Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 51 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- Seite 658 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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65$ schenkte uns — so sehr viel später als den anderen Völkern — den geschlossenen Nationalstaat. Es ist einer der größten Wendepunkte der deutschen Geschichte: Deutschland, das Jahrhunderte hindurch nicht viel mehr als ein geographischer Begriff gewesen war, wird Zur politischen Großmacht., die freilich nur gegen erbitterten Widerstand von außen, nur durch „Blut und Eisen" geschaffen werden kann. Diese Errichtung eines starken Machtzentrums im Herzen Europas, das war es, was die Mächte uns nie verzeihen konnten, und hier liegt eine der tiefsten Ursachen des Weltkriegs. Der Weltkrieg war der letzte Protest gegen dm deutschen Nationalstaat, und von dieser historischen Warte gesehen, war er nicht nur eine Niederlage für uns. die des Blntopfers der Millionen nicht wert gewesen wäre; denn all unser Unglück konnte Deutschlands staatliche Einheit nicht erschüttern. Wer die Geschichte der deutschen Einheitsbewegung auf sich wirken läßt, die Große des Erreichten, das so gar nichts Selbstverständliches war, und die Mühsalen des Wegs, der dahin führte, der wird auch die Leistung derer zu würdigen wissen, die nach dem Zusammenbruch das Reich, dieses Erbteil einer glorreichen Vergangenheit, retteten und erneuerten. Die gewaltigste Umwälzung, die das 19. Jahrhundert sah, zugleich eine der gewaltigsten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte, in ihren letzten Auswirkungen noch heute unübersehbar, ist bestimmt durch die Schlagworte: Triumph der Naturwissenschaft und der Maschine, Industrialismus, Arbeiterfrage, Kapitalismus und Weltwirtschaft. Wie ein Sturmwind bricht die neue Zeit heran, um alle Lebensverhältnisse zu revolutionieren, uralte Bindungen zu sprengen, in nie gekannter Plötzlichkeit nie gekannte Probleme zu schaffen. Die frühere Ruhe und Geborgenheit des Lebens ist mit einem schlage dahin. Der einzelne verliert den jahrtausendalten Halt einer geschlossenen Weltanschauung, seitdem die großen Erkenntnisse der Naturwissenschaften den Glauben an die Kirche und ihre Lehre so schwer erschüttert haben. Ebensowenig fühlt der Mensch sich materiell geborgen, seitdem er sich als ohnmächtiges Glied eingespannt steht in das kapitalistische Wirtschaftssystem mit fernen geheimnisvollen, um die ganze Erde reichenden Wechselbeziehungen und seinen Plötzlichen Krisen und Katastrophen, die fast wie ein grausam abgekartetes Spiel unheimlicher Mächte anmuten, denen er sich willenlos ausgeliefert sieht. Bedroht fühlt sich der Bürger, vor allem der deutsche Bürger, von dem neuen vierten Stand, den dieses Zeitalter der Maschine geschaffen hat. dem des Industriearbeiters, dessen sozialistischen Idealen er mit Verständnislosigkeit gegenübersteht, und der als der Staatsfeind erscheint, weil man es nicht verstanden hatte, ihn für den Staat zu gewinnen. Dieses Gefühl der Entwurzelung und des Bedrohtseins haben ja die Jahrzehnte nicht lindern können. In der Nachkriegsnot von heute ist es stärker als je. Und nicht zuletzt auf dieser g e i st i g e n Not einer gärenden und unausgeglichenen Epoche beruhen die Erfolge eines Wahnglaubens wie des Antisemitismus: Der Jude wird zürn Urheber und großen Symbol all des Neuen gestempelt, mit dem man innerlich nicht hatte fertig werden können. Man Prägt das Wort vom ausbeutenden jüdischen Kapital, man macht den Marxismus zu einer 'jüdischen Erfindung, dazu bestimmt, Feindschaft und 'Verwirrung in die Volker zu Pflanzen. War denn beides nicht in dem Augenblick ins Leben getreten, als der Jude aus seinen: isolierten Dasein herausgetreten war? Es ist eine tragische Verknüpfung der Dinge, daß in demselben Augenblick, als die mittelalterlich-religiösen Argumente gegen das Judentum ihre Kräfte endgültig eingebüßt hatten, diesem aus einer ganz einmaligen geistigen Situation ein neuer gefährlicher Feind erwuchs. Daß alle diese und noch viele andere grundlegenden Zusammenhänge von jeden: mit Bewußtsein erkannt werden, ist heute notwendiger als je, um ein wenig Klarheit und Besinnlichkeit in unsere fieberkranke Zeit zu tragen. Und hierzu Hilst der neue Baud der ProPylaen-WelLgeschichte in einer Weise, die wahrhaft demokratisch ist: Denn den Verfassern der einzelnen Abschnitte — den Professoren Walter Götz. A. S t e r n, F. L n ck w a l d t und H. H e r k ner — ist es gelungen, jene glückliche Form der DarfteXXxfng zu finden, die auch das Schwierige leicht und jedem, auch den: geistig ungeschultesten Kaum ein Gebiet des öffentlichen und privaten Lebens gibt es, das tiefenpsychologische, insonderheit psychoanalytische . Forschungen nicht in den Kreis seiner Arbeit einbezogen hätte. Bei der eigentümlichen Betrachtungsweise der Psychoanalyse mutzte man von vornherein erwarten, daß sie ganz neue Gesichtspunkte für eine Stellungnahme zun: Problem des Antisemitismus bringen würde. Die Erwartungen haben sich auf einem Vortragsabend des Berliner Psychoanalytikers Dr. Walter Schindler, der im Rahmen einer C. V.-Veranstaltung stattfand, in vollem Ausrnaße bestätigt. Schindler faßte das Gesamtproblem als einen Psychologischen Tatbestand aus, dessen tiefste Struktur er in der zwiespältigen Liebe-Haß-Beziehung des von der Freudschen Schule sogenannten Oedipus - Komplexes sah. In weit ausgreifenden, zum Teil in historische Vorzeit Zurückreichenden Analysen versuchte er, die Gegensätzlichkeit des psychologischen Verhaltens von Juden und Nichtjuden zu formulieren. Diese Gegensätzlichkeit steht er im wesentlichen in einer heterosexuellen und homosexuellen Einstellung, wobei aber keineswegs an das speziell sexuelle Verhalten, vielmehr an eine grundlegende Neigung zum Andersartigen bei den Juden und zum Gleichartigen bei den Nichtjuden gedacht wird. Für den Fachmann war besonders die interessante Koppelung bedeutsam, die Schindler in diesem Zusammenhang zwischen der Psychoanalyse und der Kretschmerschen Tvpenlebre brachte. Der jüdische Typus ist nach Schindler ein vorwiegend pyknmder, sein Verhalten vorwiegend manisch-depressiv. Hingegen sei der Nichtjude vorwiegend schizoid, sein Verhalten kann man am deutlichsten an der _ großen Lebensgeschichte Friedrichs des Großen studieren. Diesen Erwägungen, indenen Schindler den Aufbau der Persönlichkeit, als auch der Genieinschaft von Juden und Nichtjuden zu schildern suchte, schloß sich, unter Beibehaltung der prinzipiellen methodischen Einstellung in bezug auf den Oedipns-Komplex, eine Analyse des Verhaltens beider Gruppen zueinander an. Schindler zeigte, daß auch dieses Verhalten in derselben Weise bestimmt ist, als Liebe-Haß-Beziebung zwischen Vater und Sohn, wobei man den Rah- Uten der Bildhaftigkeit dieser Begriffe sehr weit spannen muß, so daß nicht nur das Religiöse (Judentum als typische Vaterreligion, Christentum als typische Sohnesreligion), sondern auch rein soziologische Tatbestände einbezogen werden können (Kapitalismus als vaterbestimmte, Sozialismus als sohnesbestinunte soziologische Form). Auf Grund dieser Formulierungen gelang es Schindler in besonders interessanten Ausführungen, die tiefenpsychologische Formel für den Nationalsozialisrnus zu finden. Der Nationalsozialismus macht den a.bsonderlichen Versuch, beides zugleich zu sein: V a ter-So hn-B e w egun g in einem. Die Zwiespältig- Volksgenossen, klar und verständlich macht. (Dieses Lob gilt besonders von dem Kapitel über die geistige Bewegung des 19. Jahrhunderts.) Und eine sicherlich ebenso deutliche imb jedem verständliche Sprache redet die Fülle der zeitgenössischen Illustrationen und Urkunden aus allen Lebensgebieten, die dem Bild der Epoche die letzten vervollständigenden Züge einstigen. keit seiner Forderungen und seiner Stellung erkläre sich dadurch. Was nun den speziellen Judenhaß betrifft, so ist er als der Versuch eines Ausweichens vor den: Oedipus-Komplet zu verstehen. Inden: die Söhne sich nicht gegen die Väter stellen, sondern ein drittes Objekt ihres Hasses, gleichsam als „Totem", vor sich ausrichten, befreien sie sich von einer Schuld. Ganz ebenso geht es auch den Vätern, die, wenn sie das „Totemtier", den Juden, ausrotten wollen, der Sohnesgeneration schuldlos m:d ohne Haß gegenüberstehen können. Diese, wie man allgentein Zugeben wird, bemerkenswert tiefgründige Ansicht kann für die Praxis der Ueberwindung des Antisemitismus von grundlegender Bedeutung sein. Zunächst einmal dürste es möglich sein, bei einem einzelnen, der im Judenhaß verstrickt ist, durch psychoanalytische Aufklärung seines antisemitischen Komplexes, seine Ueberwindung zu erreichen. Gruppen dagegen zu beeinflussen, wird kaum möglich sein. Aber ein solcher Einfluß zeigt sich in der Gruppe selbst, die im psychischen Wachstum ihrer eigenen Grimdstruktur zur Läuterung und Klärung des Konfliktes kommt. Die sich anschließende Aussprache brachte keine Polemik, sondern eine Reihe Ergänzungen. Dr. Felix M e y er wies auf die voneinander abweichende Struktur des religiösen Erlebens bei Juden und Nichtjuden hin, die er ebenfalls aus Grund psychoanaly bischer Methode zu klären versuchte. Dr. Hermann Neugarten meinte, daß es darauf ankäme, einen metaphysischen Hintergrund für eine religiöse Haltung zu gewinnen, von dem aus allein eine immanente Widerlegung des Antisemitismus möglich sei. Als letzter Redner sprach Studienrat Dr. Ai ü l l e r - C l a u d i u s. Er warnte davor, den Antisemitismus leicht zu nehmen, und ließ aufhorchen, als er, der Nichts nde ist, von der Tragik des Antisemitismus im deutschen Volke sprach. Die Tragik liegt darin beschlossen, daß vom Antisemitismus bio-logisch wichtige, lebertsnahe Zentren des deutschen Wesens betroffen und zerstört werden. Er sei eine tragische Erkrankung des Volksdenkens, eine Verfestigung der Minderwe-rtigkeitsgesühle in ihm. Das einzige Kampfmittel, das es in solchen Sitnationen gibt, sei die Versachli ch u n g, die Aufklärung und Bekämpfung der Legendenbildung über das Judentum im deutschen Volke. Für eine solche Bekämpfung müßte die Bereitschaft derjenigen unter den Deutschen — und es sind derer nicht wenige — aktiviert werden, die die Einsicht in den gefahrdrohenden Charakter des Antisemitismus haben. Es muß ein Wirkungs- Zentrum geschaffen werden, ein Organin dern sich Juden und Nichtjudeu finden. Der „Morgen" sei ein solches Organ, und es wäre zu-erwägen, ob sticht eine Studiengesellschast zur Erfassung des ganzen Fragenkomplexes aus Aerzten, Lehrern, Juristen usw. gebildet werden konnte. Nach einem kurzen Schlußwort von Schindler schloß oer Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. Caro, die m sich gerundete Veranstaltung, von der mtmittelbare und starke Anregungen ausgehen dürften. Dr. M. K. Tiefenpspchologische Semerkungen zum Antisemitismus Vortragsabend -er Ortsgruppen Lharlottenburg und Wilmersdorf des Centraloereins am Id. Dezember