Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 48 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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H1H Wenn auch beiur größten Teil der Fälle die Täter, nicht festzustellen gewesen seien, so handle es sich doch bei einigen der übrig bleibenden zum erheblichen Teil um Mitglieder der NSDAP, oder um Leute, die ihr gesinnuugsmäßig nahestanden. Deshalb sei es der Gipfel der Lügenhaftigkeit, wenn in einer heut im „Trebnitzer Anzeiger" erschienenen Annonce die Nationalsozialisten behaupteten, die Trebnitzer Friedhossschändung sei die erste derartige Tat. Es ist ganz falsch, so fuhr der Redner fort, von „Dummenjungenstreichen" zu sprechen. Denn es komme auf den Geist an, der solche Taten Hervorrust. Er bringt die Haßstimmung hervor, die dann notwendig zu derartigen Taten führt. Es wirkt lächerlich, wenn dann der Führer der Bewegung, Hitler, sich, wie er es im Schweidnitzer Prozeß getan hat, als Zeuge yinstellt und pathetisch erklärt: „Wir kennen keine Gewalt, wir kämpfen nur mit geistigen Waffen." Auch über die Trebnitzer Schändung sucht man vergebens ein Wort in der nationalsozialistischen Presse. Gegenüber solchen Taten ist es notig, die Front aller anständigen E l e m e n t e, die sich bei allen Parteien f i n d e n, z u e r r i ch t e n und sie der Front der Unanständigen entgegenzustellen. Der in Wahrheit Geschändete ist jedoch nicht der jüdische Friedhof, sondern der deutsche Name, der damit der Verachtung unter den Völkern der Erde preisgegeben werde. Die Versammlung zeigte dem Redner durch reichen Beifall ihre Zustimmung und zugleich ihren Abscheu über die Tat. Im Anschluß daran hielt Gausekretür Steiner eine Rede über die politischen Hintergründe derartiger Taten, wobei er sich auch mit den staats- und wirtschastspolitischen Forderungen der Nationalsozialisten auseinandersehte und ihre judenfeindliche Haltung auf anderen Gebieten mit scharfen Worten brandmarkte. Die Versammlung nahm einstimmig folgende Entschließung an: „Die von den: Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold am '23. November 1930 ei »berufene Versammlung der Einwohner von Stadt und Landkreis Trebnitz spricht ihre Empörung und ihren Abscheu über die Schändung des Friedhofs der jüdischen Gemeinde in Trebnitz aus. Diese Untat wurde nach den Polizeilichen Feststellungen von drei Angehörigen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei begangen und reiht sich einer großen Zahl gleichartiger Verbrechen an, die in den letzten Jahren innerhalb der deutschen Neichsgrenzen verübt wurden. Kein anderes Land kennt derartige Taten. Der Name Deutschlands und sein Ansehen in der Welt wird dadurch geschändet. Die Versammlung fordert die Regierungen auf, mit alleu gesetzlichen Mitteln gegen die politische Agitation und die planmäßige Verhetzung eiuznschreiten, die solche Taten hervorruft." Herr Kube, antworten Sie: §Wer ist Dr. Hmyt Nach dem Bericht des „Förster Tageblattes" vom 22. November hat der Abgeordnete K u b c in einer Versammlung in Forst erklärt: „Fricks Schnlgebete wurden verboten. Ein D r. L öw y aber durfte beton lassen: Mater unser, der du stinkst im Himmel?, ohne daß sich eine Preußische Negierung rührte." Wir fragen den Abgeordneten Kube: 1. Wie heißt der Tr Löwy, dem Herr Kube die blasphemsiche Aeußerung unterstellt, mit Vornamen? 2. Wo wohnt er? 3. Wann und wo und in welcher Eigenschaft hat der angeblich existierende Tr. L ö w y den Text dieses Gebetes vorgeschrieben? Erhalten wir binnen einer Woche von Herrn Kube keine Antwort, sodeerden wir antworten! Cs gibt keine..AroWjuden'1 „Der Stürmer", Julius Streichers berüchtigtes Blatt, nimmt die Begnadigung Philipp H a l s m a n n s zum Anlaß eines Aufsatzes, der in großer Aufmachung die Ueberschrift „Der jüdische Vatermörder" trägt. (Nr. 42 von Oktober d. I.). Die Auslassungen in diesem Aufsatz übertreffen selbst das beirn „Stürmer" gewohnte Maß an Unverfrorenheit dermaßen, daß ihre Anprangerung nötig ist. Als handele es sich um wirkliche Tatsachen, wird da berichtet: „Juden haben gegenüber alten und gebrechlichen und kranken Angehörigen eine eigentümliche Auffassung. Sie scheuen, mit sie zu beseitigen, selbst vor einen: Morde nicht zurück." Es dürfte selbst den: „Stürmer" und seinen Schreiberlingen nicht ganz klar sein, wie diese Behauptung in Einklang Zu bringen ist, mit der sonst auch von den fanatischsten Juden-' Hassern zugegebenen besonderen Hochachtung und Ehrerbietung, die die jüdische Religion alten Leuten gegenüber vorschreibt. Es lohnt auch knapp, so fanatischen Entstellungen gegenüber aus die Bestimmung hinzuweisen, daß die Speisevorschriften und alle Zeremonialgesetze übertreten werden dürfen, wenn dadurch einem kranken Menschen geholfen werden kann. „Der Stürmer", der solche Märchen seinen Lesern vorzusetzen wagt, führt — wie zum Hohn — den stolzen Untertitel „Nürnberger Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit"! Aber „Der Stürmer" weiß noch mehr zu berichten. Er „kennt" genau die Art, wie alte Leute beseitigt werden: „Davon weiß der Nichtjude zu erzählen, der die Tätigkeit des sogenannten Mrofseljudew kennt. Nach einer alten jüdischen Anschauung dürfen an jüdischen Feiertagen in jüdischen Häusern keine Leichen liegen. Liegt nun irgendein alter Jude krank darnieder und es geht auf einen jüdischen Feiertag zu und man glaubt, der Kranke würde doch nicht mehr lauge leben, so holt man den Drosseljuden. Der macht kurzen Prozeß, erhält seinem Klienten den Hals zu und der Kranke ist tot." Also: nach der Behauptung des „Stürmers" soll es bei den Juden Berufsmörder gebe::, deren Dienste man wie die eines Arztes in Anspruch nehmen kann! Durch den Hinweis auf Menschen, die „die Tätigkeit des Drosseljuden kennen" (!), soll dieser ausgemachten Lüge der Anstrich der Wahrheit gegeben werden. Man könnte fragen: warum inacht sich der „Stürmer" zum Mitschuldigen von Verbrechern, warum bringt er diese „Drosseljuden", derer: Tätigkeit er doch zu kennen vorgibt, nicht zur Anzeige? Der „Stürmer" scheut sich nicht, seinen Lesern den haarstrenbendsten Unsinn vorzusehen, wenn es gilt, gewissenlose Hetze zu treiben. Die Behauptung, an jüdischen Feiertagen dürften keine Leichen in jüdischen Häusern liegen, ist ebenfalls eine dreiste Unwahrheit. Wenn jemand vor dem Festtage stirbt, wird er möglichst noch vor dem Feste beerdigt. Die an: Feiertage selbst Gestorbenen kommen nach dem Fest zur Beerdigung. Die Behauptung des „Stürmers" gehört ebenso in das Reich der Erfindung tute das oft wiederholte Märchen, die am Feiertag Verstorbenen würden an den Füßen durch das Haus geschleift, und ähnliche sinnlose Erzählungen. 8. W. Jaeger. Die „Deutsche Kriegsopfer- Zeitung" gegen öle Verunglimpfung öer jüdischen Kriegsopfer Ein unerträgliches Maß von Roheit und Gefühlslofigkeit zeigt ein Vorfall, der sich jüngst in München Zutrug. Dort wurde ein schwerkriegsbeschädigter Frontsoldat angerempelt, nur weil man ihn für einen Inden hielt. Diesen verabscheuungswerten Vorfall verurteilt Hermann Geißer im Rahmen einer Betrachtung des Neichstagswahlergebnisses in der Oktobernummer der in München erscheinenden „Deutschen Kriegsopfer - Zeitung" aufs schärfste und rechnet bei dieser Gelegenheit mit der nationalsozialistischen Methode'der Verleumdung jüdischer Kriegsopfer und Kriegsteilnehmer ab. Hermann Geißer schreibt: „Die Hauptgewinner in diesem Wahlkampfe, die Nationalsozialisten . . . haben von allem Anfang an unentwegtes Eintreten für die deutschen Kriegsopfer betont. Diese Erklärung ist sicherlich anerkennens- und des besten Dankes wert. Uns fehlt hierbei aber auf eine bedeutende Frage die Antwort. Kriegsopfer ist ein Begriff, der sich unmöglich in die Bandage parteiischer Ansichten und Prinzipien einbeziehen läßt. Wir müsse:: daher fragen, ob man bei jener Zusage unentwegten Eintretens für die Kriegsopfer der unabweisbaren Tatsache eingedenk ist, daß unter den Begriff Kriegsopfer in verhältnismäßigem Ausmaße auch Juden zähle::, die durch den Krieg ebenso mi>t körperlichen Unbilden und gesundheitlicher Beeinträchtigung sich durchs Leben schleppen und daß mancherorts im deutschen Lande Juden leben, deren Söhne als Opfer des Krieges unter einem Hügel hinter den deutschen Grenzpsählen schlummern, aus dem einst::: als Kameraden ein schlichtes Holzkreuz errichtet haben, und wie es gewährleistet werden soll, daß auch diesen Menschen das moralische und materielle Recht unbeschränkt zuteil wird. Man gebe dort, wo -rnan nicht des letzten Funkens an Gerechtigkeitsgefühl bar ist, uns die Antwort darauf, wenn wir fragen, ob es dem Sinne jener Bekundungen entspricht, wenn Fälle sich zu wiederholen vermögen wie der, der sich jüngst im Restaurant des Phöbuspalastes in München zugetragen hat, daß ein 70 Prozent Kriegsbeschädigter in der abstoßendsten Weise beschimpft und bedrängt wurde, weil der betreffende Beleidiger ihn als Juden erkannt haben wollte. Wir sind der Ansicht, daß das erste Eintreten für die Kriegsopferbelange — wohl das Besterreichbare — die nachdrückliche Forderung aus Respektierung und Achtung des Kriegskrüppels sssin müffc, auch wenn es ein Jude ist. Wir wehren uns ganz entschieden dagegen, daß an den Kriegsopfern mit zweierlei Maß gemessen werden soll, wehren uns eben deshalb so -entschieden, weil wir des ehrlichen Willens sind, die Interessen der deutschen Kriegsopfer in ihrer Gesarutheit unbeirrt zu verfechten, und noerdeu von dieser unserer Einstellung — mag es da kommen, lvie es wolle — zur Ehre der deutschen Kriegsopfer nicht um ein Jota abweichend Die „Deutsche Kriegsopfer-Zeitung" ist das Organ für die Interessen aller deutschen Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen, ehemaligen Kriegsgefangenen und Kriegsteilnehmer ohne linier schied des Standes oder des Glaubensbekenntnisses. Sie hat — und dafür ist der vorstehend wiedergegebene Fall nur ein Beispiel — stets eine wahrhaft ehrliche. überparteiliche und überkonfessionelle Haltung an den Tag gelegt. — ili— I