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Central-Verein-Zeitung · 1931-01-09 · 2 (9.1.1931) · p. Seite 12

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
2 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
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Die ewige Wiederkunft öes Omajcn Fleck und anderen AMchMöeßmmMU Vom gelbeu Das Iuöenabzsichen Von Dr. Selma Stern Wollte man eine Geschichte des Judenzeichens schreiben, so mußte man eine Geschichte der Juden selber schreiben, eine Tarstellung ihrer Leiden, Verfolgungen und Kränkungen in-Jahrhunderten, da sie willenloses Objekt des Weltgeschehens waren. Man müßte gleichzeitig eine Geschichte der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, der kulturellen, moralischen und religiösen Strömungen bringen, denn mit allen diesen Mächten steht das Judenzeichen in unlöslicher. Verbindung. Es ist das Symbol der Knechtung, der „Fleck der Schmach" auf der einen, das Zeichen des Sieges aufstrebender Finanzurid Wirtschaftsorganisationen und der triumphierenden Kirche auf der andern Seite. Die Zeiten, in denen der Jude mit dem gelben Fleck aus der. Brust, dem gehörnten Hut auf dem Kopf als Zielscheibe des Spottes und der Karikatur ängstlich durch die Ltraßen schlich, waren gleichzeitig Epochen, in.denen Papsttum und Kirche ihre Macht stabilisierten oder Städte und Bünde die Konkurrenz des jüdischen Nebenbuhlers beseitigten. In gleicher Weise nt die Geschichte des Judenzeichens die Geschichte des Antisemitismus und eine Soziologie der ch r i st l i ch e n Gesellschaft vom 13. b i s zum 18. Jahrhundert. Wie das Judenzeich?n zuerst Ausdruck des religiösen, spater des wirtschaftlichen und des gesellschaftlichen Zudenhapes wurde, war es ebenso sehr Ausdruck jenes ständischen und sozialen Unterschiedes. der den Adligen vom Bürger, den Bürger vom Bauern, den Patrizier vom Plebejer, den Geistlichen vom Laien, die eine Zunft von der. andern, das Dorf von der Stadt, die Provinz von der Provinz feindselig schied und diesen Urrterschied in Stofs und Kleidung, in Farbe und Form nach außen sinnfällig und weithin sichtbar dokumentierte. Als Papst Innozenz HI., jener mächtigste, hoheitsvollste, politischste Beherrscher der Christenheit, jener „veras imperator“, wie ein Zeitgenoge ihn bezeichnete, „der eigentliche Ersüller der päpstlichen IlniversalamprücheF auf dem 4. Laterankonzil von 1215 für die Juden aller christlichen Länder das Tragen eines Abzeichens verordncte, folgte er einem alten mohammedanischen Brauch. „Zur Wachrung der Reinheit des Glaubens, um Vermischung und Verwechslung der Ungläubigen mit den Gläubigen", den Verkehr von Christen mit jüdischen und sarazenischen Frauen, von Juden und Sarazenen nrit Christinnen zu verhüten, batte der Kalif Omar II. im Jahre 634 besohlen, daß „die Inden durch eine gelbe, die Christen durch eine blaue, die Magier durch eine schwarze Naht" kenntlich gemacht sein sollten. Daß den Papst Innozenz 111. ursprünglich nur religiöse Motive leiteten, daß es ihm. dem harten Bekämpfer der Albigenser, darauf au kam, „die fleischliche Vermischung" von Inden und Christen zu verhüten, geht nicht nur aus den Worten des Ediktes, sondern auch aus andern Aussprüchen des Papstes hervor. Tie Juden müßten, schrieb er einmal, wie der Brudermörder Kain unstet und flüchtig, ihre Gesichter müßten mit Schmach bedeckt sein, sie sollten erkennen, daß sie die Sklaven derer sein müßten, die diirch Christi Tod frei wurden. Es ist jene Auffassung, aus der heraus dw Kirche und der von ihr geleitete christliche ^taat Den Inden Den Zutritt zu allen Aemtern, die Ehe mit Christen, den Besitz von christlichen Knechten und Sklaven verboten, sie als Fremde, als Auswärtige und Nichtbürger ohne Lebensfähigkeit und ohne Anteil an dev städtischen Almende gelassen, den Christen den Verkehr mit den Juden, die Beteiligung an jüdischen Festlichkeiten und Eastgelagen untersagt hatten. Tie Juden Durch das Kennzeichen öffentlich zu entehren, lag ursprünglich nicht in der Absicht des Papstes. Tenn er wünschte ausdrücklich, man möge den Juden durch das Abzeick-en „das Leben .nicht erschweren und sie gesellschaftlich nicht unmöglich machen". Wie stark rein religiöse Motive bei der Abfapung jener päpstlichen Bulle mitspielren, beweist auch die Tatsache, daß Zeiten tiefer religiöser Spannungen und asketischer Hebungen, der Kreuzzugsstimmungen und der Büßpredigten stets von neuem Das Tragen des Jndenzeichens forderten. Während zum Beispiel den Juden der Stadt Nom Jahrhunderte lang eine milde Behandlung zuteil wurde, legten ihnen die gestrengen Päpste der Gegenreformation nach langer Freiheit die Last des JudeniPin ^li8Jh*> ITirfit s ^um^ot*e Meiä-ms / Versuch einer Deunrng Ein Jude stirbt. lieber den Nekrologen steht fein jüdischer Name, keiner aus dem Wurzelwerk seines Stammes. Er stirbt, und mit chm stirbt sein Judesein. Was bleibt, ist ein fremder Titel. Ter wird sich vererben, aber wer mag wissen, wie lange die Erben noch Juden sind. ' Ein Mann stirbt, jüdischen Stammes, deutschen Geblütes, englischer Würde. Cs bleibt das Bild eines unwiederholbarcn Schicksals. Bon Alfred Moritz M o n d ist ein weiter Weg zn dem Lord M eichet t os Langford: -es ist ein kurzer Weg Zurück von dem englischen Lord zu dem Juden. Der erste umfaßt die Spanne von zwei Generationen, der zweite den Augenblick, in dem das Gewisicn errvacht. Zwei Generationen Arbeit sind notwendig, um zu Ansehen, Macht, Reichtum zu kommen; ein einziger Augenblick entscheidet, ob man aus der Höhe einer sozialen Position herabsteigt in die Tiefen des Menschentums, ein Augenblick entscheidet, ob das menschliche Sein wesentlich ist/oder nur Wirtschaft und Politik. Es scheint uns jüdisches Schicksal zn sein, einen solchen Augenblick zn erleben. Cs scheint uns, das Erwachen des Gewissens in der gewipenlosen Thnamik der Zeit und der Wirtschaft, das Erlebnis des tragenden Ethos, die elementare Notwendigkeit, sich moralischer Forderung zu unterwerfen, — es scheint uns. daß diese Geöfmethcit und Erschütterung des einzelnen, die ihm die verpflichtende Verbundenheit mit seiner Gemeinschaft zeigt, daß die treibenden Urkräfte solchen Meuschentunis aus jüdischem Wesen geboren sind. Auf Dem Schicksalsweg des Lord Melchett sind irr seltener Plastik diese Formelcmente des jüdischen Schicksals ausgebildet. Tiefer Weg ist wert, uachgegaugen werden. Lord Melchett war so wenig Lord, wie cs je Zeichens wieder auf. Tenn es sei völlig absurd und unzulässig, begründete Papst Paul IV. sein im Jahre 1555 erlassenes Edith daß die von Gott um ihrer Schuld willen ou ewiger Sklaverei verdammten Juden sich unserer Liebe und Duldsamkeit erfreuten. In Teutschland,;vo während des ganzen Mittelalters mir die Jude nt rächt, aber nicht das Judenzeichen bekannt war, führte erst das religiös tief aufgewühlte, von Mystik und Wunderglauben erfüllte Jahrhundert vor der Reformation den gelben R i n g o d e r F l e ck u n d die gelb e n F ä - den ein. Damals erklärte der berühmte und fanatische N i k o l a u s von C u s a auf der Provinzialsynode 311 Bamberg, daß alle Christen der Strafe der Exkommunikation verfallen sein sollten, die nicht aus das Judenzeichen achteten. Da man aber den Inden des Mittelalters nicht nur von der religiösen Seite her als Ungläubigen, sondern auch vom w r r t s ch as 1 - 1 i ch e u und f i u a n z i e Heu Standpunkt als nutzbares Regal, als dankbares ^teuerobjett betrachtete und gleich dem Ddünz-, dem Zoll-, den: Bergwerks-, dem Mark-, dem Geleitsregal iw. Interesse des Staates ausbeutellch wurde, das JuDcuzeichcn als willkommenes Milte! angesehen, den jüdischen Steuerträger, von der übrigen Bevölkerung abznsondern, ausfindig zu machen und zu bewachen. Zu gleicher Zeit verwandte mau F>as Judenzeicheu als neue und willkommene t e u e r q u c l l e. Tenn es kam häufig vor, daß man Der ganzen Judemchan das Zeichen gegen Zahlung hoher Abgaben erließ oder einzelne reiche Hofjudcn, Furan;agelten und Aerzke gegen Geld rDer Dienstleistungen von chm befreite, oder, daß man, wie es P h i - kipp IV. Don Frankreich einmal tat, das Zeichen. ähnlich andern Regalien, au den Meist- Dietenden verkaufte. Zn Diesen Motiverr religiöser und finanzpolitischer Art kamen rein wirtschaftliche Berocggründe dazu. In Wien rvurde in einem Mandat des 16. Jahrhunderts offen darauf hrugcwiescn, daß das Judenzeichen zur Erkeunung der Inden durch die Marktkommissäre dienen sollte. Cs ist sicher auch kein Zufall, daß es gerade Die deutsckfen Städte des 15. und 16. Jahrhunderts waren, die am energischsten auf die Durchführung der kanonischen Bestimmungen drängten. Während Die deutschen Kaiser des Mittelalters ein Jude hat sein können. Es ist von tiefer Symbolik, daß das Judenttm; keine Titel kennt; die jüdische Hierarchie bestimmt sich nicht nach Rang und Geltung, sondern nach der Tiefe der Verbundenheit zum Göttlichen, nach der Klarheit der Erkenntnis, nach dem Wirken guter Taten. Trotz seines Judcfeins ist Alfred Blond Lord geworden. Diese Wandlung zeigt beul lief) nicht mir die Möglichkeit, sondern die vollendete Tatsache der für Melchett geglückte;'. Assimilation: Glück und Verpflichtung zugleich. Erringen äußerer Fülle und die Gefahr inneren Verlustes. Tie seltsame Wechselwirkung zwischen dieser äußeren Fülle und dem inneren Mar;gel, ihr Zmanmienbeßand in einen; gefährlichen und gefährdeten Gleichgewicht: das ist eines der spezifischer; Kennzeichen nicht nur des jüdischer; Charakters, sondern auch des jüdischen Schicksals. Alle Anwürfe gegen das Judentum gehen von den; Mißverständnis über diese seelische Artung des Inden arrs: seine Fähigkeit des Errmgens äußerer Güter wird ihrr; zun; Vorwurf gemacht, und es wird dabei übersehen, daß keiner so rief an den; Mangel an Innerlichkeit leidet, wie der

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