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Central-Verein-Zeitung · 1931-01-02 · 1 (2.1.1931) · p. Seite 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
10 (1931)
Issue
1 (2.1.1931)
Date
1931-01-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 . A 5? .vT o’.\7 /C^f^^fjlfAf} Sten SörrMhieOlrekiLL Ar. K. Mßlirr Gottham) Herr Smdienrat Martin H a v cn stein aus Berlin Schmargendorf schreibt in Nr. 47 des „Deutschen Philologen - Blatts" (S. 728) in einer eingehenden Besprechung eines neu erschienenen Buches von Schönbrunn folgendes: „In manchen Croßstadstchulcu kommt noch etwas hinzu, was in der pädagogischen Literatur aus mir nicht ganz begreiflichen Gründen meines Wissens iinmer unbeachtet bleibt: die Einstellung von Klanen mit stark jüdischem Einschlag. In der letzten Zeit, seit zehn Jahren etwa, ist mir, und keineswegs nur mir, die;er Faktor im deutschen Unterricht fühlbar geworden. Klassen, in denen das jüdische Element numerisch oder auch nur vermöge seiner gröberen Intellektualitär (rvas natürlich nicht C3ctft nnd Begabung bedeute:) üdcrwieat, pflegen neuerdings vieles abzulchnen, was im deutschen Unterricht nicht fehlen darf, wozu sie aber (begreiflicherlveise) kein inneres Verhältnis haben. Es handelt sich dabei nicht so sehr um die Klassiker in engerem Zinne (die wareip ja »Weltbürger^ und ,überdcutschh, als ::m solche Sich« tungen, die jeder bewußte Lealsche als spezifisch oder intim deutsch, als nicht übertragbar in eine andere Sprache, cmpsind-et, also z. B. lim das Hildebrands-L'ied, um die miuelbochdeutsche Lichtung, um Eichendorsss Lchrit, um H. von Kleists Lramen, um L!!o Ludwigs Romane und manches andere. Slm stärksten ist der innere Widerspruch so zustunmmgcstLchr Klassen gegen die mittelalterliche Poeue. Las ist begreiflich: Wie sollen deutsche Juden ein Stück unserer Bergangenh-eit sich wahrhaft zu eigen machen können, an dein sie, ihre Vorfahren, gar keinen Anteil gehabt haben! Jahrhundertelang lebten die bei uns cingewanderten Juden völlig abwits von unserer geistigen Heimat und Geschichte. Erst in der Zeit der Aufklärung drangen sie in diese Geschichte ein und begannen mitzumachen. Daher ist diese Zeit auch die erste, für die unsere jüdischen Schüler tieferes literarisches Interesse zeigen. Nnd ihr Interesse für deutsche Literatur wird (rm großen ganzen) immer stärker, je später und gegenwartsnaher diese Literatur ist: um so größer ist ja der Anteil, den sie selbst, ihre Stammesgenossen, daran gehabt haben. Wenn heute manche Schulklassen in Berlin (ob auch anderswo, weist ich nicht) so ganz unb gar modern eingestellt sind, dost sie am liebsten nur Toller und G. Kaistr, Sresan Zloeig, Wassermann, Wertet und andere lesen möchten, so ift die Wahrscheinlichkeit groß, daß es sich um Klassen mir überwiegend jüdischen Schülern handelt/ Und am Schluß heißt es-, daß^es darauf ankomme, gegen so eingestellte Klagen zu ringen, dann „käinpsen wir . . . keineswegs gegen den Fortschritt, gegen die Jugend unb das Leben, sondern wir kämpfen gegen den Ungeist der Menge, gegen die Entadelung des Geschmacks, gegen die Entdeutschung unseres Wesens." Zur Ehre res „Deutschen Philologenblatts" sei es gesagt, daß cs einer sehr deutlichen kurzen Erwiderung des Studienrats T ent schkrön aus Berlin Nauru gegeben hat. Auf sie erwidert Havenstein, indem er a n s w e i ch t, er tonne au dieser Stelle seine Ansicht nicht näher begründen und auch nicht naher aus die Frage eiugehen, weshalb Schulklassen mit stark jüdischem Einschlag sich ablehnend gegen die altere deutsche Literatur verhalten. Hier also verschärft noch Havenstein seine Behauptung ohne jeden Beweis. Wer selbst als Germanist jahrelang den deutschen Unterricht in Oberklassen höherer Lehranstalten erteilt und auch zahlreiche jüdische Schüler dabei gehabt har. steht bei* st ä n d n i s l o s vor den Behauptungen Habensteins. Sie laufen ans nichts anderes hinaus, als den deutschen Juden das deutsche Empfinden abzustreiten. Las ist der so oft bei deutschen Intellektuellen vorkommende Standpunkt cinfcitioften Urteils. Meine aus Anlaß des .»avensteinschen Urteils bei verschiedenen jungen Studenten angestellten Fragen, ob sie etwa solche Beobachtungen ebenfalls gemacht hätten, wurden lediglich damit beantwortet: Auch wir mochten diese Tinge nicht, weil sie uns zu weltenfern sind und weil die Lehrer -nicht verstanden. sie uns schmackhaft zu machen. Vielleicht trifft das letztere auch auf Herrn Habensteil: selbst zu. Sicher aber darf man annehmen, das; sein a n t i se rn i t i s ch e s B o r u r t e i l ihm in der Beurteilung seiner jüdischen Schüler selbst S ch w i e r i g k e i t e n bereiter hat, die er dann als gegen die ältere Literatur gerichtet ansah. Las, was er in Klammern schreibt, zeigt einen Antisemitismus, der wohl manchen anderen Lehrer veranlaßt hätte, um Entbindung vom Unterricht in selchen cht lasten mit stark jüdischem Einschlag" zu bitten. Tenn wenn er den jüdischen Schülern vorwirst, sie hatten wegen ihrer Stammesangehörigkeit keinen Anteil an dieser Literatur gehabt und hätten daher, um es so auszudrücken, nicht die innere Anteilnahme dafür, so must man ihn fragen, wie sollen dann diese Schüler etwa französische und englische Literatur verstehen, an der sie geschichtlich erst recht keinen solchen haben. Nichts als engherzigster Nationalegoisums und Antisemitismus hat Havenstein die Feder geführt. Und osfcnbar hat er diese Judengeguerschaft auch in: Verhältnis zu seinen Schülern gelebt. Meine Erfahrungei: gehen dahin, dast sowohl die Klassiker allgemein von unseren heutigen Schülern abgelehnt werden, wie die moderne Literatur bevorzugt wird, ganz einfach, weil unsere gesamte Jugend ganz anders gegenwartsbestimmt ist, als wir Alten es waren. Es ift eine Herabsetzung unserer jungen jüdischen Mitbürger, wenn die Gegensätzlichkeit gegen die altere deutsche. Literatur in Zusammenhang gebracht wird mit ,^b-ewuß» tem", „spezifischem" und „intimem" Deutschtum. Solche verdächtigende Anschauung wirkt sich bei einem Lehrer auch unbewußt, aber für junge Gemüter doch stark fühlbar aus, und solch-e Lehrer gehören eben nicht in die Schule. lischt näher inöchten wir seine Andeutung von „Klassen mit numerisch starken: jüdischem Einschlag" bezeichnen. Diese Fapung soll doch wohl andeuten, daß diesen jungen jüdischen Schülern erst dann der Mut zur Ablehnung der älteren Literatur kommt, wenn sie in großer Zahl sind. Diese Ansicht ist die Unterstellung von Feigheit. Sie näher zu kennzeichnen, versagen wir uns. Es würde doch wohl kaum Ziveck haben. Nur so viel sagen wir, daß wir gerade Schülern gegenüber diesen Dorwurs für verwerflich halten. Wir können nach dieser literarischen Aeußerung Havensteins nur sagen-. Gewogen und zu leicht befunden für die Erteilung eines wirklich deutschen Unterrichts! Zum Kapitel „Kridmcuö" Bon rechtsradikalen Kreisen wird^nicht selten der große Preußenkönig^clls ^Schutzheiliger in Anspruch genommen. Ter „Fridericus Ner"-Marsch ist einer der beliebtesten Schlager in ihren politischen Berstnumiungen Und in der Tat: die Gestalt Friedrich. des Greßen lamt als das Borblld eines^ genialen Herrschers bezeichnet werden: seine wugenden, seme Weisheit, seine staatsmännische Begabung begeistern auch uns und haben uns bewogen, einmal seine padngoaischeu r-chrinen zu studieren. Das Ergo ln: io möchten wir als Randglossen des alten Fritz zur heutigen Zeit bezeichnen; d-enn was wir da lest::, ist s o aktuell, wie wenn es irgendein Vernünftiger von gestern ausgesprochen härte. In seinem moralischen „Dialog zum Gebrauch des jungen Adels" fordert er von diesem: „Unsre Stellung als Bürger verpflichtet uns. die Gesellschaft im allgemeinen zu achtem alle Menscher: als Glieder eines Geschlechts anzuerkennon, sie als Gefährten, als Brüder an- Zusehen, die die Natur uns gegeben hat, und gegen sie nur so zu handeln, wie wir wünsch:: würden, daß sie gegen uns handeln möchten. In unserer Eigenschaft als Mitglieder de- Vaterlandes sollen wir all' unsere Gaben an» wenden, um ihn: nützlich zu sein, wir sollen cs aufrichtig lieben, weil es unsere gemeinsame Mutter ist, und wenn sein Vorteil es verlangt. sollen wir ihm Gut und Leben opfern." Den gleichen Gedanken Enden wir in dem. „Vorwort zur Henriade" in der Form: „Mau erkennt, trotz des Unterschieds der Stände, die Gleichheit, die die Natur in uns r" * t i y >sfcy$ M ONCHEN1 ROSENKAVALIER CinJ)titspa&ung 50 Ff MEMPHIS Ctnöeltspa&ung 50 Ff III. 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