Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- Seite 26 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4£> n ti L> L--» Vj^O* s/~~^ /I nmt 2 'u L> O Vor Dr. MiiHer-Ctat^dsus TW © ©! / -A /) I LS 1—J i-i w <3n ,'■> 1. Ta habe ich nun im Anschluß cm einige Worte in den letzten Nummern dieser ZeiLschrist Gelegenheit gehabt, allerlei zu hören: Worte des Tankes, rüstige, freudige Worte, die da sagen, es sei wie eine Erlösung, daß der Begriff des Heimatrechtes durch eine neue, exakte Analyse verinnerlicht sei, eine Befreiung sei es, daß klare Unterscheidungen getroffen wurden, in denen Entscheidungen sich vorbereiten, es sei gut, das Selbstbewußtsten und das Heimatbewußrsein der'deutschen Juden so zu klären und zu stärken; neue Möglichkeiten der Abwehr und der Ansklärung seien darin zu sehen. . Aber von der anderen '^eite wird eingewaudt: Ist cs gut, das alles setzt zu sagen? Jetzt, in dieser Zeit der Krisis, da alles in Verzerrungen gesehen wird, alles chaotisch denkt? Wäre es nicht günstiger zu warten, bis Klärungen eingetretcn und? Wäre cs nicht besser für alle Telle, wenn Kritll und Analyse zurückgestellt würden bis in spätere bestere Zeit, in der die Krisis überwunden ist? Hier höre ich ein „Sehr richtig" von denen, die sich geärgert haben, und ein Austuerken derer, die ein verdächtiges Wort, ein opiates Schlagwort gehört haben. Wie heißt cs? Es heißt: Krisis. Wir haben uns daran gewöhnt, in einer Krisis zn leben, wie man sich gewöhnt, auf Reisen zu leben. Man braucht da nicht alles ganz genau zu ordnen, man kann seine Pläne umwersen, man braucht sich nicht für scharfe und konsequente Einteilungen zu entscheiden — cs ist eben die natürliche Unordnung der Reise. So ist es auch mit dem Schlagwort Krisis. Alles Halbe, alle Torheit, alles Exzentrische, alles Jn-den-Tag-Reden, alle Unentschiedenheit wird entschuldigt damit, daß wir ja in einer Krisis leben — das Klare, Zielhaste, Eindeutige kommt schon von selbst, wenn nur erst die Krisis vorbei ist. Für alle, die sich nicht zu sehr ärgern und nicht zu sehr den Kops zerbrechen wollen, ist „Krisis" der prachtvolle Vorwand, den Aerger zu dämpfen und das Denken zurückzustellen. Aber es ist Zeit, das Schlagwort abzuwersen. Tenn wir leben nicht mehr mitten in der Krisis, sondern an der Grenze zwischen Krisis und Entscheidung, in einer harten Zeit also, in der jeder, der nicht von Entscheidungen überrascht werden will, anfangen muß, sich selbst zu entscheiden. Gerechte, gültige und wirksame Entscheidungen sind immer nur möglich aus dem ganzen Geist der Wahrheit — fccj vorbehaltlosen, eindeutigen, klar unterscheidenden und klar zusammenfügenden Wahrheit, und also aus dem Ethos fachlichen, gerechten und verstehenden Denkens; denn nur dieses macht fähig, Wahrheit ins öffentliche Bewußtsein zu entsenden, und nur dieses macht das öffentliche Bewußtsein bereit, Wahrheit zu fassen und zu verwirklichen. 2 Keine Zeile des in diesen Aussätzen Gesagten sollte dein Angriff dienen; jedes Wort sollte zum Verstehen beitragen, lim aber zum Verstehen zu kommen, müssen die Quellen der Mißverständnisse fortgeräumt -werden — nickt nur bei den Richtjuden, sondern auch bei den Juden. Dazu war es nötig, die Umva.hrbeit in dem Kollektivbegriff Jude aukAnzeigen, die Unwahrheit, die hier wie überall in der blinden llnunterschiedenheit besteht. Es war nötig zu zeigen, was ist: nicht eine Einheit, sondern eine klar unterscheidbare Z w e i h e i t von He'nnaterlebnissen der deutschen Juden. Tamil wird eine Quelle des Mißverstehens fortgeräumt bei vielen, die guten Willens sind, zu verstehen, deren Verständigung aber durch falsche Bilder und falsche Verallgemeinerungen getrübt ist. Ich bezeuge es durch eine Fülle von Erfahrungen. Es gibt viel mehr Richtjuden, die guten Willens sind zu verstehen, als gemeinhin angenonunen wird. Unter ihnen aber wieder gibt es sehr viele, die unter dem Einfluß der Mißverständnisse der geschilderten 'Art stehen. Wie aber wäre Zusammenarbeit zwischen Juden und Nichtjuden möglich, wenn nicht so, daß wir unumwunden sagen, was wir sehen und was Nur als Wahrheit erfahren haben — eben jetzt, da alles daraus ankommt, nichts zu verhüllen und alles zu klären. Warum kämpft ein t keiner, aklwißischcr Kreis von Nichtjuden gegen den Antisemitismus? Weil er im Antisemitismus eine nationale Gefahr sieht. Weil er weiß, daß die antisemitische Verhetzung nicht nur eine zwangläufige Zeiterscheinung, nicht nur ein Symptom ist, sondern ein Krankheitsherd selber. Weil Antisemitismus Afstkimenschen züchtet und die objektive und reine Teuksähigkeit entkräftet. Wer sich gewöhnt, im HaßaffckL die Umwelt zu sehen, wird im selben Maße dein sachlichen Denken entwöhnt. Ter Haß saugt gleichsam die Reserven des Gewissens in sich ein. Haß und Gewissen sind Gegensätze schlechthin. Ter Haß stirbt an der Eewissensöfsnung, an der Bereitschaft des Gewissens zmn sachlichen, gerechten und verstehenden .Denken. Das Gewisien aber stirbt am Hassen. Es sinkt in die trüben Zonen des Affektes ein. Tas aber ist sittliche E n L w e r t u u g des Menschen. Und wenn sic M a s s e n e r s ch e inung wird, bedeutet sie sittliche Entartung des Volkes, Entmachtung des sachlichen Tankens und bainit das endgültige Unfahigwcrden zu organischer, klarer Willensbildung. Wer hassen lernt, verlernt erkennen; ein Volk, das das Erkennen verlernt, verlernt die Würde und die Methode der Selbstbestimmung. Es wird Assektmasic, die nicht mehr Verantwortung tragen kann; denn Verantwortung ist eine Angelegenheit des Eewiffens und also dem Affekt entgegengesetzt. Zorn kann heilig sein, Haß ist das schlechthin Unheilige. Er ist die Negierung der Persönlichkeit; denn er zerstört die Seele. Zorn und Zucht können zusannnenstehen. Haß und Zucht nie. Haß macht zuchtlos. Darum gehen Zorn und Vornehmheit zusammen, mit) Zorn und Gerechtigkeit. Aber nie sind auch nur in einer einzigen Menschenseete Haß und Vornehmheit, Haß und Gerechtigkeit zusammen gewesen. Hier ist der Grund, weshalb der VeranK Wortungswille zur Reinheit des. deutschen Wesens (und nur das ist tätige Liebe zur Teutschheit) den Autisernitismus bekämpft — nicht nur als obcrflächenhaste Entartungserscheinung au der Außenseite der den!-' scheu Seele, sondern als u r s ä ch l i ch e Enta r t u n g s k r a f r mitten in der deutschen Seele. Nicht aus irgendeiner sentimentalen Erregung kämpfen die nichtjüdischen Aktivisten gegen den Antisemitismus, sondern ans Zorn gegen die fortschreitende Entartung der Volksseele. Es gibt nur eine heilende Gegenkraft: wahrhaftige Bilder und also: wahrhaftige Entscheidungen an die Stelle der falschen Bilder zu setzen. Aber diese wahrhaftigen Bilder können nicht zustande kommen, wenn nicht klare Entscheidungen in den jüdischen Menschen selber vollzogen werden, und in diesem Sinne ist Entscheidung die Wurzel jeder großen, votkslüinliehen Ausklärungsarbeit. 3. Wir haben die Leiden Typen des Heimaterlebnisses in den deutschen Juden gezeichnet. Aber es gibt zweifellos eine große Schicht im deutschen Judentum, die eine klare Entscheidung im Sinne jener Unterscheidungen nicht vollzogen hat, eine Schicht von Menschen, die zum Nationalismus hinneigt, und doch sich vom deutschen Heimaterlebnis nicht lösen kann. Ihr Heimaterlebuis in seiner Urgegebenheit ist deutsch, aber es ist durch Ressentiment, Suggestion und Reflexion gleichsam überdeckt und verdunkelt. Sie sind nicht Nationalisten dem Urerlebnis nach, sondern sie sind es ans Protest gegen die Feindschaft, die ihnen aus der deutschen Heimat entgegengetragen wird. Tie Tragödie des deutschen Juden hat ne zn Nationalisten gemacht. Es ist der Erlösungsfunke in jedem Nationalismus, auf den sie hoffen, und der doch das deutsche Heimaterlebnis in ihnen nicht verbrennen kann. Zweifellos birgt der jüdische Nationalismus in sich eine kräftige und beglückende Reaktion gegen die Angriffe auf das jüdische Wesen. Es Aoch einmal Selmuih von Gerlach und Jacob Klatzlin Helmuth von Ger lach veröffentlicht mm auch in der ,L9elt am Montag" eine Besprechung der „Probleme des modernen Judentums" von Jacob Klatzkin. Mieter — wie in seinem Aussatz im „Dortmunder Generalanzeiger", zn dem wir bereits in der vergangenen Woche Stellung nahmen — kennzeichnet er mit Entrüstung die Gedankengänge Klatzkins und stellt sie mit den extrem völkischen eines Hitler nebst Gesinnungsgenossen ans eine Linie, und wieder fordert er die dcntsiiM Juden aus, von Klatzkin abzurücken. Wir haben Herrn von Ger lach unsere Antwort auf seinen Aussatz in dem „Tortumnder Generalanzeiger" sofort nach Erscheinen unserer vorigen Nummer zugesandt und wundern uns, daß er davon nicht Kenntnis genommen hat. Deshalb weisen wir hier auf innere Ausführungen in der vorigen Nummer nochmals hin und erinner« daran, daß u. a. auch in den Aussätzen von M ü l l e r - (5 l a u d i u s auf die starke Ablehnung der deutschen Juden gegenüber den ungeheuerlichen Konsequenzen, die Klatzkin aus seinem Zionismus zieht, hingewicstn und Klatzkin als ein A ii ß c u fetter bezeichnet wurde, der in seinen Forderungen und, Behauptungen selbst seinen zionistischen Freunden „zu weit gehe".