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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-19 · 51 (19.12.1930) · p. Seite 664

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
51 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
Seite 664 (sequence 8)
Language
German
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664 mit einem Bändchen Lyrik „A u s ringenden Welten" und der Prediger der Berliner Neformgemeinde Dr. Jelski mit einem Predigtenband „Im Wandel, der Z eiten". In einer Zeit, die den Abbau geistiger und ideeller Werte erzwingt, hat der Philo-Verlag. getreu seiner Verpflichtung, jüdische Gegenwartsp robleme und geistesw iflens chaf tliche Fragen: im Nahmen seiner Neuerscheinungen behandelt; er bringt vieles und daher — in einer Abwandlung des Goethe-Wortes — jedem etwas. Lucia Jacoby. spürt und aufzeigt. So tritt z. B. Ludendorsf in ganz neue Beleuchtung, wenn er als christlicher Sünder gesehen, mit Büchners „Woyczek" verglichen und an Kierkegaards religiöser Psychologie gemessen wird, — diese Erklärung aus Angst, aus einer Besessenheit, die die Welt zur Hölle „erklärt", um selbst recht zu behalten, ist wirklich frappant. Auch der Essay „Die jung-nationale Bewegung und ihre Gegenspieler" weist in dem Freiheitsbegrifs dieser Bewegung ein Gegenspiel zur christlichen „Erlösung" nach, d. h. einen Mythos, der rational nicht zu bekämpfen ist (wenn auch selbstverständlich einzelne Behauptungen bekämpft werden können und müssen), dem man also nur mit einer festen geistigen Haltung begegnen kann,. mit einem Gedankenshstem, das in die gleichen unbewußten Tiefen hinabreicht und an dem er sich bricht; also eine wirkliche Erklärung für die immer wieder beobachtete Erscheinung, daß Widerlegungen im einzelnen und sogar Widersprüche in sich selbst diese Bewegung vor ihren Anhängern nicht unmöglich machen. Die „jüdische Siluation" sieht Haas mehr von der Peripherie her; schön und treffend ist aber ddr Aufsatz über den jüdischen Witz als historische Spiegelung der jüdischen Seelen läge und das freundschaftliche Verstehen des Dichters Franz Kafta als eines sozusagen seelischen Schauplatzes alttestamentarischer Kämpfe. Das Bemühen um ein Verstehen tieferer Zusammenhänge, das schönste Amt des Kritikers, gibt überhaupt diesen Aufsätzen Gepräge und Wert. Nicht um Verstehen, sondern um Deutung ist es Ernst Bloch zu tun. Er verfolgt „S P u r e n" (Paul Cassirer Verlag), über die man sonst himvegzusehen pflegt: aus kleinen Beobachtungen, Erinnerungen, Anekdoten und Geschichten holt sich der Philosoph größere Zusammenhänge, und aus dem Mosaik kleinster Sternchen wächst zwar kein System, aber ein Weltbild. Sein Blick geht in jene Tiefen, wo sich, dem klaren Bewußtsein noch verborgen, aus Freiheit. Schicksal und Zufall die Kräfte der Persönlichkeit bilden, in das Halblicht des Entstehenden, in das Reich der „Mütter", und er formt diese kaum sagbaren Erkenntnisse in einer mehr künstlerischen als Philosoph:schen, reinen und empfindlichen Sprache. Dahinter steht eine skeptische und tapfere Frommheit, eine kraftvolle und zarte Mischung deutscher und jüdischer Wesensart, eine Haltung, die als gedachte und gelebte dentschjüdckche Synthese eine lebendige Wirkung ausüben kann. Deutschjüdisches Leben in anderem Sinne gibt die „Geschichte der F a m i l i e Hall o", die Rudolf Hallo im Selbstverlag erscheinen läßt (Kassel, Thomestraße 5). Die jüdische Faniiliengeschickte bat in den letzten Jahren einen erfreulichen Aufschwung genommen, und nicht ohne Grund: in einer Zeit, wo der innere Zusammenhalt der Familien sich zu lösen droht, stellt sie eine Verbindung mit der Vergangenheit und damit eine festere und persönlichere Tradition für den einzelnen wieder her, als es vielfach heute religiöse Kräfte vermögen, und ein Blick in die Vergangenheit der eigenen Familie stärkt in der Not des Tages; denn fast immer waren die Schwierigkeiten vergangener Generationen so groß, mitunter noch größer als beute die unserer. Rudolf Hallos Familiengeschichte ist in ihrer Mschung eines warmen Persönlichen Tons mit strenger wissenschaftlicher Genauigkeit ein Musterbeispiel für solche Arbeit. Darüber hinaus aber zeigen diese „350 Jahre aus dem Leben einer deutschen Hofjuden- und Handwerkerfamitie" die eindrucksvollen Gestalten der Begründer der Gemeinden Berlin und Kassel und eine Fülle der (leist und Zeit Von Dr, Hans Bach In den Wirrnissen einer politischen und wirtschaftlichen Situation, deren Entwicklung ebenso gefahrvoll wie unübersehbar ist, werden langsam auch die geistigen Maßstäbe sichtbar, die dazu helfen werden, diese Situation zu übersehen, zu verstehen und dann auch zu meistern. Alle Heilkräfte der Seele und des Geistes find als Helfer dazu willkommen, und Vielfalt der Standpunkte ist den einseitigen Rezepten vorzuziehen, die sich getrauen, alle Not der Zeit aus einen: Punkte zu kurieren, ^o gelten die Bücher, von denen wir zu sprechen haben, von ganz verschiedenen Gebieten aus und wenden verschiedene Methoden an: Biographie, Analyse der Zeit, gedankliche Synthese und Geschichte. Ihnen gemeinsam aber ist das Zurückgehen auf die religiösen und geistigen Grundlagen unseres heutigen Seins, die allein Halt und Hilfe auch in neuer Lage geben. Natürlich sind Bücher dieser Art weder schnell zu durchfliegen, noch erschließen sie sich ohne eigene Mitarbeit des Lesers. Martin B u b e r ist nach dem Tode unseres unvergeßlichen Franz Rosenzweig der eigentlich schöpferische Geist in der Erneuerung jüdischer Religiosität. Hans Kohn läßt bei Jakob Hegner in Hellerau eine großem gelegte Biographie seines Lehrers und Freundes erscheinen. Er wird der Schwierigkeit, die noch nicht abgeschlossene Entwicklung eines Lebenden zu Zeichnen, dadurch Herr, daß'er Bubers Leben in ein breites Gemälde der Zeit hineinstellt und damit die Fäden bloßlegt, an denen immer noch gesponnen wird. Gerade auch der nichtzionistische deutsche Jude wird dieses Leben und seine Leistung als beispielhaft anerkennen. Denn Martin Buber hat sich aus der Beschäftigung mit deutschem und europäischem Geistesgut wieder zu dem geistig lange mißachteten Judentum zurückgefunden und damit ein Beispiel gegeben, dem seither Taufende gefolgt sind, er hat durch die Entdeckung des chassidi schen Lebens als eines urtümlich jüdischen auch die nichtjüdische Welt zur Beschäftigung mit jüdischen Gedanken gangen gebracht und damit eine Wirkung ausgeübt, die in der christlichen Religiosität unserer Tage deutlich spürbar ist. Daß er in dem Kreise um Herzt dieses Judentum zunächst als nationales verstand, ist begreiflich, aber gerade Buber hat dann als erster diesen begrenzten jüdischen Nationalismus in einem höheren Bild jüdischen Wesens auch wieder überwunden und damit einen Weg gebahnt, der das Judentum wieder zu seiner Einheit Zurückführen wird. Die Uebersetzung der Bibel zusammen mit Franz Rosenzweig ist so nicht nur als Zeichen religiöser Erneuerung, sondern auch geistiger Einheit ein Markstein in der jüdischen Geschichte unserer Zeit. Daß darüber hinaus dieser Weg von der Mystik zur religiösen und sozialen Wirklichkeit, von' der Forschung zur Lehre, vom Nationalen zum Menschliche::, von der Theorie zur eigenen Entscheidung der Weg aller europäischen Geistigkeit ist, kann hier nur angedeutet werden. Bewegt sich Kahns Buch in der Höhe religiöser und geistiger Abstraktion, so fühlt Willy Haas der Zeit selbst den Puls. Seine „G e st a l t e n der Zeit" (Verlag Kiepenheuer) leben zwar nicht alle mehr, aber alle zeigen einzelne Seiten unseres Wesens. Der Herausgeber der „Literarischen Welt" versucht die Gestalten des Bürgerlichen zu umreißen, zeichnet die Situation des Christen in unserer Zeit, die jüdische Situation, Dichterportrüts und Gegenwartsfragen. Grundsätzlich bemerkenswert ist bte Kraft, mit der er auch hinter Politischen Erscheinungen und Bewegungen das Religwse, besser gesagt das Theologische, aufmm Für die Gesundheit! Facliinger Yc» sancistelle, Berlin SW 11 ßchöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260[6i. interessantesten, auch historisch und kulturhisto-' risch lndeutsamen Züge, die das Buch zu einer Kulturgeschichte im kleinen machen und damit auch jenen Zusammenhang mit einem größeren Ganzen Herstellen, der über der Betrachtung des einzelnen nicht verlorengehen darf. Kurt Sabatzky: „Der Jude in der dramatischen Gestaltung". Buchberlag der „Königsberger Hartuugschen Zeitung" und Verlagsdrutkerei. Eine Lücke in der Reihe der Zahlreichen Monographien, die jüdisches Schaffen und jüdische Einflüsse in den verschiedenen Lebensgebieten Nachweisen, füllt diese Schrift aus der Feder des Syndikus unseres ostpreußischen Landesverbandes aus. Sie gibt ans gedrängtem Raume eine vorzügliche Materialsammlung dramatisch gestalteter jüdischer Figuren, von denen jede einzelne in einen kurzen Abriß des dramatischen Geschehens, dessen Haupt- oder Mitträger sie bildet, hineingestellt ist. Da die Uebersicht vorn mittelalterlichen Mysterienspiel ausgeht, anderseits aber Werke in ihre Betrachtung mit einbezieht, deren dem immittelbaren Gestern und Heute angehörige Wirkung noch stark im Leser nachklingt, umfaßt sie einen Zeitraum, der weit genug ist, um unter den verschiedensten Gesichtspunkten Interesse hervorzurusen. ^L>o wird ebenso gern der Literarhistoriker auf diese wertvolle Ergänzung der bisherigen Arbeiten, die die Zusammenhänge zwischen Judentum und Theater beleuchten, Zurückgreifen, wie auch der literarisch und jüdisch interessierte Laie sich sicherlich dieser Führung durch die jüdisch durchwirkten Dramen der Jahrhunderte mit starker innerer Anteilnahme aiwertrauen wird. vr. E. R.-J. Joachim Prinz: „Helden und Abenteurer der Bibel". Paul Barnnann Verlag, Ctzarlottenbnrg 1930. 158 S. Dieses Büchlein ist für Kinder etwa im Alter von sieben bis vierzehn Jahren bestimmt. Es erwuchs unmittelbar ans der praktischen Erfahrung. Der Verfasser hat einige Geschichten vornehmlich aus dem Buche Richter und den Büchern Samuel Kindern erzählt. Seine Erzählungen sind, wie das Vorwort angwt, ausgezeichnet und nur mit unwesentlichen Aenderuugen nunmehr in Buchform wieder-- gegeben worden. Es ist erfreulich, daß der Verasser der Verlockung im allgemeinen widertanden hat, aus eigener Phantasie zu den biblichen Erzählungen etwas hinzuzutun! Die Gechichten wirken in der treuen Wiedergabe — elbstver stündlich unter Auslassung der für Kinder schwer verständlichen Abschnitte — „modern" und regen die kindliche Phantasie an. Am Schlüsse steht die Geschichte vom „Helden Mose. Ob die Aufnahme der ganzen Moses-Geschichte notwendig war, erscheint zweifelhaft. Denn es liegt aus der Hand, daß Prinz die Geschichte von Moses Geburt und Jugend ausführlich behandelt, wohingegen die späteren Decke des Zweiten und vierten Buches Mose ganz zurücktreteu. Dadurch werden der Auszug aus Aegypten, die Offenbarung am Sinai — ist ihre Schilderung in einer „Heldenerzählung" überhaupt am Platze? — unwillkürlich zu Harmlosigkeiten, und dem Kinde wird das durch die ganze jüdische Tradition hindurch empfundene Außerordentliche dieser Ereignisse nicht klar. Diese Bedenken hindern aber keineswegs, das Buch allen Eltern für ihre Chanukka dispofttionen zu empfehlen. l)r. E. H. Seligsohn (Berlin).

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