Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 3 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 ) ■ \ die zwangsläufige Folge der Not deZ Ganzen, hätte sich mit nüchternsten Zahlen und Beispielen erschütternd darlegen lassen. Für die Gesamtlage der ostpreußischcu Judenbeit ist es von symptomatischer, aushellender Bedeutung, daß ihre Zahl zwischen den beiden letzten Volkszählungen um mehr als ein volles Zehntel abnahm. Nach dem Stande von 192.5, der sich inzwischen ohne allen Zweifel verschlechterte, bewegte sich ihre Zifferknapp über 11000 Seelen. Dabei vermehrte die Provinz inr gleichen Zeitraum ihre Gesamtbevölkerung um immerhin 5 vom Hundert; ihr bekannter, unerhört starker Wanderverlust wurde durch ihre Gebietserweiterung wetigemacht, die, wenn auch das Memelgebiet an Litauen, der Soldauer Kreis an Polen fiel, den ganzen östlich vom Korridor gelegenen Teil der ehemaligen Provinz Westpreußen in Gestalt eines neuen Regierungsbezirks eintrug (darunter jüdische Gemeinden wie Elbing, Marienburg oder M a r i e n w e r d e r). Dieser Rückgang der Judenheit erklärt sich in Ostpreußen bezeichnenderweise anders als sonst. Aus ihn wirken nicht so sehr die gemeinhin üblichen Verfallserscheinungen ein, wie Häufung der Sterbefälle, Minderung der Eheschließungen und Geburten. Auch keine Anziehungskraft der Großstadt macht sich innerhalb seiner bemerkbar, wie sie anderwärts zu ihren Gunsten bloß das flache Land und die Kleinstadt entvölkert. Die einzige Großstadt der Nordostmark steht negativ, in der unaufhaltsamen Rückläufigkeit ihres jüdischen Einschlags, hinter den kleineren Ortschaften nicht zurück: wie beispielsweise Eydtkuhnen und Osterode, vor denr Kriege mindestens 200 jüdisck)e Seelen urnsastend, ihre Gemeinden nahezu halbierten, so schmolz Königsberg von 1910 bis 19 25 um 500 Kö^rfe zusammen, ein volles Neuntel seines Bestandes. Nach weiteren zwei Jahren war 1928 ein fortgesetzter Verlust von 250 Gemeinde Mitgliedern feststellbar, so daß sogar der Befund von 1871 merklich unterboten war. Es ist kein Deuteln noch Zweifeln möglich, daß in alledem über- 'gewaltig und unentrinnbar das Gesamtlos der Provinz, ihre politische Umklammerung, ihre wirtschaftliche Zermürbung und Aushöhlung durchbricht. Wie schwache Möglichkeiten sie als Arbeitsmarkt bietet, mag trotz chrer offenen Grenzen nach fast jeder Richtung der verschwindende Bruchteil der Ausländer zeigen, die bei der Volkszählung für die Juden von ganz Ostpreußen mit 7.3 v. H., für die Königsberger mit 10Z v. H. ausgewiesen wurden. Wer jedoch demgegenüber diesen wetterharten, Wurzelsesten Schlag der ansässigen Juden kennt lseine Bodenständigkeit prägt sich augenfällig in der beinahe regelhaft gegebenen körperlichen Angeglickzenheit an den ostpreußischen Typus aus), der weiß ungefähr, wie schwer es diesen Menschen fallen muß, ihren Nachwuchs mehr und mehr seines Fortkommens halber über den Korridor ins Reich abrvandern zu sehen. Daß in einer unsagbar ringenden, kümmerlich daniederlicgenden Agrarprovinz die Geschäftswelt ausnahmslos leidet, bebinQt unabwendbare Schicksalsgemeinschast. Man findet sich damit ab, daß die paar jüdischen Landwirte der Provinz, nicht rosiger gebettet als der Durchschnitt ihrer Berussgenossen, Umstellung und Rationalisierung ihrer Betriebe aufs intensivste bedenken müssen. Was aber sangen insbesondere jene hervorstechenden Geschästszweige an, denen die ostpreußische Judenschaft mit Vorzug und Vorliebe oblag: der vom polnischen Zollkrieg endgültig abgewürgte Holzhandel mit seinen Sägewerken und . Lagerplätzen, G e - treibe- und Vieh Handel, den in der Zeit allgemeiner Organisierung überdies Raiffeiscn-Genossenschaften ül>crslüssig machen? Es wird genügen, einige Streiflichter auszusetzen, rnn das Ergebnis an diesen oder jenen Folgen zu beleuchten. Höchst ausnahmsweise können sich die jüdischen Gemeinden der Provinz den Luxus gestatten, für die Deckung ihres Haushaltsplans mit geringeren Zuschlägen als 50 v. H. der Reichseinkommensteuer auszukommen; Bischofs werder. um eine Spitzenleistung herauszugrcifen, war bereits im Jahre 1928 auf 150 v. H. gestiegen, und mehrere Gemeinden drängten sich in die Nahe feiner Gesellschaft. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß so ungeheuere Anforderungen sich stets auf ganz wenige Schultern verteilen. Ein größerer Grenzort, wie Tilsit, veranschlagt seit Jahren gleichzeitig 30 vo:n Hundert vom Einkommen, 50 vom Hundert vom Grundvermögen und 25 vom Hundert von der Gewerbesteuer. Im Einklang damit vermag sich Königsberg, verhältnismäßig für leistungsfähig erachtet, unter den preußischen Großgenieinden immerhin noch den achten Platz beanspruchend, znr Ausrechterhaltung seiner Finanzen nicht mit 21 vom Hundert der Neichseinkommensteuer zu begnügen; wahlweise ist es genötigt, 50 vom Hundert vom Grundvermögen hinzuzunehmen. Wie cs im einzelnen um seine Mitglieder steht — deretwillen man eine Zeitlang sich fürchtete, die Zeitung zur Hand zu nehmen, um nicht durch unerwartete Zahlungseinstellungen überrascht zu werden, — mag daraus hervorgehen, daß zivar auf dem Papier des Finanzamtes gegen 1800 Steuerpflichtige existieren, von denen Redakteur örs ^Eisenhammer" verurteilt wegen be!e!ö!gung öes Centralvereins JnNeustadta.b. Haardt erscheint „Ter Eisenhammer" als Kampsblatt der NSDAP. Im verhetzenden Stil ihrer Veröffentlichungen steht diese Zeitung keineswe^ den übrigen Presseorganen gleicher Richtung nach. In Nummer 8 der „E. V.-ZeitunA" vom 21. Februar 1939 hatte der Centralverem eine einmütige Entschließung seines Hauplvorstandes über die unverrückbaren Grundlagen seiner Weltanschauung gegenüber nationaljüdischen Bestrebungen veröffentlicht. .Der Eisenhammer" glossierte diese Veröffentlichung mit folgenden Auslastungen: „Diese heiligsten aus dem Profit ausgebauten Anschauunasgcsühle sind uns nur zu gut bekannt. 33tem nennt diese Sehnsucht, das Dasein einer Blutlaus zu spielen, Assimilation — Blutlaus um jeden Preis! — Weiter: der C. V. hat stets jede nationaLjüdische Bestrebung abgelehnt. Für jeden armseligen aus Galizien nach Palästina wandernden Zionisten haben wir eine direkte Sympathie. Von dieser Gesellschaft aber, die jüdisch ist und jüdisch bleibt und würdelos den Deutschen markieren möchte, überkommt einen! der Ekel." In einer späteren Nummer brachte „Der Eisenhammer" einen Artikel mit der auffallenden Ueberschrstt: „Hetze, weites den Juden gefällt — dre Aufgabe der Franktireure!" In diesem Artikel wurde behauptet, daß der C. V. aus dem Hinterhalt Führer der nationalsozialistischen Bewegung durch Terrorakte beseitige. Es wurde ihm unterstellt. daß er vor Mord und Totschlag in seinen Abwehrmitteln nicht zurückschrecke. Wegen der genannten Zeitungsartikel erhoben der Vorsitzende des Centralvereins, Justizrat Tr. Brodnitz, und der Direktor des Centralvereins. Dr. Ludwig Holländer, Privatklage gegen den verantwortlick-en Redakteur R. R ö h r i g. Dieser wurde am 10. Januar 1930 vom Amtsgericht in Neustadt a. d. Haardt zu einer G e l d st r a s e von insgesamt 200 Mark und zur jedoch für die Gemeindckaste ein genaues Drittel schon im letzten Jahr restlos nusfiel. Man wird , darauf verzichten dürfen, aus den Auswcudnngen der Wohlfahrtspflege das nämliche Resultat zu belegen. Daß Ostpreußen seine spezifische Judennot hat, aus der Besonderheit seiner Nachtriegslage, aus der unseligen Berpflcchtnng Vvn deutscher Tragik und europäischer Politik herausgewachsen, ging ja auch in die teilnahmsvolle Einsicht des glücklicheren Teiles der doickschon Judenheit ein. Ohne die dankenswerte Ostprcußerchilse, die seit ein paar Jahren vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden bewilligt wurde, wäre das Judentum der Nordostrnarkt aus weite Strecken unrettbar verkümmert und dahingeschwunden. Derartige Darlegungen, deren Fälsigkeit und Berechtigung, dem Kanzler des Deutschen Reichs auf seiner Lstlandsahrt eröffnet zu werden, keinen Zweifel geduldet hätten, sollen allerdings auch an dieser Stelle in kein Mißverständnis ausklingen. Wie sie inhaltlich der Schicksalsgemeinschaft entspringen, die uns Juden gegebenermaßen aus Gedeih und Verderb mit dem Ergehen unseres Staates, feiner kulturellen und wirtsä>sttlicheu Geltung, mit den: ganzen Bestände seiner Zuknnftsaussichteu verschmilzt, so schwingt deren Bejahung, ein Bewußtsein um ihre seelische und gemütvolle Gewolltheit in allem Sorgen und Bangen mit. In das Gewölk, das auch die Herzen der ostpreußischen Judenheit belastet, fällt ungebrochen ein Strahl der Gewißheit, die aus der Inschrift von Ostpreußens Abstimmungsdenkmal entgegenglänzt: „Dies Land bleibt deutsche Tragung sämtlicher Kosten verurteilt. Den Privatklägern wurde die Befugnis zugesprochen, das Urteil aus Kosten des Angeklagten in der „C. V. - Zeitung" und im „E r s e u h a m m e i" zu veröffentlichen. K.C. gegen numerus clausus Am 10. und 11. Januar fand in Frankfurt a. M. die siebente ordentliche K. C.- Tagung statt. Die Versammlung, über deren Verlaus wir noch berichten werden, faßte dabei eine Entschließung, in der sie ihrer Empörung darüber Ausdruck gibt, „daß in mehrerer! Studentenparlamenten Beschlüste gefaßt wurden, bei den Staatsbehörden aus Einführung des numerus clausus für alle jüdischen Studierenden hinzuwirken. Alle gesitteten Kreise des deutsck^n Volks" — heißt es weiter — „wüsten sich gegen ein derartiges Vordringen der Unkultur und des Ungeistes energisch zur Wehr sehen, in dem Bewußtsein, daß es deutschen Wesens unwürdig ist. in Deutschland geborene, in deutfck)er Kultur erzogene und im deutschen Wesen wurzelnde Studenten von deutschen Schulen uuszuschließen. Die Uebertragnng von Balkansitten auf deutsche Hock)schulen wäre eine nationale Schmach, der die Staats- und Hochschulbehörden entschieden Widerstand leisten mästen. Vielfach haben bei studentlschen Kundgebungen die Chargierten akademischer Verbindungen von den jüdischen Korporationen einen auffälligen Abstand gehalten, um ihnen ihre Mißachtung zu zeigen. Hier handelt es sich uni eine Äcchtung von jungen Männern. die lediglich ihrer Abstammung und ihres Bekenntnisses wegen mit tiefster Mißachtung behandelt werden. Wir fordern cntsck)iedene Abkehr von diesen Verfallserscheinungen akademischen Anstandes, weck wir uns bervußt sind, daß dem deutschen Studenten jüdisck)en Glaubens aus deutschen Universitäten das gleiche Heirnatrecht zusteht.wie allen anderen Kommilitonen. Ten Kampf um unser ureigenes Rech als deutsche Studenten werden wir bis zum letzten Atemzuge führen und hegen die gewisse Erwartung, darin von allen deutschen Volksgenossen unterstützt zu werden."