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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-05 · 49 (5.12.1930) · p. Seite 627

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
49 (5.12.1930)
Date
1930-12-05
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
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627 Lieber die Lage der Huden in Bolen Eine «ntevvedttttg nrtt Rabbinev ^orowitz Mreirow) Einer der Führer der Juden Polens, Rabbiner Tobias H o r o - w i tz aus Rzefzow, Vizepräsident des polnischen Rabbinerverbandes und Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel, weilt augenblicklich in Berlin, um die Vertreter des deutschen Judentums über die Lage der Juden in Osteuropa zu informieren und die Beziehungen der unabhängigen gesetzestreuen Kräfte Osteuropas zu den grotzen'jüdischen Hilfsorganisationen zu festigen. Rabbiner Horowitz hatte eine längere Unterredung mit dem Direktor des Centralvereins und gab auch der Schristleitung der „C. B. - Zeitung" liebenswürdigerweise Antwort ans folgende Fragen: /. Wenn man die Berichte aus Polen liest. hat man den Eindruck, ah ob die Juden dort alle der zionistisch-jüdischen Idee folgten und von ihrem Recht, sich als nationale Minderheit zu konstituieren, in überwiegender Mehrheit Gebrauch machten. Entspricht dieser Eindruck der Wirklichkeit? Die Interessen der Juden und die der nationalen Minderheiten in Polen sind grundverschieden; denn die ersteren sind aus alle Teile des Landes zerstreut, während die anderen als geschlossene Einheiten auf eigenem historischen nationalen Boden leben, der an ihre nationalen Staaten grenzt. Kein Teil der Bevölkerung Polens hat einen gesunden polnischen Staat mit einer festen Regierung so nötig wie die Juden Polens. Als Handelselemente sind sie auf ruhige und sichere Verhältnisse, Hebung des Staatstredites angewiesen, während viele nationale Minderheiten die Loslösung von Polen und Wiedervereinigung mit ihren nationalen Staaten in aller Stille anstreben. Der ü b e r w i e - gendeTeilder Juden hält es deshalb sür gefährlich, von der: jüdischen nationalen Minderheitsrechten Gebrauch zu machen und sich mit den anderen territorialen Minderheiten zu vereinigen; sie ziehen es vor, mit dem polnischen Volke für den Aufbau des Staates Zusammenzuarbeiten. Die Behauptung, daß alle polnischen Juden eine nationale Minderheitspolitik führen, ist also ganz falsch. 2. Diese Tatsache, dass es bei den Juden einen starken polnischen Patriotismus gibt, ist ausserordentlich interessant. Sind diese polnisch orientierten Juden nun überweigend liberal, im Sinne unseres liberalen Judentums, oder sind sie überwiegend orthodox? Wie stehen insbesondere die zionistischen Kreise zur jüdischen Religion? Zu den Polnisch orientierten Juden gehören vor allem die wirtschaftlichen Organisationen, die Orthodoxie, die in Agudas Jisroel organisiert ist, und sogar ein Teil der Zionisten, namentlich in Kleinpolen. Liberale Juden im Sinne des Westens gibt es in Polen kaum. Die Vorsteher und Rabbiner der kleinen Anzahl Reformgemeinden sind meistens zionistisch und jüdisch-national orientiert. Es gibt aber wohl einzelne Persönlichkeiten, die liberal im westlichen Sinne sind. Von einer solchen Richtung kann zurzeit keine Rede sein. Die Zionisten in Polen, mit Ausnahme des „Mizrachi", stehen offenbar negativ zur Religion und geben ihren Kindern eine national-jüdische, aber nicht eine jüdisch-religiöse Erziehung. (Kleine Ausnahmen gibt es auch hier.) 3. Wieviel Juden sind bei den letzten polnischen Wahlen in den Sejm und in den Senat gelangt; wieviele von ihnen über jüdische Listen, und welche über Listen polnischer Parteien bzw. Welcher Parteien? Auf eigene jüdische Listen sind bei den letzten Wahlen sieben Juden in den Sejm, in den Senat ist auf eigene Liste kein einziger Jude gewählt worden. Auf der Liste der Regierungspartei wurden fünf Juden in den Sejm und zwei in den Senat gewählt. Auf der Liste der Zentrumslinken (oppositioneller Block) sind zwei Juden gewählt, und Die bremer Sürgerschastswahlen Das Ergebnis der Bremer Bürgerschaftswahlen hat überall durch das ungeheuere Anwachsen der Nationalsozralisten Ueberraschung hervorgerufen, nicht zuletzt in Bremen selbst. Sind doch die Stimmen der 9tSDAP. sert der Reichstagswahl vom 14. September von 26137 auf 51 324 angestiegen. Bei diesem Erfolg der Nationalsozialisten ist allerdings zu berücksichtigen, daß sie bisher in Bremen relativ schlecht abgeschnitten hatten. Die Reichstagswahl ergab 12 Prozent nationalsozialistische Wähler gegenüber einem Reichsdurchschnitt von 18,4 v. H. Jetzt steht Bremen allerdings mit 25 v. H. an der Spitze. Und während bei den Bürgerschaftswahlen im Jahre 1927 die Völkischen nur Zlvei Sitze errungen hatten, gehören heute den Nationalsozialisten 32 von 120 Sitzen in der Bremer Bürgerschaft. Die Bürgerschaftswahl war durch den Ablauf der Legislaturperiode nötig geworden. Der „Stahlhelm" griff in den Wahlkampf ein und verlangte, daß die Sozialdemokratie nach der Wahl aus dem Senat ausgeschaltet werde und dafür Nationalsozialisten und Deutschnatio - nale ausgenommen würden. Als die Volkspartei erklärte, sie müsse ihre Entscheidung von dem Ergebnis der Wahl abhängig machen, nahm der „Stahlhelm" offiziell gegen die Volkspartei Stellung und gab die Parole heraus: „F ü r H u g e n b e r g und Hitler." Die Nationalsozialisten konnten erst nach schweren inneren Kämpfen einen Wahlvorschlag einreichen; er enthielt keinen einzigen bekannten Namen. In B r e m erhaben kam es sogar zur Aufstellung von zwei nationalsozialistischen Listen, die sich gegenseitig in der wüstesten Form bekämpften. In Bremen-Stadt fanden zehn große Versammlungen der Nationalsozialisten statt, die trotz Eintrittsgeld stets überfüllt waren. Zwei Tage vor der Wahl sprach Adolf Hitler. Den Antisemitismus stellten sowohl Hitler wie auch alle anderen nationalsozialistischen Redner ganz zurück. Auch die schriftliche Wahlpropaganda der Hakenkreuzpartei war nahezu frei von judenfeindlichen Ergüssen. Die Nationalsozialisten führten den Wahlkampf nur mit den großen außen- und wirtschaftspolitischen Problemen. zwar La e.b e r m mm und D i a m and (jüdische Sozialdemokraten). Insgesamt sind im polnischen S e j m vier z ehn, im S euat z w e t Jude n. An der Spitze der Agudas Jisroel, die mit der Negierung vereinigt war, würde auf eigener Liste Herr Oberrabbiner Aron L e w i n gewühlt. 4. Gibt es in Polen einen politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Antisemitismus, und auf welche Kreise stützt er sich? Der Antisemitismus ist in Polen gegenwärtig nicht aktuell, außer in einem ganz klernen Kreise von Natlonaldemokraten. Die gegenwärtige Regierung verurteilt offen den Antisemitismus, und Herr Minister Zaleski, der mich vor einigen Wochen empfangen hat, erklärte mir gegenüber mit Recht, das; dank der guten Beziehung der Negierung zu den Juden der Antrsenntrsmus auch ans der Gesellschaft allmählich schwindet. 5. Was geschieht in Polen von seiten der Regierung und Was von seiten der Religionsgemeinschaft zur Hebung der wirtschaftlichen und /fii/- tureilen Lage der Juden? Leider geschah bis jetzt nichts Positives zur Hebung der wirtschaftlichen und kulturellen Lage der Juden. Aber die Negierung versichert, in Zukunft alles zu tun, um die Linderung der jüdischen Not herbeizuführen. Die Würzburger Ausschreitungen gegen die „Habima" Eine ProtestversanmrLurrH des Centralvereins. Anläßlich eines Gastspiels der „Habima" in Würzburg wurde den jüdischen Einwohnern der Stadt in einem Flugblatt „Kulturbolschewismus in Würzburg" der Vorwurf gemacht, sie wollten das Stadttheater „zum Schauplatz einer Reklame für ihre Kultur, die keine ist, herabwürdigen". Die verhetzten Massen sammelten sich vor dem Theater und verursachten einen derartigen Tumult, daß die Vorstellung erst mit halbstündiger Verspätung beginnen konnte. Der unzureichende Polizeischutz konnte nicht verhüten, daß die erregten Massen bis nach Theaterfchluß die Hauptverkehrsstraßen dicht besetzt hielten und die Besucher des Theaters wurden deshalb von der Polizei auf dunkle Nebenstraßen verwiesen. Dabei gab es zahlreiche Ausschreitungen gegen die Theaterbesucher. Sie wurden durch Johlen, Schreien und Beschimpfungen belästigt, teilweise wurden sie auch Opfer tätlicher Angriffe, zwei junge Leute mußten sich in ärztliche Behandlung begeben. Der Central verein berief gegen diese Vorkommnisse eine Protestversammlung der Kultusgemeinde Würzburg ein. In ihr wurde u. a. festgestellt, daß keine jüdische Organisation, weder der Centvalverein, noch die Kultusgemeinde, noch einzelne jüdische Persönlichkeiten das Gastspiel der „Habima" veranlaßt oder erbeten haben, sondern daß es ausschließlich auf Veranlassung der Theaterleitu ng cmberamnt wurde. Gegenüber dem Flugblatt der Nationalsozialisten, das das Gastspiel der „Habima" als eine Kulturschande kennzeichnete, wurde betont, daß nicht das Gastspiel, wohl aber die Tatsache der Ausschreitungen gegen harmlose Theaterbesucher als Kulturschande zu bezeichnen sei. Eine Protestkundgebung der Nationalsozialisten wurde von der Polizei verboten-. Rote Hände oder brennend rotes Gesicht wirken unfein. Ein wirksames Mittel dagegen ist dis kühlende» reizmildernde und fchneeig-weitze Creme JLeodor* auch als herrlich duftende Puderunterlage vorzüglich geeignet. Reberrafchender Erfolg» Tube 1 Mk.» wirksam unterstützt durchLeodor-Edelseife, Stück 60 Pf. Ln allen Chlorodont-VerkaufsMen zu haben.

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