Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 50 (12.12.1930)
- Date
- 1930-12-12
- Page
- Seite 643 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nee und Persönlichkeit / *int?r“lt6e??tun0 Ob die großen Persönlichkeiten oder die Völker die Träger der Geschichte sind, ist ein Streit, der wohl immer unentschieden bleiben wird. Huldigt man aber nicht der materialistischen Geschichtsauffassung, daß alle Vorgänge nur Emanationen des sozialen Lebens sind, dann wird man in der Weltgeschichte Ideen sehen, die kämpfen, siegen oder unterliegen. Me großen Persönlichkeiten sind die Instrumente, die die Musik machen, die Idee - aber ist die eigentliche Musik, die sie antreibt und, bewußt oder unbewußt, leitet. Die Persönlichkeiten ragen in der Geschichte hervor, weil sie die Volksidee klarer und tiefer als die Massen verkörpern. Bei uns Juden waren die Persönlichkeiten stets die Träger der Idee, und sie wurden als solche gewertet. Denn die Bestimmung des Judentums war von vornherein, die Gottesidee, den Gedanken wahrer Menschlichkeit, in die Welt zu tragen und durch Wort und Tat zu verwirklichen. Die Bibel spricht es deutlich aus, daß die Juden nicht ein Volk wie jedes andere sind, daß sie zu einem hohen ethischreligiösen Berufe auserkoren sind. Das ist wohl so, wie es Berthold Auerbach ausdrückt: jedes Volk spielt im Weltorchester eilt be-' sonderes Instrument, und große Harmonien werden nur erzeugt, wenn die Instrumente ineinander spielen. Jedes Volk hat im Nahmen des Großen, Universalen ein besonderes Gebiet, einen eigenen Gedanken, den es im Leben verwirklichen soll. Wohl dem Volke, das seinen wahren Beruf erkannt hat, denn nur in seinem Lebenselernent kann es groß sein und Schöpferisches leisten. Kein Kapitel der jüdischen Geschichte beweist diesen Gedanken klarer als die Epoche der Makkabäer. Der Sieg der Hasmonäer bleibt ein ewiges Wunder, wie alles Große, und ist doch wieder verständlich, weil hier, wie selten in der Geschichte, Idee und Persönlichkeit zu einer Einsicht verschmolzen sind. Was waren die Makkabäer? Helden? Gewiß, aber jüdisch e Helden. Ein jüdisches Heldentum ist ohne Idee nicht denkbar. Und die Idee der Makkabäer ist die Reinheit des Glaubens der Väter. Was sie begeistert, ist die Gottestreue, was in ihnen den heiligen Zorn hervorruft, ist die Schändung des jüdischen Heiligtums. Sie waren religiöse Helden, nichts anderes, und nur als solche werden sie in unseren Gebeten erwähnt. Volk, Nation? Das wären nur Träger des religiösen Gedankens und sie haben nur Existenzberechtigung, soweit sie diesem Berufe dienen. Die Makkabäer waren keine Politiker, sondern schlichte, fromme Menschen. Die politische Unterwerfung hätten sie wohl geduldet, daß aber der Feind mit frechem Hohn alles Heilige bespottet und den Juden ihre Religion, ihren Lebenskern gewaltsam raubte, das brachte sie zur Empörung. Ihr Glaube ist es, für den sie eintreten, und die religiöse Begeisterung ist es, die ihnen den Sieg bringt. Ja, auch ihre Strategie, die die moderne Kriegskunst als nicht unbedeutend schildert, ist spontan entstanden, keiner Theorie entwachsen. Es ist der Verzweiflungskrieg religiöser Märtyrer, denen kein Opfer zu schwer ist für das Heilige, das in ihnen lebt. Die Makkabäer- Psalmen 44 und 74 —, die besten Dokumente dieser tragischen Zeit, zeigen uns die religiösen Motive des Aufstandes am deutlichsten. Und die Makkabäer-Geschichte ist kein losgerissenes Kapitel, sie wiederholt sich in irgendeiner Form häufig in der jüdischen Geschichte. Es hat nie an Helden und Märtyrern in der jüdischen Vergangenheit gefehlt, aber stets ist es von religiöser Färbung und meistens ein stilles, passives Heldentum. Dieses Heldentum, die Größe des Leidens für eine erkannte Wahrheit, das Aufgehen in einer Idee, die harmonische Verschmelzung mit dem Ewigkeitsgedanken, ist ein Wegweiser der jüdischen Geschichte, ein Führer in die Zukunft. Es gehört zur Tragödie des Judentums, daß nicht nur die, die ihm sernstehen wollen, sondern häufig auch die, die ihm mit ganzem Herzen dienen wollen, sein Wesen, seinen Berus und seine Stärke verkennen. Wenn man politische Methoden von außen entnimmt, fremde Schablonen hineinträgt, so schwächt man die jüdische Eigenart und fördert ihre Zukunft nicht. Alle Versuche, die Juden als Nasse oder Nation aufzufassen, scheitern an den Tatsachen der Geschichte und an der Natur des Judentums. Wenn eine Gemeinschaft zwei Jahrtausende ohne Land und Sprache, trotz aller Drangsale und Verfolgungen, als lebendiger Organismus Zusammengehalten wird, so kann es nur ein großer sittlicher Gedanke fein, der sie mit einem eisernen Reifen umschließt. Die Judenheit bildet eine Parodie auf jeden engherzigen Nationalismus, sie hebt alle künstlich geschaffenen Begriffe auf, schafft etwas Neues, Höheres: die Gemeinschaft der Religiosität, die Menschlichkeit. Dunkel sind die Pfade des Blutes und wir wissen nicht viel davon, hell aber leuchtet die jüdische Ethik, das ewige Ringen nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Von jeher wurde jeder, der reinen Herzens und aus innerer Ueberzeugung zum Judentum kam, freudig ausgenommen und als Volljude betrachtet, ohne daß man nach seiner Abstammung fragte. (Der Name Götz, der bei uns Juden gar nicht selten vorkommt, kommt von den Anfangsbuchstaben der hebräischen Worte „ger-zaddik, aufrichtiger Proselyt.) Und ebenso wurde jeder, der äußerer Gründe wegen ohne innere Ueberzeugung aus dem Judentum austrat, als absolut getrennt und nicht mehr zur jüdischen Gemeinschaft gehörend betrachtet. So handelt nur eine religiöse und nicht eine nationale Gemeinschaft. Die hebräische Sprache besitzt gar keinen adäquaten Ausdruck für national, und auch das Wort wird in der Bibel fast immer mit ethischen und religiösen Beiworten verbunden. Die jüdische Gemeinde, der spätere Ersatz für Volk, nannte sich „Kehila kaddischa“, heilige Gemeinde, was sich doch nur auf die religiöse Verbundenheit beziehen kann. Die Judenheit von heute ist wegen ihrer Eigenart schwer unter eine Formel zu bringen. Man wird sie aber wohl als religiöse Kultur ge meinschaft bezeichnen dürfen. Daß die Juden aber neben ihren vollen Bürgerpflichten noch eine besondere Aufgabe zu erfüllen haben, das vermag nur der zu leugnen, der die jüdische Geschichte und die jüdische Lehre nicht kennt. Es ist wohl so, daß die Vorsehung neben den gemeinsamen menschlichen Pflichten noch jeder Gemeinschaft eine besondere Ausgabe Angewiesen hat, für die sie sie mit individuellen Fähigkeiten ausgestattet hat. Wie die Griechen die' Träger des Schönen sind, so sind die Juden die Träger der Gerechtigkeit, die Lehrer der Ethik geworden. Man spottet heute über das Wort Mission, setzt man aber dafür Beruf, so bleibt es eine ewige Wahrheit. Jede Gemeinschaft hat einen Beruf, weil er den Sinn ihres Lebens bildet. Die Juden sind dazu berufen, den reinen Monotheismus und die hohe religiöse Ethik der ganzen Menschheit zu übermitteln. Das ist keine Ueberholung, denn damit sind Pflichten und keine Vorrechte verbunden. Das allein ist der wahre Sinn des so häufig verkannten und verhöhnten Begriffs der Auserwähltheit. Die Juden haben noch vor Goethe den Begriff Weltliteratur durch ihre universale Bibel geschaffen und sie haben der Menschheit eine Morallehre gegeben, die unabhängig von Zeit und Umstünden ist und ewigen Wert besitzt. Das ist aber der Ruhm des Judentums. Das konnte mit dem Verlust des jüdischen Staates reicht aufhören, weil es den eigentlichen Seelengehalt des Judentums ausmacht. Ja, erst dann, als die Lehre den Staat ersetzen mußte, rang sich der Monotheismus zur höchsten Reinheit empor und mit ihm vertiefte sich die ethische jüdische Weltanschauung und erhielt ihre Geschlossenheit. Wohl hofften die frommen Juden immer auf Zion, aber eigentlich nur, mit im Reiche der Heiligkeit das Ideal der Menschlichkeit verwirklicht zu sehen. War schon bei den Propheten Zion immer mehr zum Symbol religiöser Sehnsucht geworden und als die höchste Stufe der Gotteserkenntnis für alle Völker gepriesen, so war Zion später fast immer messianisch gedacht und verstanden. Das soll keine „Philosophie der Assimilation" sein. Ich betrachte das Schmähen aus die Assimilation als ein hohles Schlagwort. Wir alle sind assimiliert und müssen es sein, um seelisch und äußerlich leben zu können. Unsere Größen der spanischen und arabischen Epoche waren assimiliert und gaben doch dem Judentum die höchsten Geistesschätze. Das Judentum hat stets das Gute, wo es es gesunden hat, mit seinem Wesen zu seinem Vorteil verschmolzen. Es kommt nur darauf an, daß man sein Judentum nicht verleugnet 'und den Willen zu m j u d t s ch e n Lebe n hat. Es ist eine triviale und doch elvi ge Wahrheit: ohne N e l i g i o n i ft eine jüdische Gemeinschaft, eine jüdische Zukunft u n m ögli ch. Es gibt keinen Ersatz für das Judentum. Ein Judentum ohne Judenheit ist tragisch, aber immerhin groß, eine Judenheit ohne Judentum ist etwas Hohles ohne Kraft und Schönheit. Es gibt Begriffe, die allen Juden, die nach Wahrheit und Fortschritt streben, gemeinsam sein sollten: Verbundenheit mit Vergangenheit und Zukunft, religiöse Verbundenheit mit den Juden aller Lander als Glaubens- und Schicksalsgenossen und Liebe zu Palästina als Zufluchtsstätte der bedrängten Juden und als Urheimat der jüdischen Religion und der jüdischen Kultur. Ohne schwere Kämpfe und ohne Parteiapparate könnte man bei gutem Willen sich darüber verständigen und sie fördern und vertiefen. Dazu bedarf es keiner Politik und keiner Diplomatie, keiner wilden Kämpfe und keiner fanatischen Dogmen. Einander verstehen und einander achten! Das ist ein Gebot jüdischer Ethik. Die leuchtenden Gestalten der Makkabäer in ihrer Schlichtheit und Reinheit lehren uns, daß nur die Einigkeit, die wahre Begeisterung für jüdische Ideale den Weg in eine bessere Zukunft zeigen. Und wenn wir die trauten Lichtlein am jüdischen Herde sehen, die uns das stille, heilige Feuer ins Herz senken, so verzagen wir auch in schwerer Zeit nicht. Der Idealismus ist kein leerer Wahn, er vermag viel und und er soll das Erbe Israels für alle Zeiten sein. Rote Hände oder brennend rotes Gesicht wirken unfein. Ein wirksames Mittel dagegen ist die kühlende, reizmildernde und fchneeig-weitze Creme fcieodor, auch als herrlich duftende Puderunterlage vorzüglich geeignet. Ueberrafchender Erfolg, Tube 1 Mk., wirksam unterstützt durch Leodor-Edelseife, Stück 60 Pf. Ln allen Chlorodont-VerkaufsstellenZU haben.