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Central-Verein-Zeitung · 1931-01-16 · 3 (16.1.1931) · p. Seite 27

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
3 (16.1.1931)
Date
1931-01-16
Page
Seite 27 (sequence 7)
Language
German
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27 ist ein erlösendes Gefühl,, sagen zu können: Ihr lehnt uns ab. Aber nicht nur ihr lehnt uns ab, sondern wir'auch lehnen euch ab. Ihr nennt uns die Undeutschen. Wir bestätigen es, und zwar mit Stelz. Tenn wir haben selber, wessen ihr euch rühmt: eine Nation, einen nationalen Zusammenhang, eine nationale Ausgabe, eine nationale Geschichte, die für die Weltgeschichte mebr bedeutet als die Geschichte Europas. Diese Erlösung;- und Befreiungstendenz des Nationalismus. diese Kraftreserve des Stolzes und des Sclbübewußtseins sind cs, die erwärmen und werben. Aber dieser dritte Typus, von de:n wir reden, der Mitteltypus, vermag sich trotzdem nicht von der Teutschheit zu Lösen; letzte Erlösung hat er weder hier noch da, weil weder hier noch da seine persönliche Entscheidung liegt. Weder hier noch da ringt er pch zur letzten Konsequenz durch. Sein Bekenntnis widerruft inuner im Nachsatz, was der Vordersatz auswrach. Er bekennt sich zur jüdischen „eigentlichen Hcimatch aber ihn schmerzt es, wenn dann die Konsequenz gezogen wird: also gehörst du nicht mit ganzer Seele zur deutschen Nation. Er bestreitet das auss heftigste — und wieder schmerzt es ihn, wenn daraufhin der Nationalismus mahnt: also gehörst du, solange dich jene Konsequenz irgendwie persönlich berührt, doch nicht mit ganzer Seele der jüdischen Heimat und der jüdischen Nationalität . . f Es ist eine flackernde Unklarheit in irjrn, sein eigenes Bild schwank: vor seinen Augen — wie sollte es nicht schwanken vor den Augen der anderen? Das Volk glaubt, was cs sieht und hört. Es hört Unsicherheit und sieht schwanken, und alles Schwanken ist ihm das Untergründige und Unverständliche — alles Unverständliche aber trägt den dämonischen Keim des Mißversteh ens tief in sich! Ich habe eine Geschichte gehört von einem jungen Juden, der sich mit voller Begeisterung für die Sache des jüdischen Nationalismus einsetzt und ihr seine Lebensarbeit zu widmen gedenkt. Er ging nach Palästina — er ging in seine Heimat und zu seiner Nation.. Und beim Scheiden aus Deutschland entwarf er ein kleines Kulturbild, ein utopisches gewiß, fast kindlich ist es, knabenhaft, aber eben darum im tiefsten Sinne symptomatisch. So etwa sagte er: Vielleicht wird, wenn die jüdische Nation gefestigt ist, eine Verfolgung alles Fremden einsetzen, daß die reine Wesenheit der jüdischen Nation stören könnte. Vielleicht wird es auch Verfolgungen des Deurschtums geben. Aber wir (d. h. er und seine eagen Gesinnungsfreunde) werden uns dann in den Katakomben treffen und unseren Goethe und Kant lesen — denn wir kommen ja von der deutschen Kultur, von der deutschen Dichtung und Philosophie niemals los. Er nennt sich stolz und trotzig einen jüdischen Nationalisten. Aber ist er es? Ich glaube, er würde ein deutscher Narwnaln't sein, wenn eben die anttjcmtiiferc Verhermng nicht so unerträglich aus ihm gelastet hätte, daß sein Stolz floh — ins nationalistische Ideal. Ihib doch ist seine Heimat Deutschland. Er weiß, daß er sie heimlich suchen wird, und daß er sie nicht Verlierern wird aus seiner Seele. In ihm hat sich das tragische psychologische Gesetz vollzogen: Je stärker eine Seele deutsches Heimaterlcbnis in sich trägt, um so tiefer schmerzt cs, wcmr ihr die deutsche Heimat bestritten wird; und je tiefer dieser Schmerz gefühlt wird, um so stärker kann das Ressentiment hervorbrechen, vermöge dessen der Verwundete und Erlösungsuchende in den Protest des Nationalismus flüchtet. Und doch findet er in ihm nicht die Geborgenheit, die er suchte, weil die einmalige unvertretbare, unwandelbare, unauswechselbare Urgegebenheit des deutschen Heimaterlebnisses immer wieder den verzweifelt Fliehenden auf halben Wegen festhält. Denn das Heimaterlebms kann wohl überschattet werden, ls kann durch intellektuelle Neflerionen überdeckt, durch Ressentiment und Suggestion ins Nnterbewußtseiri verdrängt werden — aber cs bleibt La, unauslöschlich, und bleibt wie alles Lebendige ein fort und fort Wirkendes. So wirkt das Heimaterlcbnis gegen die Suggestion des Nationalismus, der es fortinterpretieren möchte und nicht kann, und die Seele kommt im Hin- und Hergezerrtsein zwischen diesem und jenem nicht zur Ruhe, nicht zur Klarheit und nicht zur Entscheidung. Warum müssen wir das sagen? Weil die Zeit aus Krisis und Unklarheit zu Entscheidung und Eindeutigkeit der Unterscheidung drängt. Aus die Entschiedenen wird alles ankommen. Tie Unentschiedenen aber gehen den Entschiedenen verloren; sie verwischen das Bild des deutschen Juden, sie helfen weder den entschiedenen Bekenuern des deutschen Heimaterlebuisics. noch den entschiedenen Bekenuern des FremdheiLserlebuiises, aber sie schwächen hier und dort. Tas Entschiedene aber zu stärken, ist die Ausgabe dieser v38 Gesundhsitswasser! Facbinger Yeisar.uStelle, Beriin SW II Sc'hönp'berger Strasse 16a. Tolefon: Lützow xirV-61 Zeit — auch im Kampf um den Antistmitismus. Man muß wissen, wo man steht. Darin ist das ganze Schicksal des Kampfes gegen den Radikalismus beschloncn. 4. Niemand kann über seelische Tinge von tragischer Verworrenheit reden, ohne daß er sich in Gefahr begibt, mißverstanden zu werden. Schon in der notwendigen Gedrängtheit einiger wenigen Zeitungsanssätze lauer: hrauzv die Möglichkeit, daß das Zustnnmcngedrängtc nicht vollständig anschaulich wird. Deshalb war es nötig, abschließend i:::b über das Gesagte hinausweisend noch einmal scharf zuiammenzufafsen, was not tut und warum wir gesprochen haben. Diesen Blättern aber gebührt viel Dank, daß sie nicht zaghast oder beschwichtigend an den großen Problemen, die noch zu b-ewälngen sind, vorüberschlcichen. sondern offene und vorbehaltlose Stellung zu ihnen fordert: und nehmen. Stadt und Land Hand m C-V.er der Gressstadt, habt Verständnis lut die Not der Landbewohner Badisches Oberland, den 12. Januar 1921. Wenn wir in der Reichshanpnstadt von der beso^ers bedrängten Lage sprechen, in der sich unsere Freunde auf dem Lande befinden, schwebt uns m erster Linie der deutsche Dston vor. Unsere Gedanken fliegen nach Pommern, und wir sehen die alteingesessene jüdisch-e Familie inmitten eines Landstriches, aus dem die Früchte nationalsozialistischer Hetzarbcit üppig gedeihen. Eine Bezirkstagung bc§ E. B. für den südlichen Teil des Landes Baden am Sonntag in Lfjenburg gab lebendigen Anschauungsumerricht, daß der Norden vor dem Süden nichts voraus hat. Osfcnburg, die Eingangspforte zum badischen Schwarzwald, ein Städtchen von kaum 20 000 Einwohnern, hat vor einigen Monaten 14 000 Gäste tu seinen Mauern beherbergen können, die aus allen Teilen Südbadens dort zusammcngeströmt waren, nämlich als Hitler sprach. Inzwischen ist die Hetzarb-eit bis in die kleinsten Dörfer hinein fortgesetzt und gesteigert word-en. Freunde aus der Gegend des Kaiserstuhls berichteten in ihrer frischen badischen Art aus den nationalsozialistisch verbuchten ländlichen Bezirken allerlei Erlebnisse, die viel Heiterkeit erregten und doch erschütternd wirkten. Erschien da am Tage vor der Wahl bei einem 75jährigen jüdischen Mitbürger ein ehemaliger guter Freund, um sich das Haus des jüdischen Mannes von außen und innen recht aufmerksam zu beschauen. Auf die Frage: „Was luegsch Im?" (Was schaust du dich so um?), antwortete der Nazimann bedeutungsvoll mit einer anderen Frage: „Jsch dei Huc-Ae in Drduuugch' Der Zweck dieser menschcnftenndlick'en Hebung war. ein Haus in Augenschein zu nehmen, das von nationalsozialistischen Hetzern dem Allami zugesagt worden war. wenn „Hitler am 15». September siegt und die Inden ans d-em Drte Vertrieben werden'". Alle Häuser in jüdischem Besitz — etwa dreißig — waren bereits ..aru'aeteiltst Und noch etwas Aehnöiches. Ein jüdischer Viehhändler in diesem Gebiete gebt zu einem alten Kunden, der seit einem Menschenalter das Vieh von ihm kaust, um ihm eine Kuh anzubieten. Man ist handelseinig aeword-en. Plötzlich fällt dem Käufer etwas ein. . . . Er will von einem Kauf nichts mehr wigen und wrtig: den jüdischen Händler freundlich, aber überlegen ab: „Ich wart bis nach der Wahl, dann bechümm ich die Kuh umsüscht." Der jüdische Lehrer aus der Hochburg des Nationalsozialismus im Kehler - Grenzbezirk, ein ausgezeichneter Kämpfer für Deutschtum und Judentum, berichtet in drarischer Weise, wie er tagaus, tag ein zu kämpftn habe, um sich an der Simultcm'chule als glcich-bereck-- tigter Jugenderzieher zu balten. Am Tage nach der letzten Neichstagswahl lchrten ihn dw Kinder nicht mehr gegrüßt. Er habe jedes einzelne Kind angehalten und gefragt, weshalb sie so ungezogen seien. Immer wieder die Antwort: „Tie Eltern haben uns verboten, ben jüdischen Lehrer zu grüßen.'" Trotz dieser grauenvollen Hetze hat sich der tapfere Mann durchsetzen können. Hat auch erreicht, daß die Schulstatistik, in der alle Sekten wusgeführ! worden untren, nur nicht die jüdischen Kinder, entsprechend geändert wurde. In einem Eemeinderat d-es -Tbcrlandes hatten die Nationalsozialisten von acht Sitzen fünf, also die absolute Majorität, erobert. 2<i sich unter diesen fünf Köpfen kein einziger befand, der geeignet gewesen wäre, das Am: eines Gemeinderechners zu übernehmen, mußte man auf die Suche gehen. Die Wahl siel auf einen judensreuudlichen stellungsloftn Mann, der aus seiner Gesinnung keinen Hebl machte, der üch aber schnell in die nationalsozialistische Parker aufnehmen tagen mußte, ehe er den Tosten erhielt. Bon allen Seiten wurde geklagt, daß man aus dem Laude doppelt zu leiden habe: näm* Iicf) unter bem Terror der Nation a l s o z i a l i st e u u n d unter der Gleichgültigkeit der Juden. Auch

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