Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 10 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 Töchter des Mittelstandes, die ihre Zukunst in der Klasse ihrer Eltern suchen, ohne daß diese doch in der Lage sind, ihnen die materielle Unterstützung zu bieten, die bei der heutigen Uederfüllung dieser Berufe und bei denr^vervielsachten Andrang zu ihnen trotz aller Tüchtigkeit selbst für ein bescheidenes.Vorwärtskommen notwendig ist. ö ter | c i nur er* w ahnt,daßdieZahlder Studenten a u f d e n deutschen H ochschu! en , die schon vor dem Kriege so übergroß war, daß daraus ein Teil der heutigen 'Notlage der freien Berufe zu erklären ist, daß diese Zahl sich seit der Vorkriegszeit reichlich verdoppelt hat. Auch in dieser Schicht der im weiteren Sinne zur Arbeitslosigkeit Verurteilten spielen die Juden eine u n v e r h ä l t n i s m ä B t g große Rolle. Wir haben gesehen, daß eine ziffernmäßig nicht erfaßbare, aber weit über die offiziellen Zahlen hinaus geh ende Menge von Menschen heute entweder ganz oder teilweise, vorübergehend oder endgültig, nachdem sieschon Arbeit getan haben oder ehe sie noch in den Apparat eingeschaltet worden sind, zur Arbeitslosigkeit verurteilt wurden. Es ließe sich noch manches zur Erhärtung dieser Tatsachen, zur ungefähren Abschätzung ihres zahlenmäßigen Gewichtes sagen. * Mer für den, der hören will' und der Horen kann, dürsten diese Andeutungen schon genügen. Nun erhebt sich die. Frage: Ist das alles zu hundert Prozent oder auch nur zu 50 Prozent eine einmalige, schnell vorübergehende Erscheinung, ein Alpdruck, der in kurzer Zeit weichen und für die Generation, die er heute quält, nicht mehr wiederkehren wird? Wir mühen hier etwas weiter ausholen. denn die Antwort aus diese Frage ist das Zentrum des Sonderproblems, das uns angeht. Wer die heutige Weltwirtschaftskrise sowie ihre besonders starke Auswirkung aus Temschland kurz als Kriegsfolge bezeichnet, macht sich die Dinge zu bequem, tut ein tiefgehendes Problem mit eurer Handbewegung ab, indem er sich und anderen aus diese Weise die Möglichkeit gibt, an gefährlichen Realitäten ahnungslos vorbeizuträumen. Wenn auch manche Folgen des Krieges heute noch als solche nachwirken, trotzdem der Produktionsapparat aller Länder bereits weit über seinen Vorkriegsstand hinausgewachsen ist, wenn uns auch die moralischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Friedensverträge als sichtbarste Sorgen bedrücken, so muß man doch der etwas tieferem Einblick in die Geschichte der Gegenwart und der Vergangenheit der letzten Jahrzehnte zu folgendem Ergebnis kommen: Wir leben in einer Krrsenperiode des Kapi tali smuB, di e trotz augenscheinlich nur zufälliger diplomatischer Ko m Plikationen aus wirtschaftlichen Urgründen heraus mrt dem Weltkrieg zu einer ersten großen Eruption geführt hat. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise, verschärft durch neue Zusammenballung außen- . politischer und sozialpolitischer Gewitterwolken, von der alle Einsichtigen schon lange erkannt haben, daß sie weit mehr ist als eine bloße Konjunkturkrise, ist die zwecke Eruption, der weitere unter Umständen zu folgen drohen. Das kapitalistische System Hai niemals an einem Mangel an Produktionskapazität gelitten. So auch heute nicht. Im Gegenteil, gerade der ungeheuer große, nicht annähernd ausnutzbare Umfang dieser Produktionskapazität ist es, der in seinem gewaltigen Widerspruch zur irtternationalen und zur deutschen Kau straft der eigentliche Anlaß für die heutige allgemeine Wirtschastsdeprefsion geworden ist. Er ist es, der in allen Ländern zu wirtschaftspolitischer Expansion über die Grenzen hinaus, zur stärkeren Entwicklung nationalistischer Gefühls im Inneren aber, und zwar hauptsächlich in Deutschland, zur stärkeren Betonung der sozialen Gegensätze führt. Der freie Markt ist die Basis der kapitalistischen Wirtschaft. Die Krise ist der gewaltsame Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage aus dem Wege der Wertvernichtung, der Eristenzvcrnichtung. der Ausschaltung von Minisck>en aus der Wirtschaft— Gemeinschaft aber ist der Ansg!eichsmeck)anismus, der den frei und planlos sür einen unbestimmten Markt arbeitenden Produzenten die zentrale, planmäßige Leitung ersetze, die in vorkapitalistischer Zeit eine jede wirttchafkliche Einheit zur Harmonie zwischen Angebot und Nachfrage anhielt. Je größer die Produktionskapazität geworden ist. je weiter und unübersichtlicher der Markt, je mehr Länder und Landesteile in die Weltwirtschaft tiche Schickmlsgemcinschatt einbegriffen wurden, je komplizierter die Kreditversorgung dieses Mammutgebildes wurde, je weniger die Wirtschaft nationale Grenzen zu respektieren vermochte, desto häufiger und desto größer und die Krisen geworden, die gewaltsam aus dem Ehaos wieder zur Ordnung znrückznfnhren suchten. Nichts. aber vermag uns bisher die Hoffnung zu geben, daß sich wirkungsvolle Faktoren entwickelt hätten, die der internationalen wie der nationalen Wirtschaft einen Regulator der Planmäßigkeit geben und damit die zerrende Ordnnngssunktiou der Krisen einrankeu würden. Kartelle, Syndikate und Trusts haben ebewo wie die gewerkschaftliche Kartellierung der Ware Arbeitskraft die Planmäßigkeit wirrschasrlichen Handelns nur eingeschränkt und die logische Notwendigkeit wie die Vehemenz der Krisen nur verstärkt. Kartelle über die nationalen Grenzen hinaus sind wirkungslos geblieben. Tie Zollrüstung hat nicht anstatt sie wieder zu vergrößern. Wie in England seit Zwölf Jahren die Arbeitslosigkeit in ihrer ungeheuren Höhe annähernd stagniert und in keiner einzigen konjunkturellen Aufstiegs- Periode auch nur annähernd beseitigt wurde, so droht auch bei uns die Lay! der peunanent aus dem Produktionsprozeß Ausgeschatteten groß und beständig zu bleiben, nachdem die Zeiten künstlichen Auftriebs infolge des großen Zustroms von Anslandstrediren vorüber sind. Diese Dauerarbeittlosig-eik aber wird noch viel stärker als die Lohn.arbeitersthaft die Angeftellrerr, die freien Beritte und die kleinen und »ml- Ictcii selbständigen Gristcnzen lwtrejsen. als cs schon heilte der Fall ist. Im Einzelhandel zum Beispiel, an dem die Nationalisierung bisher noch verhältnismäßig spurlos vorbeigegangen ist, werden unter dein Druck der erwähnten Disharmonien noch Zehmau'ende zu Lp fern der Krise des Kapitalismus werden — bald oder später. Was bedeutet alles das sür das Schicksal der Juden? Trauriges, sehr trauriges. Sie haben nicht nur mit den anderen Teilen des deutschen Volkes die großen Schwierigkeiren der Zukunft zu tragen, sondern ihr Anteil an Not und Sorge wird ossenbar sehr viel größer werden, als es dem zahlenmäßigen Gewicht der jüdischen Gruppe in d-er deutschen Volksgemeinschaft entspricht. Wir stellt e n s e st. daß die Inden als eine Haupts ä ch - lrch i m Mittelstand verankerte Volksschicht von der gegenwärtigen Krise ganz besonders stark Gross-Berliner Mitglieder! Denkt an die Werbearbeit! Sendet uns, wie wir es bei Uebermittlung des C.V -Kalenders erbeten haben, eine kleine SPENDE für Werbungszwecke. Füllt die roten Werbekarten aus! Wir können unsere Aufklärungsarbeit verdoppeln, wenn jeder unserer Freunde uns nur e I n neues Mitglied bringt! Landesverbard Gross-Berlin des C. V. ab-, sondern zugenommen, und der Zusanunenschluß des europäischen Kontiuents zu einer wirtschaftlichen Eircheir ist ein traumhastercs Ideal als je. Gewiß, der Kapitalismus besitzt große Elastizitätsreserven, die ihn noch lange vor dem Zusammerrbruch bewahren können. Gewiß, die heutige K r i ] c, selb st wenn sie sich noch weiter v e r s ch l i m m e r t, wird in diesem U mfa n ge n i ch t ewig a n h a l t e n, sondern einer gewissen A u f w ä r t s b e w e g u n g weichen. Aber wie hoch wird diese Auswärtsbcwegung führen, wie lange wird sie andauernd Nur eine dickbändige Darlegung könnte über diese Zukunfrssragen eine Aus tunst von größerem Wahrscheinlichkeitswcr: geben. Aber immerhin scheint es uns. daß das vorhandene Erfahrungs- und Tatsachenmaterial keine dunstige Prognose ergibt. Für die Weltwirvchaft im allgemeinen, ür Europa im besonderen und für Deutschland m ganz speziellen. Der Truck, der von den mangelnden Erpansionsmöglichkeiten industriellen und agrarischen Absatzes auf den Produktionsapparat ausgeht, wird überall zur Notwendigkeit weiterer Nationalisierung führen, also zu der Tendenz, immer mehr Mensckjen ans dem Produktionsprozeß auszuschalten: und zwar augemchciulich in einem Maße, das durch den allgemeinen Geburtenrückgang für absehbare Zeit nicht einmal ausgeglichen, geschweige denn überkompensiert werden dürste. Tie Disharmonie zwischen der aus diese und andere Wette beschränkten Kaufkraft der Manen auf der einen und der rvachsenden ProdtcktiOnskapasttäc aus der anderen Seite wird unter den heutigen weltpolitischen Verhältnissen, wie bisher schon, auch in Zeiten relativ guter Konjunktur immer stärker fühlbar werden. Die Konzentration der Betriebe wird, wie es im Wesen der .kapitalistischen Entwicklung liegt, weiter zunehmen und die Lebensrnöglichkeit des wirtschaftlichen Mittelstandes einschränken. betroffen wurden. Ta dieser Mittelstand aber auch rveiterhin das hauptsächliche Angriffsziel weiterer Krisen sein wird, so bedarf es weder seherischer Begabung noch besonderer Skepsis, um vorauszusehen, daß aus rein wirrschaftsstrukrureüen Gründen das Judeuttnn in seiner wirtschaftlichen Eristen; weit mehr gefährdet ist als andere Volksteile. . Zum Wirtschaftlichen aber kommt das Psychologische hinzu. Lange Wirtschaftskrisen bei kurzen und ungenügenden Aufwärtsbewegungen der Konjunktur. Systemkrisen, aus denen sich nicht Leicht ein Ausweg zeigen läßt, soziale und außenpolitische Spannungen — altes dies ist der ideale Nährboden sür den Antisemitismus. Und es wird nicht einmal der Errichtung des „Tritten Reiches" bedürfen, um den latenten wie den akuten Antisemitismus zu einer immer größeren wirtschaftlichen Gefahr für das Judentum zu machen. Schon heute nt in manchen Wirtschaftszweigen, wie zum Bei- Iprel im Bankwesen. den Juden ein wirtschaftlicher Ausstieg größeren Ausmaßes säst unmöglich gemacht, und in nrnndjcr Bank, an beten Spitze heutch noch ein großer jüdischer Name steht, wird sür die Zeit dieser Generation wohl nie wieder ein Jude üwr den Depositenkassenvortteher hinaus, wenn überhaupt auch nur annähernd so weit Vordringen. Aehnlich ist es in allen Wirtschasrszweiaen, in denen die Konzentration stark fortgeschritten ist. Man denke nur an die chemische Industrie, die I. G. Farben zum Beispiel. ' Und es gibt heute schon ^Tausende und aber Tausende,' die das Schicksal der Arbeitslosigkeit noch nicht ereilt halte, wären sie nicht Juden. Das Judentum steht vor einer immer weiteren Proletarisierung — und es wird sich dieser Tatsache bewußt 'werden müssen, wenn es sein Ge,nicht im öffentlichen Leben richtig entsetzen null!