Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- Seite 25 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 r Von DivUVMwirt Ertvin Simon Erlangen) Wenn ein volkswirtschaftlicher Schriftsteller von dem Range eines Günther Stein des Wort ergreift, so kann er gewiß sein, daß sich ihm alle Ohren zuneigen. Darum sind wir davon überzeugt, daß seine Ausführungen in der letzten Nummer der „(st V.-Zeitung" überall auf das größte Interesse stoßen. Aber es fei uns gestattet, bei voller Würdigung seiner Tarlegun* gen darauf aufmerksam zu machen daß sein Standpunkt nicht der einzige ist und nicht der einzige sein kann. Krisen wie die unserer Tage sind keine Erscheinung unserer Zeitläufte. Solange cs wirtschaftende Menschen gib t, so lange können mir Dcpres sionserscheinungen verfolgen. Krisen von einem Umfang, die cs mit den heutigen Sachverhalten durchaus aufnehmen können. Tie biblische Erzählung von ben sieden mageren nach den sieben fettcii Jahren ist in ihrer zauberhaften und durchsichtigen Klarheit ein Konjunkturzyklusproblcm unserer Tage und von höchster Aktualität. Krisenerscheinungen gab cs zu allen Epochen der Volkswirtschaft, unter den Physiokraten sowohl wie unter denMerkanLilisten; die Manchester-Leute und Frühkapitalisten haben genau so von Zeit zu Zeit zu leiden gehabt wie wir Zeitgenoffen eine?. Hoch- oder Spätkapitalismus. Sckjon einer der ersten Nationalökonomen, Jean B a p t i st e Sah, hat sich mit dem Krisenproblem eingehend in seiner Weise besaßt und gilt heute als Vater aller Krisentheoretiker. Die Zeiten damals gaben freilich Anlaß genug zu einer Befestigung mit dem Problem der Krise. Die vielen Kriege des 18. Jahrhunderts hatten den Gang der Wirtschaft fast völlig zerstört. Zur Zeit des berüchtigten „Südseeschwindels" entstanden an der Londoner Börse derartige Verluste, daß fast kein Börsenmitglied — nach den uns vorliegenden Berichten — mehr gut schien. Mißtrauen und lahmende Aengstlichteit beherrschten Markt und Kontore. In der Krise von 1857 gingen — nach Löwinsohn— in Amerika über 5000 {firmen mit einem Kapital von 300 Millionen Dollar in Konkurs. In der mit den L. S. A. wirtschaftlich eng verbundenen Stadt Hamburg machten etwa 150 Firmen bankrott. Die ungeheuren Verluste der »Gründerjahre" sind zu bekannt noch, als daß sie näher erläutert werden müßten. Die unglaublich umfangreiche Auswanderung aus Deutschland in diesen und nach diesen „Gründerfdjmr beleuchtet blitzartig den Grad der da* UÄllrgen Arbeitslosigkeit. Vergessen wir ferner nicht, daß vor knapp 100 Jahren bas Auskommen der Maschinenkrast die Arme zahlloser Heimarbeiter lahmlegte und Not und Leid in den Landern des deutschen Zollvereins vorherrschend waren. Damals standen Männer auf wie ein Siemens. Borsig, Harkort und wie sie alle beißen mögen, volss freiheitlich-fortschrittlicher Gesinnung itnb muterfüllter Initiative, die den Moloch Maschine kraft ihrer geistigen Ueberlegenheik in den Dienst menschlicher Ockonomie zu spannen wußten. Und als fünfzig Jahre später, in diesen vorgenannten Gründerjah-en. die gleichen Erscheinungen von Not und Weh und Leid in konzentriertester Form anftraten, da waren es.— dies dürfen wir voll Stotz bekennen —- mit in erster Linie jüdische Energie und Initiative, die der daniederlieaenden. schlver^ringenden Wirtschaft neuen Lebensmut und Dasi'insfrcude einslößtem Namen wie Bleich röder und Stein thal, Ballin und (icto, Fürstenberg und noch viele andere mehr bleiben in der Wirtschaftsgeschichte dieser Epoche unvergänglich. . Die Struktur der Wirtschaft hat sich freilich inzwischen geändert An die Stelle der verantwortungsfreudigen, energieersüllten Jndividualpersönlichkeit ist durch die Ausdehnung der unpersönlichen Gesellschaftsform ein Gremium getreten, das seinem Charakter nach mehr zu einer verwaltenden als einer unternehmenden Tätigkeit berufen erscheint. Die Klagen über Ermattungserscheinungen in der deutschen Wirtschaft nehmen in 'diesem Zusammenhang zu. Wir wollen hierauf nickst weiter eingeh en. Wir wollen aber mit aller Deutlichkeit und Klarheit seststellen, daß in der bisherigen Wirtschaftsgeschichte jede Krise, von welchem Umfange und welcher Dauer sie auch gewesen sein mag, einmal wieder von einer Konjunktur abgelöst worden ist, genau so regelmäßig, wie die Ebbe von der Flut abgewsl wird. B i s - her liegt kein Anzeichen dafür vor, daß dieses Volks w i r t s ch a f t l i che Gesetz diesmal seine Gültigkeit QüWif..<S_.. nicht behalten wird. Preisabbau und Lagerräumung werden das ihrige dazu mithelsen; in der Pelzwaren- und Tertilbranche machen sich bereits Entlastungserscheinungen bemerkbar, wenn freilich auch eine Schwalbe noch lange keinen Sommer macht. Und welche Folgerungen ergeben sich aus einer derartigen Anpassung für die deutsche Judenheit? Zunächü einmal die Gewißheit, daß * rotz vielem Unschönen und Hä'Mrchendre Zn tun ft noch nicht als verloren aufgegeben werden darf. Vielmehr muß jetzt in dieser Zeit der allgemeinen tiefen Mutlosigkeit der deutsche Jude mit seinem von Generationen übernommenen jüdischen Optimismus als Pchchotherapeutiker. der Wirtschaft in Erscheinung treten. Nrcht in schillernder Schönfärberei und „goldenem" Leichtsinn, aber in felsenfestem Vertrauen auf den ^chassenswillen und Arbeitsgeift der deutschen Hand- und Kopfarbeiter, im Gedenken der Väter und Großväter, die Deutschlands Aufstieg mitbegründen halfen, und im besten und unerschütterlichen Glauben auf die Vernunft der europäischen Völker und eine schönere, beffere deutsche Zukunft. Bon Seinz Levy (-MM-LhMleUWmO Schwarz in schwarz malt Günther Stein den Verlauf der Wirtschaftskrise, und ebenso schwarz sieht er das Schicksal der deutschen Juden in dieser Krise an. Und wenn mau den Ausführungen von Günther Stein aufmerksam folgt, so hat man den Eindruck, daß wir noch lange nicht am Ende des Abstieges angelangt sind, sondern daß vor allen Dingen durch die Verbreitung der Arbeitslosigkeit in Industrie und Einzelhandel weitere schwere Nöte für das deutsche Judentum Heraufziehen werden. Möglich, daß Günther Stein die Krise von einer höheren, größeren und umfassenderen Warte ansieht, doch uns, die wir die Vorkriegszeiten nicht mehr miterlebt haben, zeigen sich die gegenwärtigen Tinge in einem ganz anderen Licht. Wohl wissen wir, was es bedeutet, wenn riesige Unternehmungen, und unter ihnen auch viele jüdische, die einst Glanzpunkte der Industrie waren, in Ermangelung von Aufträgen, oder aus Zahlungsschwierigkeiten ihre Pforten schließen müssen. Wohl wissen wir. was cs heißt, wenn Millionen und aber Millionen von Menschen wöchentlich zweimal zum Arbeitsamte laufen müssen, um zu erfahren, daß Aussicht auf eine Stellung doch nicht vorhanden ist. Und all dies vorausgesetzt, daß wir uns der Schwere der augenblicklichen Krisenzeit voll bewußt sind, so bleibt doch noch die Tatsache bestehen, daß vor dreizehn, vierzehn und fünfzehn Jahren die Zeiten noch viel schlimmer waren. Will man die Dinge von emer umfassenden Warte aubetrachten, so ist doch festzustellen, daß in den Jahren 1915 bis 1918 Millionen Menschen zwar nicht mit der Karte in der Hand stempeln gingen, sondern mit der Handgranate im Gürtel und mit dem Gewehr im Arm sich gegenseitig zerfleischten, während es im Lan.de selbst, statt Arbeitslosenunterstützungskarten, Brot-, Butter-, Fleisch- und Kartosselkarten gab. und man statt einer beschsidenen Mittagsmahlzeit weiter nichts als Kohlrübenersatztorten und Dörrgemüse erhielt. Dann hatten wir die Revolution, die gleichfalls eine Kriscnzeik erster Ordnung darstellt. Schließlich ist auch die Inflation, von der so mancher prominente Wirtschaftssührer glaubte, daß wir überhaupt nicht mehr aus ihr heraustommen würden, zum Stillstand gelangt, und wir erhielten eine feste Währung. Somit ist festzustellen, daß wir vor ganz wenigen Jahren, die ja immerhin noch in die Jahre unserer Generation mit hinein gerechnet werden müssen, viel schwerere Tinge durchgemacht haben crls augenblicklich, und es wäre bestimmt eine falsche Politik, wollten wir den Kopf hangen lassen, weil wir annehmen, es wird nicht besser. Notwendig erscheint es daher in ganz besonderem Maße, praktische Wege anzusühren, die zur Behebung der sestgefahrenen Lage Ertragen. Günther Stein stellt fest, daß wir vor einer immer weiteren Proletarisrerung des Judentums stehen, und mahnt, dies zu erkennen. Hierurrt ist es jedoch nicht getan. Wenigstens geben wir uns mit dieser rein sachlichen Feststellung nicht zufrieden. Wichtiger und viel bedeutsamer wäre es doch zu erfahren, welche Wege einaeichlagen^ werden können und eingeschlagen werden müssen, um die Arbeitslosigkeit der deutschen Juden zu hemmen. Es dürste wohl bei noch so großem Pessimismus doch einige offene Pforten geben, die wenigstens zur Linderung der schleckeren Lage beitragen, und es müßte doch mindestens der Versuch unternommen werden, die von Günther Stein rmgekLndigte Proletarisierung des jüdischen Mittelstandes wenigstens teilweise zu verhindern. Wir haben absolut kein Interesse an einer Vogel--Strauß-Politik, und wir wollen die Tinge rußig so sehen, wie sie sind. Was wir aber nicht wollen, ist, alles ruhig mitansehen und nicht eingreifen dort, wo cs not tut. Es wäre unjugendlich, wollten wir trotz allem keine Optimisten bleiben, und es wäre im höchsten Grade unjüdisch wollten wir tatenlos beiseitestehen und uns Lediglich mit pessimistischen Feststellungen begnügen. Hinzu kommt noch daß gerade im gegenwärtigen Augenblick in anderen Ländern von verschiedenen Seiten ein Endo der Krise vorausoesugt wird. So wird im Mailänder „Eorriere teile Sera" für die nächsten drei Jahre ein beffere? Bild gezeichnet, und der Vorsitzende der größten Bank der Welt, Albert H. Wiggin in Amerika, ist ebenfalls der Ansicht, daß Ende 1931 die Wirtschaftslage erheblich besser sein wird als jetzt. Nun. wir wissen, weder der wirtschaftliche Mitarbeiter des „Eorriere della Sera" noch der Vorsitzende bet amerikanischen Eöase National Bank sind Propbeten. aber auch. Günther Stein ist es wohl nicht. Was wir aber von Cüntl)er Stein erhoffen, ist. daß er nach seinen pessimistischen Fest* stellungen uns Weg? zeiat, die zur Eindämmung der jüdischen Notlage führe:-' können.