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Central-Verein-Zeitung · 1931-01-02 · 1 (2.1.1931) · p. Seite 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
1 (2.1.1931)
Date
1931-01-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 gesetzt hat, die Notwendigkeit, einig und in Frieden zu leben, welcher Nation, welcher Ansicht wir auch seien. Alan erkennt, daß Freundschaft und Mitleid allgemeine Pflichten sind: mit einem Wort, das Nachdenken gleicht in uns alle Fehler des Temperaments aus." Am 7. Januar 1774 schreibt Friedrich der Große an D'A l e m b e r t: „Ihr Philosophen werdet mir nicht vorwersen. das; ich die Menschen mit Gute behandele und ohne Unterschied gegen alle, die meiner Gattung an gehören, Menschlichkeit ausübe, mögen sie gebären zu welcher Religion und Gesellschaft sie wollen." _ Als ihm die Kurfürstin Marie Antonie von Lachsen vorwirft, daß er gegen die Jesuiten zu milde sei, antwortet er am 1. Februar 1766 mit den Worten: „Während ich vorhabe, mir Ihre vortrefflichen Lehren zu Nutze zu machen, führen die Großmächte, zur Unterbrechung ihrer Langeweile, Krieg gegen die armen Jesuiten, die bald aus ganz Europa verbannt sein werden. Was mich an dem Betragen dieser Könige wundert, ist, daß sie dem Gebrauch des heiligen Offiziums folgen und sich den Besitz der Verbannten aneignen, ohne Zweifel, um sich In Friedrich Siebnrgs viel beachtetem und viel gerühmtem Verfall) einer Gcsamtdcutung der französischen Kultur „Gott in Frankreich?" (Societätsverlag Frankfurt c. M.) befindet sich ein Kapitel „Blut und Geists. Es behandelt die der französisll>en Nation innewohnende Kraft, sich fremde Elemente anzugleichea, eine Kraft, durch die taustndsällig der Geist über das Blut triumphiert._ Einige Abschnitte aus diesem Kapitel, die besonders deutliche und aufschlußreiche Parallelen zu unseren deutschen Verhältnigen enthalten, seien hier wiedergegeben: ... Man tritt in die französische Nation ein wie in eine Glaubensgemeinschaft, die nicht durch das Blut, sondern durch den Geist verbunden ist. Tie Schnelligkeit und Vollständigkeit, mit der Frankreich eingewanderte Angehörige fremder Rassen aufsaugl, ist nicht nur durch bevölkerungspolitischen Zwang zu erklären. Jährlich strömen Hunderttausende von Italienern, Spaniern, Polen, Juden, ja Kabtzlen ins Land hinein, und zwar nicht nur als Industriearbeiter, wo sie gemäß dem wurzellosen Charakter der städtischen Lohnarbeit erst spät ein Verhältnis zum Gastlande zu gewinnen brauchten, sondern mindestens ebenso stark zur Besiedelung und Ausfüllung ländlicher Bezirke. ...Nicht das Blut ist dre Bindung, sondern der Geist. Nicht die Einheit des Fleisches halt die Bürger zusammen, sondern die des Glaubens an Frankreich. Blut kann man nicht eintauschen, aber den Glauben kann man erwerben. Wenn der Franzose von feiner Raffe spricht, Io meint er damit nicht die blutmäßige Iuammensetzung seines Volkes, sondern die gemeinsame kulturelle Struktur, die ebenso organisch entstanden und gewachsen ist wie ein Leib, also vor allem die antike, die römische Durchdringung seines Volkes. Franzose sein heißt nicht einem Stamme angehören, der durch einheitliche Haarfarbe, Schädelbau und Instinkte ausgezeichnet ist — es heißt, eine bestimmte Auffassung vom Geist der Nation haben, es heißt, sich als Erbe, als Verwalter, als Vollender Roms und der lateinischen Welt fühlen. Es ist klar, daß man diese Auffassung gewinnen und eines Tages mit der Sprachwelt, in der man lebt, teilen kann. Tritt dann noch die ^iebe zu dem Lande hinzu, die so schnell über jeden kommt, zu diesem Lande, das wahrhaft über ihren Verlust zu trösten. Arger Ketzer, der ich bin, hüte ich mich doch wohl, ihrem Beispiel zu folgen, und ich werde diesen Orden in Frieden lassen, so lange er sich nicht in das Zeirstche mischt, oder mich und meine Nächsten erwürgt. — Man kann mit Jesuiten leben, mit Bonzen, mit Talapoineu. mit Jmans, mit Rabbinern, ohne sie zu beißen oder von ihnen verschlungen Zu werden/ Tes Königs Grnndanschauung über die Religionen offenbart sich in einem Brief vom 16. Oktober 1770 an T'Alembert: „Erlauben ^ie mir. Ihnen zu sagen, daß unsere heutigen Religionen ebensowenig der Religion Christi, wie der Jrokesischelr gleichen. Jesus war ein Jude, und wir verbrennen die Juden; Jesus lehrte Geduld, und wir verfolgen-; Jesus lehrte Sittlichkeit, und wir üben sie nicht aus/ Dieser Art finden sich nocl) viele Aeußerungen in seinen Schriften. Möchte doch dieser Geist Friedrich des Großen in unseren deutschen Ändon gerade bei seinen völkisch-radikalen Verehrern bekannt werden! In ihr Aushängeschild „Gegen Rom und Juda!" paßt er allerdings sehr schlecht, krok. L. Basnizlci. dp von Milch und Honig fließt, dessen Landschaft die architekLonischste, dessen Architektur die landschaftlichste, dessen Natur die menschlichste, denen Menschen die natürlichsten der Welt sind —, ja, dann wird in einer Generation aus einem Ostjuden ein „Vollbluts-Franzose. Nur in Frankreich ist es möglich, daß ein Rumäne, ein Amerikaner, ein Russe ein hervorragender und repräsentativer Autor französischer Sprache oder vielmehr ein französischer Autor wird. Während es in Teutschland an der Tagesordnung ist, politische Gegner als Juden zu diskreditieren, würde es in Frankreich nicht den mindesten Eindruck machen, wenn man einem Mitbürger in polemischer Absicht seine fremde Abstammung vorwerfen wollte. Ter Treyfus- Prozeß mit seinen geradezu ungeheuerlichen Erschütterungen des öffentlichen Lebens hatte Mar als Ausgangspunkt eine einzelne antisemitische Aktion (Trumonts Schrift „La France juive“), wuchs sich aber sehr schnell und endgültig zu einem Endkampf zwischen der Republik und ihren Gegnern aus. Ter Sieg der Treyfusarden bestand nicht etwa in der Gleichberechtigung der Juden, die niemals bedroht gewesen war. sondern im Triumph der Dritten Republik über ihre Gegner in Klerus und Armee. Es war ein Kamps um die Form des Franzosen tu ms mit einem antisemitischen Anstoß. In Teutschland ist es genau umgekehrt. Was in Frankreich aus der Ueberfülle des nationalen Empfindens geschah, das vollzieht sich bei uns aus Mangel, aus Armut. Während dort das geistige Band zu springen drohte, ist es hier überhaupt nicht vorhanden. Dort schwankte der feste Bau, hier brodelt das Chaos. Frankreich wäre verloren gewesen, wenn seine nationale Idee versagt hätte und der Antisemitismus eine Bewegung geworden wäre. Teutschland wird gerettet sein, wenn es.keinen Antisemitismus haben wird, denn erst dann — zeitlich, nicht kausal — wird die Morgenröte der Nation sichtbar werden. - In bet „Vossischen Zeitung" vom 14. Sepie ruber v. I. befinden sich zu dem Kapitel: „Ist Nation Abstammungsgemeinschaft?" folgende bemerkenswerte Sätze: „Ter deutschfeindlichste frcmzösisll)e Abgeordnete heißt Teitinger. Dagegen gehören zu den deullchrrationalen Führern die Herren L e - jeune-Jung und Bazille, letzterer der Sohn eines französischen Krieg s ge fange ne n von 1870. Im tschechischen Kabinetts fitzen zwei denk s ch c Minister; ne heißen p l n und E z e ch. Unter den n a t i o n a i t s ch e ch i s cb e n Ministern desselben Kabinetts finden rvir dagegen die "Namen Tr. M e i ß n e r , Tr. F r a n e ck, Tr. Derer. Ter Führer der p o l n i f ch e n^lufständisclwn, die 1919 gegen die Teutfchenin Schlesien kämpsten, war ein General mit urslawischem Namen Sailer. Tagegen ift einer der wütendsten Polens? inde im Stahlhelm ein Rittmeister mit dem urgerma nischen Namen von M o r o so w i c z. Einer der maßgebendsten Fübrcr der deutschen Minderheit im polnischen Sejm^ist der Abgeordnete Ntta. Dagegen hört der ^ekrctär der polnischen Schulvercine in Pommern auf den Namen Bauer. Tie von Teutschland und Polen zur Beilegung des deutschpolnischen Grenzzwischenfalls von Neuhofen ernannte gemischte Kommission stand unter der Führung der L°erren L u k a s ch c k und Weiß. Aber wotzlgemerkt. Lukaschek war der Deutsche. Weiß dagegen der Pole. Genügt das?'" Ferner wird unter der Neberschrift „Noch krasser" in Der „BostHen Zeitung" vom 28. Tezember weiterhin geschrieben: „In der heroischen Periode unseres damals neuen oder eigentlich noch gar nicht geborenen Deutschen Reiches übergab der Kaiser Napoleon in. feinen Degen an unseren alten Preußcnkönig WitLelm — cs war in ^edan am 1. September 1870. Er tonnte ,an der Spitze seiner "Armee den Tod nicht finden*. Der Neberbringer dieser Kaiserlichen Botschaft war der französische General, der nach MaeMahons Verwundung den Oberbefehl über die französische Nordarmee übernahm. Ter Genera! hieß Felir von Wimpssen; einen denischeren Namen gibt es nicht. Und der Generalstabsosstzier, der den General von Wimpssen empfing und König Wilhelms Antwort weiterleitete, trug den schönen Namen Jules von Derdtz de Vernois: er war später einmal kürzere Zeit preußischer Kriegsminister." /Wolf Warschauer unö Eugen Gelöstem Noch voz kurzer Zeit konnten wir in diesen Spalten der Gebunsjubilaen .zweier, hochbetagter angesehener jüdischer Geehrter. des Geheimen Archivrats Professor Tr. Adolf Warschauer (Berlin) und des Physikers Professor Dr. Eugen Goldstein (Berlin), ehrend gedenken und ihre Verdienste um die Wipenfchaft würdigen. (Vgl. „C. V.-Zeitung" 1930, Nummern 41 und 36). Heute erfüllt uns schmerzliche Trauer um den plötzlichen Heimgang dieser beider? bedeutenden Gelehrten. ~ Adolf Warschauer stammte aus dem Posenschen, stand fast ein halbes Jahrhundert im Tienste der preußischen Staatsarchive, zuerst in Posen, später als Direktor in Danzig und während des Krieges als Leiter der denischen Archivvcrwaltung beim Generalgouvernement in Warschau. Fachmann auf dem Gebiete der Geschichte seiner Heimatprovinz, hat er eine Anzahl grundlegender Werke und zahlreiche Aufsätze über die Vergangenheit Posens mrd seiner jüdischen Einwohner verfaßt. Bis ZU feinem im 76. Lebensjahr erfolgten war er unter anderen Mitherausgeber der „Zeitschrift für die Geschichte der Inden in Tentschland-st Eugen Gv! dstein war Oberschlesier (geboren 185® in Gleiwih) und Schüler des bekannten ^großen Physikers Hermann Helmholtz. Von seinen zahlreichen bedeutsamen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten ist die Entdeckung der sogenannten Kanal st rahlen berühmt geworden. Leide Männer waren die lebendige Widerlegung der verleumderischen These vom unproduktiven und zersetzenden jüdischen Geiste. Ihr Andenken wird als verpflichtendes Beispiel von uns in Ehren gehalten werden. /""v. /V a o u ö tt 33835*'

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