Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- Seite 17 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277886-2277888--06479-2287302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
einem Wahltage wie dem. 14. September, mit Überraschung die große Anzahl judenfeiudlicher Stimmen seststeüen und zu der Ueberzeugung kommen, daß auch viele der persönlichen Bekannten eine antisemitische Partei gewählt haben müsien. Daraus ergeben sich für die Bekämpfung des Kleinstadt-Antisemitismus zwei Anhaltspunkte: 1. Ter planmäßigen Agitation der Rechtsradikalen ist durch vorsorgliche .Ausllänmg zu begegnen. 2. Tie persönliche Bekanntschaft die in der Kleinstadt zwischen Juden und Judengegnern vorhanden ist, ist noch in erheblichem Maße zu verstärken und zu vertiefen. Für den ersten Fall reichen die Mittel des wirtschaftlich schwer ringenden Kleinstadtjuden nicht aus. Hier müssen Gleichgesinnte aus der Großstadt helfend einspringen. Aber für die Konjunktur in Antisemitismus Wochenlang in den großen Tageszeitungen ausfallend angekündigt, erscheint soeben ans der Feder eines Herrn F. M. Feiler ein ^Duch — ein Buch?, eine kärgliche Skizze, aus 36 Seiten mit breitem Raud^ und großer Tvpe .gedruckt, aus den gemäßen Satzspiegel und den gehörigen Schriftgrad gebracht also gerade ein Druckbogen <nnd -dafür Ladenpreis 4 — Mark!) — erscheint also ein Werk dieses Herrn, überschrieben „A n t i s e m i t i s m u s", nnt dem stolzen Unterrirel „Versuch einer Psycho an a l y t i - scheu Lösung des Problems". Es erfchFint im Verlag des Archivs für angewandte Psychologie, der aber bei näherem Hinschauen der S e l b st v e r l a g des Herrn Feller ist und sür das nächste Vierteljahr monatlich eine grnße Neuerscheinung seines Berlagsdirekrors mrd Autors ankündigt. Tie Erwartungen, die man auf Grund jener geschickten und aroßzügigen Werbung, für die Herr Feller F a ch m a n n zu sein scheint, an das Erscheinen des Buches knüpfte, werden also schon enttäuscht, bevor man die Schrift gelesen hat, wenn man das Heft nur in der Hand hält. Ter Inhalt enttäuscht aber nicht nur. sondern erbittert sogar. Und erbittert gerade den Juden, weil hier ein angeblicher Freund des Jtrden von ihm spricht, ihm die besten und rühmlichsten Eigensckpsten der Welt nachsagt. Beispielsweise folgendes: „Tas Judentum war von leher hoch zivilisiert. Vielleicht nur in den Chinesen finden wir ein Beispiel gleich hoher Zivilisation." „Tie Juden sind das disziplinierteste Volk Europas. Unter den Juden gibt es nur sehr selten (und nur in neuester Zeit) Säufer, Verbrecher; jüdische Mörder sind in der Krirninalogie säst unbekannt. Tie Vertiefung der persönlichen Bekanntschaft sind gerade in der Kleinstadt sehr viele Gelegenheiten vorhanden, die von den Juden noch zu wenig ausgenutzt werden. Hier spielt das Vereins- Leben eine bisher unterschätzte Rolle, und es ist ersrculich daß gerade die kleinstädtischen Mitglieder des E. V. vielfach im Mittelpunkt des Bercinslebens ihrer Heimatstadt stehen. Sie kämpfen nach wie vor trotz 107 nationalsozialistischen Abgeordneten und ringen im Kleinkampf als Einheimische nach und nach den fremden Agitatoren Erfolg um Erfolg wieder ab. Wenn mau das Vereinsleben als Gradmeuer des Kleinstadtlebens ansieht, so kann man heute wohl sagen, daß es 1924 weit schlimmer um die jüdische Kleinstadt bevvlkerung stand als beute und daß der 14. September 1930 für viele Ansporn zu erhöhter Aktivität geworden ist. Adolf Rubinstein (Lotzen). jüdische Familie ist mustergültig, Ehebruch gibt es nur selten, die Prostitution wird am wenigsten von Juden genährt." Es ist uns nichts Neues, daß es so ist, und es ist erfreulich, daß es immer wieder festgestellt wird. Aber, n?enn man den richtigen Zusammenhang kennt, in dem Herr Feller ein solches Lob ansspricht, so kann man nur sagen: Gott schütze mich vor meinen Freunden! Herr Feller legt nämlich in diesem „grundlegenden Buch", das eines der schversten Probleme der Gegenwart „löst", im ersten Kapitel ouj neun Seiten eine wiederum „g ru n dlegende" Theorie von Zivilisation und Kultur vor. Zivilisation ist nach ihm Trieb- Verdrängung, Kultur T r i e b b e f r e in n g. Wir von unserer Seite könnten das ebenso umgekehrt sagen; es würde nichts cm der Unmöglichkeit ändern, mit einem solchen höchst unzureichenden, den Ernst der psychoanalytischen Theorie völlig mißverstehenden banalen Schlagwort dem Problem auch nur annähernd gerecht zu werden. Wir empfehlen Herrn Feller ein eingehendes Studium der großen kulturphilvsophifchen Werke, von denen genug im letzten Jahrzehnt erschienen sind. Er würde dann lernen können, wie nran an solche Fragen heranzugehen hat. In dieser, allgemeinen Theorie hat er nun eine Möglichkeit der Bestimmung einer Grrurdgegenfützlichkeit des Ariers und des Inden. Allerdings. „den Unterschied zwischen arisck^er und jüdischer Zivilisation im Rahmen einer so knapp gehaltenen Studie darzustcllen, wäre mnnöglich". Wir sind sehr verwundert, das ^u hören. Wir suchten in der Schrift eine L ö i n n g des Problems, wir sind in der Tat enttäuscht, nud der anmaßende Titel entpuppt sich als bewußte Jrreführrmg, wenn dann im Nachwort zugegeben wird, daß nur eine „vorläufige (!) ungefähre (!) 17 Betrachtung über die Psychologie des Antisemitismus" gegeben wurde. Was aber nun sachlich hierüber gesagt ist. ist so unzureichend, so flach, so hingeworsen, daß man sich in dev Tat wundert, wie jemand die Stirn hat, über ein ernstes Problem in dieser Form zu reden. Beispielsweise steht da unter einem besonderen Kapitel, das gerade zwanzig Zeilen lang ist: „T.is erotische Verhältnis zum Juden kann hier nicht besprochen werden, weil mich das Material an sich zu größter Ausführlichkeit zwingen würde." Wsir harren uns gefreut, wenn Herr Feller diesem Zwang gefolgt wäre. — Es steht da, daß das Wese n des Inden in der Trieb Verdrängung , das Wesen der arischen Kultur in der Triebbefreiung liegt. Wir sind erfreut, das zu ho:en, aber wir scheuen uns gar nicht auszusprechen, daß diese Feststellung genau so falsch ist wie die nun gekehrte der Antisemiten; der Jude ist zum Glück ein lebendiger Mensch. Er kennt Trieb und Geist in gleicher Weise. Er sublimiert seine Triebe und er aktiviert sie im Dienste der Kultur ganz ebenso wie alle. Wir wollen uns mit der Geschichtßphitosophie des Herrn Falter nicht weiter ausetnandersetzcn. Ta stehen beispielsweise Sätze darin, wie etwa: „Durch Martin Luther antwortet das jüdische Ehristennnn mit der^ Reformation in Deutschland" (auf die Renaiyance). Ta steht darin: „Der Jude verzichtet auf den Erzeß lder Phantasie) und begnügt sich mir der Tricbbetängung in der unfreien Religion". Ta steht als These darin: „Aus ökonomischen Gründen winde der Arier gezwungen, das Christentum anzunehmen und sich somit die jüdische Zivilisation zunr Vorbild zu stellen. Daraus ergibt sich 'aber der Konflikt des Ariers mit dem Judentum". Wir stehen nicht an zu erklären, daß wir keinen augebbaren Sinn in solchen Erke nntniiieu selben. Nicht dieser mittelmäßigen und gleichgültigen Brosckchro wegen sind wir so ausführlich geworden, sondern des Problems wegen,'das uns am Herzen liegt. Wir sind der Meinung, daß es im höchsten Grade verwerflich ist, aus Konjunkturgründerr eine große Werbetrommel zu rühren, wenn man nichts anderes zu bieten hat als Herr Feller. Wir können es nicht zugestehen, daß man m i t Antisemitismus Geschäfte macht. Wir warnen in aller Deutlichkeir vor der Schrifr, wir warnen sehr viel mehr vor den Konjunkturrittern im Antisemitismus. Di*. M. K. Der Weg nach ölok Ein Werk von außerordentlicher Gestaltungskraft, in dem Wilhelm von ch o l z seine ureigenste Art der mystischen Empfindung und feinen psrchologifchen Kunst in reichstem Maße entfaltet ty\t Tie Handlung spielt im Mittelalter. Johann von EaprisLano, ein Bern hardinermönch, dem der Ruf eines wundertätigen Heiligen vorausgeht, der aber gleichzeitig als rücksichtsloser Eiferer in Glaubenssachen bekannt ist, kommt imch Breslau, uj}i die Anhänger der Neue Mchsr $. % Zeller: Antisemitismus — versuch einer psychoanalytischen Lösung -es Problems. - Wilhelm o. Scholz: Der Weg nach Ilok P> Z i?w Üsl S . B f T 1552 DIE QUAUTÄ7SMARKE DAS 50 G R A M M - PA RET i DIE NEUE BRAUNE PACKUNG . ... 65 Pfg. DIE NEUE KLEINBLATT-MISCHUNG . 55 Pfg. Unsere Originalpackungen sind überall in einschlägigen Geschäften zu haben, in denen Sie auch Prospekte mit anhangendem Gutschein bezüglich unserer wertvollen Werbegaben erhalten.