Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 51 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 662 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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H-2 Die Einrichtung des Jubeljahres, und der Schuldenaufhebung waren eher sozialistischen Gedankengängen entsprungen. Durch eine in Jahrhunderten erworbene Einstellung auf bestimmte Berufe entwickelte sich die Begabung, die sie an die Stelle setzte, in der man sie zu Beginn der neuen Entwicklung ~ in ihren: Verlauf findet. Aber nur wenigen ist es ver- Krieg und Adrierme Thomas: „Die Katrin wird Soldat." Verlag Ullstein, Berlin 1930. Ein Buch von stärkster dichterischer Gestaltungskraft ist das Kricgsbuch der deutschen Jüdin Wrienne Thomas „Die Katrin wird Soldat". Es ist ein Kriegsbuch, verquickt mit der Geschichte einer unendlich keuschen, zarten, die seelische Not der Kriegsjahre überwindenden Liebe der jungen Heldin Zn einem nur wenig älteren Gymnasiasten, der als Kriegsfreiwilliger in das Feld und in den Tod zieht. Mit dramatischer Spannung Zeigt dieses Tagebuch die politische Entwicklung der Jahre 1914 bis 1916, und mit einer über ihr Alter scharfen Beobachtungsgabe sieht Katrin die Menschen aller Stände und aller Konfessionen in ihren: Verhältnis zur Heimat, Zum Krieg, zum Leben und Sterben dieser Kriegsjahre. Besonders interessant und nach vielen Richtungen hin aufrüttelnd und lehrreich ist das Buch für die große Masse der Deutschen, die die besonderen Verhältnisse der Grenzländer niemals mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist mehr als die Beschreibung einer Epoche, es ist gleichzeitig ein unendlich warmes Bekenntnis Zu Deutschland, an dessen politische Sendung diese lothringische Jüdin trotz aller in den: Zweisprachenland so selbstverständlichen Sympathie für Frankreich allein glaubt. „Wenn man auf eine Waage alle Schlacken und Mängel Deutschlands wirft und auf die andere Schale die vieler vornehmer, kultivierter, ritterlicher Nationen, so wird doch das Zünglein an der Waage zu Deutschlands Gunsten' entscheiden müssen/' Dieses Buch schildert wie kein anderes die ewige Tragik, die über den: Erleben der deutschen Frau und darüber hinaus der Frauen aller am Kriege beteiligten Nationen schlechthin gewaltet hat: die unendliche Tragik, die irr dem Wort „Warten" liegt; „Warten" auf die Nachricht von den geliebten Menschen, die im gönnt, sich über die namenlose Menge^zu erheben. Von wenigen dieser wenigen ist die Rede in dem Zielenzigerschen Buche. Das Goethe- Wort, mit dem das Schlußwort des Buches beginnt: „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil sie Individuen sind", kann nicht besser veranschaulicht werden als durch die Zielenzigersche Arbeit. N a c h k r i e g Felde sind, „Warten" aus die Mitteilung über „Siege" und immer wieder wieder „Warten" auf den Frieden — dieses „Warten", das nur durch hingebungsvollste Arbeit im Dienste des Vaterlandes zu überwinden. ist. Katrin hat diesen Dienst als Helferin des Roten Kreuzes aus dem Metzer Hauptbahnhof und schließlich als Schwester in einer Tuberkulosebaracke mit einer Selbstaufopferung erfüllt, zu der mir Menschen von starken: Charakter fähig sind, ^o gibt dreses Buch Zugleich, ohne absichtliche Hervorhebungen, ein Dokument der selbstverständlichen Pflichterfüllung einer deutschen Jüdin im Kriegsdienst und frischt damit eindrucksvoll die Erinnerung an die heute von den Judengegnern leider allzu schnell vergessene Bewährung der jüdischen Frau in der schwersten Not des Vaterlandes auf. Katrins Schicksal wirkt erschütternd aus die Leser, weil cs mit warmem Herzen empfunden und mit den Augen einer Dichterin gesehen ist. Margarete EdeUieim. Georg Hermann: „November achtzehn". Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin. In der riesigen Bibliothek, die sich für eine kommende Generation aufschichtet uno die Bezeichnung führen wird: „Krieg und Nachkrieg", werden die Nachfahren bestimmter noch als wir selbst unterscheiden zwischen den rein beschreibenden Büchern, den polemischen und den dichterischen. Diese Kategorien werden sich gruppieren, ohne daß sie sich völlig sondern werden. Das Beschreibende, das Polemrsche, das Dichterische werden hier und da ineinanderströmen, aber es wird immer bestimmbare Kennzeichen für die Prävalenz des einen oder des anderen geben. Man wird dann auch aus den langen Bücherreihen einen Band herausgreisen mit der Aufschrist G c d r g H e r m ä n n „N o v,e m b.e. r achtzeh n". Ich denke oder ich Höffe wenigstens, die Generation nach uns wird politisch und sozial so weit beruhigt sein, daß sie in Büchern nicht nur Erregung sucht, sondern auch Genuß, und dann bin ich gewiß, was über dieses Buch gesagt werden wird. Es wird gesagt werden, daß es die Vorgänge jener Novembertage ausgezeichnet beschreibt, nach langer, von Kriegsbrand durchglühter Nacht eine Dämmerung, von der man nicht wußte, ob sie auch eines besseren Morgens Dämmerung war. Es wird auch gesagt lverden, daß polemisch auf den schrecklichsten Feind der Menschheit hingewiesen wird, aus den Krieg selbst. Aber voran wird, das eben hoffe ich, voran wird stehen das, was einem Buche über den Tag, auch über solche Novembertage, hinaus, de:: bleibenden Wert gibt, nämlich, daß sich eine festumgrenzte Persönlichkeit dichterisch darin ausspricht. Abseits von Georg Hermanns sonstigen Stoffen, bleibt dieser Roman dennoch ganz in seinem Bezirk. So wie wir ihn kennen, erkennen wir ihn wieder; so wie wir ihn lieben, gewinnen wir ihn von neuem lieb. Als einen, in dem das skepsishaltige Berliner Blut verschärft noch ist durch jüdisches; in dem aber alles Säuerliche paralysiert wird durch Humor; in dem ein großes, für Menschenwürde und geistige Freiheit schwärmendes Ethos steckt, aber auch die Scham, es zu verraten. Man will lieber salopp erscheinen, als im hohen Stehkragen des Pathetikers einherstolzieren. Gefühl wird nur innerlich getragen, es geht die Leute gar nichts an, daß man Gefühl besitzt. . Und dann und eigentlich zuerst: „Ich habe etwas lieben gelernt, nämlich das Wort Kultur", sagt der Held des Romans; „Held" wäre auch ein Wort, das Hermann wohl als geschwollen ablehnte. Das sagt Fritz Eisner, der kein anderer ist. kaum in einem Einzelzuge ein anderer als Georg Hermann selber. Da haben wir ihn, das ist er. Der Krieg, ja schließlich auch jede Revolution, wie sehr man sie auch als Gegendruck begreift und begrüßt, ist Schändung der Kultur. Die Welt könnte schön sein; wie schön wäre sie, wollte sie nur friedlich sein! Die Natur selbst, ein Gemälde, ja* nur der Lichtstreisen auf einer Glasur und die Bücher der Gelehrten und Poeten, und ein Verstehen von Mensch zu Mensch: das alles ist Schönheit und ist Kultur, und Hermann ist ihr Prophet. So gerüstet schreibt der Dichter seinen „November achtzehn", mit viel persönlichen: Erleben, Erleiden, Erhoffen, an der Wende der Im südlichen Gallien fmden wir jüdische Krieger an der Seite der dort ansässigen Westgoten im Kampf mit dem Frankenkönig Chlodwig. Im Jahre 508 belagerten die Franken Arles, bei dessen Verteidigung die Juden tapfer mitkämpften. Auch hier wie in Neapel war eine Partei, die es mit dem Belagerer hielt. Die katholischen Stadteinwohneran ihrer Spitze Bischof Cäsarius, wollten die Stadt den frisch zun: Katholizismus bekehrten Franken in die Hände spielen. Die arianischen Westgoten und die Juden beschuldigten den Bischof offen des Verrats und wollten ihn aus der Stadt verbannen. Der heimtückische Cäsarius aber wußte den Verdacht auf einen der jüdischen Verteidiger abzulenken, da seine Leute angeblich einen mit einem Stein beschwerten Brief fanden, in dem dieser gegen Zusicherung des Lebens der jüdischen Einwohner dem Frankenkönig versprach, ihm Einlaß in die Stadt zu gewähren. Der verleumdete Jude verlor sein Leben, aber Cäsarius mutzte sich spater, für sein zweideutiges Verhalten vor dem Ostgotenkönig Theoderich, dem Beschützer der gallischen Westgoten, der zu ihren Gunsten gegen Chlodwig eingrisf, verantworten. Auch in Spanien lebten die Juden, solange die dortigen Westgoten der arianischen Lehre anhingen, unangefochten im Lande. Am Fuße der Pyrenäen waren zahlreiche Juden angesiedelt, die wir dort in der Rolle der militärischen Grenzer finden. Wie Juden schon einst im ägyptischen Ptolemäerreich die Grenzgarnisonen in Elesantine und Pelusiurn innehatten, so verteidigten sie hier in Spanien die Pyrenäenpässe gegen Franken und Burgunder, und als später nach dem Uebertritt der Westgoten zum Katholizismus Bedrückungen und Glaubensverfolgungen einsetzten, machte man mit diesen kriegerischen Grenzstämmen eine Ausnahme. Noch im Jahre 693 wollte König Egika die die bürgerliche Freiheit der übrigen spanischen Juden einschränkenden Gesetze auf sie nicht angewandt sehen. Wenn auch schließlich religiöser Fanatismus eine Kluft zwischen Goten und Juden ausritz,, so sehen wir doch, daß anfangs weder bei Ostnoch Westgoten etwas von Rassenhaß zu verspüren war. Trotz der in diesen Zeiten weit mehr als heute in Westeuropa hervortretenden Unterschiede im Aeußeren, in Sprache und Sitten lebten sie nicht nur frfedlich miteinander, sondern in Kriegszeiten verband sie, wie wir sehen, Waffenbrüderschaft. Der Jude aber war in dieser Zeit noch nicht der unterdrückte und verfolgte Unglückliche des späteren Mittelalters, folgern er verstand es, die Waffen zu sichren und an der Seite jener edlen Germanenkrieger sich mit dem Schwert in der Hand gemeinsamer Feinde zu erwehren. Gegen würöelofe Reklame konzertierenüer Rantoren Wir hatten in Nr. 45 der „C. V.-Zeitung" vom 7. November gegen die grobe Geschmacklosigkeit Stellung genommen, wie sie die Ankündigung eines Negerkantors an den Berliner Litfaß-Säulen darstellte. Wie uns aus dem Reich mitgeteilt wird, bereist dieser Negerkantor jetzt ganz Deutschland und macht überall eine für unser Empfinden unwürdige Reklame durch geschäftliche Ausnutzung religiösen Gefühls. Daß wir mit unserem Protest nicht alleinstehen, beweist nachstehender Beschluß des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes, der bereits im vorigen Jahre gefaßt wurde. Er lautete: ,Daß sich Kantoren als Konzertsänger betätigen und hierbei auch gottesdienstliche Gesänge vortragen, ist eine Erscheinung, die Zwar von manchen unserer Berussgenossen verurteilt wird, gegen die aber unserseits keine Einwendung erhoben werden kann. Man darfdarim wenn die Ausführung in wirklich künstlerischer Weise erfolgt, immerhin ein Mittel erblicken, die jüdisch-religiöse Musik auch weiteren, dem jüdischen Gottesdienste fernstehenden Kreisen zugänglich zu machen. Daß aber konzertierende Kantoren hierbei marktschreierische Reklame treiben, ihre Veranstaltungen durch Plakate ankündigen lassen, auf. denen ihr Bildnis in vollem Amtskleide „prangt", widerspricht u, E. künstlerischer Feinfühligkeit, vor allem aber dem Gedanken, der sich im jüdischen Vorbeter, dem „Scholiach zibbur", verkörpert, und somit dem Ernst und der Würde unseres Standes. / Wir, die Standes- und Verussvertretung jüdischer Kantoren in Deutschland, können uns mit solchem Borg-eben nicht einverstanden erklären/