Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-01-16 · 3 (16.1.1931) · p. Seite 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
3 (16.1.1931)
Date
1931-01-16
Page
Seite 28 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277886-2277889--06491-2287315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2S dem tapfersten und mutigsten Kampfer werde opferwillige Arbeit verleidet, wenn er^ sie auf die Dauer immer nur allein leisten mühe. Den Nationalsozialisten sei es hie und da bereits ge» langen, die jüdischen Bewohner des Landes» so einzuschüchtern, daß ihnen jeder Mut Zum Kampfe fehle. Uebereinftimmend war man der Ansicht, daß Belebung des Kampfgeistes nur vus den Städten kommen könnte. Minbestens alle Z w e i Monate einmal müßten die jüdischen Landbewohner bezirksweise Gelegenheit Haben, einen Redner des E. V. zu Hören. Das Ware ebenso wichtig wie alle Literatur. Ter Vorsitzende des Landesverbandes gab den Vertretern aus den 15 OrtsckMen des Oberlandes die Versicherung, er werde dem Wunsche des Landes Rechnung tragen. Stadt und Land. Hand in Hand müßte die Zukunsts- Jjaro.'c lauten, wenn Opfersinn und Bekennerunut auf dein Lande nicht katastrophalen Schaden .erleiden sollen. In diesem Zusammenhang sei .erwähnt, daß die Delegierten einschließlich eines Svnodalabgeordneten die Uebergabe der Abwehrarbeit an die Gemeinden einmütig scharf ablehnten. Man muß in der Versammlung gesehen .-haben, wie dankbar die Vertreter des Landes Z>as Referat über die Politische Lage aufnahmen, Mr aus innerster Neberzeugung den E. V.ern der Großstadt zurufen zu können: „Wir wisien, .daß Ihr selbst keinen Mangel an politischen ,urÄ wirrsckraftlichen Sorgen habt. Und dennoch .ist Hilfe für das Land heiliges Gebot!" Ein Ofsenburger Freund zeigte an einem Beispiel aus der neuesten Zeit, wie diese Hilfe glanzenden Erfolg zeitigen kann, wenn sie mit starken .Kräften einsctzt. In einer Dorfgemeinde in der Rahe Offenburgs konnten bei einer Rachwahl den Rationalsozialisten fünf von ihren sechs Mandaten entrissen werden. Wie hat man das fertig gebracht? Bon der Stadt her wurde das Dorf planmäßig unter „Alarm" gesetzt, d. h. die Berliner Kampszeitschrift gegen den Nationalsozialismus wurde in jedes Haus getragen und so <-:ünmung für einen Ausllärungsfeldzng geschaffen. Ter Redner hatte ganz recht, wenn er sagte: „In dem unübersichtlichen Getriebe der Großstadt kann man die Wirkung einer Propaganda schwer erkennen; aber am dem Lande kann man dem Rackcharn an den Mienen ableseu, ob er sich l>at belehren und bekehren lasten oder nicht." Er rühmte vor allem an der Arbeit des E. D. die Vielseitigkeit seines Aufklärungsmaterials und dopen gute psychologische Einstellung. Material aufs Land zu schicton, das man in vor Stadt nicht mehr verwenden könne, taste aus eine durch Sachkenntnis nicht getrübte Beurteilung des Landes schließen; wie es auch grundfalsch' sei zu glauben, ein schlechter Redner wäre für das Land gut genug. Voraussetzung für eine erfolg eiche Hilfsaknon der Stadt ist — auch das wurde in Offeuburg klar hervorgehoben —, daß die Juden auf dem Lande in treuer Verbundenheit mit der Scholle beispielgebend ein anständiges, dein Gemeinwohl dienendes Leben führen. Artur Schweriner. Ein Mitglied sagt: Wir braudien Aulklärungsvsrsammhmgen auch in Landgemeinden! Wohl sind wir durch die Eingemeindung nach Groß-Esstn „Großstädter" geworden, doch werden wir trotz einiger Fortschritte (Postortstarif, Telephon - Selbstanschluß, Straßenbeleuchtung, Straßenreinigung und-höhere Steuern) uns wohl noch einige Jahre zu den Landjuden zu zahlen haben. Ich bin hier geboren und fühle mich, weil mit den kleinstädtisch-en Verhältnissen verwachsen, durchaus noch nicht als Großstädter; darum billige ich auch die Gedanken, die in den Aufsätzen „Die kleine Stadt", „E. V.-Arbeit in der Klein- und Mittelstadt", Kleinstadt-Antisemitismus" in der „E. V.- Zeitung" vom 26. Dezember 1930 zum Ausdruck kommen. Die in den letzten Jahren gesteigerte Landflucht der Juden, der Zusammenbruch alter, wenn auch kleiner jüdischer Gemeinden, hat in maßgebenden jüdischen Kreisen den Wunsch entstehen lasten: „Mehr Juden anss Land, mehr Aiden in die Kleinstadt". Tiefem Wunsche wird die Erfüllung nicht auf dem Fuße folgen. Es -ist allgemein bekannt, daß Uriachen der Land- . flucht unter anderem sind: Das Fehlen -einer Synagogengemeinde, Synagoge ohne Gottesdienst, lockere oder .kerne Verbindung mit den Nachbargemeinden, mangelhafter oder gar kein Religionsunterricht, Besuch auswärtiger höherer Schulen. Schwierigkriten beim Unterbringen Der Kinder in Lehrstellen und in Stellungen nach der Lehrzeit: daß auch wirtschaftliche Gründe oft mihprechen, soll hier nicht in Betracht gezogen werden. Einer der Hauptgründe ist wohl der, daß die immer höher steigende judenfeindliche Welle einzelne oder in einem kleinen Kreis lebende Juden starker trifft clS die in einer Stadtgemeinde lebenden. Ich darf wohl ohne Neberheb'.rng sagen, daß wir wenigen Juden hier am Platze (4 Familien bei etwa A3 000 Einwohnern) schon seit Jahren oder, richtiger, immer uns bemüht haben, dem Vorurteil gegen alles Jüdische entgegenzutreten. Und wir haben oft Ersolg damit gehabt. Wir haben uns kein freiwilliges Ghetto geschaffen, wie das so oft nicht nur in Landgemeinden, sondern auch in Stadrgemeinden geschieht; wir sind aktive Mitglieder vom Turn- und Kriegerverein. Gesangverein, Feuerwehr, Innungen, Gewerbes chutzverbantz und Gemeinderat, haben weder durch persönliches Auftreten noch durch geschäftliches Gebaren bei uns-ereu christlichen Mitbürgern Anstoß erregt. Wir suchten, ohne aufdringlich zu sein, gesellschafrlichen Anschluß und fanden ihn auch. Wir ließen keine gute Gelegenheit unbenutzt. in Wort und Schrift amklarend zu wirken — und trotzdem merken auch wir. daß das andauernde Geschrei und Hämmern der R'^T-AP. leider immer mehr Erfolg zeitigt. Hervorragend und sehr lobenswert ist die Tätigkeit und Regsamkeit des E. V., durch ösientliche Vorträge in der Groß- und Kleinstadt aufklärend zu wirken, und mir können davon überzeugt sein, daß der gute Erfolg bestimmt nicht ausbleiben wird. Lieber Eentralverein. ich komme zum Scksiuß und zum Kernpunkt meiner Ausführungen. Sollte es nicht möglich sein, an kleinen und kleinsten Plätzen, wo „nur" wenige oder gar keine Juden wohnen, Aufklärungsversammlungen abzuhalken? Es muß möglich sein, weil es nötig ist. Die Landbevölkerung besucht wohl Versammlungen am Platze, aber keine in der nahen Stadt, es sei denn eine mit großem Tamtam angekündigte Hitler-Versammlung. Es ist für den E. V. sicher ein Erfolg, wenn er nach einem Vorträge einige neue E. D.-Mitglieder tuchen kann, aber in einer judenarmen Gegend I u d e n h a s s e r u m 3 u ft t m tn e r: „■ derErjolg ist weitgrößer und wertvoller. Darum, lieber Eentralverein, schicke deine guten Redner hinein in die Landgemeinden. Louis Kamp (Esöen-Kupferdrefa). Wllj! sv l'iil rMliMWM Um öas DLsselöorfer Heine-Denkmal. In Rr. 304 der Vayernausgabe des „Völkischen Beobachters" vom 23. Dezember 1930 veröffentlichte Dr. H. Bart mann (Tüsseldorf-Rath) unter der Uebcrschrift „Niemals ein Heine-Donkmal in Düsseldorf" einen Aussatz. der eine schamlose Anpöbelung der künstlerischen und menschlichen Persönlichkeit Heinrich Heines darstellt. Ter Herr Artikelschreiber geht so weit, Heine das Gefühl der Vaterffci IV lands liebe abzu st reiten und rheinischen Separatisten aus stellen. Demgegenüber genügt es gung des wahren deutschen ihn eine mit den Stufe zu zur Rechtferti- Richters Heine, auf eine einzige Stelle seiner Prosaschriften hinzuweisen. In der Vorrede zur zweiten Auslage der Abhandlung .Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" (Heine-Ausgabe des Deutschen Verlagshauses Bong & Eo., Band 9, Seite 163 ff.) stehen u. a. die für Heines Stellung zu Deutschland kennzeichnenden Satze: . , Ich begnüge mich bannt, daß ich nach der französischen Version, welche früher als die deutsche gedruckt worden, einige der größern ausgelassenen Stellen aus dem Französischen zurückübersetze und interkaliere. Eine dieser Stellen, welche in unzähligen französischen Blättern abgedruckt, diskutiert und auch in der vorjährigen französischen Deputiertenkammer von einem der größten Staatsmänner der Franzosen, dem Grafen Molo, besprochen worden, ist am Ende dieser neuen Ausgabe befindlich und mag zeigen, welche Bewandtnis e S hat mit der Verkleinerung und Herabsetzung Den t s ch l an d s, deren ich mich, wie gewisse ehrliche Leute versicherten, dem Auslande gegenüber schuldig gemacht haben soll. A e u ß e r t e ich mich in meinem Unmut über das alte, offizielle Deutschla nb, das verschimmelte Phili st erlaub — das aber keinen Goliath. Leinen einzigen großen Mann hervorgebracht hat—, so wußte man das. was ich sagte, so dar zu stellen, als sei hier die Rede von dem wirklichen Deutschland, deni großen, geheimnisvollen, sozusagen anonymen Deutschland des deutschen Volkes, des schlafenden Souveränen, mit dessen Zepter und Krone die Meerkatzen spielen. Solche Insinuation ward den ehrlichen Leuten noch dadurch erleichtert, daß jede Kundgabe meiner wahren Gesinnung mir während einer langen Periode schier unmöglich war. besonders zur Zeit, als die Bundestagsdekrete gegen das „Junge Deutschland" erschienen, welche hauptsächlich gegen mich gerichtet waren und mich in eine exceptionelt gebundene Lage brachten, die unerhört in den Annalen der Prcßkuecht schast. Als ich späterhin den Maulkorb etwas lüften konnte, blieben doch die Gedanken noch geknebelt." Die Vorrede zur „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", die aus dem Jahre 1832. also ans den letzten Lebensjahren Heines stammt, ist auch noch in anderer Be- Ziehung außerordentlich aufschlußreich, denn sie gewährt Einblick in die innere Wandlung, die sich in dem reiferen Heine in bezug auf feine Stellung zu Religion und Judeutnm in jenen Jahren vorbereitet hat. An dieser Stelle genügt aber zur Abweisung der Dartmannschen Anschuldigungen das oben angeführte Zitat. Os.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.