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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-28 · 48 (28.11.1930) · p. Seite 614

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
48 (28.11.1930)
Date
1930-11-28
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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614 Aufklärung, die von Seele zu Seele durchdringend wirkt, reicht geschichtliche Argumentation nicht aus. Geschichte läßt einen Rest, einen lebendigen Rest, und der ist unsere Ausgabe. Es nützt nichts: wir müssen Ans ganz genau verstehen, ohne Ungeduld und Sprung des Denkens. Geschichte zeugt für uns — aber sie ersetzt nicht unsere eigene V e w ä h r u n g.^ Was Sie, geneigter Leser, sind und ich, der schreibende, bin — das ist nicht mehr in der Geschichte zu lesen. Unvertretbar müssen wir hinter und noberr der Geschichte immer wieder für uns selber zeugen. Geschichte ist weder Ruhekissen noch Handlanger des Jchs, weder Ersatz der Selbsterkenntnis, noch Ersatz der Selbstb e r e i t s ch a f t und S e l b st e n t s ch e i - d u n g. Wer in den Spiegel der Geschichte sieht und sich sucht, findet ohne Zweifel darin das Bild der in ihm von je angelegten, eingeerbten, aus der Schicksalsgemeinschast der Familie, des Stammes, des Volkes in ihn eingeprägten Möglichkeiten. Aber ob er diese Möglichkeiten entfaltet oder unentfaltet «läßt — oder ob er ganz neue Möglichkeiten aus neuen Erlebnissen, Erregungen, Schicksalen, Synthesen in sich entfaltet und in die Welt der Lebendigen ausstrahlt, ob er alte Rechte sich tiefer eineignet oder ob er sie Preisgibt, weil vielleicht neue Pflichten neue Rechtsverhältnisse verlangen, das alles ist ganz und gar die Angelegenheit der ureigenen Verantwortung, Leistung oder Unterlassung der P e r s ö n l i ch k e i t. S i e selber steht dafür ein, und niemals kann sie ihren Wert, ihre Geltung, ihren Anspruch nur aus der Geschichte ihres Volkes, ihrer Rasse ableiten (wie die Eitelkeit und Verantwortungsträgheit des Rassenwahnes lehren will). Auch im volksheitlichen Leben gibt es große Gebiete der Auseinandersetzungen, Ausgaben, Probleme, in denen Geschichte und Berufung auf die Geschichte in gar keiner Weise Erlebnis und Bekenntnis ersetzt; ja die Verwechslung nur geschichtlich begründeter und lebendig bewährter und genährter Ansprüche führt hier zu Zahllosen Mißverständnissen. Es ist eben die Gefahr des Historismus, daß er den Menschen im Geschichtlichen untertauchen läßt, Gegenwart gleichsam in Geschichte auflöst und den einzelnen darüber hinwegtäuscht, daß keine geschichtliche Erkenntnis die Selbsterkenntnis, keine geschichtliche Formung die Selbstentscheidung ersetzen kann und darf. Keine geschichtliche Deduktion eines Rechts¬ und Geltungsanspruches kann starr und gleichsam automatisch entbinden von der lebendigen Bewährung dieses Anspruches heut und hier. Aus dieser historischen Befangenheit ist nun das Problem des „Heimatrechtes" noch so wenig gelöst, daß seine Erörterung bisher mehr Verwirrung als Entwirrung geschaffen hat. Und zwar bei Nichtjuden genau so wie bei den Juden selber. Haben wir uns aber verständigt über die Zuständigkeitsgrenzen der Geschichte, so sind wir auch verständigt über das Auftriebs- und Entwirrungszentrum des Problems vorn Heimatrecht: Dies Heimairecht wird den Juden vom deutschen Antisemitismus mit historischen Gründen b e st r i t t e n. Dies Heimatrecht wird von den jüdischen Deutschen mit historischen Gründen h e r - geleitet. M a n k et n n e s a ü e r weder ( e n d - g ü X t i g) m i t h i st orischen Gr ü nben bestreiten u o ch herleiten, weil das H e i m a t r e ch t, wenn es überhaupt einen Sinn für lebendige, d. h. erlebende Menschen haben soll und nicht eine sinnentleerte, tote und ganz und gar ungültige Formel sein will, auf d e nr konkreten Heimaterlebnis des e i n z e l n e u M enschen beru h t, und weil dieses H e i m a t e r l e b u i s u n ableitbar, it n übertragbar, in keiner Weise der Verallgemeinerung zugänglich, in jeder Weise der i n t e l l e k t n a l i st i s ch e n Z e r - deutelnng und Zerlösung en tzogen ist. Das Heimaterlebnis — hier ist der Punkt, von dem aus die neuen Fronten der Erkenntnis aufgerollt werden müssen. Das Heimaterlebnis ist durchaus ein Jch- Erlebnis, ein unmittelbares, ureigenes nnb durch keinen Einfluß von dritter Seite irgendwie zu vermittelndes oder abänderliches Erlebnis. Man hat es oder man hat es nicht. Wer es nicht hat, dein kann es niemand geben. Wer es hat, dem kann es niemand nehmen. Keil! rationaler Weg führt zu diesem Erlebnis, kein rationaler Weg führt von ihm fort. Das Heimaterlebnis ist eine von den ganz tiefen, ganz seelenhaften, ganz irrationalen llr* formen des Verbundenseins zwischen M e n s ch und Rau m. Mens ch u n d M i tm e nsch, Mensch und G em ei n - schast. Und dies Erlebnis ist zugleich die endgültige, völlig unproblematische Konstituierung eines Seins. Denn im Heimaterlebnis ist zutiefst, in einziger und zugleich letztmöglicher Instanz begründet und festgestellt, welches meine Heimat ist. Das Heimaterlebnis ist nicht nur ein subjektiver Akt, sondern zugleich die endgültige, völlig unwiderlegliche und also objektive Begründung und Feststellung eines B e h e i ma t e t - Sei n s. Im Heimaterlebnis ist die Heimat g e - sunden. Heimaterlebnis ist Heim a t b e s i tz. Und wer dieses Heimaterlebnis nicht hat, hat auch keine Heimat, sondern nur: einen Geburtsort, einen Aufenthalt. Welches meine Heimat ist, entzieht sich also jeder Diskussion. Es kann ganz allein festgestellt werden aus meinem Erlebnis. Das Land, von dem ich empfinde: es ist mein Heimatland, das Land, das mein Sein umschlossen hält, das Land, das meine Sehnsucht weckt und mit dieser Sehnsucht mich immer wieder aus jeder Ferne heimzieht, das Land, dessen Schicksal ich als mein Schicksal erlebe, alles, was dieses Land anrührt, rührt mich an, weil es mich mitgeprägt hat von Anbeginn an — dies Land i st damit meine Heimat geworden. Es ist mein unverlierbares Schicksal, daß ich hier meine Heimat habe. Es ist meine Heimat, ganz gleichgültig, ob es mir von irgendeiner anderen Menschenüberlegung her als Heimat zugebilligt, zugesprochen wird oder nicht. Es i st meine Heimat k r a f t des Heimaterlebnisses, und ob es meine Heimat ist, kann der andere immer nur wissen auf Grund des Erlebnis- Deutschenverfolgung! A. H. An Deutschlands Ostgrenzen leiden Menschen um ihrer Abstammung, um ihrer Gesinnung willen. Nationalistische polnische Elemente unterdrücken durch Drohungen und Gewalt die den Deutschen Polens verfassungsmäßig zugesicherten Rechte. Doppeltes Leid lastet auf diesen Menschen, denen die lebendige Verbindung mit dem Mutterlande zerschnitten, der kräftigende Austausch mit Menschen gleicher Art unterbunden wurde. Auch das, was sie dürfen, sollen sie nicht tun! Die Deutschen Polens wollen keine Sonder rechte, sie wollen keinen Staat im Staate bilden. Sie fühlen sich als loyale Bürger ihres Staates, aber sie wollen, ganz im Bannkreis des großen Mutterlandes, ihre Eigenart pflegen und ihre große Tradition nicht vergessen. Und in diesen Menschen, einer kleinen Minderheit, sehen die zahlenmäßig um ein Vielfaches stärkeren polnischen Elemente eine Gefahr für den Staat! Mit besonderer Entrüstung wenden sich besonders auch die natoinalsozialistischen deutschen Kreise gegen die Unterdrückung stammverwandter Menschen. Aber wir glauben, daß, so echt auch ihr Mitgefühl mit den Unterdrückten ist, ihr Verständnis für die Unter- Bekenntnisses, was ich zu dieser Heimat ablege oder nicht ablege. Die Bewährung dieses Bekenntnisses ist die Treue zur Heimat in Glück und Leid und Not, und diese Treue ist keines Menschen Verdienst, denn wer eine Heimat hat, i st mit ihr verbunden. Heimat bindet. Das ist nun so, und die Ratio kann gar nicht an dagegen, sie ist ganz ohnmächtig 'dagegen, denn sie kann nichts anflösen oder auch nur von der Stelle rücken, was einfach da ist, wiewohl sie es immer versucht. Dagegen hilft nur: ganz genau sehen, was ist. Und wir haben genau gesehen: Heimat ist im Heimaterlebnis gegeben und gefunden. Da man ein Erlebnis so wenig widerlegen kann wie Baum, Hans, Berg oder Wolke, so ist das Heimat- Haben i nt Heimat-Erleben jedem Angriff und j e d e m B e st r e i t e n g a n 3 und gar entzogen. Und also gilt genau so: Habe ich dieses Heimaterlebnis nicht, so ist dies Land auch nicht meine Heimat; gleichviel ob irgendeine juristisch-geschichtlich-theoretische Konstruktion es mir dennoch als Heimat zubilligt oder nicht. , Es ist mein Aufenthaltsland, mein Staat, aber nicht meine Heimat. Es konnte deshalb nicht meine Heimat werden, weil das einzigartige und gar nicht analysierbare Zuneigung»- und Eineignungserlebnis -das im Heimaterlebnis Kraft und Wille ist, nicht wirksam wurde — aus irgend ein ent Grunde nicht wirksam wer« den konnte und also auch gewisse letzte und urtümliche Seelenbindungen zwischen Mensch und Raum, Mensch und Mitmensch, Mensch mtd Gemeinschaft nicht vollzogen werden konnten. Wo also ist der Quell meines Heimatrechtes? Allein in meiner Seele und ihrem Erleben. Denn das Heimaterlebnis ist unvertretbar, unverlierbar, u n b e st r e i t - b a r. Niemand hat Recht und Grund, einem anderen Menschen die Heimat abzusprechen, die er aus der Wirklichkeit seines Heimaterlebnisses als seine Heimat empfangen hat. Jedermann trägt das Heimatrecht in der eigenen Brust. Ein anderes gibt es nicht. So bis auf den Grund, d. h. aber in lebendige Seelen, ihr Erleben und Bekennen, sollte matt die Menschen sehen lehren. Denn dies ist gleichbedeutend mit Erziehung zur Humanität. Das wäre eine besondere Aufgabe und freilich auch besondere Gewalt der Aufklärung. Wie diese Arbeit geschehen könnte und was zuvor noch entschieden und erkannt sein muß, davon wird noch einiges zu sagen sein. drücker natürlicher wäre. Denn keine Internationale ist so gleichgerichtet wie die Internationale nationalistischer Gesinnung. Wir deutschen Juden teilen nach Gefühl und Verständnis die Empfindungen der verfolgten Deutschen. Unsere oberschlesischen Brüder haben, wie der Vorsitzende des Verbandes h e i m a t t r e u e r Oberschlesier mit Genugtuung anerkannte, bei der Abstiunnung zu 99 Prozent ihre Stimmen für Deutschland abgegeben. Im polnischen Oberschlesien haben sie nach Erklärungen des polnischen Kultusministers im Sejm das Weiterbestehen der deutschen Minderheitsschulen, durch die Entsendung ihrer Kinder teilweise erst ermöglicht. Aber trotzdem spricht man den deutschen Juden diesseits der Grenze leichtfertig tmd böswillig das Nationalgesühl ab, wo bei ihnen doch die wuchtigsten Elemente nationaler Eigenart feh-len, die den Polen noch einen Schein von Recht geben könnten, wenn sie sich gegen die Deutschen Polens wenden. Wir deutschen Juden haben keine andere Sprache als die unserer deutscheit Umwelt, wir Haben feinen jüdischen Staat, an den wir uns anlehnen könnten, wir haben kein jüdisch-kulturelles Zentrum — wir sind nach Wille und Ueberzeugung Deutsche. So gilt den verfolgten Deutschen jenseits der Grenzen unser verständnisvoller Gruß!

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