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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 633

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 633 (sequence 9)
Language
German
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öZZ Neue Bücher drücke iu und über England schildert. Diesen Bericht, von dem Bülow sagt, daß er ihm großen Wert beimesse, machte er zmn Gegenstand eines längeren Jmmediatvortrages der dem Kaiser, der die Rathenausche Denkschrift durchaus günstig beurteilte. In ihm befand sich, wie Bülow sagt, der kluge Satz: „Ist es zutreffend, daß seit dem Aufhören der Eroberungskriege es vorwiegend ratlose Verlegenheiten gewesen sind, die europäische Konflikte veranlaßt haben, so ergibt sich von neuem der Anlaß, nichts zu versäumen, was zur Politischen Beruhigung beitragen kann." Aber noch immer wollte Wilhelm II. nicht einsehen, daß es hohe Zeit war, zu einer Verständigung mit England zu kommen. An Stelle des Unterstaatssekretärs Tschirschky trat im Jahre 1907 der bisherige Botschafter in Petersburg, Herr von Schon. Ueber ihn finden sich — und diese Stelle ist charakteristisch für die lebendige Weise, mit der es Bülow versteht, Personen zu schildern — folgende Sätze: . . Ich weiß nicht, ob der berüchtigte Semi-Gotha recht hak, wenn er behauptet, Schöll sei aus der „uralten Wormser Judengemeinde" hervorgegangen. Er gehöre sogar dem besonders geachteten jüdischen Stamm Jsaschar (Schochem) an. Das mit der Familie Schön verwandte Haus Hehl zu Herrnsheim sei gleichfalls eine durch Leder reich gewordene Wormser Judenfamilie. Die jüdische Extraktion des Barons von Schön würde mich nicht gestört haben. Ich muß aber leider seststellen, daß ich bei ihm jene Arbeitslust und Arbeitskraft, die Klarheit und Schärfe des Verstandes, die geschäftliche Tüchtigkeit und den geschäftlichen Ernst vermißt habe, die mir bei vielen Israeliten entgegengetreten sind und die ihnen auch von ihren Gegnern llicht abgesprochen werden können." Auch die jüdische Abstammung des österreichischen Ministers A e h r e n t h a l, während dessen Amtszeit die Donaumonarchie Bosnien amlektierte, erwähnt Bülow. Der Zweite Band von Bülows „Denkwürdigkeiten" bestätigt, daß Bülow selbst fern von jedem Antiseuntismus um-, und er registriert daher auch etwas boshaft, daß bei der entscheidenden Abstimmung im Reichstag am 24. Juni 1909 (Erbschaftssteuer), die veräußere Anlaß für seinen Rücktritt war, unter den 195 Abgeordneten, die gegenuhn stimmten, „die Antisemiten Liebermann v. Ronnenberg, Bindewald, Köhler und die beiden Brüder Vogt" waren. Da der Fürst immer wieder betont, daß unter seiner Führung die Verständigung mit England doch noch zustande gekommen sein und daß unter seiner Aegide Deutschland niemals in einen Krieg verwickelt worden wäre, so könnte man fast sagen, daß diese Stimmen der Antisemiten gegen ihn die eigentliche Ursache für Deutschlands unglückselige Politik in den folgenden fünf Jahren bis zun: Weltkrieg waren. 0r. Drei Mcher von Georg Herrmonn Der Dichter des „Jettchen Gebert" — denn das ist Georg Herrmann doch wohl trotz aller späteren Arbeiten geblieben — nimmt in der Pietätsecke unseres Herzens einen warmen Platz ein. Er ist wie ein ruhig gesitteter Hausgeist, dessen Bedeutung inan erst schmerzlich ermißt, wenn er nicht mehr da ist, ohne ihm aber inzwischen schon die gebührende Ehre zu erweisen. Denn er selbst versagt es sich, die lauten Posauneit des Tages übertönen zu wollen, und redet leise weiter, immer noch aus der ruhigen Atmosphäre einer angenehm temperierten Bürgerlichkeit, die eigentlich fast fcfjon ausgestorben ist, der er aber zu einer kleinen (oder großen?) Unsterblichkeit verhelft, indem er sie schwermütig und von ironischem Humor verklärt in kleinen Bildern festhält. Diese Kleinkunst mit all ihren Vorzügen und Schwächen zeigt der letzte Efsahband „D i e Z e i tl u pe". Georg Herrmann gibt darin lebendige persönliche Erinnerungen an Kindheit und Elternhaus, läßt mit ein paar charakteristischen Strichen den alten Bismarck wie eine heidnische Gottheit durch den Tiergarten jagen, den komischen alten Zwerg Menzel ordenübcrsät einem Verwundeten in den Wagen Helsen. Der alte Bebel lacht ans vollem Herzen über die „Revolution in Krähwinkel", Liebknecht, Reger, Moissi erstehen ans ähnlichen kleinen Zügen. Fast am schönsten sind Nachrufe aus Walther Rathenau, Georg Brandes und Corinth: ein Generationenkreis grenzt sich da ab, dessen Gemeinsamkeiten so ernst sichtbar werden, und eine Zeit, nach deren Früchten wir uns mit dem Dichter Zurücksehnen, wenn wir auch ihre Voraussetzungen nicht mehr bedingungslos zu bejahen vermögen. Ein zweiter Kreis des Buches, meist von Problemen des Buches und des Lebens ausgehend, sucht den Sinn jener Zeit zu erfassen: Herrmann findet ihn in einer Humanität, für deren Weiterbestehen er vielleicht zu sehr fürchtet — auch heute noch hängen die besten Geister an diesen: Ideal, nur die Methoden Härten sich in härterer Zeit! Ist in dem Efsahband Persönliches und Allgemeineres reizvoll gemischt, so kehrt der Dichter in dein Roman „Die T r ä u m e d e r Ellen Stein" (ebenfalls Deutsche Verlagsanstalt) in seinen eigentlichen Bereich zurück. Georg Herrmann beklagt sich gelegentlich, daß von „Jettchen Gebert" im Gedächtnis der Leser wenig mehr als der Mürbekuchen übriggeblieben sei. Ich fürchte, auch bei den Lesern dieses Romans werden die Träume der Elten Stein am schnellsten in Vergessenheit geraten: aber ist es nicht allein wesentlich, daß von einem^Buch überhaupt etwas übrigbleibt? Diese Ellen ^tein also hat die drei Männer, die sie liebte, im Krieg verloren und baut sich nun schwermütig, resigniert und tapfer eine geistige Existenz. Ein Besuch ihrer jungen Nichte, eines Mädels unserer Zeit, mit ihren: Bräutigam gibt Gelegenheit zur Rückschau, und Ellen Stein träumt darauf die drei Leben, die sie mit jenen drei Männern gelebt tzJr t t e. Aber wichtig, für jeden Menschen dieser Zeit Nächtig ist die Kontrasticrung dieser zwei Frauen, der Bvrkriegsfrau (oder eigentlich doch Kriegsfrau) und des Girls von heute. Das ist mit der seil:sten Gesprächstunst des alten Fontane geschrieben, warm, lebendig, humorvoll und gütig, unb es stellt den Leser für einen Augenblick betroffen sich selbst gegenüber. Dieses Buch müßte llicht nur, aber besonders in jüdischell Kreisen ftiffen, aber nachhaltigen Erfolg sillden. In einigem Abstand davon scheint uns der bei Ullstein erschienene Roman „G r e n a d i e r W o r b c I m a n n" zu. stehen. Der Roinan behandelt einen Krimiualfall ans der Zeit Friedrichs des Großen und zeichnet Ballern und Soldaten dieser Zeit. Aber ans vielen Bilden: (besonders schöllen der märfifc£>en Landschaft), die Hermanns innige Verwachseuheit mit der märkischen Henna tscrde zeigt) Witt doch teil: rechtes Bild werden. Die Gestalte:: fi nb mit Humor und Liebe gezeichnet, aber Georg Herrmann wird an diesen: polemischen Stoff llicht zull: Kämpfer, sondern trällert unb bedauert mir; das ist dieser herb männlichen und dlunpf animalischen Welt doch nicht ganz angemessen. Nur der Alte Fritz ersteht Plastisch wie aus Menzels Stichel:. Di-. H. 15. Ernst Glaeser: Friede. Vertag Gustav Kieperrhetter, Berlin 1930* Der „Jahrgang 1902" schreibt die Geschichte der Revolution von 1918 mit der Seele und der: Augen des 16jährigen und mit dem Verstand des 28jährigen. Ernst Glaeser hat in seinen: neuen Roman „Friede" nicht die Entscheidung zwischen dem einfachen Tatsachenbericht lind der kritischen Rückschau gefunden Diese Zwiespältigkeit verdirbt den Charakter des Buches, das leider einen Rückschritt darstellt. Jüdische Tinge werden dieses Mal nur in Nebensätzen gestreift. Ter so lebendig wahr gesehenen Figur des kleinen Moritz Silberstein oder der Anna hat er jetzt nichts Gleichwertiges zur Seite stellen können. Keiire seiner Figuren erhält die Lebendigkeit des „Jahrgangs 1902" (siehe „E. V.-Zcitung" Nr. 12, Jahrgang 1929). Es ist schade, das sagen zu müssen. Aber viele dichterisch erfaßte und gestaltete Abschnitte des Buches zeigen, daß von Glaeser sicher noch viel Besseres zu erwarten ist. Hans Oppenheimer. Die Eli. Sorte ist eine Zigarette von Rasse. Sie besticht nicht den unkundigen Gelegenheitsraucher durch Luxusaufmachung und süssiiehen Geschmack, aber sie fesselt jeden, der den frischen, fast herben Duft reiner und edler Tabakarten zu schätzen weiss. Als schlichte, einfache Zigarette ohne Mundstück bleibt sie, wie schon seit 40 Jahren, die Zigarette des Kenners. Dabakwcwen. dev Ci US | R | iS-in-b-HMüncken. . : ■ ■ 2-—.-. Vf“.-.—-TT*

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