Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277886-2277888--06478-2287301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unsere ILesi £» Li <L k h o EJ!inimiii!iHmmu»u!m!siim;imiumiir.i:iii;::; Ü vw» Li Jj Ü-\i;;;i!Ul!i!!i:!!:!lil!!il!l IS hü;; 1 •n fj o Lj '<3> L> \J>iJ Lj> K<S* Kernproblem des detsisdien Judentums Wieder einmal hat die „E. V.-Zeitung" ein Thema zur Diskussion^ gestellt, des in d^as Zentralproblem des deutschen Judentums lnneruführt und dessen erneute Jnangruwahme nicht nur möglich, sondern durch den ^stand insterer gegenwärtigen Politischen und soziolow.schen Struktur geradezu von innen der bedingt erscheint. Dabei ist die Formulierung ganz unwesentlich. Wichtige und für jegliche Erörrerungen dieser Art unerläßliche Voraussetzung ist die Erkenntnis, daß es in den Schickmlsstrom des deutschen Judentums, seine seelische und wirtschastliä)e Existenz einmündet. Es dürfte heute wohl kaum einen Kreis denkender jüdischer Menschen geben, in dem nicht die Frage nach Sinn und Wertung unserer -Zeit mit eben solchem Nachdruck gestellt wird wie die nach den Voraussetzungen und Wirkungen einer für uns Juden maßgeblichen soziologischen und wirtschaftlichen Struktur. Mag hierbei die Meinung über ihre Auswirkung noch der Praktisch-Politischen Seite noch so stark variieren: cs dürste doch wohl Einigkeit darin bestehen, daß unserer vitalen jüdischen Not weder mit d-en Mitteln noch mit den Erkenntnnwu einer hinter uns liegenden Zeit zu begegnen ist, vor allem da nicht, wo sie auss tiefste in unsere ganze seelische und wirtschaftliche Existenz eingreisr. Mag einmal für uns in mchr oder minder starkem Maße die „individualistische Tendenz" Jclvn* gestaltendes und lebeworuwndes. Prinzip _ gerne'en sein, die heutige Situation sedenmus drangt es mchr und mehr zurück und zwingt auch uns zu neuen und neuartigen Or:en::erunaen. Stärker als je erhebt fid:_ fjcutmr_ eile sich ihrer Verantwortung bewußten Nkenichen die Frage einer nötigen, konsequente:! Vor n ) s - ti mschi ch t n n o unter den Juden, mir anderen Worten einer entschiedenen A u f l o ck e r u n g ihrer bisherigen soziologischen Struktur. Sonnt ist auch das in dorn "Artikel „Die kleine Stadt" abgewandelte Problem in seiner Darstellung nicht mehr an soziologische oderlokale Verschiedenheiten gebunden, es ist vielmehr zum K a r d i n a l p r o b l e m der deutschen Juden und U)jer Exist e n z geworden. Wollte man unnnmgerweise versuchen, unseren Nöten mit den Mitteln und Methoden einer überlebten Zeit zu begegnen, wollte man auch in Fragen der Berufswahl innerhalb unserer Gemeinschast den Gedanken der Prosperität in den Vordergrund Preten lasten, so würde man sich an der Zukunft unserer Kinder auss schwerste^ versündigem Nicht die an lokalen und gesellschaftliche Gegebenheiten orientierte Betrachtung ist heute noch das Entscheidende, sondern die an uns aus der Zeit gewonnene Erkenntnis, daß unsere seelische wie wirtschaftliche Existenz an starke ^Umstellungen und 'Umorientierungen gebunden ist. Dr. MaxSalomon (Frankfurt a. M.) einmal ein jüdischer Amvalt zugelasion wird, wendet sich ihm natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit der Kollegen und Beamten vom Präsidenten bis zum Justizwachtmeister zu. Man. ist gespannt, wie „dieser Jude" sich einsühren. wie er sich benehmen wird. Gelingt es ihm, sich ihre Achtung zu verschaffen, so ist das ein Gewinn nicht nur für ihn selbst, sondern auch fitr die jüdische Gemeinschaft, als deren Vertreter er überall betrachtet wird. Eine Mahnung sei in diesem Zusammenhang noch ausgesprochen: Radikale und engstirnige parteipolitische Betätigung schaden, wennschon man selbslverständ.ich scharf in der Sache und selbstbewußt sein soll. Wenn all diese Darlegungen das Let>cn des jüdisä^n Akademikers in der Kleinstadt in rosigerem Licht erscheinen lasten, so können natürlich die ernsten Schwierigkeiten nicht verkannt werden, die in öden Gegenden, weit ab von t>crhetzten Gebieten auftreten. Auch in solchen Gemeinden, die nicht einmal annehmbaren jüdischen Verkehr bieten, ist es nicht leicht zu leben. Denn der gesellschaftliche Verkehr mit den nichtjüdischen Akademikern kommt — wie schon vor dem Kriege, so auch jetzt — fast nie in Frage. Dennoch müssen auch in solche Orte jüdische Pioniere ziehen, an denen es glücklicherweise nicht fehlt. Mögen auch unsere jüdischen jungen Mädchen endlich den Mut aufbringen, wieder von der Großstadt in die Kleinstadt zu heiraten und nicht in umgekehrter Richtung ihr Ziel sehen! Es gibt tatsächlich eine Reihe jüngerer jüdischer Akademiker, die sich gern verehelichen würden, die aber infolge ihres Wohnsitzes keine Frau finden. Hier liegt auch eine Verpflichtung und eine Ausgabe für das jüdische Mädchen. Hecllksauvcalt Dr. Charig (Stendal). In der Front des Aulktämngshamples Unter 10 000 Einwohnern etwa 100, die jüdischen Glaubens sind, bas ist das heutige Durchfchuittsbild einer deutschen Kleinstadt. Diese 100 Juden gehören zu 99 v. H. dem gewerblichen Mittelstand an und sind in allem, was sie tun, von ihren christlichen Mitbürgern abhängig. Sie reichen nicht aus, um auf gewissen Lebensgebieten, wie es etwa in der Großstadt der Fall ist, ebne Gemeinschaft zu bilden. ’ Täglich/'im Berufs- und Privatleben, kommen sie mit Andersgläubigen zusammen, von denen sie genau gekannt werden und die sie ebenso g e - nau kennen. So ergibt sich für den'Kleinstadtjnden ganz von selbst eine Stellung, die man im Abwehrkampf als Frontstellung bezeichnen kann. Ihm entgegen steht der Kleinstadtantisemitisnms. Dieser hat in der oberen Schicht der einheimischen Bevölkerung nur sehr wenig mit dem modernen Kultur- und Nassenantistmitismus zu tun. Er wurzelt vielmehr in den lieberreiten clltrealtionärer Anschauungen, die den Juden, auch hellte, so viele Jahrzehnte nach seiner Emanzipation, nicht als gesellschaftsfähig anfehen. Diese Art der Judenfeindschaft, die sich gewöhnlich als gesellschaftlicher Boykott allswirkt, macht besonders den jüdischen Akademikern, die heute in fast jeder Kleinstadt vereinzelt anzutrefsen siird, das Leben zu einem Martyrium. Ntau kennt sich wohl auf der Straße, man grüßt sich auch lind unterhält sich auf Vereiusabenden. Man gibt aber dem Jliden zu verstehen, daß feine Anwesenheit bei „standesgemäßell Veranstaltungen" nicht erwünscht ist. Anders zu werten ist der Antisenutismus der übrigen Kleinstadtbevölterung. Er gibt planmäßiger, agitatorischer Arbeit ernten Boden. Als jüdischer Kleinstädter muß mau denn, nach Als Akademiker in der Kleinstadt Wer zwei Jahre in der Weltstadt Berlin als Generalsekretär eines großen Verbandes gewirkt hat. um dann in eine Stadt von 31.000 Einwohnern als Landgerichts anwalt zu gehen — und Zwar als einziger jüdischer —, der hat den Gegensatz Zwischen dem Leben am kleinen Platz und in der Großstadt ausreichend kennengelernt. Aus Grund meiner Ernährungen kann ich vorweg versichern, daß mir die Tätigkeit in einer Klein- oder Mittelstadt vom menschlichen, beruflichen und nichr zuletzt vom jüdischen Standpunkt aus wertvoller erscheint als vre in einer großen Stadt, etwa Berlin. Daher ist es nur stets unbegreiflich gewesen, weshalb so viele Anwälte lieber in Berlin hungern, als Z. V. in G r e i s s w a l d oder A u r i ch ein auskömmliches Dasein führen wollen. Ich verkenne selbstverständlich nicht den ungeheuren Wert der geistigen Anregungen einer Großstadt. Es muß al^cr cinmcck ganz osten erklärt werden: Berlin ist nicht die Welt, weder in geistiger noch in politischer Hinsick):. Die ^Führer des Volkes ans den menten Gebieten kommen aus der „Provinz". Was in Berlin so sehr geschätzt wird, tft oft auch seichter Kram oder ,/rulturbolschewismus", der uns nicht weiter bringt. Viele Akademiker beharren in Berlin aus Bequemlichkeit oder Ghettogesinnung: man will den scharfen Lufrzug draußen im Lande vermeiden, weil cs sich „im Kreise seiner Lieben" leichter leben läßt. Ta braucht man es auch mit den. Pftickfteu gegenüber bei bedrohten G ta u be ns gern e i n s cha f t nicht so ernst zu nehmen. — Don dem sogenannten gesellschaftlichen Verkehr halte ich in Berlin nicht viel. Man geht dort nur zu oft seinen eigenen Weg. Verabredungen dauern, bis sie .ausgeführt werden, ebenso viele Monate wie in dar Kleinstadt Tage. Logen-, Gaststätten- und Theaterbesuch ersetzen den Familienverkehr. der oft nur am kleineren Ort wirklich ausgeprägt und geistig wertvoll ist. Ausnahmen bestätigen todiglieh die Regel. Man darf also in bezug auf Berlin behaupten: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Diese allgemeinen Bemerkungen dürfen natürlich nicht so aufgesaßt werden, als ob sie nur für den Akademiker eine Rolle spielen. Sie sind für alle Berufsstande von gleicher Bedeutung. Eine Höherschätzung des Akademikers gegenüber dem Kaufmann oder Handwerker ist überhaupt vollkommen unzulässig. Der Unterschied zwischen Viesen beiden Dürfte nur darin bestehen, daß ein akademisch Gebildeter sich in höherem Maße als jeder andere um die morgen der Allgemeinheit und der ihm nahestehenden Gemeinschaft kümmern müßte. Und zwar deswegen, weil er als Akademiker eben das Glück hatte, sich eine wissenschaftliche Bildung anzueignen. Ich kenne leider eine Anzahl jüdischer Akademiker, die sich Vieser Verpflichtung gar nicht oder nur sehr mangelhaft bewußt sind. Damit komme ich zum Hauptpunkt: Aus v e m Lande u n d in de n <U lein-- und M i t t e l st ä d te n werden vielfach d r i n g e n d j ü d i s ch e Akademiker als Führer gebraucht. Im religiösen Leben der Synagogengemeinden wie auf dem Gebiet der Aufklärungsarbeit des E. V. vermag nicht selten ein Arzt oder Rechtsanwalt mehr zu erreichen als ein durch seine Geschäfrswrgen m Anspruch genommener Kaufmann oder sonstiger Gewerbetreibender. Außerdem kommt der Akademiker durch seinen Berui mit Kreisen zusammen, die sonst mit der jüdischen Bevölkerung keine oder nur geringe Berührung hal>en. Tie Tätigkeit eines Arztes oder Anwalts bringt es auch oft mit sich, daß mau sich die Dankbarkeit nicht weniger Leute erwirbt, die vielleicht das ganze Leben hindurch währt. Auch manches andere kommt den: Akademiker zustatten, Z. B. dem Anwalt die notwendigerweise ansgebildete Fähigkeit, in Wort oder Schrift seine Meinung zu vertreten. Es braucht nicht weiter ausgeführt zu werden, daß die Kenntnis vom Judentum und die ständige Zusammenarbeit mit Juden für die Nichtjuden das beste Gegengift gegen die Verbreitung von Judenhaß darstellt. Nur ein Beispiel sei angeführt: Wenn an einem Landgericht nach dreißig Jahren wieder