Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 52 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- Seite 672 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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672 eurem Verhalten, provoziert nicht. aber greift scharf und rücksichtslos durch, wenn man euch etwas am Zeuge flicken will, und sorgt immer und immer durch persönliche Aufklärung für Entgiftung der politischen A t m o f p h ä r e! B.ernbard Taitza. Kleinstadt- Antisemitismus Der Kleinstadtjude, der meist darauf angewiesen ist, eine geistige und soziologische Ungleichung bei seinen christlicher! Mitbürgern zu suchen, bekommt die Nackenschläge geistigen und gefellsck)aftlichen Boykotts oft in stärkstem Ausmaße zu spüren. Es ist oft kaum glaublich wie Lief das Vorurteil gegen alles, was jüdisch ist, in den sogenannten guten Kreisen wurzelt, in den Kreisen, deren gesellschaftlicher und geistiger Einfluß ganz besonders in der Kleinstadt nicht zu unterschätzen ist. Ich will hier nur von denen sprechen, die die den Juden anhaftenden Eigenheiten, seien sie nun anerzogen oder vererbt, als nachteilig auslegen. Fast immer neigt er dazu, die Verschiedenartrgkeit der Meinungen als den jüdischen Minderwertigkeitsfaktor hinzustellen; ja oftmals sucht er krampfhaft danach, in seiner nicht vorurteilsfreien Einstellung das spezifisch Jüdische herauszufinden, und konstruiert in der Folge dann eine Geistesaussastung, die mit seinen ethischen und ästhetischen Begriffen im Widerspruch, steht, günstigstenfalls noch eine Parallele bildet, deren Geraden sich jedoch selbst in der Unendlichkeit nie schneiden werden. Gewiß mag auch in vielen Punkten ein gewisser Mangel an AssimilaLionsvermögen bei dem Juden selbst vorhanden sein, der dann einen .Hemmschuh für diejenigen bildet, die sich aus einem gewissen Bedürfnis nach Objektivität und Wissensdrang mit der Judenfrage beschäftigen. Es wäre daher falsch, einer geistigen Mitarbeit, die sich zufälligerweise bietet, seine Anteilnahme zu versagen. Im Gegenteil: dem einzelnen Juden kann nicht oft genug eingehämmert werden, wie wichtig es ist, Ausklärungstätigkeit im kleinen zu betreiben. Speziell da, wo die geistige Einstellung in bezug aus die Judenfrage von vornherein nicht dem radikalsten Fahrwasser airsgesetzt ist, bildet geistige Kleinarbeit eine wesentlich günstige Grundlage für die eventuell notwendig werdende Behandlung weit schwerwiegenderer Fragen. Es ist feige, charakterlos und völlig verkehrt, allen Angriffen gegenüber eine Vogel-Strauß-Politik zu treiben und den Kampf bequem einigen wenigen,die an der Spitze stehen, zu überlassen. Ihr Standpunkt sowie i h r e E r s o l g e werden dadurch beeinträchtigt, daß diejenigen, für die sie den geistigen Abwehrkampf s ü h r e n , d u r ch i h r e I n d i s s e r e n z d e n R ü cke n n i ch L decke n. Der Antisemitismus in seiner psychischen Gestaltung steckt zum großen Teil nicht nur in denjenigen Kreisen, die als politische Repräsentanten unserer heutigen Staats-Verfassung bejahend gegenüberstehen, er ist auch offiziell und inoffiziell ^bei denen vertreten, die als maßgeblich an der Spitze der heutigen Sportbewegung in Deutschland stehen. Wie könnte sich sonst ein kleinstädtischer Schwimmverein dem Terror eines einzigen nationalsozialistischen Mitgliedes beugen und die Ausnahme eines jüdischen Schwimmers verweigern? Hier überwiegt der kranke Geist den gesunden Körper, und es erscheint nicht ausgeschlossen, daß dieser kranke Geist des Vorurteils auch diejenigen Kreise ergriffen hat, die sonst als politische Gegner der gesamten rechtsradikalen Politik angesprochen werden können. Die dauernde Politik der Nadelstiche wirkt ebenso niederdrückend wie der offene Kamps, und beide Methoden lassen die Spannkraft für einen dauernden Kampf erlahmen, sodaß es vielleicht manchem besser erscheint, lieber zu schweigen, als den schweren Kampf anszunehmen. Aber gerade die Einsicht unserer Ohnmacht bedeutet den Sieg der antiseinitisch-vöMschen Idee. Darum dürfen wir me erlahmen; wir müssen immer und immer wieder Aufklärung über die Judenfrage bei unseren Mitbürgern verbreiten. Wenn auch der Erfolg des einzelnen ein relativ geringer ist, eine intensive Mitarbeit der jüdischen Gesamtheit muß letzten Endes doch befruchtend wirken. Wilhelm Müller. Mach 50 Jahren Die „B r a u nschw eigi sch eLandesz e i t u n g" veröffentlicht zum 50 jährigen Jubiläum des Blattes in Neudruck die am 28. November 1880 erschienene Probenummer. Im sehr interessanten Inhalt dieser zu weit über lokale Bedeutung herausgewachsenen Zeitung befindet sich ein Aufsatz „D ie a n t i s e m i t i s ch e Be we g u n g u n d ihre Ko n s e q u e n zen ", Dieser Aussatz ist so aktuell, und die Einstellung, die die „B r a u n s ch w e i g i s ch e L a n d e s z e i - t u n g" zu dem Problem nahm, so erfreulich, daß wir im nachstehenden einige Sätze daraus abdrncken. Die Schristleitung. „Zur Schmach einzelner Antisemiten treten jetzt eine Menge Ausschreitungen zutage, für die allerdings die Mehrzahl der Christen ebensowenig verantwortlich gemacht werden kann, als man die Mehrzahl der Juden für einzelne früher oder später unter ihren Glaubensgenossen vorgekommene Frevel zur Verantwortung ziehen darf. Wenn wir die Schamröte nicht ganz und gar verlernt haben, so müssen wir uns gestehen, daß Vorgänge wie die auf den israelitischen Kirchhöfen in Mecklenburg und Malchow, in welch letzterer Stadt man die steinernen Denkmäler umwars, herauszog, beschmutzte und zerschlug, zu den unerhörtesten Freveln gezählt werden müssen, für die es eben keine Entschuldigung gibt, stelle man sich nun aus den Standpunkt, aus den man auch walle. Die Schuld wird auf diejenigen Zurückfallen, die die an sich mehr oder weniger gerechtfertigte Bewegung nach Kräften geschürt und so das Oel ins Feuer gegossen haben." Weiter wird ausgesührt, „daß die Israeliten auch das ihrige tun, wo es gilt, tatkräftig tn den Weiterbau unseres Staatslebens einzugreisen. Diejenigen Redner, die im Berliner Abgeordnetenhause yervorhoben, daß ein gar nicht geringer Teil von Neid aus der ganzen antisemrtischen Bewegung spreche, trafen ohne Zweifel den Nagel auf den Kopf.!!!!!!!!!!!!>!;!!!!!!S!!!!!!ri!!I!!!!!!!!»IH!iri!Is!>MIi!II!IH!I!iri!!iI!>!!!!>IMII!kIIkiHiriII!IlMIl, in unsere Berliier Weder! Vom 1. Januar 1931 ab werden wir aus Ersparnisgründen die Mitgliedsbeiträge nicht mehr durch Kassierer einziehen lassen, sondern sie durch schriftliche Aufforderung erheben. Wir bitten, uns in dem Bestreben, unsere Spesen soweit wie möglich herabzudrücken, zu unterstützen. Die Postseheckttummer für unsere Berliner Mitglieder ist vom 1. Januar 1931 ab: 115501. Landesverband Gross-Berlin gez. Dr. Glas er fei d. Erft,wenn man öie Mikh mit Kathreiner gemischt trinkt,wirb sie richtig veröant! ... wieöer ein Gmnö mehr. immerKLÄrsmer zntnnkim/ Laste man also jedem seine. Berechtigung, solange er den Boden des Rechtes nicht unter den Füßen verliert, damit endlich einmal Frieden in die Bevölkerung komme, während so die Gereiztheit überhandnehmen und zu den unerquicklichsten Konsequenzen führen muß; denn wohin ge-- raten wir, wenn die Ausschreitungen einzelner Heißsporne aus der einen wie auf der anderen Seite sich mehren sollten? Bon allen Seiten laufen Berichte ein, die darauf hirtdeuten-, daß vorläufig noch von keinem Ende des Streites die Rede ist. Also Friede und Versöhnung, Duldung aller bei g l e i ch e n P f l i ch t e n und gleichen Rech t e n! Das ist das, was wir jedem, der im Begriff steht, den Kampfplatz zu betreten oder schon betreten hat, zurusen möchten, denn der eine wie der andere Teil schädigt sich, wenn der unselige Zwist noch weiter hinausgesponnen wird, der unselige Zwist, der durch eine Art von Religions- und Rassenhaß aus der einen und zu große Empfindlichkeit auf der anderer: Seite zu einer förmlichen Tagessrage aufgeschraubt wurde". RM WUeMMWUM H. L. In Hamburg hatte der Inhaber eines Sportgeschäfts an seinem Schaufenster ein Plakat mit folgender Aufschrift angebracht: „Warum denn zu Juden laufen, bei uns könnt Ihr billiger kaufen." Das Landgeri ch t Hamburg hat in den Akten H VIII 543/30 durch einstwerli ge Verfügung vom 2.7. Oktober 1930 dem Geschäftsinhaber ausgegeben, d i e se s P l a - kat binnen drei Stunden nach Zustellung der Verfügung zu entfern e n, und hat ihm weiterhin bei Strafe verboten, Kundgebungen dieses oder ähnlichen Inhalts an der Schauseite seines Ladens wieder anzubringen. Reise nach Wien Vortrag van Luöwig Holtän-rr Am Mittwoch, den 17. d. M., sprach. Direktor Dr. Holländer in einer Versammlung vor Mitgliedern des Hauptvorstandes und des Landesverbandes Groß-Berlin über eine Reife nach Wien, die er im November dieses Jahres zum Besuche der Union deutschösterreichifcher Juden und zur Unterrichtung Wer die in unserem Bruderstaate bestehenden politischen Verhältniste unternommen hat. E t referierte über die Schichtung der Wiener jüdischen Be vö lker ung, über die Spannungen,, die sich dort geltend machen, über die politischen Parteien und ihre Stellung zu unseren Problemen über die wirtschaftliche Lage und ihre Auswirkung und über die Tätigkeit und den Ausbau unserer Schwesterorganisation. Die Darstellung war — auch vonr Standpunkte der deutschen Juden aus gesehen — sehr lehrreich. Beso n d e r §■ l o b t e Dr. Holländer die Freundschuftund d as he r gliche E n tgeg en kommen, mit dem unsere Freunde in Oesterreich ihm den dortigen AufenthaN angenehm und nutzbringend gestalteten.