Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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604 MW Oll! wofeil WWe» MM Io Meooft An: Freitag vergangener Woche wurde unser Mitglied Lehrer Abraham in Rathenow in einem Cafe von Nationalsozialisten belästigt und später aus der Straße von ihnen überfallen. Die Täter sind zwei als Raufbolde bekannte Nationalsozialisten ans Rathenow und aus Potsdam. Sie konnten polizeilich festgestellt, und es konnte Strafantrag gegen sie erhoben werden. Es ist ein trauriges Zeichen der Verrohung in Deutschland, daß es möglich ist, harmlose Mitbürger, die weder durch Reden provozieren noch sich eines ausfälligen Benehmens schuldig machen, derart anzugreisen. Die Neeünee Gtndeuteuumirthe« Ludenfeindliche Agitatoren schüfen die Tumulte Wie in der Tagespresse berichtet wurde, fanden ctm Montag und Dienstag der vergangenen Woche an der Berliner Universität schwere Ausschreitungen nationalsozialistischer Studenten statt. Der Charakter dieser Ausschreitungen war rein politisch. Die „Allgemeine Studentenschaft" hatte zu einem Ball eingeladen und die Sozialistische Studentenschaft verteilte daraufhin ein Flugblatt, in dem sie mit Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise und die große Arbeitslosigkeit gegen diesen Ball protestierte. Die Nationalsozialisten versuchten den sozialdemokratischen Studenten die Flugblätter zu entreißen; dabei kam es zu Schlägereien, die erst durch das Eingreifen der Polizei bei gelegt werden konnten. Auch jüdische oder jüdisch aussehende Studenten und Studentinnen wurden in dieser allgemeinen Keilerei geschlagen und zum Teil verletzt. Auch judenfeindliche Rufe, wie „Juda verrecke!", sind gehört worden. Der Rektor der Universität, Professor Dr. D e i ß m a n n, versuchte in einer Ansprache aus die Studenten einzuwirken, daß sie ihre politischen Gegensätze mit geistigen Waffen auskämpfen und von Tätlichkeiten Abstand nehmen sollten. Die Untersuchungen über die wahren Schuldigen sind noch im Gange. Aber schon jetzt steht fest, daß sich eine ganze Anzahl Nichtakademiker, offenbar Arbeitslose verschiedenster Parteirichtungen, eingeschlichen und diesen Tumult ausgenntzt haben, um ihre Parteisuppe dabei zu kochen. Unter den Festgenominenen befanden sich verschiedene Männer mit „Schiebermntzen", die als Nichtakademiker sestgestellt wurden. Sie sollen auch, wie uns von unterrichteter Seite mitgeteilt wirddie Erregung mit judenfeindlichen Ausrufen geschürt haben, um so zu der eigentlich antisozialistischen Rauferei noch eine allgemein südenfeindliche hinzuzufügen. Die Untersuchungen werden ergeben, ob diese Nichtakademiker, wie vermutet wird, bezahlte Parteiagitatoren waren. Am 10. November kam es an der Wiener Hochschule für Welthandel zu heftigen judenfeindlichen Ausschreitungen, die sich am 11. November wiederholten. Eine große Zahl deutscher Studenten, verstärkt durch etwa fünfzig antisemitische Hörer der Hochschule für Bodenkultur und zahlreiche Mitglieder des Studentenfreikorps der Heimwehren, drangen in die Hörsäle der Welthandelshochschule ein und stellten an die Professoren die Forderung, sämtliche jüdische Studenten aus den Hörsälen hinauszuweisen. Als die Professoren erklärten, sie hätten kein Recht zu einer solchen Maßnahme, erwiderten die völkischen Studenten, der Rektor der Hochschule sei über ihre Aktion unterrichtet. Gegenüber den jüdischen Studenten wurde die Drohung ausgesprochen. daß sie, wenn sie nicht freiwillig die Hörsäle und das Hochschulgebäude verlassen, mit Gewalt hinaüsbefördert werden würden. An' beiden Tagen kam es bedauerlicherweise zu blutigen Schlägereien. Der Rektor ignorierte, wie die Jüdische Te l e g r aph e n a g e n t u r (ITA) meldet, alle jüdischen Beschwerden und lehnte es ab, eine Abordnung der jüdischen Studentenschaft zu empfangen. Auch die S z e g e d e r Universität war in den gleichen Tagen der Schauplatz von Tätlichkeiten gegen Juden, bei denen es aber glücklicherweise kein Blutvergießen gab. Der Rektor der Universität hat für den Fall der 'W-W HeH wirkend! F&chinger Yei sandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260jöi. Wiederholung solcher judenfeindlicher Kundgebungen strengste Maßnahmen angekündigt. Denkmalsweihe in Rerlin-Schöneberg Ansprache von Rabbiner Dr. Martin SaiomonsN In Gegenwart der höchsten Reichsbehörden und der Vertreter der Wehrmacht wurde am Sonntag, den 16. November, mittags 12 Uhr, für die gefallenen Helden des Stadtbezirkes Berlin-Schöneberg ein Denkmal in der Hauptstraße eingeweiht. Die große Kundgebung, die ihr besonderes Gepräge durch die Anwesenheit ungezählter Abordnungen und Verbände erhielt, unter denen der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten namentlich begrüßt wurde,. brachte auch die Ansprachen der Vertreter der verschiedenen Religionen. F ü n s u n d v i e r z i g Schöneberger jüdischen Bekenntnisses haben den Heldentod erlitten; ihrer gedachte der frühere Feldrabbiner und jetzige Gemeinderabbiner Dr. S a l a m o n s k i. In seiner Ansprache, die, wie die Gesamtseier, durch Rundfunk übertragen wurde, führte er aus: Es sind gerade zwölf Jahre her, daß wir nach Abschluß des Waffenstillstandes in einem großen und anstrengenden Marsch von Jeumont an der französischen Grenze durch ganz Belgien, die schon in Frost starrende Eifel und das Rheinland nach Köln zogen. Es ging nicht so zu. wie einst beim Rückzug Napoleons aus Moskau. In guter Ordnung, wenn auch mit leidendem Herzen, verließen wir Frankreich und schwiegen zu den höhnischen Abschieds grüßen des ansgehetzten wallonischen Volkes. Das Unglück, das über die Heimat kommen sollte, ahnten wir nicht und faßten wir schon gar nicht, aber eins tat uns am meisten weh, daß wir Verwundete und Sterbende zurücklassen sollten. Gerade die dem Tode Geweihten, von denen mancher über vier Jahre ausgehalten hatte und nun nicht von der Kugel, sondern von einer vernichtenden Grippe getroffen dahinsank, die brachen — es ist keine Uebertreibung des Wortes — auch dem Tapfersten das Herz. Im Anschluß hieran sei es gestattet, uns in dieser ernsten Stunde dankbarer Erinnerung auch ins Gedächtnis zu rufen, wie unterschied l i ch der Tod an uns Menschen herantritt. Unzählige deutsche Krieger waren hoffnungsvoll verblutet. Sie starben in dem Bewußtsein, dem Vaterland zu dienen und für seine Erhaltung das junge, blühende Leben eingesetzt zu haben. Die anderen, zuletzt gefälltem starben in Verzweiflung. Sie sahen sich schon vor dem Tor der Heimat, am Ziel ihrer Sehnsucht, wiedervereint mit Eltern, Frauen und Kindern. Da kam das schleichende Gift der Seuche und raffte sie hinweg. Die Anstrengung jenes Schnellmarsches hatte viele Körper so u m geordnet,, daß sie zwar Tag und Nacht vorwärts schreiten konnten, aber beim Stillhalten, beim Stillstand erlahmten und umfielen. Erst im Liegen begannen ihre Schmerzen. Wie treuherzig hat sich damals das gütige Volk des Rheinlandes bewiesen, wie. schwesterlich, liebevoll seine hochgemuten Frauen und Jungfrauen. Das war uns wie ein Vorempfang der Heimat,, und jeder glaubte feit, daß die Einigkeit des kämpfenden und troy des tragischen Wschlusses siegreichen Heeres Deutschlands Erneuerung herbeiführenwerde. Von den Toten kann man ganz gewiß sagen: Solange sie lebten und stritten, kannten sie keinen Haß, und auch die noch nach Kriegsende unmittelbar Verschiedenen haben uns die Mahnung hinterlassen, den Unmut, die gegenseitige Verkennung und den innen verzehrenden Kamps, der sich aus der Gesamtkrankheit Deutschlands erklärt, zu überwinden und ein seelisch gesundes, friedvolles und sich verstehendes Volk heranzubilden. Für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sei darum erklärt, daß wir alle den Weg des Verständnisses so sehr ersehnen und es für das oberste Gesetz der Würde ansehen, durch Duldsamkeit und Liebe, durch Friedfertigkeit treue Kameradschaft mit allen Gliedern des Volkes Deutschland zu Pflegen bis zum Ziel der Genesung, der Gesundung, der Erneuerung, der dauernden Blüte, der Unvergänglichkeit. So wie die Toten in ein einziges, seelenvolles Reich, hinausgestiegen sind und keine Scheidung kennen, so wollen wir Lebenden, wir alten Krüger, ihnen ähnlich uns die Hand und das Herz reichen. Nur dann, so glauben wir, werden sie sanft ruhen, nur dann wird auch dieser Stein, für einen großen und lebendigen Bezirk der Hauptstadt des Reiches aufgestellt, ein Denkzeichen der Einigkeit sein. Möge jeder, der dieses Mal in Ehrfurcht grüßt und an ihm schmerzlich und demütig berührt sinnend weilt, mit dem Gelöbnis von ihm scheiden, das uns von der Ohnmacht und Zerrissenheit, dem Erbfluch Deutschlands, zur Macht und Einigkeit führt. Lassen wir unsere Stämme und Klassen und Glaubensüberzeugungen in Eintracht miteinander leben und wirken! Deutschland ist groß genug für uns alle, und nur durch uns alle, durch jeden einzelnen kann es geehrt und geschützt sein. Laßt uns die Toten nie verlieren, und mögen die Lebenden ihrer und einander wert sein! De. Mäher Lein Inder Jin „Koblenzer Nationalblatt" Nr. 113 vom 13. Oktober 1930 wird behauptet, daß die durch die Presse bekannt gegebene Verfügung des bischöflichen Ordinariats in Mainz gegen die NSDAP, von einem getauften Juden, Dr. Mayer, verfaßt worden fein soll. Diese Behauptung ist unwahr. Der m der Verfügung des' bischöflichen Ordinariats genannte Dr. Mayer ist Generalvikar, D om k a p i t u lat und p ä p st licherHa us- Prälat. Er hat niemals dem Judentum angebört und ist dieser Behauptung in einer Erwiderung bereits entgegengetreten. Landesverband Gross-Berlin des C. V. Kontradiktorischer A-bemll am Montag, 24. November 1930, abends 9 Uhr,, im Logenhaus, Kleiststr. 10 (Gartensaal). Julius Bab und Dr. H. Stern diskutieren über: ^Gedanken über die geistige Bewegung der Gegenwart und ihre Beziehung zum Antisemitismus“ Mitglieder der Gross-Berliner Ortsgruppen und Gäste willkommen! Kttulo Güla^erfcld, ■Vorsitzender.