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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. Seite 603

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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Der Osnabrüdter „Stadtwaditer“ Aufstieg und Der Osnabrücker „Stadtwächter" hat uns hier wiederholt beschäftigt. Nicht etwa, daß geistige Auseinandersetzung mit ihm erfolgen mußte. O nein, von Geist kann bei diesem Blatt keine Rede sein, und wenn sein Herausgeber Dr. S ch i e r b a u m auch dreimal verkündet, die „Geister hätten ihn zum Volksretter berufen". Die Geister, die in der Redaktion des Osnabrücker „Stadtwächters" wirksam waren, kennen wir nur aus dem Strafgesetzbuch, wo sie hinter einem Schnörkelgitter von Paragraphen ihr Dasein führen. Kurz: der Osnabrücker „Stadtwächter" ist ein Teil der antisemitischen Unterwelt, ist Zusammen mit etwa dem „Stürmer" in Nürnberg und dem „Echo Germania" in Erfurt die Uebertragung des Jmmertreu-Milieus in die Sphäre rechtsradikaler Politik. Und doch, dieser „Stadtwächter" hat über ein Jahr lang ganz Osnabrück terrorisiert. Eine Schmutzflut von Verleumdungen goß er über die Spitzen der kommunalen Verwaltung, hemmungslose Boykotthetze entfachte er gegen die jüdischen Firmen Osnabrücks, widerliche Schmähungen des Judentums in pornographischer Vollendung, neben der der Nürnberger „Stürmer" fast als harmloses Erbauungsblatt wirkt, all das prasselte monatelang auf Osnabrück nieder, ward ausgenommen und geglaubt. Nur ganz wenige fanden noch Kraft Zum Widerstand. Die meisten wurden ängstlich und scheuten sich, die „Stadtwächter"-Nedaktion zu reizen. Zahlreiche Prozesse, die von den beleidigten Behörden und den angegriffenen jüdischen Firmen und Einzelpersönlichkeiten gegen den „Stadtwächter" angestrengt wurden, hatten daher nicht den erwarteten Erfolg. Der „Stadtwächter" machte mit den Prozessen Reklame und stellte sich als die verfolgte Unschuld hin; der Spruch der Gerichte blieb in vielen Füllen auch so mild, daß jede erzieherische Wirkung der Bestrafung ausblieb. Vergeblich allerdings war diese Prozeßkampagne nicht, wie wir später hören werden. Und heute? Heute ist die Auflage des „Stadtwächters" gewaltig Zurückgegangen; alle Anständigen wenden sich von ihm ab, seine Jnseraten-Akquisiteure finden verschlossene Türen, und die Behörden gehen dem Unfug energisch zu Leibe. Wie ist das gekommen? Nun, der „Stadtwächter" ist inzwischen als eine eindeutig kriminelle Angelegenheit vor der ganzen Oefsentlichkeit entlarvt worden. Das Blatt hatte schon in den letzten Monaten gewisse wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Stoff für Klatschgeschichten erschöpfte sich allmählich, das Kleinbürgertum verringerte angesichts der wirtschaftlichen Gesamtlage seine Jnseratenausträge, kurz, die Gelder gingen nicht so ein, wie die „Stadtwächter" sich dies im Blütenmai ihrer hetzerischen Agitation erträumt hatten. Und so kam es, daß eines Tages der Annoncenverwalter des „Stadt- Ende eines völhisthen Wächters", der Bürgervorsteher Ernst Simoneit, Verhandlungen mit einigen jüdischen Firmen anknüpfte. Er teilte ihnen mit, daß er bereit wäre, in Zukunft auf jede antifemitische Agitation gegen Zahlung einer bestimmten Summe zu verzichten. Er bezifferte diese Summe anfänglich mit etwa 7000 Mark, um sie im Laufe der Verhandlungen auf 20 000 Mark hinaufzuschrauben. . Er brachte auch Schriftliches von dem Führer der „Stadtwächter"-Partei, von dem Wunderdoktor Schierbaum bei, wonach dieser vorgeblich seinen Schritt billige. Er drohte endlich, nachdem er sich mit grenzenlosem Zynismus über die bewußte Verlogenheit der „Stadtwächter"-Hetze selbst lustig gemacht hatte, mit verschärften Angriffen gegen die Osnabrücker Juden, falls sie sich nicht zu dem von ihm gewünschten Abkommen herbeilietzen. Die Antwort, die er erhielt, fiel allerdings anders aus, als er wohl angenommen hatte. Eines Morgens wurde ihm nachstehender Brief auf den Frühstückstisch gelegt: Osnabrück, 29. Sept. 30. Herrn Ernst Simoneit, Osnabrück. Durch die mit Ihnen und Ihrer Schwester geführten mündlichen und schriftlichen Verhandlungen haben Sie uns bewiesen, daß Ihre Judenhetze nichts anderes ist als ein Erpressungsmanöver. Jedem Verständigen war dies allerdings schon lange klar. Es fehlte bisher nur der Beweis. Wir lehnen selbstverständlich Ihr ergötzliches Angebot, Ihnen Ihre Gesinnung abzukaufen, ab. Mit derartigen Mitteln arbeiten w i r nicht. gez. Stern, Blank, Markus, Mosbach. Simoneit las diesen Brief und — klagte? Nein, er steckte ihn ruhig in die Tasche, schrieb auch im „Stadtwächter" keine Zeile und ließ sich so, ohne auch nur im geringsten darauf zu reagieren, den Vorwurf der Erpressung und Gesinnungskäuflichkeit gefallen. Nur durch einen besonders gehässigen Angriff gegen einen der Unterzeichner, dem er völlig unwahre Dinge nachsagte, verriet er den Eingeweihten seine maßlose Wut und Enttäuschung. Vis dann eines Tages, Anfang November, die gesamte bodenständige Osnabrücker Presse eine Erklärung veröffentlichte, die Einblick in die stadtwächterlichen Erpreffungsmanöver gewährte und auch obigen Brief der breitesten Oefsentlichkeit zur Kenntnis brachte. Diese Veröffentlichung schlug in Osnabrück wie eine Bombe ein. War schon vorher die Bevölkerung darüber erregt, daß der Bielefelder Ableger des „Stadtwächters" durch seine perfide Schnüffelei einen Menschen in den Tod gehetzt hatte, so brachte die öffentliche Anprangerung des „Stadtwüchters" als Erpresserblatt endlich Hetzblattes einen gewissen Stimmungsumschwung. Behörden und Staatsanwaltschaft packten nunmehr zu. In einem zur gleichen Zeit laufenden Prozeß gegen Dr. Schierbaum fand der anklagende Staatsanwalt scharfe Worte gegen die Nachsicht, die die Gerichte gegenüber dem „Stadtwächter"- Unfug zeigten. Eine Nummer des „Stadtwächters", die eine wüsten antisemitischen Hetzaufruf enthielt, wurde beschlagnahmt, desgleichen ein Extrablatt, mit dem der „Stadtwächter" die Beschlagnahme umgehen wollte. Gegen Simoneit selbst wurde ein kriminalpolizeiliches Ermittlungsverfahren wegen des dringenden Verdachts der Erpressung eingeleitet. In der „Stadtwächter"-Nedaktion herrschte infolgedessen eine heillose Verwirrung. In lendenlahmen Erklärungen versuchte man zunächst, den Sachverhalt zu verdrehen und aus dem eindeutigen Erpressungsmanöver Simoneits eine „jüdische Erpressung am ,Stadtwächter*" zu konstruieren. Obwohl die windigen Ausreden Simoneits nirgends verfingen, veröffentlichten die Zeitungen wieder eine kurze Erklärung, in der seine Verdrehungskünste unter die Lupe genommen, die Mitwisserschaft Schierbaums eindeutig festgestellt und schließlich angedeutet wurde, daß der ganze Inhalt des „Stadtwächter" solange nur noch den Strafrichter interessieren könne, als Simoneit nicht gegen die Unterzeichner des Briefes oder die Urheber seiner Veröffentlichung klagbar vorgehe. Wenn seine Darstellung glaubhaft wäre, so sei es unerklärlich, warum er dann die schweren Vorwürfe wochenlang habe auf sich sitzen lassen. Wenige Tage später wurde Simoneit „beurlaubt", um endlich zum Austritt aus der „Stadtwächter"-Partei genötigt zu werden. Dr. Schierbaum verriet bei dieser Gelegenheit ungefragt, daß auch der bisherige Redakteur des „Stadtwächters", I u r s ch, der etwas plötzlich Osnabrück verlassen hatte, angeblich, um die Leitung eines Korrespondenzbüros in Berlin zu übernehmen, sich gleichfalls in dunkle Unterhandlungen eingelassen hatte. Schierbaum selbst stellte den Sachverhalt so dar, daß auch Jursch Erpressungen an jüdischen Firmen sich habe Zuschulden kommen lassen, oder daß ihm zum mindesten der Vorwurf der Gesinnungskäuslichkeit gemacht werden konnte. Zur Entschuldigung seiner Mitarbeiter führte Dr. Schierbaum lediglich an, daß sie durch die Prozeßkampagne Zermürbt gewesen seien. Der „Stadtwächter" wird wohl noch eine Weile weiterexistieren. Bedeutung hat er nicht mehr, auch wenn Schierbaum verzweifelt versucht, sich durch die Opferung seiner Mitarbeiter zu entlasten. Dafür ist es heute Zu spät. Schierbaums Mitschuld und Mitwissen stehen eindeutig fest, der „Stadtwächter" selbst hat dies ja Zugegeben und sich damit selbst ein für allemal gerichtet. W. G. (Schluss von: Die Berliner jüdischen Wahlen) der Kreis des Verbandes nationaldeutscher Juden gruppiert. Wir sind der Ansicht, daß der deutschjüdische Gedanke durch die entsprechenden Persönlichkeiten der religiösen Parteien ausreichend gewahrt wird und daß es fast denunziatorisch wirken muß, wenn man durch Aufstellung einer besonderen „Deutschen" Liste den anderen diesen Charakter abzusprechen sucht. Die durch diese l,Deutsche Liste" herbeigeführte Zersplitterung ist daher unbedingt abzulehnen. Die Zionistische Richtung wird durch die „Jüdische Volkspartei" und die Jüdische Arbeiterpartei „Poale Zion" vertreten. Die Jüdische Volkspartei, die ausgesprochen nationaljüdisch ist, liebt es wiederum, ihr eigentliches Gesicht zu verstecken und sich lediglich als Gemeindepartei wie jede andere auch den Wählern vorzustellen. Es ist erforderlich, Unkundige darüber aufzuklären, daß hier ein nicht gerade schönes Doppelspiel getrieben wird. Zu unserem Standpunkt ihr gegenüber haben wir nach den weiter oben gemachten grundsätzlichen Ausführungen nichts mehr hin- Zuzufügen. Deutsche Juden, erfüllt eure Pflicht und sorgt dafür, daß im Kampfe der Parteien unser C. -V. - Gedanke auch siegreichin den G e m e i n d e st u b e n herrscht! Rote Hände oder vrennend rotes Gesicht wirken unfein. Ein wirksames Mittel dagegen ist die kühlende, reizmildernde und schneeig-weitze Creme JLeodor, auch als herrlich duftende Puderunterlage vorzüglich geeignet. Aeberraschender Erfolg» Tube 1 Mk., wirksam unterstützt durch Leodor-Edelseife. Stück 60 Pst 2n allen Chlorodont-Verkaussstellen Zu haben.

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