Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-11-21 · 47 (21.11.1930) · p. Seite 601

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
47 (21.11.1930)
Date
1930-11-21
Page
Seite 601 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277723--06377-2287195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«rein «nfrol L erlin, 21. November 193- IX. Jahrgang * Nr. 47 Einzelnummer 20 Pfennig Hryan -es tentralVereius^eutfeke^. ötaatsbüryeriüöifeken Klaubens e.o. ANtzerrreins Zeifung des Judentums Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Depositenkasse 8 2, platter für 0e«tfrlrtma und Judentum Bierteljahrsabonnement 2.SV RM. (zuzilgl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin W15, Cmser Str. 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 5074. . . , , Berlin-Wilmersdorf 1, Hohenzollerndamm 196. und von Goldschmidt - Rothschild & Co., Berlin W 8. - Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JiJL für die 7gespaltene Zeile nach Nudolf Moiie» Normalzeilenmester Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder des Lentralvereins 0,45--?°^, die 62 nun breite Reklamezeile 3,50 3iA~ Abwehr «* HemeinbewatlkaM Non Dr. Felix Solbmann (Leipzig) Neue Ideen im Kampfe um die Macht in der Gemeindestube Zu finden, ist schwer. Die Aufgaben einer jüdischen Gemeinde sind an sich festgelegt. Sie erstrecken sich auf die Gebiete der Religion, des Unterrichts und der Wohlfahrt. Gewiß mögen die Ansichten über den Umfang der Pflichten auseinandergehen, und von dem Streite um ein Mehr oder Weniger lebt der Wahlkampf meist. Aber große, grundsätzliche Ideen trennen die Geister nickst! Nun aber scheint man eine solche entdeckt Zu haben. Pon nationaljüdischer Seite ging die Forderung aus, man müssedieAbwehr nicht mehr privaten Sonderorganis-ationen — lies: d e m C. V. — überlassen, sondern sie könne nur, dann mit der erforderlichen Gründlichkeit und Wucht durchgeführt werden, wenn sie von den G e m einden und Landesverbünden, letzten Endes dann von denr ausdrücklich Zu diesem Zwecke zu gründenden „Reichsverband der deutschen I u d e n" übernommen würde! Die Uebertragung des Abwehrkampfes auf die Gemeinden wurde damit ein Programmpunkt der nationaljüdischen oder vom Nationaljudentum beeinflußten Parteien. Und. genährt wurde der Vorsatz durch die angeblich bei den letzten Reichstagswahlen bewiesene Unzulänglichkeit der bisherigen Methoden. Neue Wege im Kampfe gegen den Antisemitismus auszuweisen, wäre gewiß ein Verdienst. Und keiner würde sich mehr als der Centralverein freuen, wenn er gerade in diesem Punkte auch vom Gegner lernen konnte. Was freilich bisher die von nationaljüdischen Theoretikern gepriesene Methode der „positiven jüdischen Leistung" und der Konzentration zuwege gebracht hat, ist nicht ermutigend. Sie hat kI!III!Il0II!r!II!!IIIIII!klIIIII!IIIIIIIIIIIIIIII!II!IIII!IIIIM!IIIII!»I,I!IIlIIIIIUIIl!,!MI!III,I!HliI Am 30. November gibt jeder C.V.er SH seine Stimme 19 nur einer der || religiösen Parteien! leider nicht verhindern können, daß der Judenhaß auch i n P a l ä st i n a so gewaltig ausgelodert ist, daß es zu den von den Juden der ganzen Welt so schmerzlich empfundenen Ereignissen gekommen ist. Und das dürfte — verbunden mit dem wild aufschümnenden Antisemitismus in unserem deutschen Vaterlande — der eigentliche Grund sein, warum man auch in den Kreisen der Zionisten dem Abwehrproblem, dem man bis dahin recht passiv gegenübergestanden hat, erhöhte Aufmerksamkeit zuwendet. Daß man nun zuerst auf den Gedanken kam, die Abwehr den Gemeinden zu übertragen, hängt gewiß in erster Reihe m it dem Fehlen jeglicher Kenntnisse und jeglicher Erfahrung in diesen Dingen zusammen. Es ist aber auch fraglos — und das muß offen ausgesprochen werden — die Zusammenfassung von Ueberlegungen die die Ergebnisse der Centralvereinsarbeit darum für unzulänglich halten, weil sie seine gesinnungsmäßige deutsche Grundlage avlehnen. Hat wirklich der Ausgang der Reichstagswahl die Unzulänglichkeit der Methoden und der Arbeit des C. V. erwiesen? Die Festigung der Persönlichkeit durch Betonung des Selbstbewußtseins, die Zurückweisung von Angriffen, welche Recht und Ehre der Juden bedrohen, die Aufklärung der Umwelt über das wahre Wesen des Judentums und der Juden, die innerliche Verbundenheit mit Heimat und Vaterland sind keine Punkte eines politischen Programms, sondern Forderungen, die aus der Geschichte und der Lehre unserer Religion sich zwingend ergeben, und deren Kraft nicht durch den ungünstigen Eindruck einer politischen Wahl erschüttert werden kann. Sie haben allesamt ewigen Wert! Die Ideen des C. V. arbeiten nicht für den Tag und die Stunde, sondern für die Zukunft! Daß wir einen Rückschlag erlitten haben, empfinden wir selber auf das schmerzlichste. Ebenso, wie es aber unsinnig wäre, wollte man die Araberaufstände in Palästina und das englische Weißbuch zum Maßstab für die Richtigkeit der zionistischen Politik machen, wäre es töricht, wegen einer zeitweiligen Krisis das System unserer Abwehr zu verurteilen und zu vernichten, zudem, bevor man weiß, w a s man an sei n e Stelle setzen kann! Und das ist der springende Punkt! „Uebernahme der Abwehr durch die Gemeinden und Landesverbände" ist lediglich ein leeres Wort, weil sich bisher noch kein Befürworter der Forderung die Mühe genommen hat, den Gedanken durchzudenken und seinen Wirkungen AUS DEM INHALT: Die Berliner jüdischen Wahlen S. 602 Der Osnabrücker „ Stadtwächter“ S. 603 Rabbiner Dr. Rosenthal (Köln): Moskaus Kampf gegen Gott — eine Ansprache S. 605 Zwischen Weissbuch und Regierungserklärung S. 606 Dr. Alexander Guttmann: „Enthüllte Talmudzitate“ S. 606 auf das Leben der Gemeinden und die Möglichkeit einer Abwehr überhaupt nachzugehen. Denn in Wahrheit würde er die A b w e h r u n m ö g l i ch m achen u n d die jüdischen Gemeinden in ihrer Arbeit erheblich schwächen. Die Gemeinden und Landesverbünde fön» nen ja gar keine Abwehrarbeit leisten! Gewiß sollen sie in Zeiten, da ein Rechtsbruch droht, ihre Stimme erheben und als die ossiz i e l l e n und anerkannten Vertreter des Judentums protestieren. Und gerade der C. V. wird die Bedeutung einer solchen Demonstration am besten würdigen! Aber wie will eine Gemeinde praktische Aufklärungsarbeit treiben, wie will sie Broschüren, Bücher, Flugblätter verfassen und verbreiten lassen, wie will sie Rechtsschutz gewähren, wie will sie Wahlarbeit verrichten, wie will sie politisch wirken, wie will sie bei ihrem schwerfälligen, bürokratischen Apparat mit der erforderlichen Schnelligkeit zur Stelle sein. Diese Fragen kann man ins Ungemessene vermehren. Jede einzelne beweist aber, daß die Uebertragung der Abwehrarbeit auf die Gemeinden und Landesverbände zunächst einmal die Wirkung haben würde, daß jede prak - tische Tätigkeit unterbleiben m ü ß t e! Es würde lediglich geredet, demonstriert und protestiert werden. Dazu kommt aber noch, daß die Gemeinden ihrer Struktur nach Abwehrarbeit gar nicht übernehmen dürfen! Sie sind staatlich anerkannte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.