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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-26 · 52 (26.12.1930) · p. Seite 669

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
52 (26.12.1930)
Date
1930-12-26
Page
Seite 669 (sequence 1)
Language
German
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[«ntra! lmiw >T4vlätterfürdeutfektum und Judentum Serlin 2H Dezember I-ZS IX. Iahraanq ♦!lr. S2 Cinjelnummcc LS Pfennig 'Oraan des tentral Vereins-euWiex^ ötaaksdüryer Möifcken ölaudens e.v. Allgemeine Zeifung des Judentums Bier^eljahrsabonnemenl 2,50 RM. (zuzügU Bestellgeld). - , rr «• « Verlag und Schriftleitung: Berlin W 15, Emser Str. 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 5074. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Deposttenkaffe ü a* BerliN'Wilmersdorf 4, Hohenzollerndamm 198. und von Goldschmidt > Rothschild <L Co., Berlm W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Airnoneeu-ExpeolUolr Rudolf Atosse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 (ur d.e igespattene Zecke nach Ruoou Moiie» Normalzeilenmesser Nr. 4, Familrenanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellerrangebote) für Mitglieder des Lentralvereins 0,45 &te 62 mm breite Rerlamezene Die «eine Stadt von Dk.§eliX Golümaan (Leipzig), öernharö Taitza (Merseburg) und Wilhelm Müller (ftmderg) Seitdem die *,C. V.-Zeitung“ im Frühjahr 1927 mit Aufsätzen von Regierungsrat Blum und Ceorg Hermann eine ungewöhnlich echoreiche Aussprache über das Thema „Crossstadt und Kleinstadt“ begann. sind fast vier Jahre vergangen. Der ungeheure Druck des wirtschaftlichen und politischen Geschehens hat Ereignisse. die sich sonst vielleicht über Jahrzehnte verteilen, gleichsam mit dem Zeitraffer zusammengedrängL Darum darf die Untersuchung von Felix Goldmann wiederum berechtigtes Interesse hervorrufen. Mit besonderer Freude aber können wir gleichzeitig mit der objektiven Erörterung des Problems Beiträge von „F a c hleuten\ d. h. Menschen aus Mittel- und Kleinstädten, veröffentlichen. Beispielgebend den Kleinstädtern und ein wenig beschämend vielleicht für so manchen Grossstädter ist di e ungebrochene Lebensenergie, der Optimismus des „D ennoc h“t der aus ihren Zeilen spricht. Optimismus oder Pessimismus? L«. 8. Das ist maßloser Optimismus!", wurde uns von Freunden entgegengehalten, als wir in einer Erörterung darüber sprachen, daß die Bäume des Nationalsozialismus nicht itt den Himmel wachsen, und daß die sogenannte Ankurbelung der Wirtschaft spätestens im Frühjahr dieses Jahres eintreten werde. Wir erwiderten: den Menschen werde es allmählich klar, daß der Nationalsozialismus für sie nichts anderes bedeute als ein Schlafpulver, nach dem sie mit schweren Köpfen erwachen, und schließlich werde jeder, der nur einigermaßen sehen wolle, den plumpen Parteifang begreifen. wurde uns darauf geantwortet, „was können al>er wir Juden tun, um diesen Prozeß zu beschleunigen? Wir sind doch das tägliche Opfer dieser Bewegung." Gewiß, noch rst jeder neue Tag ernst und sorgenvoll. Erst heute berichtete uns ein junger Gelehrter, er könne nicht mehr in die Staatsbibliothek gehen, weil eine große Reihe der Besucher das „Juda verrecke!" vor sich hinspreche, wenn er, der als Jude erkannt wird, den Arbeitsraum betrete. Bon anderer Seite erfahren wir, daß selbst von Juden abstammende Schüler an einer Berliner höheren Schule das Hakenkreuz anlegen, sobald sie die Schulräume verlassen, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar nicht wissen, was es zu bedeuten habe. Sogar ein Jude soll diesen Unfug mitmachen. Was folgt daraus? Doch nur das eine: Verwirrung, Modesucht und Phantasterei haben sich weithin im Volke breitgemacht. In Rumänien und in unkultivierten Teilen Osteuropas bedeuten solche geistigen Seuchen eine große unmittelbare Gefahr für Leib und Leben. Die Gefahr wird um so geringer, je kultivierter ein Volk ist. Bei uns hier in Deutschland wird sie vor allem durch die Tatjücfee gemildert, daß der Nationalsozialismus notwendigerweise in dem Augenblick versagen wird, in dem man von ihm Leistungen verlangt. Ein Unglück würde es allerdings bedeuten, wenn diesem Versagen das Experiment vorausgehen würde, daß man dem Nationalsozialismus mit einem Schlage die volle Verantwortung dafür Zuschiebt, seine Theorien in die Wirklichkeit umzusetzen. Dieses Experiment muß verhindert werden. Hier, an diesem grundsätzlichen Punkte, wie in so vielen Einzelfällen des täglichen Lebens von der Art der geschilderten, setzt unsere Arbeit ein. Es ist im Centralverein in den letzten Monaten sehr viel nach dieser Richtung hin getan worden. Wir waren nicht müßig, und stetig und unaufhaltsam, wenn auch Zurzeit für die große Oeffentlichkeit vielleicht Rückkehr mAeinftaöt? mm Wenn heute das- Wirtschaftsproblem der deutschen Juden die öffentliche Diskussion vollständig beherrscht, so sei auf eine praktische Seite der Frage hingewiesen, die zur Erkenntnis der Ursachen der Nöte und vielleicht auch in einem ganz bescheidenen Umfange in Einzelsällen einen Weg zur Lösung weist. Unter den Juden ist der Drang zur G r o ß - stadt unverkennbar. Daß die Juden der Gegenwart an sich Stadtbewohner sind, ist in ihrer soziologischen und wirtschaftlichen Struktur begründet. Das Bedürfnis, innerhalb einer Gemeinde von Glaubensgenossen Zu wohnen, ist aus religiösen und gesellschaftlichen Gründen groß, und ihre spezifischen Berufe gewähren ihnen auf dem Lande kein Betätigungsfeld. Daß sie auch die Kleinstadt zu verlassen beginnen, ist meist quf politische Beweggründe Zurückzuführen. Die ländlichen Genossenschaften machen an sich dem Kaufmann der Kleinstadt das Leben sauer, und der zunehmende Antisemitismus bringt dazu noch Unterscheidungen Zwischen dem Juden und dem Christen. Der an sich schon immer heftiger werdende Konkurrenzkampf wirkt sich beim Juden besonders verschärft aus. Diese Zunoch nicht sichtbar, wächst die Zahl derer, die mit uns diese deutsche Schmach bekämpfen. Hieraus schöpfen wir eine Zuversicht, die tiefer verankert ist, als bloß gefühlsmäßiger Optimismus. Und noch eines: Wir stehen heute inmitten einer Umwandlung der gesamten europäischen Volkswirtschaft. Was gewesen ist, kommt nicht wieder. Aber daß in absehbarer Zeit das Verlangen nach Bedarfsgütern steigen und -die Die Sehr ifllci lang. stände sind schon vor dem Kriege in ihrer schwerwiegenden Bedeutung erfaßt woroen. Insbesondere aus Posen und W e st - Preußen wanderten die Kleinstadtjuden nach Berlin und Breslau in einem ständig wachsenden Strome aus, und oft genug ist der Preußischen Regierung — zuletzt wohl bei einer öffentlichen Kundgebung des Verbandes der deutschen Juden in Breslau — mit Recht der Borwurf gemacht worden, daß ihre antisemitische Politik ein verläßliches deutsches Element aus den vom Polentum bedrohten Gebieten verjage. Wenn in der Kleinstadt Posens und Westpreußens nach der Revolution der polnische Nationalismus politisch wie kulturell widerstandslos gesiegt hat, so trägt die königlich-preußische Negierung, die einen christlichen Polen einem deutschen Juden vorzog, einen großen Teil der Schuld. Wenn das Verlassen der kleinen Stadt, das natürlich nicht nur aus Posen und Westpreußen zutraf, von jüdischer Seite her bekämpft wurde, so geschah es zunächst aus rein ideellen, religiösen Befürchtungen. In der kleinen Gemeinde lag das Bollwerk der Religio n. Dort herrschte noch fast durchgängig Interesse und Leben, während die Großstadt gleichgültig und passiv machte. Diese kleinen Gemeinden zerfielen nun durch den Fortzug. Sie konnten geistige Führer nicht mehr anstellen, und als Nachfrage nach menschlicher Arbeit wieder größer werden wird, dafür sind bereits heute Anzeichen vorhanden. Die wirtschaftliche Erschütterung wird nie ganz überwunden werden. Aber, wir glauben keine salsä)en Propheten zu sein, wenn wir sagen: Es wird vielleicht für kurze Zeit noch etwas schlechter, dann aber ist der Tiefstand erreicht, und der Aufstieg wird beginnen. Darum: die Köpfe hoch!

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