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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-19 · 51 (19.12.1930) · p. Seite 657

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
51 (19.12.1930)
Date
1930-12-19
Page
Seite 657 (sequence 1)
Language
German
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vi «rein «sifrol Walter für öeutfektum und Judentum öerlin, Itz.vezrmbec I93S IX. Jahrgang *!lr. 51 Einzelnummer 20 Pfennig Hryanöes tentralVerrinsöeutfcke^r ötaatsdüryeriüöifelien ölaubeas e.v. Allgemeine Zeitung des Judentums Bierteljahrsabonnement 2,50 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und SchrifLleitung: Berlin W 15. Emser 6fr. 42. Fernsprecher: 2 Oliva 5074. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Depositenkasse II _fTY . . Berliu-WUmersdorf 1, Hohenzollerndamm 196, und von Goldschmidt Rothschild & Co., Berlin W 8. __ .. Auetnlge Anzeigenannahme: Annonceu-^xpeültwn Rudolf Masse, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JUL für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Rormalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nichl Stellenangebote) für Mitglieder des Centralvereins 0,45^^, die 62 nun breite Reklamezeile 3,50 JIM» Rationalismus und Liberalismus Ein zeitgemäßer geschichtlicher Rückblick Von Dr. Lermann Funke Goebbels bläst Giegesfanfaren Und wieder Pogromhetze! Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Dr. Goebbels hielt am 12. Dezember in der Neuen Welt in der Hasenheide, Berlin, eine Siegesfeier ab. Triumphierend wies er von dem mit Blumenkränzen geschmückten Rednerpult auf die Niederlage der Republik in der Remarque-Film-Fra ge hin. Nachdem er den Parteien und ihren Regierungen, vor allem der S. P. D., ihr angebliches Sündenregister .vorgehalten hatte, beschäftigte er sich in einer zu Pogromen a u f s o r d e r n d e n Weise mit den Juden. Hinter allem, was geschah und geschieht, sieht Goebbels den Juden, diesen „Fleisch gewordenen Kapitalismus". „Es wird der Tag kommen, da werden diese Usurpatoren mit dem Knüppel totgeschlagen werden. Nach nieinen Informationen, die recht sicher sind, spielt man im Ministerium damit, einmal bei einer großen Demonstration von uns so ganz versehentlich unsere Führer umzulegen. Ich warne die Herren, mit dem Feuer zu spielen. . Bisher haben wir in voller Ordnung demonstriert. Unsere Führer haben die Massen fest Ln der Hand, sind sie aber nicht mehr da, dann wird sich die Masse nicht mehr halten lassen. Das Blut, das dann vergossen wird, kommt aber nicht auf unser Haupt, verantwortlich dafür find die Leute, die so leichtsinnig mit dem Feuer spielen." Es ist ein falsches, gewissenloses Spiel, das Herr Goebbels treibt. Solche Reden verfehlen ihre aufreizende Wirkung auf die Massen, die er angeblich so fest in Händen hat, nicht, auch wenn er lächelnd hinzusügt: jetzt dürft ihr die Konsequenzen noch nicht ziehen. Es gibt auch eine i n t e l l e k t u el 1 e Mitschuld an Mord und Totschlag, daran sollte Herr Goebbels denken. In der nationalsozialistischen Presse erscheinen die Goebbels'schen Reden wohl frisiert und für das Ohr und das Auge der doch so verhaßten Kapitalisten und der heißumworbenen Mittelständler erträglich gemacht. Vielleicht interessieren sich diese „Anhänger" des Herrn Goebbels in seiner Partei auch einmal „Die unmittelbare Selbstbeobachtung reicht bange nicht aus, um sich kennenzulernen: wir brauchen Geschichte, denn die Vergangenheit strömt in hundert Wellen in uns fort." Mit diesen Worten zeigt Nietzsche den Lebens- und Gegenwartswert jeder Geschichtsbetrachtung auf. Aber für jedes Volk und für jedes Zeitalter gibt es Geschichte, die es in ganz besonderem Maße „braucht", jede Generation kennt bestimmte Epochen der Vergangenheit, denen sich ihr historischer Erkenntnisdrang mit ganz besonderer Intensität zumenden wird, weil sie sich von ihnen in ihrem ganzen Sein abhängig fühlt, weil sie weiß, daß damals die großen Entscheidungen fielen und die großen geistigen Tendenzen ins Leben traten, die ihr eigenes Schicksal bestimmen. Als eine solche Epoche hat sür uns Deutsche der Gegenwart vor allem derjenige Abschnitt europäischer Geschichte zu gelten, den der neue, soeben erschienene Band der Propyläen-Weltgeschichte unter dem Titel Nationalismus und Liberalismus" zusammenfaßt. Ein kurzer, aber inhaltsschwerer Zeitraum wird in diesem achten des auf zehn Bände berechneten Werks behandelt: Es sind die vier Jahrzehnte von 1848 bis 1890. vom europäischen Revolutionsjahr bis zu Bisniarcks Entlassung, die Zeit der größten äußeren Machtentfaltung Deutschlands, die immer den Stolz eines jeden Deutschen bilden muß, die Zeit, als der Leiter der deutschen Politik zum Schiedsrichter Europas werden konnte, zugleich aber die Zeit, die schon den Keim zu allen Nöten und Problemen der Gegenwart barg. Liberalismus, so heißt das eine Schlagwort, das die Epoche kennzeichnet. Liberalismus, das bedeutet: die Ideen von Freiheit und Gleichheit marschieren; Grundsätze wie Freiheit der Presse, Versammlungs- und Vereinsfreiheit werden verwirklicht, um von nun an für das ganze moderne Leben richtunggebend zu sein. Liberalismus. das bedeutet, daß das Bürgertum sich von den letzten Fesseln des alten Feudalstaats dafür, was Herr Goebbels ins Unreine spricht. Es gibt unseres Wissens in Berlin außerordentlich viel mehr Fleischerläden, Bäckereien und Bekleidungsgelschäfte, die in nichtjüdischen Händen sind, als in jüdischem Reden wie die des Herrn Goebbels könnten dazu führen, daß die zu Gewalttaten - aufgehetzten Massen losschlagen, und dann pflegen sie nicht erst auf die Firmenschilder zu schauen, ehe sie auf die Schaufenster losgehen. befreit und zu entscheidendem Einfluß in Staat und Wirtschaft gelangt. Mit dem Wort Liberalismus verbindet sich endlich die bedeutsamste Entscheidung in der Geschichte des deutschen Judentums: Die letzten geistigen Ghettomauern fallen, der Jude wird endgültig zum vollberechtigten deutschen Volksgenossen, und sofort beweist er seinen Anspruch daraus, indem er auf allen Gebieten den deutschen Geist beetet und in Politik und Wirtschaft, in urschast und Kunst, Mitkämpfer und Mitschöpser wird. Im Zeichen des Liberalismus, eines von nationalen Ideen erfüllten Liberalismus steht die große Bewegung am Anfang der Epoche, die Revolution des Jahres 1848, die Zeit der Paulskirche. als das deutsche Volk zum erstenmal tu seiner Geschichte sich politisch mündig sprach und ans eigener Kraft das eine große deutsche Reich zu schassen suchte, das seine Fürsten ihm nicht hatten geben können. Das Werk der Paulskirche scheiterte. Aber der Geist der Männer von 1848 hat in unseren Tagen seine Auferstehung erlebt. Was sie ersehnt hatten, das demokratische und unitarische Reich ist — freilich erst nach der Katastrophe des Weltkriegs —- durch die Verfassung von Weimar Wirklichkeit geworden. Und wenn in einer trüben Gegenwart der Geist der Weimarer Verfassung, der Geist der Vernunft, der Freiheit und der Men-- schenwnrde bedroht ist von feindlichen Mächten, so gilt es auch das Jahr 48 und die Paulskirche als helfende Ahnengeister zu beschwören, weil sie Zeugnis davon oblegen, daß Republik und Demokratie nichts dem deutschen Volk innerlich Fremdes, keine provisorische und ungeschichtliche Verzweiflungslösung im Augenblick höchster Not waren, sondern tief in der deutschen Geschichte, und das heißt im deutschen Wesen und im deutschen Sehnen, verwurzelt sind. Tie Mitte der Epoche brachte dann dem deutschen Volk die Erfüllung seiner nationalen Sehnsucht. Die Reichsgründung durch Bismarck Aus dem Inhalt: Dr. Fritz Seifters Jüdisches Wahlergebnis in Polen. S. 660. —- Dr. Kurt Oppenheims Kampfgenossen germanischer Stämme. S. 661. — Professor Dr. Theodor Plauts Die Juden in der deutschen Wirtschaft. S. 661. — Literarische Umschau. S. 661,

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