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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. Seite 606

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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m WW MW M WMWMW Die Sitzung des Aktionskomitees — Gegensätze in der zionistischen Weltorganisation — Strichers Blamage - 150» Einwanderungsbewilligungen — Ein Aussatz Weizmanns — Die bevorstehende ttnterhausdebatte — Der Londoner Rabbiner MattuS für Kolonisation, aber gegen Politik Das A k t i o n s k o m i te e d e r z i o n i st i - schon Weltorganisation, die oberste Behörde nächst dein Zionistenkongreß, hat soeben in Tag- und Nachtsitzungen seine Arbeit, die sich im wesentlichen mit bem Weißbuch des englischen Kabinetts zur Palästina-Politik und dem Blaubuch des Simpson-Berichtes befaßte, beendet. Professor W e i z m a n n , der Präsident der zionistischen Organisation und der Jewish Agency, beharrte aus seinen Rücktritt aus seinen Aemtern. die Exekutive aber schloß sich diesem Rücktritt, trotzdem ihn beachtliche Kräfte forderten, nicht an, weil sie meinte, nur ihr Bleiben könne die politische Arbeit reibungslos wciterführen. Weizmann erklärte schließlich, er sei bereit, ohne seine Rücktrittsrntscheidung zu ändern, bis zum neuen, für Februar 19;31 einberufenen Zionistenkongreß die politischen Geschäfte zu führen und sogar mit einem' vom Aktionskomitee gewählten politischen Fünseransschuß, dem die Jabotinsky- Grnppe sich versagte, zusammenzuarbeiten'. So ist organisatorisch im Augenblick scheinbar alles geglättet. Nur scheinbar; denn die G e g e n s ä tz e zwischen den einzelnen Gruppen des Zionismus spitzen sich weiter zu. Und nicht mehr hinter verschlossenen Türen, sondern im Sonnenlicht der großen Oeffentlichkeit spielen sich andere „brüderliche" Vorgänge ab, die die so oft angerusene zionistische Disziplin nicht gerade als marktgängigen Wert erscheinen lassen. Stricker, der rücksichtslose Wiener Zionistenführer, der radikalen ^Gruppe zugehörig, hat mit den ganzen 2134 Stimmen seiner „Jüdischen Liste" zn den österreichischen Nationalratswahlen eine faustdicke Blamage — bei 120 000 jüdischen Wählern Wiens ist das Wort Niederlage Schönfärberei — heimgebracht. Und nun knallen die Ohrfeigen rechts und links. Gegen die „Assimilation" — wen wundert es? Aber auch im eigenen Hause knallt es nur so. Offen werden die Namen der Sünder genannt („Tie Neue Welt", Jahrgang 4, 14. November 1930, Nr. 165. „Zur Aufklärung"). Tief entrüstet faßt Stricker seine niederschmetternden Erfahrungen also zusammen: „Aus Brücken und Straßen (Wiens) wurde für Taufjuden und Antizionisten gegen Stricker gekämpft, m i t zionistische n Waffe n." Nicht nur in Wien gärt es, in Polen auch und in den Vereinigten Staaten. Der gesührlichsten Wendung der englischen Palästina-Politik, im neuesten Weißbuch dokumentiert, steht ein stark zerklüfteter, sich arg befehdender Zionismus gegenüber. Die lauten zionistischen Proteste, die das Weißbuch überall auslöste, dürfen einen über die vorhandene Uneinigkeit im Zionismus nicht täuschen, wenn auch gewiß Schmerz, Zorn, Anklage wegen Englands Politik einheitlich und echt waren. Vergeblich ist der Proteststurm nicht verrauscht. Lord Paßsreld soll amerikanischen Journalisten sein Weißbuch ein wenig tröstlicher für die zionistische Sache erläutert haben. Wichtig ist, daß das Kolonialamt 15 0 0 Einw a n d e r u n g s b e w i l l i g u n g e n für Arbeiter der zionistischen Organisation gewahrt, also die Einwanderungssperre vom Mai 1930 damit aufgehoben hat. Die Agency warnt aber vor verfrühtem Optimismus. Politische Rütselrater mögen herausbekommen, ob der Kolomalmirnster der Arbeiterpartei damit die Nachwahl im Londoner Osten, in Whitechapel, sichern, den zionistischen Zorn besänftigen oder seinen politischen Gegnern für die Unterhausdebatteu den Wind aus den Segeln nehmen wollte. W e i z m a n n selbst, ausfällig pessimistisch, macht sich nichts vor. Sein letzter Aufsatz über „Das Weißbuch" („Jüdische Rundschau" Nr. 90, 14. November 1930) ist eine große Anklage. Kein Lichtblick für ihn in diesem Weißbuche! Er schließt: „Es verschwinden die ans dem Mandat fließenden Rechte des jüdischen Volkes als Ganzes und die Politik der Negierung wird zu einer Kirchturm-Angelegenheit der Einwohner Palästinas reduziert." Daß sein populärer Gegenspieler, Wladimir Iabotinsky, diesen Zeitpunkt benutzt, um gegen die nichtzionistischen Mitglieder der Agency, als deren Vorbild ihm Felix M. WRrburg herhalten muß, seine grundsätzliche Abneigung zwar witzig, aber bissig und hämisch auszusprechen (Prager „Selbstwehr" Nr. 46, 14. November 1930. „Sie Ziehen in den Kampf."), erweist erneut, aber nicht neu, wie stark sich die Geister scheiden. JabotinskY Merzmanns Nachfolger? Den Engländern die Zähne gezeigt? Die jüdische Legion — ginge es nur! — dann an die Front? Und weg mit dem Ageney-Spuk?? Aber Weizmanns Erbschaft lockt letzt sicher nicht, und ob die Majorität der Erben sich einen JabotinskY als ihren Anwalt wohl gefallen ließe? Es steht noch lange nicht so aus, wenn auch die Wahlen zum Kongreß Ueberraschnngen nicht ausschli-ehen. In diesen Tagen wird sich die bedeutsame U n t e r h a u s d e b a t t e über die Palästinapolitik der Labourregierung abrollen. Mac- Donald wird, wie es heißt,/selbst diese Politik erklären und verteidigen. Eine Zahl Konservativer und Liberaler, Männer von hohem Rang, werden mit ihm und seinem Kolonialminister die Waffen kreuzen. Ob aus beleidigtem Gerechtigkeitssinn, ob aus Neigung zum Zionismus, ob aus dem Wunsche, dem Kabinett ein Bein zu stellen — wer kann es von Deutschland aus bis zum letzten übersehen. Die palästinisch-arabische ~ Delegation in London war auch nicht müßig und versammelte in diesen Tagen Männer der englischen Aristokratie und Politik, mohammedanische Führer aus Indien zu einer Kundgebung gegen die zionistischen Absichten. Aber auch englisch-jüdische Kreise haben nicht gegen die jüdische Palästinakolonisanon, wohl aber gegen ihre nationaljüdische politische Zielsetzung ihre Stimmen laut und vielbeachtet erhoben. So schreibt einer der Führer des religiös liberalen Judentums in England, Rabbiner I. M a t t u ck („Daily Mail" 7. November 1930): „Nicht alle Juden wollen eine nationale Heimstätte in Palästina. Die meisten westeuropäischen und amerikanischen Juden stehen diesen Gedanken gleichgültig, wenn nicht gar feindlich gegenüber. In Amerika und Deutschland, den größten jüdischen Gemeinden des Westens, haben wesentliche Teile der Jndenheit keinerlei Sympathie für den politischen Ehrgeiz der Zionisten. In England verschweigt man die Existenz - einer solchen Gruppe wegen der offiziellen Beziehungen Großbritanniens zu Palästina. Aber dennoch besteht sie in der Stille ..." Und Mattuck schließt: „Die jüdischen Ziele sind weitere als nur zionistische und jüdisches Leben bedeutet mehr als nur zionistische Politik. Es ist ein Mißbrauch des Namens „Jude", die Sache in die Arena des politischen Kampfes zu tragen. Jetzt ist eine Gelegenheit geboten, die Palästinasrage über den politischen Parteikamps hinaus zu behandeln. Die Regierung hat die Ungewißheit, die über Palästina wie ein schwerer Nebel hing, der Argwohn und Haß wachrief und Zu Streit und Gewalttätigkeit führte, durch ihre politische Erklärung beseitigt. Jetzt ist eine Gelegenheit geboten, in Palästina Frieden wieder herzustellen und das Gefühl der Sicherheit dem Volke wiederzugeben. Und wer ans politischen Gründen diese Chance zurückweist, versündigt sich an den Juden und an der Menschheit. Das Wohlfahrtswert in Palästina kann und wird weitergeführt werden; und es wird am besten fortgeführt, wenn es von den Einflüssen eines Zweifelhaften Nationalismus befreit wird. In einem von kleinlich nationalistischer Politik befreiten Palästina können alle Beteiligten Zusammenarbeiten, um nationales Leben und nationalen Wohlstand, in gleicher Weise für Juden und Araber, zn schassen. Sir können national geordnete Zustände Herstellen, die beiden Gruppen gleichermaßen gerecht werben." Robert Meyers Gesetz von der Erhaltung der Energie gilt nicht nur in den Naturwissenschaften. All die Arbeit, die zionistischer Opfermut und nationaljüdische Begeisterung für das ewige Land unserer Religion und unserer großen Geschichte so freudig geleistet haben, ist nicht in den Wind getan. Sie wird weiter wirken, wenn auch vielleicht in anderen Formen und mit anderen Zielen, als es die Väter dieser Arbeit wünschten. A. W. Soeben erscheint eine Flugschrift „Um die Zukunft der Berliner Jüdischen Gemeinde" von Moritz A. Loeb (Berlin), Verlag Ernst Nickel & Co., Berlin NW 23, die insbesondere die unter nationaljüdischem Einfluß stehende Finanzgebarung und die vermeintliche Einseitigkeit von Anstellungen scharf unter die Lupe nimmt. Der Verfasser war jahrelang Vorsitzender des Etatausschusses und Vorsitzender des Revisionsausschusses und hat daher einen besonders guten Einblick in die erwähnten Gebiete gehabt. Wir sind nicht in der Lage, nachzuprüfen, ob der Verfasser, dessen Kritik auch die anderen Parteien in der Gemeinde nicht verschont, mit seinem schwerwiegenden Material gegen die nationalst'ldische Führung der Gemeinde immer im Recht ist. Jedenfalls verdient die Broschüre in den Kreisen, die größeres Interesse an der Gemeinde nehmen, als nur einen Stimmzettel am 30. November abzugeben, Beachtung. Die kleine Schrift wird sicher Gegenstand heftigster. Auseinandersetzungen sein. B*nß| mm. y**»<

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