Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- Seite 13 (sequence 5)
- Language
- German
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13 ihren „Aammcvfncdjtcn* das Jndeuzeichen erlassen hatten, und noch Kaiser Friedrich III. den Papst Nikolaus V. darauf fiumr.:?, fccr; daS von Nikolaus von Eusa befohlene Judenzeichen den Christen selber zum Schaden Bereiche, führten W ü r z b u r g , A u g s b u r g , K ö l n , F r a n k f u r t, E r f u r t, N ü r über c. K o nstanz, Trier und viele andere Städte das Zeichen ein. Es waren jene Jahrhunderte, in denen die ausblühenden Städte mit ßil:n lUit* k(u die Konkurren z des unbequemen jüdisä)en Kaufmanns und Gcldhändlers belainpften oder sich durch gewaltsame Austreibungen ihrer Nebenbuhler entledigten. Tie von Kaiser Karl V. im Jahre 1530 zum ersten Male für das ganze Reich erlasiene Verfügung, „daß die Juden einen gelben Ring an dem Rock oder Kappen allenthalben zu ihrer Erkenntnis öffentlich tragen sollten", spiegelt jene Seimmung wider. Farbe, Form und Art des Juden Zeichens waren allem Anschein nach dem Belicl^n der einzelnen Fürsten, Bischose und Städte überlassen. Ludwig der Heilige von Frankreich verordnete im Jahre 1269, daß das Zeichen aus safrangelbem Filz bestehen, vier Finger groß sein, die Form eines Rades hal^n und auf der Brust wie auf dem Rücken getragen sein sollte, „bannt die Gebrandmarkten von allen Seiten kenntlich seien". Das Rad, bald in roter, bald in gelber Farbe, war auch das Abzeichen der Juden Aragon!ens, Ungarns, einzelner italienischer und südpolnischer Provinzen, während England zwei Tafeln von weißer Leinwand oder Pergament, später aus safrangelbem, sechs Finger langem und drei Finger breitem Filz einsührte. In Venedig, Parma und Verona war das sogenannte „0"-Zeickzen eingesührt, in einzelnen deutschen Städten ein gelber Nin^ oder Fleck oder gelbe Fäden, in Oesterreich ein Ring aus gelbem Tuch, der im 16. Jahrhundert durch ein „rundes Häubl", in Prag zur Zeit Maria Theresias durch einen gelten Kragen ersetzt wurde. Ebenso verschieden waren die Verordnungen über, die Klerdertracht. Die Regentin Kastiliens, die Adulter des unmündigen Ton Juans, rerordnete im Jahre 1412, daß die Juden neben dem roten Zeichen lange, bis auf den Boden reichende, von der üblichen Landestracht verschiedene Kleider und Mäntel tragen sollten. In Aragonien war der Kappenmantel in Gebrauch, in Polen gelbe Mützen, in Ungarn rote, mit einem ringförmigen Lappen besetzte Mäntel, in Frankreich einige Zeit ein an der Mitte der Kleidung angehcftetes Horn, in einigen italienischsn Städten ein gelbes Barett, später ein schwarzer Hut mit roten. Haaren, in Rom ein gelber Hut für die Männer, ein viereckiges Stück gelbes, um den Kopf zu tragendes Stück Tuch" für die Frauen. Für Deutschland war der Judenhut charakteristisch. dessen ursprünglich zuckerhutsvrmige Gestalt vorn Konzil zu Wien (1267) in ein hornartiges Aussehen verwandelt würbe, während das Salzburger Konzil (1418) (in die Frauenkleidung das Anbringcn schallender Glöckchen verordnete, damit man ihr kommen [c}on von weitem bemerke. „Und wil mit einen langen hart lau wahsen ßtife haare, Ich wil in alter jndenleben mich binan vur wert zickm.. Mein Mantel, der sol wesen lank tiei unter einem Huotck besang der jüdische Minnesänger Süßkiud von Tri mb erg die Judentracht des 13. Jahrhunderts. Während die Judentracht im allgemeinen wohl, ähnlich der Tracht der Ritter, der Geistlichen, der Adligen, der Patrizier die sozialen Schranken, den ständischen Unterschied widersviegcln sollte, wurde das Judenzeichen, ähnlich dem Abzeichen der Dirnen und der Aussätzigen, von Juden und Christen als öffentliche Brandmarkung, als schändliche Entehrung empfunden. So wanderten, um nur ein Beispiel zu neunen, die Juden Kastiliens in großer Anzahl aus, als man das Judenzeichen dort einsührte. Die Juden Roms kleideten sich einige Zeit in Gelb, damit das gelbe Judenzeichen nicht zu sehr aufsiet. Es wird immer wieder berichtet, daß die Juden den Regierungen große Summen cm boten, damit man ihnen das Zeichen erlasse. Die Juden Roms verpflichteten sich im 16. Jahrhundert, die Summe von 40 000 Scudi zu zahlen, wenn der Papst sie vom Zeichentragen befreie. Wir hören noch im Jahre 1713, daß die preußischen Juden Friedrich Wilhelm I. gegen das „Erlasien eines gewitzen Zeichens" 8000 Reichstaler überließen. Ter jüdische Dichter David Ascoli in Nom schrieb eine so gischende Anklageschrift gegen das Zeiclzen, daß man ihn ins Gefängnis warf. „Er führte", schrieb ein jüdischer Zeitgenosse über Papst Paul IV., als er 1559 starb, „den schimpflichen Judenhut ein und brachte soviel Leiden über Israel, wie es seit der Zerstörung des Zweiten Tempels nicht geschehen." Erst das Zeitalter des RaLionalismus, die Vorstellung des Naturrechts vor den eingeborenen, unveräußerlichen, freien und gleichen Rechten der Menschen, die Gedanken der Aufklärungsphilosophie von der Würde und Freiheit der menschlichen Persönlichkeit hoben das Judenzeichen auf. zu gleicher Zeit, in der die Gesellschaft die ständisä)en und sozialen Unterschiede, der Staat die wirtschaftlichen und politischen Schranken aufhoben und den Juden zum gleichberechtigten Träger der Staatsgewalt machten. Geschichtliche parallele zur notioiialjojiflllfJijdien Utopie von Dr. §ekix Aber (bremen) Tie nationalsozialistische Rechtsordnung will bekanntlich den Juden das Staatsbürgcrrccht nehmen und sie als Ausländer unter Fremdenrecht stellen. Diese Ausnahmestellung ist nicht nur den Vekennern des jüöifd>cn Glaubens zugedacht, sondern auch allen denen, die von Juden oder Farbigen abstammen. Nicht der Glaube, sondern die „RemlM des Blutes" soll für das Staatsbürgerrccht entscheidend sein. So unglaublich dies klingt, so weiß doch die jüdische Geschichte von einem ähnlichen Versuch zu berichten, der allerdings schließlich in Lächerlichkeit scheiterte. Auf der spanischen Halbinsel hat er sich Zugetragen, von der bekanntlich die Juden am Ausgang des 15. Jahrhunderts vertrieben wurden, nachdem sie in den vorangegangenen Jahrhunderten die Kultur des Landes 'nut-geschaffen hatten. Zu sehr mit dem iberischen " Heimatbodeu verwurzelt und dem harten Glaubensdruck sich beugend, hatten in die .Hunderttausende gehende Scharen zum Schein das Christentum angenommen. Im Herzen waren sie jedoch Juden geblieben. Die Bla ran neu, so nannte man diese Scheinchristen, drangen bald in alle Berufe ein, verschwägerten sich mit dem spanischen und portugiesischen Hochadel und waren auch inmitten der Geistlichkeit aller Grade anzutreifcn: sie ließen sich dabei wohl von der Ansicht leiten, daß das Gewand des Priesters ne am besten gegen den todbringenden Argwohn des Glaubensgerichtes schützen rtnrbe. Doch auch hier waren sie vor den Svitzeln der Inquisition nicht sicher und selbst hohe Kleriker, wie Antonio Home ms. Prof-vor des kanonischen Rechtes an ^dcr Univerntät von Coimüra. mußten die Scheiterhaufen der Autodafes besteigen. Ties brachte den Erzbischof Von Toledo, den Erzieher des Thronfolgers, des nachmaligen Königs Philipp II.. auf den Gedanken, von den Bewerbern um Aemter der Kirche und der Regierung den Nach:veis dnw reinen spanischen Ratze zu fordern. Er verfaßte zur Verbreitung dieses Gedankens eine Abhandlung .Ximpieza de sangre“ „lieber die Reinheit des Blutes" (1547), in der er für die Bekleidung eines öffentlichen oder kirchlichen Amtes den Nachweis der rein christlichen Abstammung forderte. Das toledamsche Kapitel stimmte seinem Oberhaupt bei. Karl V. aber und auch der Papst Paul III. konnten sich mit dieser Forderung nicht befreunden. Wußten sie doch beide. Jude selbst. Es wird übersehen, baß aus solchem Leiden zugleich der Quell der Leidenschaft religiösen Erlebens und auch die Leidenschaft des Mitleids entspringt, die für den Juden und seine Haltung zur Welt so sehr eigentümlich sind. Das find, in Andeutung, die schon überpsychologischen Hintergründe, auf denen die Rückkehr des Lord Melchett zum Judentum üch vollzog. In seinem Fall gab es leine Möglichkeit einer Rückkehr ins Religiöse.- sein Fall spielt nicht im Osten, sondern im Westen Europas. Tie Inbrunst seiner Zerrissenheit mußte eine rationale Zensur passieren, an der er krast Bildungsgang und Milieu notwendig festhalten muß. Mond konnte weder Revolutionär noch Sektierer werden. Seine Leidenschaft entzündet sich darum in einer Sphäre, in der Religiöses und Soziales in einer eigentümlichen Verbindung zugleich wirkend enthalten sind. Es liegt ein unüberwindbares Hemmnis vor ihm. in radikaler Weise der Forderung seines sozialen Gewissens zu folgen. Er, Führer des englischen Chemictrusts,^ Wirtschaftspolitikcr und Minister, konservativ bis aus die Knochen (auch als er noch der liberalen Partei angehörte), festgelegt als bewährter Käinpfer gegen alle sozialistischen Tendenzen, — er kann seine Lebensarbeit nicht verleugnen und selbst 'Sozialist werden. Er kann nicht das tun. was noch sein Vater getan hat. der den Arbeitern seiner Werke Kleinaktien und Gewinnbeteiligung einräumte und für sie Siedlungen baute. Mond fühlt, daß dies nur ein Palliativ wäre, ein unzureichender?!olbehelf, nicht zureichend für die Größe seiner inneren Not. So bleibt er starr in seiner sozialen Haltung, Kapitalist von Geblüt und unerschütterlicher Gesinnung, bis endlich eine Bewegung diese Starrheit löst, in deren Reihen er, ohne sein Werk zu verleugnen, endlich die Möglichkeit findet, sozial zu sein. Der Zufall einer politischen Konstellation gab ihm diese Gelegenheit einer Erlösung ans seinem inneren Konflikt. Das Unrecht, das er empfand, das Unrecht, mächtig und reich zu sein inmitten darbender uni) ohnmächtiger Völker mitten im Krieg, glaubte er als englischer Minister wieder gutmach>en zu können. Ter Zufall gab ihm Gelegenheit, sich nicht bewußt werden zu müssen, daß eigentlich soziales Unrecht in weitestem Sinne gemeint war.wenn er von dem Unrecht sprach, das die Welt denJuden zngefügt hat, daß es der Nus seines eigenen Gewissens war, mit dem er das Gewisien Englands aufrief, dies Unrecht an den Juden wieder gntzumachen, daß er seine eigene Mission meinte, wenn er von der historischen Mission Englands sprach. Das sind, so will uns scheinen, die seelischen Zusammenhänge, die es erklärlich machen, daß Molche! t ein Führer des Zionismus wurde. Es war für ihn der Ausweg, der ihn: in seinem Gewisienskonflikt allein möglich war. Es ist nicht das Mißlingen der Assimilation (sie ist nicht mißlungen), es sind nicht die Hep-hep-Ruse eines Antisemitismus (die er nicht erlebt hati. cs ist keine nationale Rot (die er nicht kannte. Engländer von Bekenntnis und Haltung) — es i st die Erschütterung seines j ü d i - s ch e n G e w i s s e n s. Der Ethos des Judentums trägt auch ihn. die soziale Forderung des Judentums steht auch vor ihm: er beugt sich der Forderung, er beugt sich dem Ethos, iw stirb! als Jude, auch wenn er als Engländer gelebt hat. Mauritius Kalni.