Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- Seite 648 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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H4S erwuchs, war leicht zu beheben, und ich spreche Herrn ProvinziaLrabbiner Dr. Naphtalr Cohn in Marburg für freundliche Aufklärung auch an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aus. Aber bedauerlich bleibt es mir, daß ich die Originalhandschrist des Gedichtes nicht gesehen habe, bedauerlich auch, daß ich für den Inhalt in Heines sonstigen Aeußerungen, seien es Verse oder sei es Prosa, keinen Anhalt finden kann, bedauerlich endlich, daß ich im unklaren bin über den Empfänger der Verse. Gleichwohl zweifle ich nicht, daß Heine wirklich 'der Verfaster ist. Doch hören wir zunächst den Wortlaut! Von allen Sprüchen, die ich gelernt, Hab' ich die meisten vergessen, Ich bete nicht mehr beim Schlafengehn, Beim Ausstehn und nicht beim Essen. Doch einen, den halt' ich im Leben fest Und werde sein stets gedenken. Er soll im Glücke mir frohen Sinn, Im Unglücke Trost mir schenken. Und wollt ihr wissen diesen Spruch, Den uns die Alten schufen? Er heißt seit ganz uralter Zeit: Baure peri hagufen. Die letzten Worte bedeuten: „Ter erschafft die Frucht des Weinstocks" („liefen" ist der Weinstock, und „üagufen" ist die ostjüdische Form für das gewöhnlichere „hagofen“). Der Spruch ist dem gläubigen Israeliten wohl bekannt; er wird vor oder nach dem Genuß des Weines laut oder im stillen gesprochen; Dank und Andacht kommt in ihm zum Ausdruck. Bei Heine finden wir ihn zwar sonst nirgends; aber das besagt nichts. Er hat ja in seiner Kindheit hebräischen Religionsunterricht genossen, hat all die Segenssprüche kennengelernt und füllen sehen, die dem Juden teurer sind, jene Sprüche über das Festbrot am ^abbatabend, über den Wein und über die ersten Früchte der neuen^Ernte. Und wäre es denkbar, daß er bei dem Spruche „Baure peri hagufen" unberührt geblieben wäre von der tiefen Freudigkeit, die durch ihn über den Beter kommt^von jener Wonne über die Herrlichkeit der Schöpfung, von jenem Dank gegenüber dem Schöpfer, der uns die Genüsse des Diesseits gegeben hat, 'damit wir ihn Preisen in seiner Allmacht? Unzerstörbare Lebensbejahung kommt hier zum Ausdruck, und das ist's, was des Dichters Herz erfüllt: mögen ihm die anderen Sprüche verlorengehen — an diesem will er sesthalten in aller Bedrückung und Lebensnot; frohen Sinn wird er ihm spenden in den Tagen des Glückes und Trost in den Tagen des Unglücks. Wann Heine jedoch diese Verse niedergeschrieben haben mag, bleibt ungewiß. Hätte man die Züge der Handschrift vor Augen, so wäre der Zweifel leicht zu beheben. Am wahrscheinlichsten wird es sein, daß Heine das Gedicht während seiner Berliner Studentenzeit versaßt hat, als er mit seinen Freunden Zunz, Gans, Moser und anderen für den „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden" eifrig tätig war. Mag sein, daß einem dieser Genossen das Bekenntnis dieser Verse dargeboten wurde. Auch wird Heine damals die Gaben des Bacchus noch etwas höher eingeschützt haben als später; doch ein rechter Freund des Weines war er zeitlebens nicht. In die Spätzeit, in die Zeit des „Nomanzero", in der ja sonst die Freude an jüdischem Leben und jüdischen Bräuchen bei ihm wieder kräftiger auslebte, will das Bekenntnis nicht recht hineinpassen. Nun aber scheint sich doch noch eine Spur zu zeigen, die uns weiterführt. Tie Abschrift des Gedichtes, die ich Herrn Kirschstein verdanke, ist nicht neu; sie befindet sich schon über 15 Jahre in seinem Besitz und stammt aus einer westfälischen Familie; sie trügt in älteren Schristzügen aus der Rückseite die Bemerkung: „Frau Italiener, Hamburg". Und diese drei Worte eröffnen uns einen weiteren Ausblick, als man zunächst glauben möchte. Von den drei Töchtern der Schwester Heines, Charlotte Embden in Hamburg, hat sich nämlich die eine, Anna Embden, nicht lange nach dem Tode unseres Dichters mit einem Herrn Adolf Italiener in London verheiratet, und da sie eine leidenschaftliche Verehrerin ihres großen Oheims war, so liegt es sehr nahe, anzunehmcn, daß sie die Eigentümerin der sinnigen Verse, von denen wir sprechen, gewesen "ist. Wenn das zu träfe (und es wird gewiß zurressen), so möchte es vielleicht angemessen erscheinen, über diese Anna Italiener, geb. Embden, allerlei Liebes und Freundliches zu erzählen; denn sie ist ein sehr gewecktes, frisches und witziges Menschenkind gewesen, in der etwas von dem derben Humor ihrer Mutter,. ja wohl gar ihres großen Onkels weiter sortlebte. In Heines Briefen an die Mutter und Schwester wird ihrer oft geidacht, und ein Brief Heines an sie ist auch in der bekannten Sammlung von Friedrich Hirth abgedruckt. Aber ein recht deutliches Bild von ihr gewinnt, man doch erst aus ihren eigenen verehrungsvollen, schwärmerisch liebenden und übermütigen Blättern, die sie dem geliebten Helden der Matratzengruft, gewiß zu dessen wahrer Erheiterung, nach Paris sandte. Unter den etwa hundert ungedruckten Briefen, die Heine von seinen Angehörigen erhielt, gehören die zahlreichen Briefe von Anna Embden mit zu den erfreulichsten. Um vielleicht noch mehr über sie zu hören, habe ich mir von einigen ihrer Namensvettern, auf die ich aufmerksam gemacht wurde, Auskunft erbeten, und ich bin den Herren Rabbiner Dr. Bruno Italiener in Hamburg, Redakteur E. Italiener in Berlin, Ludwig Italiener und Karl Italiener, daselbst, zu großem Dank für ihre Zuschriften verpflichtet. Jedoch etwas Greifbares konnte mir keiner von ihnen übermitteln. Alls den Nachlaßpapieren Heines seien aber noch zwei Tatsachen erwähnt: Charlotte Embden terlt ihrer Schwägerin Mathilde Heine, der Witwe des Dichters, am 4. Juli 1857 mit, daß sich ihre Tochter Anna mit Herrn Adolf Italiener aus London verlobt habe, und in einem Briefe vom 20. Januar 1858 erwähnt sie die inzwischen erfolgte Vermählung. Aus dieser Ehe ging nur eine Tochter hervor, und auch über deren Liebesglück besitzen wir eine Nachricht; Ludwig von Embden, Annas Bruder, meldet am 30. Dezember 1881 der geliebten Tante Mathilde in Paris das frohe Ereignis der Verlobung dieser jungen Dame mit dem wohlhabenden Kaufmann Gustav Schlesinger in London. Von Anna Embdens Briefen kann hier aber doch nichts weiter gesagt werden. Denn erstens würden die oben mitgeteilten Verse Heines durch das lose Geschwätz des liebenswürdigen jungen Mädchens geradezu erdrückt werden; Zweitens ist keine unbedingte Sicherheit gewonnen, daß jene Bemerkung aus der Abschrift: „Frau Italiener, Hamburg" tatsächlich so zu deuten ist, wie wir es tun; und drittens ist eins wohl über allen Zweifel erhaben: Heines Verse sind nicht etwa an Anna Embden selbst gerichtet gewesen: in den vielen Familienbrieseu fehlt jede Spur, daß Anna durch ein derartiges Autogramm geehrt worden sei. So bleibt also wohl nur die Möglichkeit, daß ihr irgendwo oder irgendwie das schöne Blatt zu geflogen sei und daß sie es als treue Verehrerin des Dichters wahrte. Da die Dinge aber so liegen, so dürfen wir für diesmal nicht länger bei ihr verweilen. Doch nur für diesmal! Was später folgt, ist noch Geheimnis. \j <P 4M liefert portofrei Philo Verlag und | Budiltsmüung 8. ra. d. H. Berlin W15 Emser Strasss 42. ZIELENZIGER, Die Juden In der deutschen Wirtschaft.. M. 7.— CHAJIM BLOCH, Priester der Liebe. Die Weit der Chassidim MIO,— CHAJIM BLOCH, Das jüdische Volk ln der Anekdote.M. 6,50 KÜRT SABATZKY, Der Jude in der dramatischen Gestaltung.M. 2.50 S. LEVY, Das Judentum in der Musik..M. 3,50 S. MÜLLER, Ein Buch für unsere Mütter. Sabbat und Festiage im Garten der Kindheit M. 6,50 ALT MANN, Aus ringenden Welten...M. 3,— Jubiläumsausgabe.M. 4,— S. MÜLLER, Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst.M. 2,— J. 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