Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-12-19 · 51 (19.12.1930) · p. Seite 659

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
51 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
Seite 659 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277727--06439-2287261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Zuftizral Placzek ZO Jahre alt Am 25. Dezember d. I. begeht Justizvat Placzek seinen 70. Geburtstag. Der Centralverein bringt dem bewahrten Freunde seiner Die 97. Friedhofsschändung In Hattingen a. d. Ruhr wurde der jüdische Friedhof in furchtbarer Weise verwüstet. Vierzehn G r a b st e i n e wurden u m g e st ürzt und zum Teil zer - t r ü nt m c r t. Polizeiliche Ermittlungen sind eingeleitet; die Täter konnten trotz Aussetzung einer hohen Belohnung bisher nicht ermittelt werden. Der unbequeme „Deutschlanöbunö" In Berlin ist eine Vereinigung „Deutschlandbund" ausgetreten, die in ihrer ersten Versammlung den Kapitünleutnant v. Mücke in einer Kundgebung gegen den Nationalsozialismus hat sprechen lassen. Wie unangenehm den Nationalsozialisten das Auftreten ihres früheren sächsischen Landtagsvertreters ist, erhellt aus der Tatsache, daß sie ben „Doulschlandbund" zu diffamieren suchen. Und zwar erscheint ihnen dazu die Identifizierung des „Deutschlandbundes" mit dem C. B. besonders geeignet. So fragt der „Völkische Beobachter" rn seiner Nr. 299 vom 17. Dezember hämisch, ob die Versammlung des „Deutschlandbundes" vom C. B. finanziert wurde, und der „Angriff" des Herrn Goebbels erklärt in seiner Nr. 120 vom 16. Dezember, daß der „Deutschlandbund" ein Anhängsel des C. V. sei und sich den Kapitänleutnant von Mücke verschrieben habe. Beide Behauptungen sind unwahr. Der Centralverein hat von der Existenz des „Teutschlandbundes" znm erstenmal - durch die Plakate erfahren, die zu der Versammlung eingeladen haben. Er kennt weder die Ziele noch die Persönlichkeiten, die hinter ihm stehen, und ebensowenig ist ihm Kapitänleutnant von Mücke persönlich bekannt. Ter Centralverein hat keine direkten oder indirekten Beziehungen zu ihm. Beiden Blättern sind preßgesetzliche Berichtigungen zngesandt worden. lim jeder Legendenbildung, die jetzt von den Nationalsozialisten systematisch versucht wird, vorzubeugen, stellen »vir dies-e Tatsache auch, hier richtig. Sache, dem um seine Heimat Poseri hochverdienten Manne die herzlichsten Glückwünsche dar. Erfüllt Don freiheitlichen Idealen, hat er seine unermüdliche Arbeitskrast selbstlos tu den Dienst des Gemeinwohls gestellt. Länger als ein Vierteljahrhundert, in dem Posen einen in der Geschichte der Städte des Ostens beispiellosen Aufschwung nahm, hat er als führendes Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, und in den letzten zehn Jahren als ihr Vorsteher, die Geschicke der Stadt entscheidend beeinflußt. Im Frieden und Glück ein treuer Sohn seiner Heimat, hat er cmd» in der Zeit schwerster nationaler Not, »vährend der Umwälzunig rn den Jahren 1918 und 1919, sein Deutschtum furchtlos bekannt. Er, der letzte deutsche Stadtverordnetenvorst e h e r . der V e r t r a u e n s m a n n de r d e u t s ch e n V ü r g e r s ch a f t, hat mit einem Mut. der persönliche Gefahren nicht scheute, und mit vorbildlicher Würde die Versa s s u n g s r e ch t e der deutschen Stadtgerneinde gegen die polnischen Machthaber v e r t e i d i g t. Diese wahrhaft vaterländische Tat hat ihm Verfolgungen und Internierungen, aber auch den Dank und die Anerkennung aller aufrechten Deutschen eingetragen. Möge dem Jubilar, des'<m edles Menschentum ihm in der neuen Heimat neue Freunde luutrb, seine körperliche und geistige Frische, seine Arbeitsfreudigkeit und seine Ausgeschtossenheit für die Probleme unserer stürmischen Gegenwart noch viele Jahre erhalten bleiben. Nölting contra Zeöer Die Aussprache auf der „Deutschen Welle" Im Nahmen der Erörterung von „Zeitfvagen" fand am 16. Dezember aus der „Deutschen Welle" eine Auseinandersetzung über ..Sozialismus und Nationalsozialismus" statt. Sprecher waren Reichstagsabgeordneter Dr. Gottfried Feder für den Nationalsozialismus und Landtagsabgeordneter Professor Tr. Erik N ö l t i n g für den Sozialismus. Nölting bat zu Beginn des Zwiegespräches seinen Partner, die Aussprache wegen der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit auf den wirtschaftlichen Fragenkomplex zu beschränken. Feder erklärte sich nur in gewissem Umfange zu einer solchen Einschränkung bereit, und der Verlauf der Unterhaltung erwies nur allzu rasch, warum er dem sachlich durchaus begründeten Vorschlag Nöltings aus dem Wege gegangen war: es mußte auch auf den vorurteilsfreiesten Hörer in höchstem Maße erschütternd wirken, wie hier der voltswivtschaftliche Führer des Nationalsozialismus jeder exakten Fragestellung auswich, wie er sich hinter Schwulst und Phrase versteckte, wenn er nüchtern und sachlich um seine Stellungnahme zu wirtschaftlichen Forderungen befragt wurde. Wer erwartet hatte, wirklich etwas über den praktischen Wert des so großsprecherisch vertretenen na-tionalsozialistischen Wirtschastsprogramms zu hören, der wurde bitter enttäuscht. Eine erschütternde Demonstration für die gedankliche Hohlheit dieser Partei, der verblendet Massen nachlaufen! Terror gegen Heine Nationalsozialisten sprengen eine Versammlung in Düsseldorf Am vergangenen Montag sollte der bekannte Narburger Heine-Forscher, Geheimrat Professor Dr. Elster, aus dessen Feder wir in der letzten Nummer unserer Zeitung einen Beitrag veröffentlichen konnten, in der Aula der Hindenburg-Schule in Düsseldorf einen Vortrag, zu dem vom Geschichtsverein, dem Freihochschulbund und dem Ortsausschuß für die Errichtung eines Heine-Denkmals eingeladen worden war, halten.' Professor Elster »vollte über Heines Stellung in Dichtung und Geistesleben sprechen. Während der Begrüßungsrede des Beigeordneten Dr. Herold, der den Heine-Forscher im Namen des Oberbürgermeisters bearüßte. war es noch ruhig, aber bald nach den ersten Sätzen des Referenten erfolgte aus den ersten Nenzen des Saales ein ungezogener Zwischenruf, der wohl das Signal zur Sprengung der Veranstaltung bilden sollte. Wie nach Verabredullg, Oer I^odeipreistr-L^er?rokes§Or Or. Landsteiner Aufgenommen auf der Durchreise von Berlin nach Stockholm zur Verteilung der Nobelpreise Hedl Schiff, Berlin, phoi. ''V , I WM stürzten plötzlich aus dem zahlreichen Auditorium etwa z w a n z i g Burschen hervor, die die völlig überraschten Zuhörer in der unglaublichsten Weise beschimpften, ihre „Kampflieder" anstimmten und immer »vieder „Deutschland erwache, Juda verrecke" brüllten. Unter den Zuhörern, die dieses Spektakelstück mehr erstaunt als erschreckt über sich ergehen ließen, befanden sich vor allem geistig interessierte Kreise, darunter He r bor t E u le nb e r g. Ein Appell des Gelehrten, ihn erst einmalanzuhören, wurde verlacht. Auch die ersten eintreffenden Polizeibeamten konnten die Ruhe nicht wiederherstellen. auch von der Straße her ertönte jetzt der bekannte Schlachtgesang. Erst nachdein das Ueberfallkonunando erschienen war, konnte der eltsame Kreis von „Heine-Interessenten" enternt werden. Fast eine halbe Stunde lang »vurde eine völlig unpolitische, großenteils ans Damen bestehende Zuhörerschaft unter der sich nur vereinzelt jüdische Bürger befanden, terrorisiert. — So wütet nationalsoziaIistischer Terror gegen Kunst und Wissenschaft! Gegen nationalsozialistischen öopkott Wichtige Beschlüsse des Landgerichts Bielefeld Das bevorstehende We ihn ach issest gibt wie in jedem Jahre so auch diesmal den Nativnalsozialisteu willkommene Gelegenheit zu unerhörten BerunglnnpfiU.ng.en und zu den gehässigsten Boytottanswrderungeu gegen jüdische Geschäftsleute. Tie Gerichte schreiten gegen derartige Auswüchse des politischen Kampfes und des Wirtschaftslebens energisch ein. Das Landgericht B i e l e f e l d hat kürzlich durch Beschluß vom 5. Dezember 1630 in den Akten 2 G 158/30 dein D r ucker eines H-etzf'l u gblatt c s und dem O r t s a r u ppen - f ü i) r e r d e r N a t i o n a l s o z i n l i st e n in G ü t e r s l o h d i e Berb re i t u n g eines derartigen Flugblattes nute r s a g t und die Bohkottaufforderung gegen jüdische Geschüstslen re unter Strafandrohung gestellt. Das fragliche Flugblatt, das die Ueberschrist trug „Sei ein Christ! — Käme nicht beim Juden!", »varnte die christliche Bevölkerung vor Einkäufen in jüdischen. Geschäften und beschimpfte die jüdischen Geschäftsleute als „Ehristusmörder".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.