unter den strafmildernden Gründen die durch den Sitzungsverlaus deutlich erwiesene Unreife des Urteil« des Angeklagten aus. Es handelte sich bei dem Prozeß bekanntlich um einen grob beleidigenden, in Form einer Traueranzeige im „Aufmarsch" erschienenen Angriff gegen mich, der als lieberichrift die Worte „Im Dienste Frankreichs" enthielt. Die erste Verurteilung zu IM Mark Strafe wurde im „Aufmarsch" unter der Ueberschri't veröffentlicht; „100 Mark Geldstrast für Ammerlahn — vernichtende Niederlage der Frankophilen." Tann wurde vor meiner Anstalt ein Flugblatt verteilt, für das der Angeklagte verantwortlich zeichnete, in dem zu einer ^chülerprotestversammlung gegen „das System Hildebrandt" aufgesordert wurde. Es beginnt mit den Worten: „Ein Dienst an Frankreich ist nach unserer Ausfassung jede Hinderung des deutschen Freiheitswillens" und endet mit der Aufforderung; „Brecht den Terror der Büropädagogen!" Können urteilslose ^chüler etwas anderes aus einem solchen Flugblatt lesen, als daß der Direktor ihrer 'Anstalt ein Mann sei, der sozusagen im Solde Frankreichs stehe, also ein Vaterlandsverräter ist? Damit sie aber um so fester von der Ehrlosigkeit meiner Gesinnung überzeugt seien, greift er mich noch in einem der letzten Hefte des „Aufmarsch" mit der Bemerkung an: „Eine Gesinnung, die Herr Hildebrandt nie begreifen wird: Lieber tot als Sklave!" Ammerlahn hat in beiden Verhandlungen immer wieder behauptet, er habe mich nicht beleidigen wollen. Aus die Frage, wes wohl die Schüler aus seinen Angriffen entnommen hätten, erwiderte er, sie würden wahrscheinlich denken, daß ich einer anderen politischen Richtung angehörte als er. Dabei gestand er ohne weiteres zu, daß Vierzehn- bis Achtzehnjährige, die die Zeitschrift läsen, „zu Politischer Urteilsbildung nicht fähig" wären. Wenn man ihm für beide Aeußeruugen den guten Glauben zubilligt — und ich bin gern crbötig, dies zu tun —, so steht man vor einem Rätsel, das ich bekenne, nicht lösen 311 rönnen. Professor Dr. Paul Hildebrandt

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