Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 52 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- Seite 670 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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-70 Ersatz für Rabbiner und Lehrer dienten Kultusbeamte, die noch gerade die rituellen, Einrichtungen aufrechterhielten, ohne aber geistig auf die Jugeno wirken zu können. So erklang immer wieder die Mahnung, die kleine Stadt und die kleine Gemeinde im Interesse des Judentums nicht zu verlassen. Selbstverständlich nutzten die Warnungen nicht viel. Man braucht kein Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung zu fein, wenn man zugibt, daß sich die meisten Menschen bei der Regelung ihrer wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht von ideellen Erwägungen leiten lassen werden. Wenn aber heute wieder nach den inneren Umwälzungen der Revolution ein Hinweis auf das Verbleiben in der Kleinstadt, ja vielleicht sogar eine Mahnung zur Rückkehr erklingt, so hat das darum eine ganz andere Bedeutung, weil sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in den letzten zehn Jahren grundlegend geändert haben, und weil für den Juden in der Kleinstadt noch Existenzmöglichkeiten gegeben sind, die seiner Veranlagung entsprechen und die er in der Großstadt nicht mehr findet. Denn der Jude ist seinem Wesen nach auf Individualismus in der Wirtschaft eingestellt, und er strebt nach Selbständigkeit. Er hat ja auch in ideellen Dingen ein gewisses Geltungsbedürfnis, und das jüdische Leben in der kleinen Stadt blüht nur darum stärker, weil es mehr Gemeindemitgliedern Gelegenheit gibt, an verantwortlicher Stelle tätig zu sein. In der Großstadt kam er früher unter den Massen von Glaubensgenossen in religiösen Dingen nicht zur Geltung und wurde darum indifferent; wohl aber fand er in seinem Streben nach wirtschaftlicher Selbständigkeit und individualistischer Betätigung Befriedigung. Hier konnte er seine Gaben voll entfalten. Mit den oft nur geringen Mitteln, die er aus der alten Heimat mitbrachte, konnte er sich etablieren, sogar — jedes Lehrlings Sehnsucht und höchstes Ideal — ein „Engrosgeschäst" gründen und dank seiner persönlichen Tüchtigkeit Erfolg erzielen. Gewiß war es in den letzten Jahren vor dem Kriege schwerer geworden, aber bei der noch immer in den alten Bahnen marschierenden Wirtschaftsauffasiung blühte für den tüchtigen Juden in der Großstadt der Weizen. Die Nachkriegszeit hat die Entwicklung in ganz andere Bahnen gelenkt. Die Konzentration des Kapitals, die im Bankwesen und der Industrie schon vor der Revolution vollendete Tatsache war und nur den Großbetrieb duldete, wirkt sich auch im Handel aus. Das Warenhaus und der Großkonzern beherrschen den Markt, der selbständige Mittelstand wird aus dem Wirtschaftsprozeh herausgedrängt, der Großhandel wird immer mehr und mehr nusgeschaltet, und darunter leidet der Jude stärker als alle anderen! Denn er arbeitet ja zumeist in jenen Wirtschaftsstusen, die zwischen der Fabrikation und dem Verkauf an den Konsumenten liegen, und wenn die immer stärker werdende Zusammenfassung des Geldes schließlich nur noch die Fabrik kennt, die ihre Erzeugnisse ohne Zwischenhandel an das Warenhaus liefert, so ist jene Mechanisierung und Bureaukratisierung durchgeführt, die für Selbständigkeit und Individualismus, abgesehen von wenigen führenden Geistern und leitenden Beamten, keinen Raum mehr hat. Was man im Bankwesen in den letzten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts erlebt hat, wiederholt sich jetzt im Handel. Die Tätigkeit wird Zentralisiert, rationalisiert und mechanisiert. Und als Resultat steht fest, daß im allgemeinen vom Selbständigmachen feine Rede mehr sein kann. Aus dem früheren selbständigen Mittelstand und seinem Nachwuchs werden Angestellte, die sich daraus einrichten müssen, es ewig zu bleiben, deren Ehrgeiz nur darauf gerichtet sein kann, im System des Konzerns oder des Warenhauses eine g e - h o b e n e Stellung zu erreichen. Die neue Entwicklung trifft aber den Juden nicht nur materiell, sondern auch seelisch! 'meinem individualistisch denkenden Geiste, der Art seines Streben» liegt das kaufmännische Beamtentum nicht. Darin liegt auch das eigentliche Problem der jüdischen Wirtschaftsnot, daß die neuen Wege dem Juden die Ausnutzung seiner spezifischen wirtschaftlichen Fähigkeiten nicht gestatten. Dadurch entsteht weiterhin die Not der jüdischen Organisationen, daß sie von wirtschaftlich besser gestellten, selbständigen Existenzen gegründet worden sind, und demgemäß einen großen Aufgabenkreis haben, nun aber von Massen erhalten werden sollen, die materiell durch die Vergrößerung der wirtschaftlichen Gegensätze und die Zertrümmerung des Mittelstandes dazu nicht mehr in der Lage sind. Man rühmt in der s Wirtschaftsgeschichte dem Juden die Kraft nach, daß er instinktiv die wirtschaftliche Entwicklung kommender Zeiten vorausahne und daß er vorhandene Lücken im Wirtschaftsleben zu erspähen und auszusüllen vermöge. Es ist nun klar, daß die Zentralisierende Tendenz der Wirtschaft, die heute die Großstadt beherrscht, auch nach der kleinen Stadt vordringt, so daß man dort nur von einer Lücke sprechen kann, die sich im Laufe der Zeit schließt. Aber heute ist sie noch vorhanden, heute hat der Individualismus des selbständigen jüdischen Gewerbetreibenden in der kleinen Stadt noch am ehesten die Möglichkeit, sich erfolgreich zu betätigen. Es gibt manche Juden, die es m diesen Zeiten bitter bereuen, ihre Existenz in der Kleinstadt, die noch vorhanden ist und jetzt den Nachfolger ernährt, aufgegeben zu haben, um in der Großstadt vergeblich das Glück zu versuchen. Und es gilt nicht nur die Erkenntnis zu verbreiten, daß bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung der Zug zur Großstadt dem Juden doppelt schadet, sondern daß fern von ihr — trotz der Erschwerungen, die sich aus den: starken Antisemitismus ergeben — für arbeitssreudige und sachverständige Kaufleute noch immer Diele Entrvicklungsmöglichkeiten vorhanden Md, die der Erschließung harren. Und unsere Stellen, die die Notwendigkeit einer Berussumschichtung immenvährend betonen und viel Kraft an unlösbare Aufgaben wenden, sollten einmal dieser praktischen Frage sich zuwenden und die kaufmännischen Niederlassungsmöglichkeiten in den kleinen Städten prüfen und vermitteln. Gewiß ist die Lage der freien akademischen Berufe nicht mit der des kaufmännischen Nachwuchses zu vergleiche:!, aber es sei doch daraus hingewiesen, daß die Niederlassung jüdischer Akademiker in der Kleinstadt aus ähnlichen Gründen in großem Maße gefördert worden ist, und daß sie sich nach allen Richtungen bewährt hat. An neuen „Parolen" ist unsere unruhige und schwer ringende Zeit nicht arm, und es liegt nicht etwa in der Absicht dieser Zeilen, den vielen vorhandenen, wenig brauchbaren Devisen eine neue hinzuzufügen, und die „Rückkehr zur Kleinstadt" zu propagieren. Nur darauf sollte hingewiesen werden, daß dieser Gedanke, der zuerst vielen absurd erscheinen mag, für nicht wenige von denen, die heute schwer um ihre Existenz in der Großstadt ringen, Möglichkeiten eröffnet, die ihrer Initiative und ihren Gaben angemessen sind. Daß eine Rückkehr in die kleine Stadt für die Bekämpfung des Antisemitismus und für die Wiedererweckung jüdischen Lebens gleichfalls große Bedeutung haben könnte, wird gewiß keinen zu dem entscheidenden Entschluß treiben. Aber hervorgehoben sei es doch! Dr. Felix GoMmann. L K..Arbrit in den Klein- und RittelitSdien In der Provinz Sachsen herrschte seit alters her nie eine große Duldsamkeit gegen uns Juden. Das kann ich aus meiner Heimatstadt Merseburg sehr gut feststellen. Seit nahezu 1000 Jahren war Merseburg immer Sitz eines Bischofs, und die Juden wurden dort urkundlich mir als Handelsobjekt geduldet. Waren sie für die jeweiligen Negierenden eiüe gute Erwerbsquelle, so duldete man ihr Dasein; hatte man Geldnöte, dann verkaufte man seine Juden anderswohin; so auch in Merseburg. Obgleich in der Chronik bemerkt steht, daß der Handel und Wandel bei den Juden sich für die Stadt und den Bischof lohnte, wurde die etwa zweihundert Familien starke Gemeinde mit ihrem Rabbiner um 1450 Vertrieben, und keine Urkunde hat Aufschluß geben können, wo die Vertriebenen geblieben sind. Erst um 1814 taucht in den Büchern des Magistrats der erste Jude wieder auf, und zwar ist es ein ehemaliger Freiheitskämpfer Neu mann, der sich zwar niederlassen, aber damit nicht die Bürgerrechte erhalten konnte. Merseburg hat sich demnach viele Jahrzehnte hindurch Ziemlich „judenrein" erhalten; es wurde nie wieder erreicht, daß ein Minj-an zustandekam. Die wenigen Wagemutigen Zogen bald wieder fort; so blieb es bis um 1870 herum, als wir uns hier ansiedelten. Bis 1914 war die Zahl der hier wohnenden Familien nie über fünf gestiegen, weil die Lebensbedingungen für uns Juden überaus schwierig waren. So war es bis zum Kriegsausbruch. Aus einmal brauchte man ja die Juden als Soldaten, und von der damals lebenden männlichen Judenschaft, die insgesamt sechs Familien umfaßte, schieden wegen zu hohen Alters zwei Familienväter aus. Mein Vater starb am ersten Mobil? machungstag am Schlag, weil wir drei Brüder sofort einrücken mußten, sodaß die weiteren zwei Familienväter übrig blieben. Mit uns drei Zusammen wurden noch die beiden älteren Herren, obgleich beide in den vierziger Jahren, Landsturmsoldaten und ein junger Mann Soldat. Wir haben unsere Pflicht erfüllt und auch unser Blutopfer gezollt; denn einer siel, und ein junger Mann wurde schwer verwundet; drei Mann erhielten das E. K. II. Den Vorwurf der „Drückebergerei" kann uns also niemand machen. Nach der Umwälzung der Staaisform wurde es für uns Juden hier nicht besser, sondern viel schlimmer. Die Beamten stellten sich aus die Seite des Stahlhelms, und nun galt es für mich, eingedenk meiner fast vierjährigen Frontdienstzeit, meine Rechte zu behaupten. Ich trat der hiesigen Schützeugilde bei und habe mich aktiv betätigt. Habe Umzüge durch die Stadt mitgemacht, mich beim Schießen behauptet und habe durch meine Mitarbeit allen Versuchen Zum Trotz jede antisemitische Regung unterdrücken können. Einmal habe ich bei einem Vergnügen einen eingeladenen Gast, der sich, mit Hakenkreuzabzeichen geschmückt, nrir gegenüber unliebsam aufführte, eigenhändig aus dem Lokal befördert. Auf diese Weise ist es bei dem einmaligen Versuch geblieben. _ Meine Kinder habe ich in die Turn- und Sportvereine eintreten lassen, damit auch sie dort immer mit den nichtjüdischen Kindern in Fühlung bleiben. Alle Bestrebungen Zur Entgiftung der Schule unterstütze ich; so habe ich z. V. den Oberklassen der höheren Schulen, mit Ausnahme des staatlichen Gymnasiums, den Besuch eines Freitagabendgottesdienstes mit ausklärendem Vortrag des Gemeinderabbiners ermöglicht. Dieser Versuch hat sich als sehr lohnend erwiesen; denn es tarnen so viele Eltern und Lehrer mit dem gleichen Wunsche zu mir, daß auch für diese erneut ein Synagogenbesuch mit Aufklärung erfolgte. Rabbiner Dr. K a h l - b e r g hat sich dann dem hiesigen Lehrerverein für mehrere Vorträge über das Wesen des Judentums zur Verfügung gestellt; auf solche Art wurde alles versucht, einsichtsvolle Andersgläubige in sachlich einwandfreier Form auszukläreu und dadurch die trennende Kluft Zu überbrücken. Das müßte überall geschehen, dann wird es gelingen, die Nationalsozialisten auszuschalten und wieder Vertrauen zu gewinnen. Grundfalsch aber ist es, wenn man sich über solches Tun erhaben dünkt und es womöglich von oben herab bewitzelt oder belächelt. Nur immer wieder zu Erzeugen versuchen und immer wieder durch gutes Beispiel