Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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H05 Der Kampf Moskaus gegen Gott Am Sonntag fand im Berliner Sportpalast eine ausserordentlich stark besuchte Versammlung des Deutschen Bundes zum Schutze der abendländischen Kultur als Protest besonders gegen religionsfeindliche Massnahmen des Bolschewismus statt. Die Veranstaltung, die unter Leitung des Präsidenten Graf Keyserlingk-Camerau und des Fürsten Löwenstein stand, brachte Reden von Vertretern aller religiösen Gemeinschaften. Für die jüdische Religionsgemeinschaft hielt Gemeinderabbiner Dr. Rosen t h a 1 (Köln) eine Ansprache, die wir nachstehend auszugsweise wiedergeben. Während es bei den anderen Reden, besonders während der Ausführungen des Bischofs S e r a f i m (Charkow), zu schweren Störungsversuehen kommunistischer Agitatoren kam, wurde die Rede Dr. Rosenthals mit grösster Ruhe angehört und durch spontanen Beifall unterbrochen. Rabbiner Dr. Rosenthal führte u. a. aus: In den jüdischen Gotteshäusern haben wir gestern vor vierzehn Tagen die alte bibmche Erzählung wiederum vernommen, darin es heißt: „Da sagten sie einer Zum andern: Wohlan, wir wollen Ziegelsteine backen und im Brand sie brennen; wir wollen uns eine Stadt bauen und einen Turm; seine Spitze soll bis in den Himmel reichen, und einen Namen wollen wir uns machen. Gott aber sagte: So steigen wir denn hinab und verwirren ihre Sprache, daß einer den andern nicht mehr versteht. — Darum nennt man den Namen dieser Stadt: Babel — Verwirrung." (1. B. M. 1. 3-^-8.) Das ist ein Bild aus der Ferne des Ostens und der Ferne der Zeit, groß und gigantisch, phantastisch und geheimnisvoll; und das ist ein Bild aus der Nähe des Ostens und der Nähe der Gegenwart, gleich gewaltig in seinem Ausmaß, wie im Drohen seiner Furchtbarkeit. Das ist das Werk Moskaus, zu dem es im Blutbad des Weltkrieges sich gerüstet und „gereinigt" hat; das ist sein Kamps gegen Gott und gegen die Menschheit. In Prosestor Ludwig Bergs: „Was sagt Sowjet-Rußland von sich selbst?" fand ich ein Zitat aus dem Buch von Stepanow: „Selbst den Blinden wird es klar sein, daß ein entschiedener Kamps gegen den Pfaffen, gleichgültig, ob er sich nun Pastor, Abbe, Patriarch, Mullah, Ulema oder Papst nennt, bis zum äußersten notwendig ist." Der Rabbiner bleibt aus dem Spiele; er hak Gnade gesunden oder ist vielleicht gar nicht wichtig genug. Werm's aber weiter heißt: . . und daß es ebenso unvermeidlich ist, diesen Kampf in einen Kämpf gegen Gott auszudehnen, sei es nun der des Alten Testaments, Jesus, Buddha oder Allah": so ist die Gleichberechtigung wieder hergestellt und auch der Vertreter des Judentums in diesem Streitfall zur Gegenrede legitimiert. „Wir wollen einen Turm bis in den Himmel bauen!" sprach Babel. Wir stürmen gegen den Himmel an und seinen Gott und fällen beide — spricht Moskau. Ihn: ist, kaum wage ich den Frevel zu wiederholen, „Gottsuchen die schlimmste Form der Selbstbespeiung". „Ziegel brennen wir uns im Feuer" — wir brauchen keine gewachsenen Steine und keine gewachsenen Menschen, wir formen und backen unser Material im Gluthauch der Weltrevolution, wir schichten Stein auf Stein, Zelle auf Zelle, Gruppe auf Gruppe, und türmen einen Bau, der die Welt umfaßt und sie erfüllt, restlos ausfüllt mit unseren Menschensteinen und -zieg-eln; aber für Gott lassen wir nicht das allerbescheidenste Plätzchen übrig. Und mit der Gottes i de e zerstören wir das Gottes haus: der aus dem Himmel Vertrieben ist, darf auch auf Erden keine Wohmmg haben. Ende 1929 bis Anfang 1930 sind innerhalb dreier Monate neben 980 christlichen Kirchen auch 200 Synagogen und Moscheen geschlossen linb profanen Zwecken freigegeben worden; dabei wird von offizieller russischer Seite den Synagogen der zweifelhafte Vorzug bescheinigt, daß sie neben den lutherischen Gotteshäusern am besten für zivile Zwecke benutzbar sind. — Und mit der Gottesidee und dem Gotteshaus stürzen weiter Gottes L'ehre und sein Gebot. Was das bereits erwähnte Verbot des Religionsunterrichts und der kirchlichen Karitas betrifft, so hat der gewesene Sowjetkultusminister Lunatscharski von sich erklärt, und zwar „mit Vergnügen", daß er, damit beschäftigt, den Sowjetkindern der: Glauben zu nehmen, „aus die sadistischste Art dieses Unkraut aus unfern Feldern und Gärten ausjüten" wolle; und so mag groß und klein in Stadt und Land eher verarmen, verwildern und verkrüppeln, eh' daß der Glaube einen Schein seines Lichts und seiner Liebe über zerpflückte, zertretene Seelen und Körper ausgießen darf. Und wie der bolschewistische Scherge darüber wacht, daß die religiösen Symbole vernichtet, die religiösen Kulthandlungen diffamiert werden, das bezeugt neben den Tausenden sakrilegierter Kirchenglocken und Heiligenbilder auch die Anklage gegen die Vorsteher der Moskauer Judengemeinde wegen Beschaffung von rituellem Fleisch und Osterbrot und ihre Verurteilung zu sechsmonatiger Kerkerhaft. . , „So steigen wir denn hinab und verwirren ihre Sprache!" Der im Himmel thront, lacht; der Herre spottet ihrer. Er hat beim Babelsturm die Bauleute gegeneinander gekehrt, daß sie sich nicht mehr verstanden und ablassen mußten von ihrer Himmelstürmerei. Er hat demselben Babel, als seine Herrscher zu Göttern sich gemacht und ihre Stadt zu Maßen emporgetürmt, die ich heute morgen im Pergamon- Museum staunend bewunderte, er hat demselben Babel verkündigen lassen: „Ob du auch Adlern gleich deinen Horst erhöhst, ich schleud're dich in die Tiefen hinab, spricht der Herr." Er wird auch am Babel unserer Zeit sein Recht sich zu wahren wissen; und wahrlich, Babel — „Verwirrung" gibt's in Moskau nachgerade schon genug, trotz des eisernen Willens, der den ungeheuren Wagen bald hierhin, bald dorthin reißt. Aber — aus das Wunder dürfen wir nicht warten; wir müssen unserer Pflicht genügen. Wir Diener der Religion und Moral dürfen nicht schweigen, als wären wir einverstanden, oder als verstünden nur nicht, was jenseits der Grenze sich vollzieht und auf tausendfachen Wegen uns erreichen kann. „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident": wir müssen das Unsrige tun, daß, was Gottes ist, auch Gottes bleibt. Wir bekennen uns alle, Christen wie Juden, zu dem gleichen unendlichen Gott; wir bekennen uns alle, Christen wie Juden, zum unendlichen Wert der menschlichen Seele. „Wenn i ch nicht für mich bin, wer ist es? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Wenn nicht jetzt, wann denn?" Darum auf, in dieser Stunde, jeder an sich, alle miteinander, für Gott und f ü r die Menschheit! vorbil-licke Neutralität Der Vaterländische Schwäbische Albverein hat aus Ersparnisgründen den Druck seines Blattes einer Tübinger Druckerei übertragen, deren Inhaber Jude ist. Einige Mitglieder des Vereins sind deshalb aus dem Verein ausgetreten. Der Vorsitzende, Prof. Dr. Nägele (Tübingen), geht in Nr. 11 der Blätter des Schwäbischen Albvereins in einem Artikel „An unsere Mitglieder" auf den Vorfall ein. Er schreibt unter anderem: „ . . . Von zehn Druckereien Zwischen Tübingen, Stuttgart und Göppingen liefen, teils verlangt, teils unverlangt, Angebote ein. Weitaus das billigste war das der .Tübinger Chronik' (Besitzer A. Weil). Ein auf Grund reicher Erfahrung abgefaßter Vertrag sichert den Verein vor jeglicher Mehrforderung. Wie groß die Ersparnisse sein werden und worin sie bestehen, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Da schreiben nun die Nationalsozialisten: Mir sind dagegen, daß eine jüdische Druckerei das Blatt druckt, zu dessen Herstellung unsere Beiträge verwendet werden', ja sie fordert die Parteigenossen mit der Losung: .Keinen Pfennig einer jüdischen Firma!' bereits zum allgemeinen Austritt auf! Ist das der Anfang des Kampfes gegen ,Rom und Juda' aus schwäbischem Boden? Wir wissen nicht, wie viele unserer Mitglieder zu der erwähnten Partei gehören, deren Wahlsieg am 14. September die ganze Welt überrascht hat, aber wir können nicht glauben, daß ein echter Albvereinssreund, auch wenn er zu den Nationalsozialisten gehört, daß überhaupt jemand, der die 42jährige Geschichte des Albvereins kennt und seine Leistungen genießt, deswegen, weil etwa der zwanzigste Teil des Jahresauswandes durch die Druckereimaschinen eines israelitischen Besitzers geht, in der hier getroffenen Sparmaßnahme einen Grund erkennt, einem Verein den Rücken zu kehren, der jeder Politik fernfteht, keine Weltanschauung verletzt und sich anerkanntermaßen im Sinne der Heimat- und Vaterlandsliebe, des sozialen Ausgleichs und der Volksgemeinschaft in gemeinnütziger, meist ehrenamtlicher Weise betätigt, und das alles zunächst auf schwäbischem Boden, dann aber auch als Glied des Reichsverbandes deutscher Eebirgs- und Wandervereine. Gegen diesen Versuch, den Vereinsfrieden und die Vereinsarbeit durch den Angriff auf eine ganz nebensächliche Maßnahme zu stören, erhebt die Vereinsleitung entrüstet Einspruch. Nicht der Besitzer der Druckmaschinen, sondern die Vereinsleitung und mit ihr all die getreuen Mitglieder entscheiden über den Geist unseres vaterländischen Vereins ..." ijitmi Vppkriegspreise!