Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 47 (21.11.1930)
- Date
- 1930-11-21
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Verliner jüdischen Wahlen E Gebilde, die zwangsweise Steuern erheben, ihre Vorstände sind mittelbare Staatsbehörden, und daß ihnen darum die Verwendung von Geldern Zu anderen als im Statute vorgesehenen, insbesondere zu politischen Zwecken gestattet werden würde. Liegt außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. Scherzhaft hat man sich, auch das Bild ausgemakt. wie Flugblätter aus Grund von Diskussionen in der Repräsentantenversammlung Gestalt und Färbung erhalten.müßten lind wie dadurch die Abwehr zu spät kommen würde. Im Scherz steckt tiefer Ernst! Es bedürfte einer gänzlichen Umgestaltung der Gemeinde- Verfassung, um überhaupt Abwehrarbeit zu ermöglichen! Die Abloehr würde also bei einer Durchführung solcher Prinzipien praktisch aushvren. Viel besser erginge es a ber^d er G e - m e i n d e a r b e i t auch nicht! Segensreich 'wirkt die Gemeinde nur, wenn der Tätigkeit ihrer Institutionen ein gleichmäßiges und ruhiges Wirken beschieden ist. Unterricht ilnd Gottesdienst, ebenso wie die Fürsorge entwickeln sich befriedigend, wenn Schwankungen und Erschütterungen ferngehalten werden. Die Abwehrarbeit fügt sich in dieses Schema nicht ein. Sie verlangt in Zeiten wachsenden Judenhasses stärkeren Kraftaufwand, ihre Forderungen steigern sich, wenn Wahlen bevorstehen, ins Ungemessene. Sollen dann die anderen Aufgaben der Gemeinde leiden? Sott man der Fürsorge oder dem Unterricht Mittel und Kräfte entziehen, um Abwehr treiben zu köntt'en? Sott man plötzlich Umlagen und Steuern erheben? Es würde in die Ge mein bearbeit eine Unruhe hineingetragen werden, die alle Gebiete schädigte. Und das bisher in Deutschland noch fast allgemein durchgesührte Prinzip der Einheitsgemeinden würde durch die neuen Gegensätze, die die theoretische Begründung des Wesens und der Form der Abwehr ergeben, starken Belastungsproben ausgesetzt sein! Die Gemeinde, in der heute schon religiöse und innerjüdische Kämpfe oft mehr als nötig die positive Arbeit beunruhigen, würde darüber hinaus zum Tummelplätze politischer Auseinandersetzungen werden. Und die Uebernahme der Abwehrarbeit würde in Wahrheit der Beginn vorn Ende sein! Weder finanziell noch ideologisch könnte die jüdische Gemeinde der daraus sich ergebenden Schwierigkeiten Herr werden. Schlagworte haben eine berauschende Kraft! Und je mehr man, nach schlechter, aber in den Kümpfen des Judentums leider weit verbreiteter Sitte, über sie diskutiert, statt nüchtern ihre Anwendungsmöglichkeiten zu prüfen, desto gefährlicher werden sie! Der suggestiven Macht des Schlagwortes von der Uebernahme der Abwehrarbeit durch die Gemeinden sind leider auch vereinzelte unter unseren Freunden zum Opfer gefallen. Und an sie, die sie ja weltanschauungsgemäß die Grundlagen des vom C. V. geführten Abwehrkampses bejahen, sei besonders eindringlich die Mahnung gerichtet, sich die unabsehbaren Folgen einer solchen Umgestaltung ihrer Prinzipien zu vergegenwärtigen. Als erster unter den Landesverbänden unseres C. V. hat der sächsische sich in seiner erweiterten Vorstandssitzung vom letzten Sonntag mit dem Problem beschäftigt. Einstimmig hat er seinen Standpunkt in der nachfolgenden Entschließung niedergelegt: Auf Grund prinzipieller Erwägungen und praktischer Erfahrungen lehnt der Landesverband im Freistaat Sachsen des C V. den Gedanken einer Uebernahme der Abwehrarbeit durch die Gemeinden und Landesverbände der Genrein den glatt ab. Weder sind Landesverbände und Gemeinden als mittelbare Staatsbehörden ihrer Struktur und ihrem Aufgabengebiet nach in der Lage, polittsche Arbeit zn Leisten, nach würde bei dem Umfange ihrer sonstigen Tätigkeit die Abwehr zu ihrenr Recht kommen. Die Durchführung eines solchen Vorschlages würde sowohl eine fast völlige Vernichtung erfolgreicher Abwehrarbeit bedeuten und ebenso auch die Geweindearbeit und ihre religiösen Ziele durch die Politisierung ernstlich schädigen. I. Die Menschen, die Wochen hindurch versucht haben, das deutsche Judentum am Wahlkampf vorbei in die Häsen ruhiger Verständigungspolitik zu lenken, haben gewußt, was sie Laten. Denn kaum war ihr Werk für Berlin als mißlungen zu betrachten, da begannen jene wohl unvermeidlichen, aber unendlich unerfreulichen Erscheinungen einzusetzen, die anscheinend nun einmal aus Mahlzeiten nicht wegzudenken sind. Zwar betonen alle Gruppen, daß ihnen die Vermeidring von Schärfen am Herzen liegt und daß sie sich vor Unsachlichkeit und Heftigkeit hüten werden; aber selbst die sachliche Auseinandersetzung wirkt in der heutigen Zeit, in der der innerjüdische Burgsrreden in weiten Schichten als seelisches und praktisches Bedürfnis empfunden wird, schon als Schärfe, als Kampf und Entzweiung. Der C e n t r a l v e r e i n treibt keine selbständige Gemeindepolitik. Aber zwischen ihm als der maßgebenden jüdisch-politischen Organisation und dem Niederschkagsseld des jüdischen Lebens in den Gemeinden und Landesverbünden bestehen naturgemäß starke Berührungsflächen. Der Centralverein steht über den religiösen Richtungen des deutschen Judentums; aber das religiöse Organisationsprinzip selbst, die Tatsache, daß sich Juden zu indischer Gemeindearbeit nur oder in überwiegendem Maße um religiöser Fragen willen zusammenzuschließen haben, dieser Grundsatz sämtlicher religiöser Parteien wird auch von ihm ohne Abweichung vertreten. Eine weitere Festlegung ganz bestimmter Richtung, die im Programm des Centralvereins bereits enthalten ist und nur sinngemäß angewendet werden muß, um eine bestimmte Parteinahme folgerichtig nach sich zu ziehen, ist die deutschjüdische Gesinnung. Es ist ein bedauerlicher Mangel an logischem Denken, uni nicht andere Motive anzunehmen, wenn man die Tatsache, daß der Centralverein selbstverständlich seine Wahlparole gegen die national-jüdischen Gruppen richten muß, zu einer neuen innerjüdischen Kampfansage umzudeuten sucht. Jnnergüdischer Kamps ist entbrannt — leider. Wir haben ihn zu vermeiden gesucht, solange er drohte; mit an erster Stelle haben' unsere Freunde dort gearbeitet, wo darauf hingewirkt wurde, ihn zu verhüten. Run, nachdem er nicht verhütet werden konnte, rufen wir unsere Mitglieder dorthin, wo die Grundlagen des Centralvereins auch als die Grundlagen der zukünftigen Gemerndearbeit anerkannt sind. Damit schassen wir nicht innerjüdischen Zwist, damit verschärfen wir ihn auch nicht, d a rn i t s p r e ch e n w i r nur au s, was ist und was eigentlich jedem im jüdisch-politischen Leben Stehenden bekannt sein sollte. Niemals wäre es uns eingefallen, es den Zionisten zu verübeln, wenn sie eine C. V.-Liste — gefetzt den Fall, es wäre eine solche eingereicht worden — mit aller Entschiedenheit bekämpft hätten. Wir Hütten darin nur die Folge bestehender Gegensätze gesehen, nicht aber die Schaffung neuer. Eine sonderbare Naivität ist es, die sich in solchen offenkundigen Denkfehlern bekundet! Wenn eine zionistische Zeitung es für nötig hält, einen^Leitartikel an die notwendige und eindeutige Stellungnahme des C. V. und ihre vermeintliche Begründung zu verschwenden, so können wir nur bedauern, daß man in diesem Augenblick, in dem es darauf ankommt, Ergebnisse mit Takt und Anstand hiuzunehmen, beginnt, in Ursache n r e i h e n, zu stöbern und unnötigen Staub damit aufzuwirbeln. Wir lehnen es ab, R. S. in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" auf das weite Feld weltanschaulicher Auseinandersetzung in diesem Augenblick zu folgen. Dafür ist jetzt keine Zeit. Gerade weil wir im Gegensatz zu der dort ausgestellten erschreckend böswilligen Behauptung, wir wüßten nichts Besseres zu tun als den Zionisten den Krieg zu.erklären, sehr viel Besseres zu tim wissen, begnügen wir uns angesichts dieser Wahlen damit, das zu erklären, was unsere unmittelbare, einfache Pflicht ist: Wir ziehen die unausweichliche Forderung aus dem bestehenden Nichtrmgsnnterschied im deutschen Judentum und wir bekennen uns zu unserer Richtung, als zu der deutschjüdischen, gegen nationakjüdische Gesinnung njib Gemeindearbeit. II Ter Aufmarsch der Parteien ist jetzt vollendet. Er bietet insofern ein neues Bild, als neben den aus früheren Wahlkämpfen bekannten auch einige bisher unbekannte Gruppen um die Gunst der Berliner jüdischen Wähler werben. Die Liste der Liberalen Vereinigung für die Berliner Gemeindewahlen wird geführt von Dr. h. c. Wilhelm Kleemann, Heinrich Stern, Bertha Falkenberg, Wilhelm Markus. Moritz Rosen thal, Wilhelm G r a e tz, Dr. Martin L e s s e r. Sie enthält ferner die Namen Bruno Wohda, Max Eifenkraemer. Louis Wolfs und auf der, Liste für den Preußischen Landesverband Kammerger-ichtsrat Leo W o l f f, Juftizr-at Dr. Julius B r o d n i tz, Dr. Ludwig H o l l ä n d e r und Dr. Bruno Weil. Die Liste der Religiösen Mittelpartei für Friede und Eircheit in der Gemeinde enthält an führender Stelle die Namen Kommerzienrat G e r s o n Simon, Syndikus Dr. Alfred W teil e r, James G o l d s ch m i d t, Rechtsanwalt Dr. G. Holland e r, Ernestine Eschelbach er, und weiter die Namen Professor Georg Bernhard, Geheimrat Dr. Ferdinand B l u m e n t h a l, Chefredakteur Fritz Goetz, Professor Dr. Nt. Sobernheim. An der Spitze der Konservativen stehen Dr. Birnbaum und Rechtsanwalts Dr. Wiener. An die Seite der religiösen Parteien ist eine neue Gruppe getreten., die sich Positiv-Liberale jüdische Vereinigung nennt. In ihr Haben sich vorwiegend jugendliche Elemente zusammengeschlossen. Auf ihrer Liste finden wir an erster Stelle Dr. Ludwig Tietz, ferner Ludwig Schemel, Ernst D o s m a r, Dr. Martin Goldner, Fr. Friedrich B r o d n i tz, Dr. Franz Eugen Fuchs und Dr. Ernst Heinrich S e l i g s o h n. In allen diesen Parteien sieht der C. V. Repräsentanten seiner Ideale. Jede von ihnen versucht auf ihre Weise die Gemeindepolitik zum Wohl des deutschen Judentums 311 gestalten. . Wir nehmen zu den Sonderfrageu,. die sie trennen, keine Stellung, weil wir uns in den Grundfragen mit ihnen einig wissen, weil sie sämtlich die Religionsgemeinde. und nicht die von den Nationaljuden mehp oder minder verhüllt erstrebte Volksgemeinde anerkennen, und weil der C. V.-Gedanke in jeder von ihnen personelle imd ideelle Stützen findet. Auch auf der Liste der von Dr. Jsmar Freund . gegründeten „U e b e r p a r t eilt ch e n Vereinigung" finden wir Nichtzionisten und C. V.-Anhänger, wie den Listenführer Dr. F r e u n d, Justizrat Chod - z r e s n e r, Professor Julius H i r s ch, dazu Stadtrat Dr.T r e i t e l, Dr. med. Josef H i r s ch u. a. Allerdings stehen auch nationaljüdische Persönlichkeiten auf dieser Liste; nach bem Wunsch des Parteigründers soll wahrscheinlich gerade diese Tatsache den überparteilichen Charakter der neuen Gruppe bestätigen. Ob allerdings Männer, die nach ihrer Bindung an jüdisch-volksparteiliche Programmatische Ziele die Erhaltung des nur-religiösen Charakters der Gemeinde nicht wünschen, in ihrer Praktischen Arbeit nationaljüdische Gedankengänge werden ausschalten können, ist ein Zweifel, der auch in dem wohlwollendsten Beurteiler der überparteilichen Gründung auskommen muß. Völlig überflüssig und insofern schädlich ist die sogenannte „Deutsche Liste", um die sich