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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 629

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 629 (sequence 5)
Language
German
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1. Wenn ich Julius Bab mit eine ui Wort kennzeichnen sollte, so würde ich sagen: er ist ein S ch r i s t st ei (er, nämlich ein Schriftsteller im eigentlichsten, im vollsten Sinne des Wortes: ein Manu, -der die Fülle und Breite seines Daseins zu geschriebenem Wort werden läßt. So stark ist dem wahren, dem geborenen Schriftsteller Sein und Wort eines, daß man das — im genauesten Sinn natürlich trügende — Gefühl hat, seine gesamte Existenz sei Wort geworden. Wie Rückert bekannt hat: „Was mir nicht gedichtet ist, ist mir nicht gelebet," so möchte man vom Schriftsteller sagen: Was er nicht geschrieben hat, hat er nicht gelebt. Selbstverständlich nur eine Grenzformel; irr Wahrheit hat eine so reiche Natur wie Bab viel mehr erlebt als in Worten ausgesagt. Aber das ist gewiß: ihm ist Schreiben so selbstverständlich wie anderen atmen, und id) bin gewiß, daß auch in seinen Brieserr Wesentliches steht, mrd daß seine Erinnerungen, falls er sie einmal anszeichnet, dne Menge gewichtiger Charakteristiken, Eindrücke, Bekenntnisse darbieten. Bab ist ein Mann der Prosa, so sehr, daß man seine beiden (in Versen gefaßten) Dramen, daß mau seine orei Bersbücher fortdenken könnte, ohne daß sein Bild sich entscheidend veränderte. Und doch wäre es wichtig, daß er selbst Gedichte und Dramen geschrieben hat, auch wenn ihnen geringerer Wert zukäme, als es tatsächlich der Fall ist: weil nur derjenige vom innersten Wesen einer Kunst, einer Gattung weiß, der sich selbst in ihr versucht hat. Babs dichterisches Talent ist der Mutterboden seiner umfassenden kritischen Leistung. Und Bab ist, endlich, ein ausgezeichneter Sprecher: das beutembe Wort ist in ihm so flüssig-, daß er mit gleicher Sicherheit vorträ-gt und schreibt. Diese sprachliche Kraft nun ist Werkzeug eines ungemein klaren, starken Seins- und Arbeits-Willens. In Bab ist gar keine Müdigkeit oder Skepsis, sondern eine an materiellen und geistigen Widerständen gewachsene Energie, die auf der unangreifbaren, vom Geblüt gespeisten Sicherheit beruht, daß der Wille und die Tatkraft des Menschen im Weltganzen gebraucht, daß auch ans ihn gerechnet wird. Darum liebt er die Naturen, die mit Tatkraft in der Welt wirken, die sozusagen in ihr Mitwirken, die „bereit sind, sich in die Welt zu wagen"'. Hier ist mcht die Rede von Urteil und Einschätzung, sondern von Liebe und Affinität und Zugehörigkeit; und so liebt er Shakespeare als den sinnbildlichen Vertreter der aktivsten Epoche, der Renaissance, und be§ aktivsten Volkes, der Engländer; -darum erkennt er in Goethes großartiger Existenz das ins Mystische und Religiöse anfwachsende Sinnbild eines in gesetzhaftem Rhythmus sich entfaltenden, die innere Gegensätzlichkeit durch ringende Tätigkeit ülrerwindenden, abendländisch aktiven Daseins. Darum stellt er den ungefügen Luther, der mitten in den Lärm der wirren Welt springt, gegen den abseitig leisen Erasmus. Darum bekennt er sich zu Dehmel, nicht zu George. Darum schreibt er ein Buch über „Faust", ein Julius Gab zum 5b. Geburtstage am 11 anderes aber heißt bezeichnenderweise nicht „Hamlet", sondern „Fortinbras", mit dem Untertitel: „Der Kampf des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Geist der Romantik." In vielen Büchern, in zahllosen Broschüren, Aufsätzen, Anzeigen hat Bab diese Weltgestnnnng bekannt. Der größte Teil der Babschen Schriften handelt vom Theater: es ergreift ihn mit solcher Intensität, weil es ein besonders starker weit und breit verwurzelter, weit und breit reichender Organismus ist. Babs letztes Buch') i) C. L. Hirschfeld, Leipzig 1930. Deutscher Dezember / von ernst En-er l-eißt: „Das Theater im Lichte der Soziologie"; und in seinem gesamten Schassen wirkt ganz wesentlich ein soziologisches Element: er sieht das Theater und überhaupt alle geistigen Erscheinungen gesellschaftlich bedingt. Wie alle neuere Geschichtsschreibung kann auch er der ökonomischen, der sogenannten materialistischen Geschichtsbetrachtung nicht entraten; aUt er bleibt nicht tut Wirtschaftlichen stecken und vernachlässigt nicht die Kräfte, die den Ideen und den Individuen an sich eignen. Eine im engeren Sinne soziologische Arbeit ist die Schrift: „Produzentena n a r ch i e, Sozialismus und Thea- und Jude Julius Bab, Hauptvorstaiidsmitglied des Centr&lvereins, stellt uns freundlicherweise aus Anlass seines 50. Geburtstages zwei schon früher verfasste, der Öffentlichkeit aber noch unbekannte Gedichte zur Verfügung. Wir freuen uns, dieses echte deutsche und jüdische Bekenntnis unseres verehrten Freundes und Mitarbeiters hier wiedergeben zu dürfen, und verbinden damit den herzlichen Wunsch, dass Julius Bab auch in den nächsten Jahrzehnten seines schöpferischen Lebens dem C. V.-Gedanken und damit dem Centralverein die Treue bewahren möge. Die Schriftleitung. Der Jude Deutschland —! (Weimar 1919.) Und liebst du Deutschland? Frage ohne Sinn! Kann ich mein Haar, mein Blut, mich selber lieben? Ist Liebe nicht noch Wagnis und Gewinn?! Viel wahllos tiefer bin ich mir verschrieben und diesem Land, das ich, ich selber bin. Du, Boden, bist’s, auf dessen Brot ich wuchs — du armer Boden, furchtbar nun durchschütiert. Du Stadt, ihr Städte, die ihr irren Flugs erschreckt an dieser Tage Küste zittert, ihr bleibt mein Sichres in der Welt des Trugs. Ihr Menschen, die auf Strassen wild geschrien, verstört, verhetzt, in Elend und Verbrechen, die man bespien hat, die sich selbst bespien — ich kann mit Gott nur eure Sprache sprechen! Ich kann vor keinem andern Gotte knien! Ihr, die ihr wahnsinnkreischend um euch schlagt, ich weiss von jener stummen grossen Güte, die ihr geduldig wirkend in euch tragt — so klug, so kühn, so gotteins im Gemüte, dass meine Ehrfurcht kaum zu folgen wagt. Der Böse, dem sie alle heut gehörten, hat euch aus allzu tiefem Traum geschrien, 2U blutigen Schrecken folgtet ihr Verstörten, nun tragt ihr Schuld der ganzen Welt für, ihn —: und bleibt mir besser als die Hochempörten. Du Kreideküste, Heide, Kiefernwald, Schwarztannensee, geliebter Ackerboden, du Lied, das über Wanderstrassen hallt, du Dorf, bedeckt von süssem Lindenodem, du Stadt, in Münsterschatten hingeballt. Du Sang durch Herden über grüne Weiden, du Buch, das um der Dinge Anfang ringt, du gütiges Lachen, du verstandenes Leiden, Gebet, das um die breite Erde schwingt — mein Geist, mein Leib! wie wollten wir uns scheiden?! Du, meine Heimat — hohes Gut der Welt! Heut doppelt mein, vom Unglück ausgespien. Von Leid und Laster heute noch entstellt — neu reine Kraft wirst du aus Krankheit ziehen und steht — den Völkern köstlich zugesellt: „Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen!“ Ein Junger spricht: Vergebens strafft ein Stolz mir meine Lenden, vergebens steif ich trotzig mir den Rücken und will mich lehren, gradeaus zu blicken und feste Blicke grad zum Ziel zu senden. Was schielst du nach den andern allerenden? Was musst du dich vor fremder Tugend bücken? Du bist gerecht, bist klug! Es muss dir glücken — Du trägst eine sieghaft Geisterschwert in Händen. Umsonst — den Schritt der Herrschenden zu lernen, will nicht gebeugt gebornem Knie gelingen. Der Blick, sehnsüchtig offen allen Fernen, vermag den Nächsten dräuend nicht zu zwingen. Der hundert Ahnen scheue Knechtsgebärde zieht mir die Schultern bleiern hin zur Erde. Ein Alter spricht: Lockt sie dich noch, die fremde Rittergeste? Wähnst du, das Leben wie ein Tier zu reiten, mit Sporn und Peitsche? Ihre Lustbarkeiten voll blutger Opfer, sind sie deine Feste? Sie sind so jung, sieh lächelnd auf ihr Treiben. Wer schilt ein Kinderspiel mit klugem Tadel! Zu Simsons Zeit galt uns auch Trotz für Adel. Sie sind noch jung — sie werden es nicht bleiben. Du aber, Spross von lang gereiftem Stamme, blick weiter — weiter über alles Spielen. Du weisst den Ernst! Aus allen Himmeln fielen die Funken in die Reinheit deiner Flamme. Du hältst ein Licht, du leuchtest bis zum Grunde. Du weisst — du weisst! — und deine Hände wühlen in einem Schatz, den aller Menschen Fühlen gehäuft hat in millionenfacher Stunde. Und Todesschrei und Jubelruf und Graus und Glück und Rausch und Träumen und Vergessen ist alles dein. Aus Schätzen unermessen streust du Rubine lässig um dich aus, Vom Üebermass des grossen Erbes müd, magst du zuweilen wohl verwundert schauen, wie Jünger Streit sich noch um all das müht. Doch du sollst lächelnd dir dein Schatzhaus bauen.

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